Der Eigene: April 1905
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DER EIGENE APRIL 1905 HERAUSGEBER ADOLF BRAND
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MIR EUN. me. N ME ER EEE EEE EEE & INHALT. E Seite . LEID UND LIED, Vierzeiler von PETER HILLEF .. .... 2..91 . UMRAHMUNG dazu von LEONIDAS. RE . EINE WETTE, Skizze von HANNS FUCHS STADTHAGEN: 92 . HEIMLICHE. FAHRT, Gedicht von SAGITTA REN ei © RANDEEISTE» von FELIX WILLMANN (BERLIN) I „ EINEM: TOTEN FREUNDE, Gedicht von PAUL. VOIS... ... 98 . KAHNFAHRT, Gedicht von ADOLF. BRAND (WILHELMS- HAGEN), Komposition von FERDINAND PAGIN (WIEN) 90 „SCHLUSSVIGNETTE von PAULCASBERG-KRAUSE (BERLIN) 103 9... PETRI VERLEUGNUNG;, Gedicht von CHARLES BAUDE- DE nen rw ERSTEN = EEE Par ABRIET X a he Fr se | » Kor? ge Bm 1A BEE ERENGE - LAIRE, * übersetzt von MARTHA. ‚ASMUS BEREND (&, =.104 . SALOME, Aufsatz von PAUSANIAS u 5108 . KOLLIN, Gedicht’ von ADOLF BRAND (WIEHFLMSHÄGEN) 107 . AN SOKRATES, DA’ER- BEI CHARMIDES 'SASS, Gedicht, von KRATES N... \. 108 3. SCHLUSSVIGNETTE von PAUL LCASBERG-KRAUSEIBERLIN) 108 »KOPFLEISTE von FELIX WILLMANN (BERLIN). 2.100 : BÜCHER, besprochen von TIBERIUS und ADOLF BRAND - . FINISVIGNETTE von PAUL GASBER-KRAUSE a 112 7.. OSCAR. WILDE, Porträtskizze: nach der Erinnerung entworfen vonMARTHA ASMUS (BERLIN) N m 200. Beilage \ dk Büchschinheh auf. den Seiten 103, 108 ding. t12 ist der edicht- RTL: Fe Re ter eg sondern in Fe „INSELN DES EROS" entnommen Verantwortlich für Redaktion und Verlag: I. V. Edwin Bab, Berlin NW Der Herausgeber ADOLF BRAND wohnt nicht mehr in Charlottenburg, WILHELMSHAGEN i..d. Mark,. Wilhelmstrasse .20
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DER EIGENE ALS MANUSKRIPT GEDRUCKT FÜR DIE GEMEINSCHAFT DER EIGENEN APRIL 1905 alu 1909,38 91 HERAUSGEBER: ADOLF BRAND » DER EIGENE
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FÜR DIE GEMEINSCHAFT DER EIGENEN WURDEN VON DIESEM VIERTEN MONATS- HEFT DER KUNSTZEITSCHRIFT „DER EIGENE“ VOM JAHRE 1905 EINTAUSEND EXEMPLARE AUF DEUTSCHES BÜTTEN- PAPIER GEDRUCKT UND HANDSCHRIFT- LICH NUMERIERT. DIE ZEITSCHRIFT IST DURCH KEINE BUCHHANDLUNG ODER SONST IRGENDWIE ÖFFENTLICH ZU BEZIEHEN UND WIRD NUR AN MITGLIEDER DER GEMEINSCHAFT DER EIGENEN ABGEGEBEN.
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LEID un LIED Leuchtende Tropfen: Leid, Y/ In das ein Lied Verklärend sieht. Peter Hille f
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DILcız EEE Par DER EIGENE EINE WETTE „Wer weiss die Melodie dazu?‘ Richard Dehmel Die Oper sollte in einer Stunde beginnen. Ich wollte das Theater mit einem lieben Freunde besuchen, wir hatten uns soeben das Textbuch gekauft und schlenderten nun Arm in Arm auf der breiten Strasse vor dem Theater auf und ab, um die glänzenden Auslagen der Geschäfte zu bestaunen, die zahllosen Menschen, die uns umfluteten, zu beobachten. Wir kamen gerade an einem der grossen Hotels vorbei, als einige Herren aus dessen luxuriösem Vestibül auf die Strasse traten. Sie blieben einen Augenblick auf dem obersten Tritte der kleinen Treppe stehen, die auf den Bürgersteig hinabführte, und liessen ihre Blicke über das bunte Strassenbild gleiten, das sich ihren Augen darbot. Irgend eine kleine Verkehrsstockung, deren Grund wir nicht zu erkennen vermochten, zwang uns, einen Augenblick Halt zu machen. Wir befanden uns unmittelbar vor der Treppe des Hotels, und unwill- kürlich wandte ich mein Gesicht zur Seite, um mir die Herren anzusehen, die lächelnd über das, was sie sahen, Bemerkungen austauschten. Plötz- lich wandte sich einer der Herren zum Gehen. Er stieg, nachdem er sich von seinen Kameraden verabschiedet hatte, die Treppe hinab, und unsere Blicke begegneten sich. Er stutzte, blieb eine Sekunde wie ge- bannt stehen, und kehrte dann um, die unterbrochene Unterhaltung mit den anderen Herren wieder anzuspinnen. Unbeweglich, wie hypnotisiert hatte ich seinen Blick erwidert, jetzt, als er seine dunklen Augen nicht mehr auf mich richtete, zuckte ich, wie von einem elektrischen Schlage getroffen, zusammen, so dass mein Freund, der mich eingehakt hatte, mich ganz erschrocken fragte: „Um Gottes Willen, was ist Dir!“ Statt aller Antwort zog ich ihn, so schnell es die Menschenmenge erlaubte, mit mir fort. Als wir einige Schritte gegangen waren, fragte er: „Kennst Du den Herrn?“ Es war ihm also nicht entgangen, dass wir uns angestarrt hatten. „Ich kannte ihn.“ „Kanntest? Wieso?“ „Mein Gott, ich verkehrte einmal mit ihm!« „Und Ihr habt Euch überworfen?« Wenn Du es so nennen willst, ja!“ „Na, sonst hättet Ihr Euch doch begrüssen können!“ Ich schwieg. ZN,
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a u u ae Be ee Dr WET EINE WETTE „Was habt Ihr denn miteinander vorgehabt?“, fragte er hart- näckig weiter. „Eigentlich nichts!“ „Na, erlaube mal, wenn man sich kennt, und man hat sich nicht gezankt, grüsst man sich, man freut sich über das unerwartete Treffen, man spricht miteinander, aber man läuft doch nicht mit allen Zeichen des Schreckens davon. Das siehst Du hoffentlich ein!" „Vollkommen!' „Du hast also mit ihm etwas erlebt, was Euch trennte? „Jar „Endlich! Was wars denn? Heraus mit der Sprache!“ „Das ist leichter befohlen als ausgeführt, lieber Freund. Es ist halt eine jener seltsamen Geschichten ohne Handlung, die sich fast ganz und gar in den Regionen der Empfindungen und Gefühle bewegen und darum selbst denen, welche sie erleben, dunkel und rätselhaft bleiben. Also ich... .. doch nein, wir haben noch Zeit zu einer Tasse Kaffee, Suchen wir ein Cafe auf, dort will ich Dir erzählen, was ich über jene Episode meines Lebens, deren Held jener Mann war, zu sagen weiss. Es ist wenig genug, Und auf das Wenige werde ich mich noch be- sinnen müssen, denn ich habe mich gezwungen, wenig daran zu denken.“ Wir waren vor einem Kaffeehause angekommen, traten ein und sassen bald in einer lauschigen Ecke vor den dampfenden Tassen, die man uns gebracht hatte. „Nun los, erzähle! Ich brenne vor Ungeduld!“ „Das sind nun zwei Jahre her, als ich beschloss, für mehrere Monate in B. zu leben, wo ich eine Menge Anregung zu neuen Arbeiten zu finden hoffte. Gute Bekannte hatten mir einen ganzen Stapel Em- pfehlungsbriefe geschrieben, und kaum in B. angekommen, begann ich, all dieLeute, auf die man mich aufmerksam gemacht hatte, aufzusuchen. Unter ihnen befand sich auch ein Rennstallbesitzer, und obwohl ich mir eigentlich vorgenommen hatte, diesen reichen Sportsmann nicht auf- zusuchen, ging ich schliesslich doch hin. Aus Neugierde. Ich wollte gern einmal einen Blick in ein hochherrschaftliches Haus tun. Er nahm mich riesig liebenswürdig auf, bat mich, ihn häufiger zu besuchen. Ich tats und liess mich von ihm in die Geheimnisse des Turfs einweihen. Herr von Gredetz war Vorsitzender eines Herrenklubs, dessen Mit- glieder fast sämtlich Sportleute waren. Er überredete mich, diesem . Klub beizutreten. Nach dem ersten Klubabend bereute ich diesen Schritt gewaltig. Mir schien, als würde ich mich in diesen Kreisen, deren ganzes Interesse sich um Pferde, Jockeys und Weiber zu drehen schien, niemals wohl und heimisch fühlen können. Ich nahm mir vor, nie wieder hin- zugehen, aber aus Furcht, Herrn von Gredetz zu erzürnen, fand ich mich doch ab und zu in den eleganten Räumen des Klubs ein und — 93 — mn
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en l h DER EIGENE sperrte beide Ohren auf, um den Ton, in dem man dort miteinander verkehrte, zu lernen. Es gelang mir bald, an den Unterhaltungen teil- zunehmen, aber ich langweilte mich trotzdem zwischen den passionierten Sportmenschen und Lebemännern grauenhaft. Da tauchte eines Abends in den geheiligten Hallen unseres Klubs ein Graf — na, der Name {ut nichts zur Sache — auf, der mir sehr sympathisch war. Er war schön, elegant... . Du sahst ihn ja vorhin selbst. Er war der Herr, bei dessen Anblick ich zusammenfuhr, als hätte ich den leibhaftigen Satan gesehen!“ „Nur weiter, weiter!« sagte er, als ich schwieg. „Siehst Du denn nicht, wie gespannt ich bin, den Fortgang der Geschichte zu hören? Also der geheimnisvolle Graf und Du* ..... „Wir wurden schnell gute Freunde. Er war der einzige unter all den Herren, der künstlerische Interessen hatte. Du kannst Dir denken, dass ich mich an den Klubabenden fast ausschliesslich mit ihm unterhielt. In diesen Gesprächen lernte ich ihn als weitgereisten, erfahrenen Mann kennen, dessen vornehme Gesinnungen mir gefielen. Ich brachte ihm bald eine fast schwärmerische Zuneigung entgegen, die er zu meiner grössten Freude erwiderte. Die Gefühle, die uns verbanden, waren stärker als die, welche man gewöhnlich mit dem Worte Freundschaft zu bezeichnen pflegt!“ „Aber wie ists denn nur gekommen, dass Ihr Euch doch miteinander verfeindet habt?“ „Nur Geduld, Geduld, Du wirst ja alles hören. Vielleicht auch verstehen.“ „Danke, das ist sehr schmeichelhaft!« „Entschieden. Denn mir selbst ist die Geschichte unseres Ausein- andergehens durchaus nicht ganz klar. — Doch nun weiter im Text. Unsere guten Beziehungen dauerten mehrere Monate hindurch. Wir duzten uns, wohnten zusammen, kurzum, wir waren die besten Freunde von der Welt. Oder wir glaubten es wenigstens zu sein. Wir besuchten fleissig das Theater, die Konzerte. Den Klub dagegen, in dem wir uns kennen gelernt hatten, suchten wir ziemlich selten auf, „Eines Abends, als wir zufällig dort waren, kam das Gespräch auf Wetten. Durch die Zeitungen ging nämlich gerade die sensationelle Nachricht von dem Tode eines jungen französischen Edelmanns, der einer unsinnigen Wette zum Opfer gefallen war. Der eine oder der andere wusste etwas Interessantes zu diesem Thema zu erzählen. Die üblichen Pferde- und Weibergeschichten wurden einmal durch Wettgeschichten abgelöst. Als einige tolle Wetten erzählt waren, meinte ein Engländer, der bis dahin schweigend zugehört hatte, alles, was bis jetzt vorgebracht sei, könne gar nicht mit einer Wette verglichen werden, deren Austragung er einmal beigewohnt hätte. Er musste berichten. Er tats, und wir, die wir eine Sensation, einen besonderen Nervenkitzel erwartet hatten, wurden gründlich enttäuscht. Denn die Geschichte, die er da erzählte, schien uns des Auf-
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ee tn EINE WETTE hebens gar nicht wert zu sein, das er davon machte. Die Sache war die: Ein junger Herr hatte sich an eine Wand gelehnt, ein anderer war mit erhobenem, geladenem Revolver, auf seine Stirn zielend, langsam auf ihn zugekommen, bis die Waffe fast die Stirn des Jünglings berührt hatte; dann war der Mann mit dem Revolver wieder zurückgegangen, und die Herren, die gewettet hatten, dass der junge Herr der näherkommenden Waffe ausweichen würde, hatten verloren. Diese Wette erschien uns, wie gesagt, als ein Kinderspiel, denn der Jüngling hatle gewusst, dass der andere ein durchaus ruhiger, sicherer Mann war, bei dem kein Zittern der Hand befürchtet werden konnte. Aber der Engländer wollte uns nicht recht geben. Er behauptete, selbst bei dem Bewusstsein der vollständigen Gefahrlosigkeit hätte der junge Mann entschieden solche furchtbaren Seelenqualen ausgestanden, dass er sich sicher niemals wieder auf eine ähnliche Wette einlassen würde, Wir widersprachen, und als er dann den Vorschlag machte, zwei Herren sollten doch das Experiment einmal aus- führen, um sich von der Wahrheit seiner Worte zu überzeugen, folgte ein lauter, stürmischer Beifall dieser Aufforderung. Mir fuhr ein toller Gedanke durch den Kopf: hier war endlich die lang ersehnte Gelegenheit, dem Grafen, meinem Freunde, zu zeigen, wie felsenfest ich ihm vertraute, wie gern ich ihn hate. Und ehe sich ein anderer als Versuchskaninchen anbieten konnte, sprang ich auf und rief dem Grafen zu: „Du, Aribert, sollen wir dem Herrn beweisen, dass wir uns vor nichts, auch nicht vor Seelenqualen fürchten?“ „Gewiss, gern!“, war die Antwort. Ich durch- schritt das Zimmer, um einen Platz an der Wand einzunehmen. Jetzt, da aus der Sache Ernst wurde, zeigten sich auch in unserer Mitte einige Zweifler. „Er bleibt stehen!“ „Er bleibt nicht stehen!“ Man wettete wie über ein Rennpferd. Der Engländer nalım an den Wetten nicht teil. Er behauptete, mich und meine Charaktereigenschaften zu wenig zu kennen. Du siehst, es war ganz wie am Totalisator. „Nun wurde einem Schranke ein Waffenkasten entnommen, ein Revolver ausgesucht und geladen. Ein gespanntes Schweigen trat ein, das zuerst meiner Eitelkeit schmeichelte, mich aber schon im nächsten Moment niederdrückte, das Lächeln von meinen Lippen verscheuchte, Fast wäre ich wieder zurückgetreten, aber da fiel mir ein, es würde wohl kaum zur Ausführung der Wette kommen. Denn ich glaubte, Aribert würde es nicht über sich vermögen, gegen seinen liebsten Freund die geladene Mordwaffe zu erheben. Dieser Gedanke gab mir meine Sicherheit wieder, und or sah ich, wie man dem Grafen die Pistole reichte, wie er sie Annahm, wie er sie mit Kennermiene prüfte, Im nächsten Augenblicke musste er den Arm heben, und dann, ja dann wird er die Waffe wegwerfen und erklären, er könne nicht auf jmich zielen. Ich schwelgte in der Hoffnung auf diesen Triumph der Freundes- treue, malte mir aus, wie die andern, die uns schon so oft wegen unserer un GE,
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DER EIGENE Freundschaft geneckt hatten, uns bewundern und anstaunen würden. Aber was ich mit jubelnder Freude erwartete, geschah nicht. Aribert warf den Revolver nicht fort, nein, er zielte auf mich und kam auf mich zu. Weisst Du, da hätte ich aufschreien können vor wahnsinnigem Schmerze, Nicht die Gefahr, in der ich schwebte, machte mich zittern, aber die furchtbare Enttäuschung, die Erkenntnis, dass ich für den Grafen nichts anderes gewesen war wie ein Spiel, schlug mich zu Boden. Ich hatte nur den Wunsch, die Waffe möchte sich entladen, damit ich dem Jammer des Lebens mit einem Schlage enthoben wäre, denn ich glaubte, diesen Schlag nicht überwinden zu können. Was ich dann noch dachte und empfand, weiss ich nicht mehr. Nur eines erinnere ich mich noch, dass mir die Mündung des Revolvers als riesenhafte schwarze Kugel erschien, die auf mich zu rollte, um mich zu zermalmen. Ich wagte kaum zu almen, und erst das Beifallsrufen der andern weckte mich aus meiner Betäubung. Aribert war zurückgegangen und hatte die Waffe gesenkt: ich hatte also die Probe bestanden. Man drängte sich zu mir heran, um mich zu beglückwünschen. Mit abgebrochenen Worten dankte ich. Plötzlich sah ich mich dem Grafen gegenüber. Seine Augen leuchteten in stolzer Befriedigung. Ich weiss nicht, war er zufrieden mit seinem mutigen Freunde oder stolz auf die Ruhe und Sicherheit seiner Hand. „Du bist ein kleiner lieber, mutiger Kerl!" sagte er und machte den Versuch, mich zu umarmen. Mit zornfunkelnden Augen habe ich ihn von mir geschleudert wie ein giftiges Insekt: ich war sein Feind geworden. Dann ging ich ans Büffett, stürzte ein Glas Sekt hinunter und lief hinaus. Ich eilte in unsere Wohnung, packte meine Sachen zusammen und ging in ein Hotel. Am andern Tage zeigte ich Herrn von Gredetz schriftlich meinen Austritt aus dem Klub an und verliess B. Bis heute hatte ich von all den Herren keinen wiedergesehen. Der furchtbaren Aufregung folgten nun die entsetzlichen Wochen der Reaktion. Im Schlafe quälten mich angstvolle Träume, in denen ich Aribert immer mit der Waffe auf mich zu kommen sah. Unfähig, etwas Gescheidies zu arbeiten, schrieb ich Tag für Tag Briefe an den Grafen, Briefe in allen Tonarten: zornig, flehend, bettelnd. Ich hatte soviel Selbstbeherrschung, sie nicht abzuschicken. Sie wanderten in den Ofen. . So schrieb ich mir mein Leid von der Seele, denn ich hatte keinen Menschen, der diesen furchtbaren Schmerz, den Verlust eines Menschen, dem ich mich in blinden‘ Vertrauen ganz und gar hingegeben hatte, mit mir getragen hätte.‘ „Armer Kerl!“, unterbrach mich mein Freund. „Nun — ich habe überwunden. Es war nicht leicht, und es hat lange gedauert, bis ich meine Ruhe wiedergefunden hatte, bis die furcht- bare Wunde, die mir diese Enttäuschung in mein junges Herz geschlagen hatte, vernarbt war. Aber sie ist geheilt. Sie schmerzt nicht einmal jetzt,
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' ————— j' - HEIMLICHE FAHRT } nee, wenn ich sie berühre., — Eine gute Lehre habe ich mir aus dieser Episode geholt: man soll nicht fragen und forschen, weisst Du, wenn man. glücklich ist. Solche Forschungen und Proben geben oft ein ganz anderes Resultat E als das, was man wünscht. Man holt sich leicht Enttäuschungen dabei, Und denen soll man aus dem Wege gehen, wenn man kann. Denn ‚ Wahn und Wehe bleibt uns so schon nicht erspart, wenn wir der Voll- Y | kommenheit zustreben, und durch Schlamm und Schmutz müssen wir bs alle schreiten, bis wir eingehen in das ewige Licht, das uns allen leuchtet. . Doch wozu das Philosophieren! Die Vergangenheit soll ruhen! Komm 7 4 in die Oper. Meister Johanns Walzer werden die alten Geister bannen ; und einlullen . . .* „Und andere wecken, die Dir von der ewigen Sehnsucht nach Glück erzählen werden !“, sagte der Freund lächelnd. Und ich nickte ihm zu, ergriff seinen Arm, und wir gingen in die Oper. Hanns Fuchs an Sf . f Ku Dh nz ei BEE HEIMLICHE FAHRT 3 An einen Felsblock liegt mein Kahn gebunden, «“ Fest liegt er an der Kette, schwer und still. zn Doch darf ich in der schwersten meiner Stunden R F ki! Entbinden ihn, und ziehn, wohin ich will. \ Dann fahre ich zu heimlichen Gestaden, Be: Wo ewige Sonne warm herniederträuft, Be. Wo schlanke Knaben in den Buchten baden, Be Und uferlang ihr helles Lachen läuft. : Ich werfe fort die täglichen Gewande, j Dass mich, auch mich, die Sonne nackt bescheint W Und wie ich an der roten Küste lande 5» Bin ich der seligen Knabenschaar geeint. i, Sie stehn um mich, und bitten... .. Unter ihnen Sucht Einen, Einen nur mein Wunsch sich aus: . = Den Ernsten dort mit den verschlossnen Mienen, ı — Uns trägt mein Kahn auf’s blaue Meer hinaus, 7 Sagitta - — 97 — ®
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DER EIGENE EINEM TOTEN FREUNDE Nur flüchtge Tage lachte uns das Glück. An einem Winterabend klopft’ er leis ans Fenster; Ein arm verscheuchtes Vöglein, kältezitternd, So kam er ängstlich an mein Herz geflattert. Doch eh die Sonne erstes Blühen weckte Flog er davon und liess mir nichts zurück, Als ein Erinnern an die süssen Stunden. Wo er sein Nestlein fand, — ich weiss es nicht. * Er fand sein Nest und gute Ruh, Ein Maientag bracht ihm sein Glück; Ich glaub, dass er zufrieden ist Und nicht verlangt nach dem Zurück. Von langer Reise allzumatt, Ging ihm der Schwingen Flug- kraft ein; Er sank herab, — die kühle Flut Wird ihm ein weiches Lager sein. Nun hat ers gut; von aller Last, Von Schmerz und auch von Lust befreit, Hüllt ihn die traumlos tiefe Nacht, Die grosse Nacht der Ewigkeit. Paul Vois
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KAHNFAHRT KAHNFAHRT Gedicht von Adolf Brand Ruhig, nicht schleppend 1. Des A-bends Schatten schlei-chen auf den See 2. Dort durch den U - fer-wald kommt still der Mond, . und fol- gen lau-schend un - serm klei-nen Kahn, im Kie-fern-haar blinkt bleich sein mat-tes Gold, 1. die Tiefen blicken stumm und rät-sel- voll,_ 2. und aus dem Schilfe stei- gen Ne-bel auf, __
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Dusiehstmich F NNgR! “ NN | ! : & iM: E 5 | I" ; Fi ü h B= F n ni \ a ö ii M u = E ı# ä n ‚v (8 (©) l 2 19 u o S iR & 5 z h a u R N gs NENIN ke) all * : j i 2 II : = IN | © 2 INN i sf h il pen ex er Te — ’ “ TE EEE
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OSCAR WILDE + SKIZZE, NACH DER ERINNERUNG ENTWORFEN VON MARTHA ASMUS (UNTER BENUTZUNG EINES PHOTOGRAMMS) DER EIGENE » 19055 » HEFT 4
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[Universitäts- Einlierhek Bertin.
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KAHNFAHRT und mei-ne Pul-se pochen RB S o e [7 = Ss he} Den u E = & = . 8 E:] o [= Ei = © iu u a - ber Ster - ne die 1 sehnsuchts-toll siın-nen___ - 101
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DER EIGENE | rer b Die Wellenschmeicheln lei-se um das Boot, die Flu - ten träu-men, und die Ru - der ruhn, 4
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Ing} z In Z £ in-nen__—— ber si die Ster - ne « Nacht. — — — hc 62 Ferdinand Pagin
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DER EIGENE PETRI VERLEUGNUNG Von Charles Baudelaire Was soll doch Gott mit diesem Schwall von Flüchen machen, Der täglich auf zu seinen lieben Engeln steigt? Wie ein Tyrann, gefüllt mit Fleisch und Weinen, schweigt Und schläft er sanft beim Lärm von Blasphemie und Lachen. Vermutlich sind Gestöhn und Märtyrer-Geschrei So süsse Symphonien, dass sie den Sinn berauschen, Da trotz des blutgen Preises, ihnen fromm zu lauschen, Der Himmel, scheints, noch immer nicht gesättigt sei. Ach! Jesus, denkst Du noch an den Olivenhagen? In Deiner Einfalt lagst Du knieend im Gebet. Der droben lachte, als der Klang ihm zugeweht _ Der Nägel, Dir von Henkershand ins Fleisch geschlagen. Und als auf Deine Göttlichkeit dann spie und schlug Der niedre Pöbel aus den Wachen und den Schenken, Als Du erzitternd fühltest sich die Dornen senken In Deinen Schädel, der die Menschheit in sich trug. Als Deine Körperschwere Dir Dein Fleisch verletzte, Dir Deine beiden offnen Arme ausgereckt, Und als Dein blasses Antlitz Schweiss und Blut bedeckt, Als man Dich jedem Spott und Hohn zum Ziele setzte, Jesus, gedachtest Du der glänzend schönen Zeit, Wo Du, das ewige Versprechen zu erfüllen, Als Sieger einzogst, sitzend auf dem Eselsfüllen, Den zweigbestreuten Weg in junger Herrlichkeit? Wo Heldenmut und Hoffnung jeden Feind bezwungen, Wo Deine Hand die Krämer aus dem Tempel trieb, Wo Du der Herrscher warst? Ist Reue, die Dir blieb, Nicht tiefer als der Speer in Deine Brust gedrungen? Könnt ich — da gern ich liess dies dürftige Geschlecht, Wo nicht die kühne Tat dem Wunsche ist Gefährte, — Dreinschlagen mit dem Schwert und büssen mit dem Schwerte Petrus hat ihn verleugnet ... . Petrus hatte recht! Deutsch von Martha Asmus — 14 —
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SALOME SALOME Das tragische Geschick Johannes’ des Täufers wurde vielfach zum Gegenstande künstlerischer Behandlung gemacht. Von allen dramatischen Bearbeitungen dieses Stoffes kommt der Oscar Wildes an Eigenart keine gleich. Er hatte den Mut, eine Gestalt zu formen, wie sie fürchterlicher nicht er- dacht werden kann, — seine Salome. Eine Personifikation der Sinnlichkeit, welche man würdig neben Goethes Me- phistopheles stellen darf. Während aber Mephisto trotz zahlreicher menschlich - allzumenschlicher Eigenschaften doch immer eine allegorische Figur bleibt, ist Wildes Salome ein Wesen von Fleisch und Blut, ein Weib, wie wir es mit diesem oder jenem Zuge schon im Leben gesehen haben; — aber alle diese Züge zu einem einheitlichen Ganzen verschmolzen und so doch wieder zum Typus geprägt! Sie ist keine Sadistin etwa, die Genuss fände in der Qual der anderen — nein! Aber da, wo sie von Liebe er- griffen wird, da will sie geniessen, schrankenlos geniessen, mag auch die Welt darüber zugrunde gehen. Einer Liebe freilich im hohen und heiligen Verstande des Wortes ist sie nimmer fähig, tierische Glut kocht in ihr zum Verzehren, und sie will sie löschen im Kusse auf den Lippen des Pro- pheten, des ersten Mannes, der sie von sich stiess. Vor ihr, der verwöhnten Prinzessin von Judäa, hatten ja noch alle Männer zu Füssen gelegen, der König selbst, der Gemahl ihrer Mutter, wandte beim Festmahle keinen Blick von ihr; eben erst schied der junge hoffnungsfrohe Syrer ihrethalben freiwillig aus dem Leben — es hatte sie völlig kalt und ungerührt gelassen, sie empfand nichts als Ekel vor all den begehrlichen Blicken. Und dieser Elende, der Gefangene des Herodes, verweigerte ihr den Kuss, um den alle die anderen nicht auf den Knien zu betteln gewagt hätten, da sie, sie selbst ihn begehrte! Kein Raffinement verschmäht sie, um ihren Willen durchzusetzen. Sie tanzt, fast nackt, vor dem von Wein und — 15 —
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DER EIGENE 5 Sinnenglut bis zur Tollheit berauschten König und verlangt u als Lohn — den Kopf des Johannes. Den König bindet 4 u “ der Eid, den er ihr geschworen; wie er sich auch sträubt, ii er muss den Wunsch gewähren. Und wie ihr der Kopf '\i des Geliebten auf der silbernen Schale gereicht wird, da ii } küsst sie sich satt an den Lippen des Toten, dass es selbst ! dem verbrechengewohnten Herodes graust und erschaudernd | f und ernüchtert das Weib unter den Schilden seiner Soldaten j zermalmen lässt. e q * Kr Salome ist das letzte Werk Oscar Wildes vor seiner | fi Verurteilung zu schwerer Strafe. Es liegt sein ganzes Wesen darin mit allen Schönheiten und allen Untiefen. Es kann nicht anders sein, denn alle seine anderen Arbeiten verblassen vor Dr dem Farbenreichtum und der Pracht der Salome. Das be- 4 stätigt auch Martha Asmus, der wir die Skizze in unserer 1 vorliegenden Nummer und den Bericht ihrer Bekanntschaft 1 mit Wilde in der Märznummer verdanken. Zeichnung | und Bericht stimmen zur Salome; mir ergänzten sie Wildes Fr Bild besser als alle längeren Beschreibungen seines Lebens, ' die ich anderswo gelesen habe. 2 * * h- Die Aufführung der Salome im Kleinen Theater zu Be. Berlin ist bekannt. Ich kann aber nicht umhin, an dieser ah: Stelle eine junge Schauspielerin zu nennen, welche in der ‘B Rolle der Salome in jeder Beziehung, besonders aber auch IM durch ihr charakteristisches Mienenspiel, Vollendetes schuf: FE Helene Burger. u Etwas allzu diskret vielleicht behandelte man das A Freundschaftsidyll zwischen dem jungen Syrer und dem gr Pagen der Königin. j Ei, Nur fünf Viertelstunden dauert das Spiel. Und doch ist es gut, dass vorher oder nachher kein zweites Stück ge- geben wird. Fünf Viertelstunden nur dauert das Spiel. Der I Eindruck aber haftet Monate und Jahre ...... Pausanias
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J I B CARPEAUX R EIGENE FISCHER MIT DER 19055 * HEFT4 MUSCHEI
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i Uns ersitgfs: Bibliothek Berin.
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KOLLIN KOLLIN „Zum Rückzug nach Suchdol!« — Die Oestreicher fliehn — Mit fliegenden Fahnen die Preussen ziehn! Da plötzlich — ein Stocken! — Der Feind hats gesehn! — In Abendschauern die Pappeln wehn. Kursächsische Reiter sprengen ins Feld: Mitten ins Fussvolk, das kühnste det Welt! Kursächsische Dragoner folgen: „Hurra! Rache für Striegau! Viktoria!“ Ihre Säbel rasen. — Gemetzel und Mord. — Die Garde weicht nicht. In einem fort Kämpft jeder der Riesen mit Löwenmut, Wie Felsen trotzend dem Meer von Blut! Sie schauen nicht seitwärts, sie sehn nicht zurück. Wanken ist Feigheit, Sterben ist Glück! Sie denken an ihn nur, an ihren Fritz, Im Donner der Schlacht und im Pulverblitz! Ihr Leib, ihre Schönheit, ist ihm nur geweiht, Ihm nur, dem Einen, in Freud und in Leid! Er teilte mit ihnen Lager und Zelt, Ihr Vater und Liebling, ihr Gott und ihr Held! — Kanonen brüllen. — Sie hören es nicht. — „Rache für Striegau!« — — Licht wird es, licht — Sie sinken wie Mauern — in Reih und in Glied — — Von Rosen der ewigen Nacht umglüht! Der König am Brunnenrand sass und saın — — Aus seinem Blick eine Träne rann. — 1 —
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DER EIGENE 111m m — Er malte im Sande, gebeugt, und schrieb — — Wie waren sie alle so treu und lieb! Die Schönsten der Schönen! Sein Stolz und sein Glanz! — Seines Herzens heiligster Opferkranz! Sieben Hundert und funfzig — Sie fielen für Ihn — Fortuna zum Trotze — dort: bei Kollin! Adolf Brand Fer AN SOKRATES, DA ER BEI CHARMIDES SASS Es mögen wahrlich alle Weisen kommen, Auch die des Wissens Reich umsteckt, dazu, Jeglich System von Heiden und von Frommen Send seinen Geist, — — der Meister bleibst doch du! Du löstest nicht ein finsteres Exempel Und du zersetztest nicht des Taglichts Schein, Du gründetest nicht einen neuen Tempel Und setztest keine neue Götzen ein. Du hast dich nicht zum Heiland aufgeschwungen Und kröntest nicht als Gottheit deine Art: Mit einem Blick auf einen schönen Jungen Hast du der Wahrheit ehernes Recht gewahrt! Krates
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BÜCHER Platons Phaidros ins Deutsche über- tragen von Rudolf Kassner. Jena und Leipzig 1904. Verlag von Eugen Diederichs. Preis 2 Mark, elegant gebunden 3 Mark. Es bestand längst ein fühlbares Bedürfnisnach einer Platon-Ueber- setzung, die es uns ermöglicht, Platon in wahrhaft deutscher Sprache zu geniessen, statt in einem unverständlichen und ermüdenden Griechisch-Deutsch, wie es bisher üblich war. Platon schrieb seine Dialoge in gewöhnlichem Unter- haltungs-Griechisch. Und erst in entsprechendem Deutsch wird er dem nicht philologisch-spezialistisch, sondern nur allgemein gebildeten Deutschen zugänglich und verständ- lich werden, dann erst wird man sich auch im modernen Deutschland bewusst werden, welche überragende Stellung dieser Grieche in der Weltliteratur und Weltphilosophie einnimmt oder einnehmen müsste. Von einer kürzlich bei einem Verlagsbuchhändler ersten Ranges erschienenen Platon- Uebersetzung, wie es die vorliegende ist, nahm ich natürlich an, dass sie unsere Hoffnungen erfüllen würde. Leider wurde ich arg enttäuscht. Was diese Uebersetzung leistet, leistet die Reclam’sche nahezu auch, während sie nur den zehnten Teil kostet. Und auf die moderne, wirk- lich deutsche Platon-Uebersetzung müssen wir weiter hoffen und harren! Tiberius Lausbubengeschichten von Ludwig Thoma. Siebentes bis zehntes Tausend. Verlag von Albert Langen, München. 1905. Sie haben zwar alle schon im „Simplieissimus‘“ gestanden, diese köstlich- unverfrorenen Dummen- jungenstreiche. Und ich weiss, wie wir sie uns daheim einander vor- lasen, und wie jeder von uns seine helle Freude daran hatte. Aber die Tränen kullerten mir doch immer wieder von den Backen, als ich nun diese fromm-unverschämten Bekenntnisse unseres Lausbuben Ludwig Thoma in Buchform vor mir hatte und bei jedem Schelmenstück lachend von neuem sah, was für ein prächtig-forscher Bengel dieser Ausbund von einem Schlingel und Erzfaulpelz war! Man muss ihm nur zuhören, diesem Taugenichts; mit welcher göttlich- naiven, treuherzig-frechen Selbst- verständlichkeit er über seine nieder- trächtigsten und tollsten Streiche spricht, und wie er jeden seiner Mitschüler uud Lehrer für einen gemeinen Kerl erklärt, der ihn „verschuftet* und etwas Straf- würdiges in ihnen sieht! Aller Schulzwang, jede Unnatürlichkeit und Heuchelei sind ihm auf das gründlichste verhasst. Streberei sieht sein unverdorbenes starkes Herz als das verächtlichste aller Laster an, und alles fromme Getue seiner Lehrer ist ihm nichts als schäbige Seelenschmierigkeit. —
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ennüjg4,4,4,4,nssnseterenzsng nnd nn nn nn nennt DER EIGENE ehem ee — Jedenfalls macht es ihm ein Hauptvergnügen und setzt er seinen ganzen Jungenstolz darein, all den kleinen und grossen Musterknaben in Schule und Haus, all der ver- logenen Autorität, der verlogenen Wohlanständigkeit und Ehrbarkeit eins auszuwischen! Seine Wider- spenstigkeit, sein Uebermut und seine kecke Verschlagenheit all diesen ledernen Götzen des Fleisses und der Sittsamkeit gegenüber sind grenzenlos. Und wer in dem Pläne- aushecken mittut und mitrebelliert, ist natürlicherweise sein Herzens- freund. Keine Strafe kann ihn abhalten. Er ist ebenso listig wie unerschrocken, ebenso fein beo- bachtend wie erfindungsreich. Er treibt mit Allem und Jedem seinen Spott. Sogar der heilige Aloysius in der Kirche hat dran glauben müssen. — Alles aber ist echte, erdenfrische Heimatskraft, wasdiesen Jungen zum Uebermut, zum Tunicht- gut und zum Rebellen stempelt: die grosse, trotzige Freiheit des Waldes und der Berge, die schlichte Ruhe und sonnenstille Einsamkeit der väterlichen Försterei: Frisches, fröhliches Jägerblut und ein goldenes Mutterherz, das über jeden seiner tollen Streiche Jugendglanz und heitre Sehnsucht breitet. Ein ganzer Junge und ein echter Thoma! Adolf Brand Friedrich der Grosse und sein Hof. Persönliche Erinnerungen an einen 20jährigen Aufenthalt in Berlin von Dieudonn& Thiebault. Erste deutsche Bearbeitung von Heinrich Conrad. Zwei Bände mit sechs Bildnissen des grossen Königs aus seiner Knaben- und Jünglingszeit, aus seinen Mannes- jahren und seinem Greisenalter. Stuttgart 1901, Verlag von Robert Lutz. Die Memoiren-Bibliothek von Robert Lutz in Stuttgart hat sich trotz ihres kurzen Bestehens schon einen recht ansehnlichen und wohlverdienten Platz in der deutschen Literatur erworben. Wissenschaftliche Tiefe und Gross- zügigkeit in der Anlage, sorgfältige Bearbeitung und gediegene Aus- stattung im einzelnen, ein vor- nehmer Geschmack und ein billiger Preis, das ist sicher alles, was man von einer modernen Bibliothek ver- langen kann! — — Eingehendere Studien über Friedrich den Grossen und seine Zeit, die ich als Staatspensionär zur Ehre der höheren Feigenblattkultur hinter den eisernen Gittern von Tegel trieb, veranlassten mich, mir jetzt auch das obige Werk zu kaufen, und so kommt es, dass ich über ein Buch, das vor vier Jahren schon erschienen ist, jetzt erst diese Be- sprechung schreibe. Es ist eine Gelegenheits- und Herzenssache. — Menzel, der geniale Erneuerer und Ewig-Erhalter fridericianischen Glanzes, ist ins Reich der Schatten eingegangen. Sein Leben, eine letzte trotzige Welle aus der Nach- flut der grossen Epoche, ist aus funkelnder Sonnenhöhe ins Meer der Ewigkeit verrauscht. Aber seine Bilder stehen als lebendige Marksteine ewigen Heldenruhmes —: 10 —
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BÜCHER nn m— m ——— da, seine lebenstreuen Gestalten als unvergleichliche Verkörperungen der Menschengrösse und der Königs- tugend, zu deren Füssen ein Wald von tausend Büchern redet! Frei- lich: grösstenteils nur ein Dickicht von kriechendem Knieholz und dem langweiligen Gros charakterloser Mittelmässigkeiten, das sich in Fehlern und Nichtigkeiten seines eigenen schwachen Seins ‚verfängt. Armseliges, kleinliches Volk, das den Sturm und Drang und das Uebermenschliche im Schicksal Friedrichs nicht begreifen kann, weil ihm dazu der Sinn mit dem grossen und starken Herzen eines Menzel fehlt. Aber mitten in diesem Dickicht, mitten unter diesem Heer der Vielzuvielen: frei und würdevoll wie eine stille schlanke Tanne Dieudonne Thiebault! Ein Mann, der über allen Niedrig- keiten und Wolken im Tun und Leben Friedrichs doch immer den Himmel sieht: das ruhige, kühle, tiefe Blau dort oben, das Heldensinn und Vaterland bedeutet, und das am dunkelsten und ver- zehrendsten wohl stets in Königs-s blicken leuchtet! Ein Mann von Geist und Welt, ritterlich und be- scheiden, klug und charaktervoll, der nie in die Geschmacklosigkeit verfällt, Friedrich zuliebe eine Schmeichelei zu sagen. Ein inter- essanter Plauderer, der sicher und gemessen jedes Wort erwägt. Ein feinsinniger Stilist, der, indem er sich scheinbar jenseits von Gut und Böse stellt, mit scharfen Rissen Zug um Zug gestaltet, plastisch und greifbar aus allem Nebensächlichen 111 heraus den Menschen formt. Das ist es, was diesen persönlichen Erinnerungen des geistreichen Franzosen einen so eigenen Reiz verleiht, dass er ehrlich und gerecht selbst den dunkelsten Punkt berührt: die Spott- und Rachsucht des grossen Königs, die er von seinem tyrannischen Vater erbte, und die sich auch bei ihm oft bis ins Grausame verstieg. Das barbarische Spiessrutenlaufen unddie unmensch- liche Prügelei im Heer. Seine über- triebene Bewunderung und Bevor- zugung des Französischen. Seine Geringschätzung und falsche Ver- nachlässigung des Deutschen. Und nicht zuletzt, was das Liebesleben des Königs anbelangt: seinen Geschmack an den Neigungen der Griechen und Italiener. — Thiebault behauptet zwar, keinen vollgültigen Beweis dafür zu haben. Aber er ist der einzige, der die rührendste Mitteilung über Friedrichs Trauer und Ver- zweiflung um den Tod seines ge- liebten C&sarion uns berichtet: jene tief erschütternde Szene am offenen Sarge des Grafen Kaiser- lingk, von dessen Leiche er sich acht Tage lang nicht trennen kann, bis man dieser unheil- vollen Schwermut gegenüber end- lich Gewalt gebraucht. Thiebault hat für diese Herzenstragik kein Verständnis. Aber ich denke, sie genügt für uns. Und ist es auch keine Schwärmerei, keine Liebe, keine Ehrfurcht, die wir nach der kristallklaren Lektüre des Thiebaultschen Buches für Friedrich empfinden, so ist es
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DER EIGENE doch männliche Achtung vor einem Manne, der in jeder Lage seines Lebens ein aussergewöhnlicher Mensch und ein grosser König war, und dessen gewaltiger Geist, streng und unergründlich wie das Antlitz der Sphinx, majestätisch und Ge- danken grabend, liebeleer und schicksalsmutig wie der Kopf des Osiris, gigantisch in die Flur der Nachwelt ragt! agt Adolf Brand Pass & Garleb G. m. b, H., Berlin W 35
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ALLE im „EIGENEN“ angezeigien, besprochenen oder zinierien BÜCHER köhnen durch ansere-Pirmd bezogen. werden) LIEFERUNG. erfölgt. bei Voreinseiidang des Brtrages und Portos. Der Orleinalabzug der KUNST-BEILAGE des janwarkeftes im Mässstabe 50x40 wird von.uns zum Preise von Mk, 2— pro Stück gelieiert. Gerahmt Mk. 10—: Feiner liefern, wir sämtliche Kunsibellagen auch gerahn: für M .2— pro Stück. ADOLF BRAND * DER EIGENE * WILHELMSHAGEN i..d. Mark INSELN DES EROS Gedichte von Adolf Brand Mit Bildnis ind) Lebensbeschreibung ‚des‘ Dichters sowie einer Faksimile-Beitage,- enthaltend‘ das Manuskript des Ge- dicıtes „Im Kerker#, Buchschmuck von Paul Casberg-Krause. In höchst elegantem Gatizleinenband init Goldprägüng und Gold- schnitt: Als Manuskript gedruckt für die Gemeinschaft der Eigenen innur hundert Exemplaren Preis. 6 Mark und ‘Porto nn 6) Soeben erschienen u Sämtliche Wochenberichte der GEMEINSCHAFT De an AKTSTUDIEN DER EIGENEN | EUNDESLIEBE J zur Ansicht und Auswahl, soweit sie nich! beschlag- nahımt sind, werden zum Preise'von zusamtiter in ‘Mappen zu 25 Stück, zum Preise von "1: M} von MARK 2.50 inkl, Porio EDWIN BAB und 4:50 'M. prö Blatt geliefert, eand, med, versendet Auch alter jahrok GET Mar a Ren A Adalt Brand + Der Eihene Adolf Brand «+ Dar Eigenz Br: Wilhelmshagen Wilholmshagen PREIS 50. PFENNIGE 9 Wie werde ich ANZEIGEN- Wie werde ich GEBÜHR Schriftsteller? |... zu un. einer? 1 mal 5 Mark 3 mai 10 Mark 6 mal 18 Mark 12.mal 80 Mark Praktische Winke und. Ratschläge von Rudolf. Lessing PREIS 1-MARK Aus der. Praxis für: die ‚Praxis von Edwin Bab PREIS-1.MARK AdolfBrand » Der Eigene Wilhelmshagen ner, der KUNSTBEILAGE des voriger MH 0» Originalgemälde (KNABENKOPF won PAUL CASBERO KRAUSE) kann zum Preise von.100 MARK durch uns käuflich erworben werden. ADOLF BRAND * DER EIGENE * WILHELMSHAGEN i. 4. Mark" 2 m en v5 TEN LIAE N, ENRIMT EN er a. u an rn rn NEE DR he ae EC Pi ws EEE U TE ET ee rm i Sa = el 2 jr be} - er USE r Sa 35 u x p 47% False
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