Der Eigene: April 1903
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DER EIGENE APRIL 1903 HERAUSGEBER ADOLF BRAND
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DER EIGENE EIN BLATT FÜR MÄNNLICHE KULTUR KUNST UND LITTERATUR 84 APRIL 1903 HERAUSGEBER ADOLF BRAND IN CHARLOTTENBURG > o VERLAG von MAX SPOHR INLEIPZIG ooooo0o0o
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MOTTO AN DEN GRAFEN VON PLATEN Wenn auch nur Wen’ge deine Größe ahnen Von jenem Volk, für das du hast gesungen, Für das du hast gefochten und gerungen, Voran ihm wandelnd auf der Schönheit Bahnen: Doch sammelt schon im Schatten deiner Fahnen Ein Häuflein sich, von edlem Mut durchdrungen, Und ob dein eigner Feldruf auch verklungen: Wir schlagen fort die Schlacht für deine Manen! Wir sind die Schar, die nie vor Schrecken bleiche, Die mitten durch des Feinds gesenkte Speere Den Weg erkämpft für eine Königsleiche! Verpfändet haben wir die eigne Ehre, Daß keines Buben Hand mit frechem Streiche Die Schulter, die den Purpur trug, versehre! GEIBEL
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DER EIGENE EIN BLATT FÜR MÄNNLICHE KULTUR, KUNST Raasaasıs UND LITTERATUR ra: HERAUSGEBER: ADOLF BRAND o CHARLOTTENBURG. “ APRIL 1903 INHALT: Motto: „An den Grafen von Platen“ von Geibel o Seite 226 o „Musizierende Engel* von Guido Reni o Seite 229 o „Mein Garten der Sehnsucht“, Gedicht von John Gambril Nicholson, übersetzt von B. Esmarch o Seite 229 o „Prinz Wilhelm II. von Oranien“, Kunstblatt von van Dyck o Seite 231 o „Sonderlicher, denn Frauenliebe ist“ .. . von Ludmilla von Rehren o Seite 233 o „Hieronymus Holzschuher“, Kunstblatt von Albrecht Dürer o Seite 237 o „Das Fischerhaus“, Gedicht von Adolf Brand o Seite 239 o „Minne- lied,“ Gedicht von Adolf Brand o Seite 240 o „Frühling“, nach einer Photographie von Totilas o Seite 241 o „Bahnhof Friedrichstraße“, Gedicht von Adolf Brand o Seite 243 o „Der schöne Jüngling in der bildenden Kunst aller Zeiten“, von Dr. Kiefer o Seite 244 o „St. Michael“, Kunstblatt von Guido Renj o Seite 249 o Ein Relief von Bernini als Schlußvignette o Seite 254 o „Daidalos und Ikaros“, Kunstblatt von Canova o Seite 255 o „Hermaphroditus“, Gedicht von Swinburne, aus dem Englischen übersetzt von Walther Ehrenfried o Seite 257 o „Reigen der Engel“, Kopfvignette von Guido Reni o Seite 259 o „Marcel“, Novelle von Hans Arden o Seite 259 o „Ganymedes“, Kunstblatt von Fidus o Seite 265 o „Zeus und Ganymed“, Gedicht von Max Katte o Seite 267 o „Ganymed“, Gedicht von Hadrian o Seite 269 o „Kennst Du das Weh?* Gedicht von Imago o Seite 270 o „Die Grablegung*, Kunstblatt von Travesani o Seite 271 o „Manor*, Novelle von Carlo Enrico Ulrichs o Seite 273 o „Sturz der Titanen“, Kunstblatt von Rubens o Seite 281 o „Peter Hille*, Essay von Hamecher o Seite 283 o „Extrapost“ von Adolf Brand o Seite 287 o Druckvermerk o Seite 288 o ® Jahres-Abonnements nehmen alle Buchhandlungen entgegen zum Preise von 12 Mark für die zwölf Monats-Hefte, deren Gesamtinhalt 50 Druckbogen umfassen wird. I Einzelnummern sind für 1.50 Mark zu beziehen. SISIJeISISTISTISTSTIST VERLAG: MAX SPOHR o LEIPZIG. 16*
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MUSIZIERENDE ENGEL rg GUIDO RENI MEIN GARTEN DER SEHNSUCHT W ann kommst denn du, mein Liebchen? Der Frühling kommt und geht; Hell glänzt der Märzenhimmel, Blau-Veilchens Atem weht. Der Garten sonnbeschienen Verspricht viel Blüte dir; Doch wann kommst du, mein Goldkind, Wann kommst denn du zu mir? Wann kommst denn du, süß Herze? Der Sommer kommt und geht; Im Junimittagglanze Erglüht das Rosenbeet. Im Mondschein liegt mein Garten, Ein traumbestrickt Revier; Doch wann kommst du, mein Sternlicht, Wann kommst denn du zu mir?
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o o DEREIGENE o o Kommst du nicht bald, mein’ Treulieb? Der Herbst schon kommt und geht; Der Garten sacht entfärbt sich, Voll Frucht der Obstbaum steht. Geraubt ist von den Feldern Der goldnen Ernte Zier: Doch du, mein trautes Schätzchen, Wann, wann kommst du zu mir? Und kommst du je, mein Liebling? Der Winter kommt und geht, Und schwarz blickt der Dezember, Der Schnee im Garten weht. In schwelender Glut am Heerde Rubin sprüht und Saphir: Doch wann kommst du, mein Glücksstern, Wann endlich denn zu mir? JOHN GAMBRIL NICHOLSON Übersetzung von B. Esmarch
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PRINZ WILHELM Il. VON ORANIEN ANTONIUS VAN DYCK
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SONDERLICHER, DENN FRAUENLIEBE IST. .... er Jubel der Hochzeitslust ist verstummt. Du bist allein mit Deinem jungen Weibe und lösest jetzt vielleicht den Myrtenkranz aus ihrem Haar. Sie neigt ihr liebliches Antlitz und schmiegt sich an Deine Brust, schutzsuchend vor Dir _ bei Dir. Denkst Du wohl jetzt auch an mich, mein Freund? Über mir hängt die Nacht mit blitzenden Sternenaugen. Einsam bin ich, weit von Dir. Du hast mir sehr gezürnt, daß ich Deinem Rufe nicht folgte, und nicht zu Deiner Hochzeitsfeier kam. Einen langen bösen Brief hast Du mir geschrieben, in dem viel stand von gekränkter Freundschaft, und daß jetzt nicht einmal mehr auf die ältesten Freunde ein Verlaß wäre. Mit einem traurigen Lächeln habe ich diesen Brief gelesen und heute, an dem Tage, der uns für immer trennt, will ich ihn beantworten. Du wirst erstaunt den Kopf schütteln und mich nicht verstehen. Du hast ja niemals geahnt, was ich gelitten habe, all die letzte Zeit hindurch. Du begriffst nicht, weshalb ich in der Zeit, die Du die glücklichste Deines Lebens nanntest, oft so traurig war und weshalb ich mich plötzlich von Dir trennte, um eine so weite Reise zu unter- nehmen, da doch kein eigentlicher Grund dazu vorlag ...... Ich will es Dir heute sagen: weil ich sie haßte, Deine holde Braut, weil ich Deine Liebe zu ihr nicht mitansehen konnte, und es nicht mehr ertrug, tagtäglich Deine begeisterten und entzückten Reden über sie mit anzuhören, deshalb bin ich weit fort von Dir geflohen! Vielleicht bist Du jetzt empört darüber, daß ich so von dem Lieb- was Du auf Erden hast, reden kann, ich Dein bester Freund. Sei ruhig — in mir ist es jetzt still geworden, freundlich kann ich heute auch ihrer gedenken und alles Glück der Erde wünsche ich auf sie, auf Euch beide herab. — Damit Du mich sten, aber verstehst, muß ich wgit zurückgreifen, an die
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234 o o DER EIGENE o o Kinderzeit muß ich Dich erinnern. — Du warst ein hübscher Knabe; ein'wenig trotzig, ein wenig stürmisch. Ich war weicher und sanfter — ein Mädel, sagten die Jungen in der Schule immer; diese kleinen, grausamen Jungen, die mich so oft peinigten und quälten! Du impo- niertest ihnen mehr und oft genug hast Du mich ja vor ihnen beschützt. Unser Freundschaftsbund war überhaupt mehr ein Gewähren von Dei- ner Seite und ein freudiges Entgegennehmen von der meinigen. Ich fand ja immer, daß Du viel besser, viel vollkommener wärest, als irgend ein Anderer und wenn es je zu einer Meinungsverschiedenheit zwischen uns kam, war ich es jedesmal, der nachgab. „David und Jonathan,“ nannte uns einmal ein Lehrer im Scherze, als wir die Klage Davids um seinen toten Freund lasen: „Es ist mir leid um Dich, mein Bruder Jonathan; ich habe große Freude und Wonne an Dir gehabt; Deine Liebe ist mir sonderlicher gewesen, denn Frauenliebe ist.“ Sonderlicher denn Frauenliebe .... Ach, mein Freund, welches Weib hat Dich wohl je so geliebt, oder wird Dich je so lieben, wie ich Dich geliebt habe! — Du hast mich auch lieb gehabt, ich weiß es ja, aber wohl nie hast Du geahnt mit welch zitternder Leidenschaft meine Seele an Dir hing. Doch still Die Kinderzeit verging. Wir wurden Jünglinge und reiften zu Männern heran. Es kam die Zeit, da die Blicke der Frauen mehr oder weniger verstohlen an Deinem hübschen, kecken Gesicht hingen, und Deine Augen einen eigenen, besonderen Ausdruck erhielten, wenn sie die Gestalt einer Frau streiften, die Dir gefiel. Das Weib trat früh in Dein Leben. Ich weiß es wirklich nicht, ob die Frauen auch mich der Beachtung würdigten, ich weiß nur, daß mein Herz niemals einen stärkeren Schlag getan hat, wenn ich das Rauschen eines Frauenkleides hörte, daß in meinem Auge niemals jener Funke aufglomm, wie in dem Deinigen, wenn es einem lächelnden Frauenauge begegnete. Ich betrachtete diese weiblichen Wesen mehr mit einem gewissen Interesse, in das sich zuweilen etwas wie Furcht mischte, wenn ich sah, welche Macht in ihren Händen lag, die so weich und hilflos aussahen, und doch so fest halten konnten, was sie halten wollten. Ich begriff es nicht, was es war, das die Männer an sie fesselte und habe es auch nie herausgefunden. Diese merkwürdigen Wesen, die sich so oft — wenigstens in meinen Augen — komisch kleideten, komisch gingen und auch oft genug albern benahmen, waren imstande einen Mann wie Dich mein Freund, bisweilen in einen Zustand zu versetzen, der an
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o o SONDERLICHER, DENN FRAUENLIEBE IST o o 235 Raserei grenzte. Anfangs sah ich Dem mit Erstaunen zu, dann mit Eifersucht, als mir mehr und mehr klar wurde, daß meine Freundschaft allein Dir nicht mehr genügte. Dein Herz war leicht entzündet; mehr als eine Liebe hast Du dem Freunde gebeichtet, mehr als einmal hast Du Dein Liebesweh oder Dein Liebesglück in klagenden oder glühenden Worten gegen mich ausgeschüttet. Ich war der Vertraute all Deiner Liebesverhältnisse, gegen mich hast Du oft genug bitter und ver- zweifelt ausgesprochen, daß Du sterben würdest, wenn Deine Wünsche sich nicht erfüllten. Aber gewöhnlich, ehe noch lange Zeit vergangen war, lächeltest Du darüber und in der Zeit, die zwischen einer Liebe und der anderen lag, schlossest Du Dich immer wieder enger an mich an. Immer wieder kamst Du zu mir zurück und das tröstete mich; mochten jene Deine Sinne fesseln, wenn Du nur erkanntest, daß mein Herz doch das treueste war, das für Dich schlug, war ich schon zufrieden. Und dann kam sie. Als ich Dich das erste Mal von ihr sprechen hörte, wußte ich, daß diese neue Liebe eine andere war, als alle vor- hergegangenen. Ich wußte, daß jetzt Alles anders werden würde, werden mußte zwischen Dir und mir, als es bisher gewesen war. Ich erkannte, daß ich Platz machen mußte und ging. Wie habe ich sie gehaßt damals, sie, die Dich von mir riß! Ich hatte es mir ja oft genug gesagt, der entsetzliche Fall, daß Du einmal heiraten würdest, würde mit Sicherheit eintreten und doch, als es so kam, traf es mich wie ein furchtbarer Schlag. Dunkel und schwer war es um mich her und ich glaubte damals, daß dies mehr wäre, als ich ertragen könnte. Ja, mein Freund, während Du so glücklich warst, dachte ich an den Tod und Du ahntest nichts davon, keiner ahnte es und was hätte es auch genutzt, wenn ich mich jemand anvertraut hätte; denn niemand kann uns helfen als wir selbst. Damals, als ich die ersten, rasenden Schmerzen der Eifersucht fühlte, kam es mir erst klar zum Bewußtsein, daß Du mich anders liebtest, wie ich Dich, daß mein Fühlen ein anderes war, als das der anderen jungen Männer. Ich fing an Bücher zu lesen und sah bald ein, wie es um mich stand: daß ich einer von jenen war, die ent- erbt vom Liebesglück, ewig sehnend und verzweifelnd zwischen den Geschlechtern stehen! — Das flößte mir anfangs fast Ent- setzen vor mir selbst ein. Aber dann suchte ich zu ergründen, wes- halb ich denn so ganz anders war, als andere meines Geschlechts. Jede Regung meines Herzens, jeden meiner Gedanken überwachte
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236 o o DEREIGENE o o ich, ich belauschte selbst wie einer, der außen stand, das Leben mei- ner Seele und fast grausend mußte ich erkennen, wie fremd wir uns selbst sind. Wir wissen nicht einmal, was es ist, das unser Herz klopfen macht und unsere Adern schlagen läßt. Und ich wollte mir Rechenschaft geben über das tiefste und wunderbarste Gefühl, das in meiner Seele lebte .... Ich erkannte nur, daß Alles so sein mußte und daß alles Leben ein Müssen ist. — Vielleicht hat die Hand der Natur, als sie mich schuf, sich vergriffen, und goß die Seele eines Weibes in ein männliches Gefäß? Ich weiß es nicht. Doch jetzt bin ich ruhig geworden — auch darüber! Aber ich habe einen Traum — noch immer, noch habe ich nicht ganz überwunden: ich träume, daß wir uns einmal, wenn viel Zeit vergangen sein wird, wiedersehen wer- den, vielleicht auf einem anderen Stern, als Mann und Weib — und es gibt ein altes Wort, das tröstend sagt, daß alle Träume einstmals Wahrheit werden. Unbeirrt geht die große Weltenuhr ihren Gang wei- ter, vielleicht bringt auch mir einst eine Zeit, die noch fern in der Ewigkeit liegt, die Erfüllung meiner großen Sehnsucht. — — Mein ganzes Leben auf dieser Erde soll aber von jetzt an dem Forschen nach jenem dunklen Geheimnis geweiht sein, vor dem die Seele sonst bangend zurückweicht. Durch jene Pforte will ich gehen, über deren Eingang steht: „Sei bereit, Alles zu verlassen, was Dein war, Alles abzustreifen, was Du nicht selbst bist.« — All die bunten Dinge, die das Gaukelspiel des Lebens vor mir ausbreitet, locken mich nicht mehr; nur das Eine will ich: Wissen was ich bin! — Leb wohl, wohl für immer in diesem Leben! Du weißt es jetzt, ‚as es ist, das uns trennt. Vielleicht kommt einst eine Zeit, in der ich mich mit dem zweiten Platze in Deinem Herzen begnügen kann — noch vermag ich es nicht! — Morgen früh schon führt mich ein Schiff weit fort. Welten und Meere will ich zwischen Dich und mich legen und mein Abschieds- wunsch lautet: Segen über Dich und sie! — Ich weiß, Du wirst mich auch nicht vergessen, ich weiß, daß oft eine Träne in Dein Auge treten wird, bei dem Gedanken an jenen Fernen, den Du einst Deinen Freund nanntest und dem Deine Liebe sonderlicher war denn Frauenliebe ist. LUDMILLA VON REHREN. &)
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HIERONIMUS HOLZSCHUHER ALBRECHT DÜRER
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239 DAS FISCHERHAUS Unter alten krummen Föhren Träumt ein einsam Fischerhaus; Wellen wühlen an den Wurzeln, In den Kronen Sturmgebraus — Abend malt mit goldnen Fackeln Ihre Stämme jung und rot: Doch am Strand auf Wasserrosen Ruhn verlassen Netz und Boot — Her vom Schilfe steigen Nebel, Stern um Stern blinkt aus der Flut — Aber keiner gibt mir Antwort, Wo mein armer Buhle ruht — Nur die Nixe auf dem Grunde Mit dem kalten grünen Blick Weiß von meinem hübschen Fischer, Weiß von unserm kranken Glück! ADOLF BRAND &)
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MINNELIED Du bist ein Hauch, wie Rosenduft so süß: Ein Gotteshauch in meinem Paradies! Du Orchisblume, die der Sturm leicht bricht, So erdentraut und keusch wie Sternenlicht! Du leitest mich zu Brunnen kühl und lind — Geliebter Knabe, schlankes Nordlandskind! Du führtest mich durchs tiefe Tal der Not — Mein holder Engel, Du — mein Morgenrot! ADOLF BRAND &)
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BAHNHOF FRIEDRICHSTRASSE Ein Knabe war es, schlank und Houri-schön; Ich fand ihn. mitternachts am Bahnhof stehn. — Vorüber drängte bunt sich eine Welt: Er sah mich an — und bettelte um Geld! Doch von den Wangen flammte tulpenhaft Im Schmelz der Reife Scham und Leidenschaft! — Des schwarzen Bärtchens seidenweicher Flaum Verhüllte schalk der Lippen Purpursaum — In seinem Blick lag sammetschwüle Nacht, Durch die ein Himmel nackter Englein lacht! — So stand er vor mir in dem Straßenschwarm — Da küßt ich ihn — und faßte seinen Arm! — Und wundersam lag ich in Engleins Bann, Bis müde Dämmrung wehe Sorgen spann! — — ADOLF BRAND v
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DER SCHÖNE JÜNGLING IN DER BILDENDEN KUNST ALLER ZEITEN IV. Bis zur Gegenwart. ie Kunst der Rokoko kann man hinsichtlich ihrer Leistungen in der Plastik und Malerei mit dem Satz kurz und bündig charakterisieren, daß nie die ent- nervende Wirkung einer einseitigen Weiberverhimmlung klarer zu Tage getreten ist als hier: keine beengende Moralität, keine weltflüchtige Askese macht jene Zeit so schwächlich, so arm an kühnen Schöpfungen, ist doch der Triumph des Sinnengenusses über alle andern höhern Werte im Menschen- leben kaum je mit mehr Bewußtsein künstlerisch verherrlicht worden als in der französischen Rokokokunst; aber was be- kommen wir zu sehen: einen Watteau mit seiner „Einschiffung nach Cythera“, dem Paradies der galanten schwächlichen Weiberverhimmlung, einen Boucher, „dessen Traum“, wie Muth hübsch sagt, „der Frauenkörper war“ und „der dem Männlichen hilflos gegenüber steht“; mit einem Wort „die Koketterie, welche die Männerwelt demütigte, feierte auch in der Malerei und Plastik ihre zweifelhaften Triumphe“, wie L. Frey sagt. Der deutsche Geist, der so recht eigentlich niemals den Kern des Rokokozeitalters in sich aufnahm, brachte in Männern wie Lessing, Winckelmann und später unsern andern Klassikern die gesunde Reaktion gegenüber der französischen morbid gewordenen und bald dem Revo- lutionssturm erliegenden Galanterie. Und wohin blickten diese Reformatoren? Wo suchten und fanden sie den Halt?
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o o DER SCHÖNE JÜNGLING o o 245 Bei den Idealen der männerliebenden Hellenen! Und Winckelmann, der ausgesprochene Urning wird zum Wieder- entdecker der Antike und ihrer Bedeutung für die Kunst, der Urning weist der durch ihre Weiterverhimmelung rücken- marklos gewordenen Kunst die Wege, auf denen ein Canova, ein Thorwaldsen dann ihre für jene Zeit befreiend wirkende Werke geschaffen haben! Canova, der Italiener, dem man doch gewiß keine einseitige Bevorzugung der Männerschönheit vorwerfen kann — hat er doch das Weib oft genug mit meisterlicher Grazie gemeißelt! — beginnt seine Laufbahn mit der anmutigen „Daidalos und Ikaros“-Gruppe:* der alte, mürrisch blickende Vater hat dem reizenden, nackten Knaben eben den Flügel an der Schulter befestigt und blickt nun besorgt auf den kindlich naiv lächelnden Burschen, der mit der Linken treulich des Vaters Leib umfaßt hält. Canova hat noch viele zarte und kräftige Gestalten vollendet schöner Männlichkeit geschaffen, wie den Genius am Grab-Denkmal Clemens XIIl.**, den süßen Amor in der „Amor und Psyche*- Gruppe** den beinahe zu unirdischen „Adonis“, die markigeren Gestalten des Creugas,** Domoxenos** und Perseus,#* dann eine ganze Reihe Reliefs, aber selten ist ihm die unmittelbare Natürlichkeit so gelungen, wie auf dem beschriebenen Jugendwerk, der Geist des Rokoko konnte eben leider auf diesen Meister nicht ganz ohne Einwirkung bleiben und äußert sich bei ihm in der manchmal zu weich- lichen, glatten Behandlung des Nackten, mit der eine Ver- wechslung des Gebietes der Plastik mit dem der Malerei oft Hand in Hand geht. Auf den glatten Formalisten in der Plastik folgte in der Malerei der „Klassizismus“. Gegenüber dem Rokokogeist immerhin ein Fortschritt, nur daß man noch nicht weiß wohin! Das Formale, Kühle, vielfach aber auch Leere der reinen Linienschönheit hatte zunächst gesiegt, denn nur als ein solches vermochte die nüchterne Zeit den Geist des Hellenentums zu interpretieren. Man bekam die gemalten * Photogr. Gesellschaft Nr. 3210. ** Nr. 745, 1160. 764, 765, 766
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246 o o DEREIGENE o o Bildsäulen eines R. Mengs und seiner Nachfolger, darunter oft auch die Bildsäule eines linienschönen Jünglings mit canovazarten nackten Gliedern (wie auf Mengs Parnaß) und man bekam die reine Linienzeichnung eines Carstens, der jedes Verständnis dafür, daß es die Malerei mit Farben zu tun hat, völlig abhanden gekommen; Carstens besitzt übrigens für Männerschönheit eine große Vorliebe, wie man sich leicht aus seinen zahlreichen Illustrationen zu antiken Dichtern überzeugen kann. In den andern Ländern Europas hatte die Rückkehr zu klassischen Idealen nicht diesen Sieg des „Gehirns“ über das Auge errungen: die Zeit des französischen Klassizismus z. B. hat einen liebenswürdigen Plastiker wie Chaudet aufzuweisen, den Schöpfer eines reizenden Amor- knaben, der knieend mit einem Schmetterling spielt, andrer- seits aber auch einen Fr. Rude und Fr. Duvet, Plastiker, die ihre Motive dem Volksleben entnehmen und Werke wie den „neopolitanischen Improvisator“, und den mit einer Schildkröte spielenden Jüngling schufen. Den größten Plastiker jener Zeit aber brachte Dänemark in Thorwaldsen hervor, den man ruhig als den größten Plastiker Europas zu Anfang des XIX. Jahrhunderts bezeichnen kann. Uns interessiert er be- sonders auch um deswillen, weil er, wie seit Michelangelo kein Andrer speziell die schöne Männlichkeit in den Vorder- grund seines Schaffens gestellt hat, auch darin ein ‚Hellene‘ von Geist, wie er überhaupt vielleicht der einzige europäische Künstler war, der den Geist der Antike wirklich erfaßt hatte und nicht bloß anstudiert oder angelesen wie die vielen Andern. Gerade seine Bildwerke, die männlicher Jugend- schönheit gewidmet sind, wie sein Jason, seine verschiedenen, wunderlieblichen Ganymedgestalten (herrlicher hat kein Hellene den Zeusliebling wiedergegeben!) seine Erosverkörperungen, seine Adonis, seine beiden Hirtenknaben, um nur die be- rühmtesten zu nennen, atmen alle derart den Geist eines Praxiteles, daß man meinen könnte, es habe sich in Thor- waldsen die Antike mit dem Besten, was sie auf diesem Gebiete geben konnte, wieder verkörpert, und wessen Auge
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o o DER SCHÖNE JÜNGLING o o 247 für die Jünglingsschönheit nicht blind ist, für den sind gerade diese Werke Thorwaldsens eine Art Heiligtum, in das er sich immer wieder dann flüchtet, wenn die nüchterne, vor dem Weib auf den Knieen liegende Gegenwart ihn im Innersten nicht versteht.. Die Frage, ob dieser Künstler auch in seinen eigenen Empfindungen dem schönen Jüngling vor dem Weib huldigte, was manche behaupten, kann man angesichts dessen, was er geschaffen, unerörtert lassen: künstlerisch, das steht außer allem Zweifel, hat er den Eros und seinen Zauber wohl gekannt! Daß ein derartiger Geist seine Zeit beherrschte auf Jahrzehnte, ist begreiflich; einer seiner besten Schüler, der deutsche E. Wolff, schuf einen schönen, berühmt ge- wordenen Fischerknaben (in Potsdam) und die Vertreter des Klassizismus in der Malerei jener Zeiten wie Schick mit seinem Bild: „Apollo unter den Hirten“ und Genelli mit seinen Homerillustrationen (unter diesen reizend: „Ganymed,“ der dem Zeus kosend auf den Knien sitzt!) zeigen viel Ver- wandtschaft mit der idealistischen Formensprache Thor- waldsens, ohne freilich seine natürliche Unmittelbarkeit, die eben nicht gelernt werden kann, zu teilen. Der Klassizismus wurde mehr und mehr ein leerer Formalismus und rief mit Notwendigkeit sein Gegenspiel, die sogen. Romantik hervor. In der bildenden Kunst äußerte sich diese Kulturströmung in einem Zurückgehen auf die „christlichen“ Meister ver- gangener Jahrhunderte und einer Bevorzugung zunächst rein biblischer Stoffe, wie bei den sogen. „Nazarenern“, die uns nichts bieten, dann aber auch einer Verwendung deutscher Sagenstoffe wie bei Schnorr und Cornelius; des letzteren Illustrationen zum Faust und den Nibelungen enthalten teil- weise prächtige Verkörperungen stolzer Männlichkeit und enthüllen einen an klassischen Idealen herangebildeten, aber durch die romantischen Forderungen verinnerlichten deutschen Stil; ebenso sind seine Fresken, Deckengemälde und Kartons in München und Berlin, die biblische und antike Motive verwenden, eine geniale Vermählung klassischer
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248 o o DEREIGENE o o Formenschönheit mit romantischer, deutscher Innerlichkeit und weisen neben vielen anderen Schönheiten den herrlichen „Krieg“ in den „Apokalyptischen Reitern“ auf, einen prächtigen, machtvollen Jüngling, der den ganzen Cornelius in all seiner Macht und Größe erkennen läßt. Schnorr, dessen Bibelillustrationen weit bekannt sind, besitzt nicht die Größe seines Zeitgenossen, noch weniger aber Führich, bei dem aber ein neuer Ton, die naive Märchenhaftigkeit, wie sie bald darauf Schwind und Richter unvergleichlich entfalten, bereits angeschlagen wird. Beide, Schwind wie Richter, und dieser noch mehr wie jener, verherrlichen das naive Volksleben in seinem engbegrenzten Glück, wie es am lieblichsten in der Kinderwelt und Märchenwelt zu Tage tritt. Richter ist darum von einer Darstellung schöner Formen denkbar weit entfernt, seine Gestalten sind der ihn umgebenden Welt entnommen, und ohne jegliche Idealisierung verwendet, daß sie nicht wie die des bewußten Naturalismus häßlich wirken, rührt nur von Richters echtem Künstlerhumor her, mit dem er z.B. selbst die Szene, wo ein Schuljunge vom Lehrer gezüchtigt wird, noch zu vergolden weiß; von einer Darstellung der Jünglings- schönheit als solcher kann freilich bei ihm keine Rede sein. Gewiß, er verwendet manch hübschen Burschen, manch niedlichen Knaben auf seinen Bildern, die aber ganz Anderes bezwecken, als diese Menschenkinder um ihrer Schönheit willen zu verewigen. Nicht viel anders Schwind. Nur daß bei ihm ein Zug zur ritterlichen Romantik vorherrscht, der ihn Bilder, wie die allbekannten Fresken auf der Wartburg, malen läßt, auf denen auch manch hübscher Junge, manch edelgestalteter Ritterjüngling unser Auge entzückt. Dieser Zug geht durch Schwinds meiste Bilder, vor allem auch seine einzigen und heute noch unübertroffenen Märchen- illustrationen, wenn man seine duftigen Cyklen zum „Aschenbrödel“* und den „7 Raben“ mit diesem trockenen Worte bezeichnen darf. Aber das ist nur eine nebensächliche Unterströmung: Schwind war Romantiker vor allem darin, daß „seine ganze Kunst ein hohes Lied auf die deutsche
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MICHAEI GUIDO RENI
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o o DER SCHÖNE JÜNGLING o o 25] Frau“ war. Romantik und Jünglingsliebe waren noch immer unüberbrückbare Gegensätze und so hat denn die ganze Romantik auch nicht einen Meister aufzuweisen, der wie der „Hellene“ Thorwaldsen mit bewußter Freude den schönen Jüngling gestaltet hätte. Feuerbach, jener Meister, der ein so von urnischem Geiste durchwehtes Bild wie das berühmte „Gastmahl des Plato“ schuf, ist gerade kein Romantiker, und unter den Modernen, die noch so vielfach unter dem Einfluß der Romantik stehen, sind gerade diejenigen Meister bewußte Nichtromantiker, die an der Schönheit der männlichen Jugend Gefallen finden wie Klinger, L. v. Hofmann und Fidus, die wir uns aus der schier unübersehbaren Zahl der Maler der Gegenwart als typische Vertreter ansehen wollen. Klinger ist freilich, so wenig wie die beiden anderen, aus- schließlich Verherrlicher männlicher Schönheit, eher das Gegenteil; aber sein durchaus antikes Formgefühl, dem sich ein warm pulsierendes modernes Innenleben vermählt, scheut wenigstens nicht wie das bei manch anderem „bedeutenden“ Künstler vorzukommen pflegt, vor der Gestaltung auch dieses Gegenstandes zurück. So hat er auf seinen unvergänglichen Blättern „Rettungen ovidischer Opfer,“ „Amor und Psyche“, „Vom Tode“ und „Brahmsphantasie“ nicht selten die be- zaubernde Schönheit kraftvoller wie zart erblühender Männlich- keit zu bannen gewußt; wenn man Blätter geschaffen hat wie „Und doch,“ auf dem ein herrlicher nackter Jüngling unter lichtem Himmel über die dunkle Erde dahinschreitet, der kommenden Sonne entgegen, und „An die Schönheit“, auf dem ein nackter Jüngling anbetend vor der grandiosen Natur auf die Knie gefallen ist, und endlich „Fest“, auf dem prächtige nackte Menschen in hellenischer Weltfreude den Reigen tanzen, so steht man dem Problem der Jünglings- Schönheit nicht als sinnenblinder Germane, sondern als freier Hellene gegenüber, der das Schöne in allen seinen Formen anbetet. Ein ähnliches Empfinden beseelt L. v. Hoffmanns Bilder; man nennt diesen Meister nicht mit Unrecht einen „romantischen Hellenisten“; er vereinigt in der Tat Beides:
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252 o o DEREIGENE o o hellenische Sinnen- und Formenfreude mit deutsch-romantischer Innerlichkeit, wie kein anderer der gegenwärtig lebenden Maler; seine duftigen nackten Gestalten — andere gibt es auf seinen idealnaturalistischen Landschaften kaum — sind von einer allgemeinen Schönheit, daß man sie nicht mit Unrecht mit denen der hellenischen Plastik vergleicht: so z. B. der Jüngling auf dem Bilde „Frühlingssturm,“ jenem „gemalten Hochgesang auf den Lenz der Natur und den Lenz der Menschheit,“ ja das ist nicht der oder jener junge Mann, der zufällig die Kleider abgelegt hat, nein, das ist „der Jüngling,“ dessen feuriger Blick, dessen geschmeidige Glieder, kurz dessen immer neu erblühende Schönheit uns mit nie vergehendem Entzücken durchrieselt. In gesättigter Friedensstimmung erscheint derselbe Jüngling auf einem anderen Bilde, am Ufer eines Sees sitzend: den Hintergrund umsäumen mächtige Bäume, auf deren Wipfeln der Tag verglüht, und aus dem lockenumwallten Jünglingsantlitz mit den tiefen Augen blickt erhabener Friede; ähnlich gestaltet Hofmann auf allen seinen Bildern eine ideale Menschheit, der eine ihrer duftigsten Blüten, der Jüngling nie fehlt. Und endlich Fidus! Sein ganzes Schaffen ist nichts Anderes als ein ewiger Jubelhymnus auf den schönen Menschen, in erster Linie auf den schönen Jüngling und Knaben! Alle seine lieblichen Gestalten, die jetzt vereint in großen Sammelwerken* erschienen sind, sind in ihrer Unschuld und heiligen Schönheit geradezu eine Religion des so lange gesuchten „rein Mensch- lichen,“ in dem Seelenfrieden und Sinnenglück endlich nach jahrhundertlangem Ringen harmonisch vereint, dem Ideal einer wirklichen Kulturmenschheit nahe gekommen sind. Eigentlich sollten wir mit dem Blick auf diesen wunder- baren Gestalter unsere Wanderung beschließen. Aber ganz kurz muß doch noch der Bildhauerei der Gegenwart und letzten Vergangenheit gedacht werden.* Viel Rühmliches * Bei Bruhns in Minden und in der billigeren Sphinxsmappe bei Schwetschke, * Auf die englischen Prärafaeliten und deren Einfluß auf unsern deutschen Neu- idealismus wollen wir nicht mehr weiter eingehen; unser Artikel will nicht und kann nicht umfassend sein, am wenigsten bei der Behandlung der Gegenwart mit ihrem Chaos von Mode- und wirklich bedeutenden Künstlern; wir übergehen darum nicht ohne ERREN: auch Künstler wie Böcklin-Thoma, die für uns hier nur wenig Bedeutung haben,
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o o DER SCHÖNE JÜNGLING o o 253 ist allerdings von ihr nicht zu vermelden. Seit Thorwaldsen harrt Eros trauernd auf einen neuen Verherrlicher seiner Schönheit: die Bedeutung Schinkels und Rauchs, die heute noch weiten Einfluß haben, liegt auf andern Gebieten. Den größten Ruf genießt Begas, obwohl seiner Richtung der un- angenehme Geschmack der in Patriotismus machenden Hof- kunst beigemischt ist, ein Zug, den fast die meisten Bild- hauer nach 1870 gemeinsam haben, ist doch im Aufstellen Phrasenhaft hohler „Denkmäler“ keine Zeit so berüchtigt wie die seit 1870. Das Geschick des Eros in diesen Zeiten gleicht dem des Abel auf Begas wirkungsvoller Bronze- gruppe „Kain und Abel“, er liegt tot darnieder von seinem robusten, nüchterneren Bruder Patriotismus und Hofkunst er- schlagen ..... Rodin und Meunier, bezeichnenderweise Nicht- deutsche, sind die beiden Plastiker, von deren gesundem Naturalismus man auch für uns die Erlösung erwarten darf. Ganz vereinsamt in seiner schlichten, an die Meister des Quattrocento und an die Antike sich anschließenden Art steht A. Hildebrand unter den Plastikern des hohlen Prunkes; er schuf verschiedene nackte Knaben- und Jünglingsgestalten und ist einer der seltenen modernen Bildhauer, die den Sinn für einfache, innig wirkende Motive und speziell für die Schönheit des Jünglings noch nicht verloren haben. Damit wollen wir unsern Gang beschließen. Die Empfindung, die wir hiernach gegenüber unserer so viel Sepriesenen Gegenwart in künstlerischer Beziehung haben Werden, dürfte kaum die sein: „wie wirs dann so herrlich weit gebracht!“ Es sieht im Gegenteil so aus, als ob unsere Zeit an Künstlern mit echt hellenischem Schönheits- empfinden ärmer wie irgend eine andere Zeit künstlerischen Aufschwungs ist. Da gilt es nun zu kämpfen für Alle, die wir uns zu des Eros Schönheitsbanner bekennen, zu kämpfen für eine freie geläuterte Religion und Weltanschauung der Schönheit, die sich nicht muckerisch die Augen zuhält vor der schönsten Erscheinung des Menschenlebens, vor dem hüllenlosen jungen Menschen. Todfeindlich ist uns jede
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254 o o DEREIGENE o o Weltanschauung, die nicht alle ihre Kräfte für diese Welt, die wir allein kennen und lieben, einzusetzen lehrt, todfeindlich jede Ethik, die etwas Anderes als das Reinmenschliche von uns fordert! Man sage nicht: was hat denn das Alles mit der Kunst und mit dem schönen Jüngling zu tun? Unser Gang durch die Geschichte der Kunst lehrte uns, wie im letzten Grund immer die jeweilig angenommene Weltan- schauung bestimmend für die Gestaltung der künstlerischen Ideale war: und unser borniertes Philistertum mit seinem „Ideal“ des Hurrapatriotismus und seinem Muckertum ist im letzten Grunde schuld daran, daß wir keinen Praxiteles, keinen Michelangelo haben. Man muß die Wurzel des Baumes anders nähren, wenn man schönere Blüten und bessere Früchte haben will. Darum ergeht der Ruf an uns Alle: fangen wir im Kleinen an, an uns selbst, an unserer Umgebung, wenn wir wirklich mit dem Feuer der Begeisterung für unsere Idee eintreten, sind wir unwiderstehlich! DR. OÖ. KIEFER RELIEF VON BERNINI
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DAIDALOoSs UND IKAROS CANOVA
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CHARLES ALGERNON SWINBURNE HERMAPHRODITUS Schau suchend um Dich, wende Lipp und Lider Nach blinder Lieb, Dir Nacht und Ruh zu leihn; Dein matter Mund scheint maßlos müd zu sein Und nur Dein langes Lächeln ist noch müder. Ist Lieb nie süß genug für diese Glieder, Soll beider Lieben beste Dir sich weihn, An beiden Blüten dieser Brüste Dein Wogt zwiefach Liebeskampfspiel auf und nieder Ihr Hauch ist Glut in der verliebten Luft, Glut ist Dein Aug und wo Dein Atem wandelt, Und wer Dich sah und Deiner Schönheit Duft Fühlt zwiefach all sein Blut in Glut verwandelt: Verzweifelung, in heißem Wunsch verloren, Und heißer Wunsch, verzweifelunggeboren. 2: Wo Leben sich vom Schlafe zaudernd trennt, Das Haupt mit Liebe wie mit Gold umwunden, Ruhn die Geschlechter, Leib und Lipp verbunden; Doch statt des zukunftsreichen Bundes brennt Ein toter Kuß, der keine Früchte kennt, Und wird doch also glutdurchhaucht erfunden, Daß er mit Todes Tod erst wird gesunden, Wenn gleich nicht Schlaf, nicht Leben ihn benennt. Aus flüchtgem Fleisch schuf Liebe sich den Leib Zum Lusthaus allen, die in seinem Bann; Da saß zur Rechten sündegleich ein Weib Und links, dem bittren Tode gleich, ein Mann; So schied sie denn, die Brust voll Seufzerpein, Die Augen dichtumflort und trat nicht ein. 18
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DER EIGENE o o 3: Liebe, ists Liebe, Schatten, Schlaf, der wacht Der zwischen Augenlid und Aug Dir liegt, Sich blumengleich auf einer Blume wiegt, Oder wie Nachttau liegt auf dunkler Nacht? Liebe hält rechts und links Dir treue Wacht Und wird doch nie, so lang die Erde fliegt, Zum Mann Dich machen, der ein Weib besiegt, Oder zum Weib, das Mannes Wunsch entfacht. Welch fremder Gott schuf Dich zu fremdem Sinn, Zwiefache Knospe zwei fruchtloser Blüten, Hieß Liebe Deiner Locken Pracht behüten, Und gab Dir Lenz und sanften Regen hin Und alles Gold, mit dem das Jahr umwunden, Dir schönem Rätsel unfruchtbarer Stunden? 4. Wars Liebe? Nein, ich sah daß Furcht es war! Doch nein, nicht Furcht, es mußte Liebe sein! Wie blühte sonst wie eine Blume rein Dein Leib und höbe sich Dein Lid so klar Vom holden Aug, das Tränen nie gebar — Fließt auch um Dich viel blutger Tränen Pein, Hier, wo sich Tod und Lieb und Leben reihn — So süß, so wünschenswert, so wunderbar. Süße, ich weiß und sahs, wie sanft und licht Dein Leib in Weibes- und in Wassersküssen In feuchter Quelle Rieselglanz vergeht, Wie mild Dein Auge dämpft das laute Licht, Dein Knabenatem seufzerhaft verweht — Doch Lieb ist blind — was kann sie davon wissen ? Im Museum des Louvre, März 1863. Deutsch von Walther Ehrenfried u——y
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REIGEN DER ENGEL j GUIDO RENI MARCEL. or sich hin träumend saß Bruder Gallus in seiner Zelle. Sein Leben zieht vorüber, bunt, schön, farbenreich., Wie war dies Leben doch herrlich gewesen, so sonnig, wenn nur nicht die eine finstere Wolke seinen hellen, klaren Lebenstag verdunkelt hätte. Diese Wolke nahm ihm Alles und stieß ihn in die finstre Nacht des Klosterlebens hinein, wo er jetzt noch frierend und nach der Lebens- sonne suchend, lebt. Sechsundzwanzig erst und schon fünf Jahre von der Welt abge- schlossen. Tot im Kloster! Gibt es keine Rettung? Den Mut, ein neues Leben zu beginnen, hätte er schon, aber wenn er nochmal Marcel sehen würde? Nein, dies darf nicht geschehen — lieber hier bleiben und — beten. Beten! um Verzeihung und für Marcel! O, da hatte er genug zu tun, stündlich wollte er es tun, vielleicht erhört der liebe Gott sein Flehen und läßt Marcel, seinen Engel, sein Alles, nicht straucheln. Wo mag er sein? — — — lebt er noch? schlecht ist er nicht, nein alles Andere, lieber tot, nur nicht schlecht. Er selbst war schlecht, zu schlecht für seinen Marcel. Wie hatte er schon gelitten und was dultet er noch heute und wirds immer dulden. Das Heiligste hatte er dem Knaben geraubt und ihn dann ver- lassen — — er vermag nicht weiter denken. Büßen will er bis an sein Ende, vielleicht kann er mit seinem Leben gut machen, was er aus Liebe einem andern getan. 18*
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260 o o DEREIGENE o o Eine junge hoffnungsvolle Lebensknospe hat er mit Gewalt er- brochen, mit unvernünftiger Liebe zu früh zum Blühen gezwungen. OÖ, heut sollt es anders sein, damals war er ja auch erst einundzwanzig Jahre, jung und leichtsinnig, damals war er der verwöhnte Liebling der Welt, er war schön, bildschön, nur dies war sein Verderb; wäre er häßlich gewesen, wie die Nacht, vielleicht wäre es besser. Wie glücklich und stolz war er. Seine Eltern waren die Reichsten der kleinen Stadt, in der er geboren. Er war ihr einziges Kind. In Paris wurde er erzogen. In Paris! — ja, wenn es eine andere Stadt gewesen wäre, doch die Eltern hatten es gut gemeint, die trifft keine Schuld. Die Schönsten lagen zu seinen Füßen, er war ja der Adonis, die Sonne, nach der alle strebten. Doch niemand hatte ihn zu fesseln ver- mocht; auch heute noch, wenn er wieder nach Paris käme, sollten sie kein Glück haben, davon ist er überzeugt. Gallus saß in der Oper, auf der Bühne girrten Tristan und Isolde. In der Loge vis & vis saß ein hübscher Jüngling. Gallus, der sonst nur für das Spiel Aug und Ohr hatte, war heut ganz verändert, er schaute immer wieder nach drüben und da, — jetzt hat er einen Blick aufgefangen von dem „schönen Jungen“. Was sind Tristan und Isolde für Jammergestalten gegen diesen dort! Ja, hätte Wagner diesen Knaben in seinem Leben gesehen, er hätte sein größtes Werk darauf erbaut und hätte diesen dort gewiß als Götterliebling in den Armen Aller im goldenen Olymp ruhen lassen und Singen: „O habt mich lieb, OÖ habt mich lieb, Ich dürst nach Lieb, Nach Liebe“. — Wie unersättlich, wie glutvoll ihn diese Augen dort drüben an- schauten! — — Die Pause kam. Im Foyer lief Gallus suchend umher. Die Pause war zu Ende, es läutete zum ersten Mal, da — kam er — der Götter- knabe. Sie schauten sich an, tief — verständnisvoll. Es läutete wieder, ein Gruß und Marcel war davon. „Gallus weißt Du noch, als wir uns zum ersten Mal sahen, wie wir uns beide anschauten, als wollten wir uns einander die Seele aus- trinken?“ „Wie könnt ich dies wohl vergessen, mein Engel, denn seit der Zeit lebe ich ja erst.“
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o o MARCEL ®o 261 „Heute ist es einviertel Jahr, daß wir uns kennen. Kommst Du heute Abend zu uns? Elvira wird glücklich sein.“ „Ja Marcel, ich komme, doch laß Du mich glücklich werden, sonst sterbe ich noch.“ Marcel schaute Gallus groß an und sagte: „Wenn es in meiner Macht steht, Dich glücklich zu machen, so will ich es mit Freuden tun. Du bist ja mein Freund. Mama ist auch sehr froh darüber, daß ich Dich meinen Freund nennen darf, sie schätzt Dich sehr. „Marcel ich will Dir ewig ein Freund bleiben, suche mich in der Stunde der Not, Du sollst sehen, daß ein wahrer Freund für den andern Alles kann!“ — „O Gallus, Du bist edel, ich wünschte, ich wäre wie Du.“ „Mein kleiner Freund, Du bist ja tausendmal besser als ich, doch wir sind jetzt am Ziel. Heute Abend bin ich bei Euch und morgen früh um 11 Uhr kommst Du zu mir, wie Du mirs versprochen hast.“ „Leb wohl, Gallus, komme nicht zu spät.“ „Behüt Dich Gott, Marcel.“ — Ein recht unfreundlicher und regnerischer Septembertag. Es däm- merte bereits. Alles tot auf den Straßen, nur dort oben an der Ecke steht ein Mann und schaut hinauf zur hell erleuchteten ersten Etage. „Was fange ich noch an? Stundenlang laufe ich schon umher wie besessen. Drei Tage sind es her, seit ich ihn zum letzten Mal gesehen. Was tut er, wie geht es ihm? O warum wurde ich schwach und ließ mich verleiten? — — — Jetzt ist es aus, aus für immer. — Wie lieb und gut war er und wie glücklich strahlten seine schönen Augen, als er um 4 Uhr von mir ging. Noch brennt sein letzter Kuß auf mei- nen Lippen. Marcel, Marcel, o mein Gott, jetzt sehe ich erst, was ich getan! Eine schöne‘ Rosenknospe mit Gewalt geöffnet, wenn sie jetzt ver- welkt, wenn — — — Gott, was bin ich für ein Schändlicher! Ich bin sein Zerstörer. Wo ist er nur? dreimal habe ich in den letzten Tagen vorgesprochen bei den Seinen, aber er, der mir sonst wie ein Reh entgegenhüpfte, war nie dort. Sollte jemand etwas ahnen? — Die Eltern, Elvira? Nein, diese waren liebenswürdig und zuvorkommend wie immer. Er empfindet Reue, wird mich jetzt verabscheuen, beschimpfen und ich, ich werde es tragen müssen, ich bin ja der Dieb seiner Jugend. OÖ Marcel, Du bist zu gut für mich, ich fliehe, aber wohin? werde ich Dich nicht überall sehen? Mein Engel hat Gewissensbisse, wie jede reine Seele, die zum ersten Mal — — geliebt! Die Zeit, die nun folgt, ist für beide fürchterlich. Marcel wagte
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962 o o DER EIGENE o o £4 nicht aufzustehen vor Scham und Weh. Er weinte täglich und wurde blaß und wortkarg — — — Gallus lag schon acht Tage zu Bett. Matt, hinfällig, er vermochte nicht einmal zu denken. Die Ärzte schüttelten die Köpfe. Was sollten auch hier die Ärzte, wo die Seele nur todkrank war? Es war Freitags um 5 Uhr des Nachmittags, als ihm Madame Blou- dee und deren Sohn gemeldet wurden. Er glaubte nicht recht zu hören und war kaum Herr seiner Sinne, als beide eintraten und sich nach seinem Befinden erkundigten. Marcel sah sehr blaß aus und hatte eingefallene Augen. Er war traurig und schien geweint zu haben. — — — Jetzt empfehlen sie sich und mit dem Abschiedsgruß Marcels er- hielt er einen Brief in die Hand gedrückt. „Mon cher amie! Wenn ich Dir weh getan, vergib. Ich konnte nicht anders, mir ist so krank und weh ums Herz, daß ich am liebsten sterben möchte. Du sagtest oft, ein Freund kann für den anderen Alles tun. Jetzt ve- weise es: Sei morgen wieder gesund, für mich gesund! Doch laß mich alleine — ich darf Dich nicht mehr sehen. Sollten sich unsere Wege noch einmal kreuzen, laß uns ruhig an einander vorüber gehen, es ist für uns beide am besten. Im Herzen trage ich Dein liebes Bild vom ersten Tage unserer Be- kanntschaft und niemand soli es mir rauben, es ist mir heilig. Alles Andere werfe ich in den Lethe und will nicht mehr klagen. Täglich will ich für meinen Gallus leben, wie für einen lieben Toten und ein Wiedersehen in einer anderen Welt erflehen. Vergib, ich kann nicht anders, oder ich werde irre an mir selber. Habe Dank für Alles, Lieber, was Du einst dem Knaben Marcel getan hast, laß Dir zum letzten Mal Deine schönen lieben Augen von Dem küssen, der seine goldene, sorglose Jugend verloren hat. Täglich und stündlich wird Dein Marcel im Geiste bei Dir sein, doch Dich selbst darf ich nicht mehr sehen — uns trennt unser Ver- hängnis.“ Am andern Tage war Gallus gesund. Traumverloren stand er am Ufer der Seinte. Sollte er es tun? Dann wäre ja alles gut. Da kommt, wie er sich schon im Geiste im Wasser sieht — Marcel. Er hätte aufschreien mögen. Marcel ging anscheinend ruhig vorüber, grüßte und Gallus jauchzt: „Marcel!“ Am nächsten Tage war Gallus im Kloster. Marcel hatte ihn ge- rettet von der letzten Sünde.
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o o MARCEL o o 263 Wir sehen Bruder Gallus in seiner Zelle schlafend sitzen. Vor ihm liegt ein Brief, den er wohl tausendmal gelesen hat. Sein letzter aus der Welt. Er lächelt im Schlaf und seine Lippen lispeln: „Marcel — — Marcel — —“ Gerade in diesem Augenblick wurde unten der Türhammer ge- schwungen. Bruder Pförtner schlürfte langsam hinaus und ließ einen zweiund- zwanzigjährigen jungen Mann ein. „Ein weltmüder Wanderer sucht am Herzen Jesu Ruh —* „Gelobt sei Jesus Christus in Ewigkeit. Amen.“ Damit schloß sich die Welt für einen Müden. — — — Vierzehn Tage waren langsam wie eine Ewigkeit vorübergeschlichen. Der jüngste Novize, hatte sich schon ans Klosterleben gewöhnt. Gallus und Marcel wohnten unter einem Dache! Beide wußten es. Gallus geht still vorüber, obwohl sein Herz zum Zerspringen pocht. Er hat im Klosterleben Das gelernt, was ihm in der Welt fehlte — entsagen! Marcel ist traurig; er hat einen größeren Schmerz im Herzen als den ersten. Seine letzte Hoffnung war das Kloster und hier muß er. Den wieder- finden, den er einst ins Elend gestoßen hat. Heute denkt Marcel anders als vor fünf Jahren. Freilich, damals war er noch ein halber Knabe. Ein leises Jammern weckt Gallus, der seit langer Zeit wieder ein- mal Ruhe gefunden hat. — — „Vergib, vergib — Gallus, vergib mir —“ Starr richtet sich Gallus empor. Waren es Gespenster oder Ein- bildungen? Da klang es klar und deutlich: „Töte mich, ich habe es verdient!“ 0, diese Stimme kannte er; er bebte vor Aufregung. „Gallus! Gallus! —* „Marcel, o mein Marcel! So muß ich Dich wiederfinden, Dich, meinen stolzen Marcel, der mir die Ruhe und den Frieden meiner Seele nahm?“ „Gallus, Du bist zu edel um mir nicht verzeihen zu können, tue’ es, ehe es — zu spät ist.“ „Was führt Dich ins Kloster, du Jüngling — wenn uns Jemand hört! Die Wände sind dünn und die Mauern haben Ohren!“ „Laß doch, was kümmern mich noch die Andern? Dich mußte ich noch einmal sehen, Deine Vergebung haben — ehe — —“ „Marcel, sei kein Tor! Was bringt Dich ins Kloster?“ „Frage nicht!“
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264 o o DER EIGENE o © „Ich muß! Vielleicht bist Du noch zu retten; hier kannst du sonst nie mehr 'heraus.“ „Nein, ich weiß es!“ „Was bringt Dich hierher?“ „Dein Schicksal teile ich — ich — bin ein — Verbrecher, ein Ver- derber einer schönen, jungen Seele!“ Beide weinen und liegen sich in den Armen. „OÖ Du Armer, fluche mir doch, ich habe Dich einst verderbt, fluche mir, Marcel.“ „Nein, Gallus, Du hast gesühnt, Du bist stark und Gott und ich haben Dir verziehen. Aber ich kann nicht sühnen — ich kann keine Vergebung erlangen, mein Opfer ist — tot — —“ „Wie schwerer duldest Du!“ „Nicht mehr lange. Nun sterbe ich, Gallus. Schnell, vergib mir — ehe — ich tot bin, ich habe Gift genommen.“ „Gott im Himmel steh mir bei! Marcel, Marcel! Tot — o wie kalt er schon ist. — Tot in den Armen seines Verführers. Marcel! Marcel! — Ich komme gleich, — warte, ich suche nur noch meinen Lendengurt — — —“ Die Messe war vorbei. „Wo sind denn Gallus und der Novize?“ fragte man sich beim Verlassen der Kapelle. — — Am andern Tage trugen die frommen Männer einen Sarg zur Gruft und nebeneinander ruhen darin Gallus und Marcel. Der Tod war gütig, das Leben duldete sie nicht zusammen. Jetzt ruhen sie ewig Hand in Hand. Der Abt hatte es so bestimmt; er war auch einst aus der Welt ge- flohen und verstand die Beiden. Täglich liegen die Mönche, die sonst so streng und unnahbar sind, auf den Knien und beten für das Seelenheil zweier Sünder. Ihre Gebete werden auch sicher erhört, denn die Bibel sagt ja ver- heißungsvoll: „Wer viel geliebt hat, dem wird viel vergeben,“ HANS ARDEN
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267 ZEUS UND GANYMED* Zeus: Nun wohnest Du in meinem Himmel, Nun bist Du jeder Freude voll, Die, fern dem menschlichen Gewimmel, Die Göttlichen erheitern soll. Du kannst Ambrosia genießen, Dir winkt des Nektars Zaubertrank, Und Wunderblumen siehst Du sprießen, Ertönt Apollos Lustgesang. Es hat der oberste -der Götter In seine Schar Dich eingereiht; Nicht Dein Entführer — nein, Dein Retter Ist er aus der Alltäglichkeit. Von seinem Geist bist Du umfangen, Sein größrer Sinn ward Dir zuteil. Füllt sich noch jetzt Dein Herz mit Bangen? Sind nun nicht alle Wunden heil? Ganymed: Du hast mich beglückt, mein himmlischer Vater — Ach, nenn ich Dich so? oder nenn ich Dich Freund? Beseligt folg ich Dir, hoher Berater. Auf ewig laß mich mit Dir vereint! Ich war gefesselt in irdischen Banden, In Finsternis war mein Auge gehüllt; Da bist Du mir als Befreier erstanden Und zeigst mir der Sonne leuchtendes Bild. * Das reizende Bild auf Seite 29 des Januarheftes, das in selten feinsinniger Weise die Auffassung Goethes über den erzieherischen Wert der Lieblingsminne wiederspiegelt, gab die Anregung zu dem Gedicht.
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268 o o DER EIGENE o o Du lässest mich kosten die himmlischen Freuden, Drückst weihend auf Stirn mir und Lippen den Kuß — Nicht möcht ich dies Alles je wieder meiden, Und doch: Eins ist mir der höchste Genuß Gewähr mir auf ewig, o Zeus, Deine Liebe, Die wärmend und hell aus dem Herzen Dir quillt, Wie ich sie Dir widme in heiligem Triebe; Dann ist mein Sehnen, mein Bangen gestillt! Zeus: Du wählst das schönste Kleinod Dir von allen, Das Menschen je und Götter hat entzückt: Zum Herrlichsten erhebt sich Dein Gefallen — OÖ habe Dank, daß Du mich so erquickt! Mit Freuden geb ich Dir, was Du begehrt, Solange Deine Liebe zu mir währt. Denn selbst ein Gott, mag er auch willig spenden, Was stammelnd sonst noch kaum erbeten ward: Sein eigen Selbst kann niemals er verschwenden, Wo sich nicht Sehnsucht liebend offenbart. Drum sei getreu! Dann wird durch Blick und Mund Dir stets die Liebe meines Herzens kund! MAX KATTE. 5
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269 GANYMED Möchte Dich so gerne... . „haben,“ Schalk, der schnell versteht, Muster aller Schenkenknaben, Süßer Ganymed! Reichst mit Grazie mir den Becher Wie ein Kavalier, Und es schaut verliebt der Zecher In die Augen Dir! Folgt verzaubert Deinen Tritten, Eilest Du vorbei, Komm, laß Dich nicht lange bitten, Und hübsch artig sei! Tragen Deine Wangen Rosen, Ist Dein Mund so weich, Warum läßt Du mich nicht kosen, Ewgen Göttern gleich? Warum willst Du nicht enthüllen Deiner Glieder Pracht? Warum willst Du nicht erfüllen Meinen Wunsch heut Nacht? Oder sag, was ich vollbringen, Wie ich lieben muß! Aber halt! Vor allen Dingen Gib mir einen Kuß! HADRIAN LIS)
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KENNST DU DAS WEH? Kennst du das Weh, wenn sich im Sonnenglanze Die Erde schmückt, Wenn hehr sie strahlt in ihrem schönsten Kranze So hold beglückt; Wenn alles sich an ihrer Schönheit weidet, Kennst du den Schmerz, wenn nur dein Herze leidet? Kennst du das Weh? Kennst du das Weh wenn still am Himmelsbogen Die Sterne stehn, Und hoch die unruhvollen Wogen des Herzens gehn? Wenn du dich einsam fühlest, ganz verlassen, Und keine Seele will dein Weinen fassen, Kennst Du das Weh? Kennst du das Weh, wenn schweren Kampf Zu kämpfen du mutig ringst? Und nicht vermagst die innere Glut zu dämpfen, Sie nicht bezwingst? Wenn du verzweifelnd mit dir selbst mußt streiten, Kennst du die Qual, das tiefe Leiden, Kennst du das Weh? IMAGO FF)
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DIE GRABLEGUNG RAVESANI
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Universitäts- Bih'isihek Berin. J
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MANOR . Mitten im nördlichen Ozean liegt eine Gruppe von 35 Inseln, einsam und verlassen, gleich fern von Schottland, Island und Norwegen, die Färöer genannt, öde, felsig, wolkenumschleiert, durchtönt vom schwer- mutsvollen Geschrei flatternder Möwen und Kieren, umrauscht von brandenden Wogen, fast stets in Nebel gehüllt. Im Innern Bergesgipfel 1800 und 2000 Fuß über Meer; rauhe Felsen; düstre Schluchten; Tannenurwälder; tausende von Quellen, die sich oft aus großer Höhe tosend und schäumend hinabstürzen von Block zu Block. Die Ufer tiefeingeschnitten von Buchten und Fjorden; fast überall unnahbar von hohen Felsen umsäumt. Das Meer klippenvoll ringsum; hie und da gänzlich verrammelt; beunruhigt von Wasserwirbeln; von wilden Strö- mungen durchwogt. Nur 17 sind bewohnt. Strömö und Wagö trennt nur ein schmaler Sund; durchschwimmbar; freilich gehört ein kühner Schwimmer dazu. Mancher Ortsname erinnert an die Zeit, da auf den Färöern noch keine Kirchen standen und der alte Glaube noch nicht vertrieben war, z. B. Thorshavn an der Küste von Strömö, d. i. Strominsel. In jenen Tagen ruderte von Strömö ein Fischer mit seinem 15 jährigen Sohne ins offene Meer hinaus. Es erhob sich ein Sturm; das Boot schlug um; in die Klippen von Wagö warf es den Sohn. Das sah auf Wagö ein junger Schiffer. Sprang in die Wellen, schwamm zwischen die Klippen, ergriff den treibenden Körper, zog ihn» ans Land. Setzte sich mit ihm auf einen Block; hegte den Halberstarrten auf seinen Knieen in den Armen. Da schlug dieser die Augen auf. Schiffer: „Wie heißt Du?“ Knabe: „Har; ich bin von Strömö.“ Ruderte ihn über den Sund nach Strömö zurück; brachte ihn zu Lära, seiner Mutter. Dankbar umschlang beim Abschied der Knabe den 19
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274 o o DER EIGENE o o Hals seines Retters. Der Vater ward als Leiche von den Wellen ans Land gespült. Der Schiffer hieß Manor. War elternlos, vier Jahr älter als Har. Hatte ihn lieb gewonnen. Sehnte sich ihn wiederzu- sehn. Ruderte nun bisweilen hinüber nach Strömö oder durchschwamm die lauwarmen Wellen da der Sommer kam, Abends wenns Tagewerk vollbracht. Har ging ans Ufer, erklomm eine Klippe, schwenkte sein Tuch, wenn er von weitem Manors Nachen kommen sah. Blieben dann beisammen, eine oder zwei Stunden lang. Ruderten hinaus bei ruhiger See und sangen Matrosenlieder. Oder entkleideten sich, tauchten in die Wellen, schwammen zur nahen Sandbank, die gegenüber lag; und die Robben entflohen, die dort auf dem Sande sich sonnten. Oder gingen in den dunkelgrünen Wald hoher Tannen, deren rauschende Wipfel die Sprache Tors verkündeten, oder setzten sich unter die Zweige einer alten Buche auf einen Stein. Plauderten; machten Pläne. Komme einmal ein Schiff, das auf den Walfischfang segle, dann wollten sie beide mit. Und saßen sie so auf dem Stein, dann legte Manor seinen Arm um Hars Schultern und nannte ihn: „Min Jong“ und dem Knaben war nicht wohler, als wenn Manor ihn so umschlungen hielt. War es schon spät, wenn er kam, dann ging er leise bis an den Fliederbusch, der Hars Fenster beschattete, und klopfte an die Scheiben. Har erwachte und stahl sich zu ihm hinaus. Fühlte sich so glücklich, konnte er bei Manor sein. Il. Da kam ein dänischer Dreimaster, ankerte in Wagö’s. sicherer Bucht, suchte Matrosen für eine Fahrt von zwei Monaten zum Wal- fischfang. Manor ging an Bord. Den schlankgewachsnen jugend- frischen Burschen nahm der Kapitän sogleich an. Har wollte mit als Schiffsjunge. Lära aber sagte jammernd: „Bist mein einzig Kind! Deinen Vater verschlang mir die See. Du willst mich verlassen?“ Har blieb. Manor ging. Das Schiff lichtete die Anker. Zwei Monat waren verflossen. Es ward schon winterlich. Har bestieg die Klippe, schaute in die Ferne, sah eines Morgens das Schiff kommen, schwenkte freudig das Tuch. Doch es war stürmisch; die Brandung ging hoch. Es steuerte auf die Bucht von Wagö zu. Konnte Wagö nicht erreichen, ward verschlagen in die gefährlichen Riffe von Strömö, strandete vor Hars Augen. Er sah, wie die Schiffbrüchigen mit den Wellen kämpften. Erblickte einen unter ihnen, der mit kräftigem Arm eine Planke ergriff, im nächsten Augenblick aber samt Planke in
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o o MANOR o o 275 den Strudel der Brandung hinabgeschlürft ward. Er kannte ihn. Es war Manor. Viele Leichen trieb die Flut ans Land. Man breitete Stroh auf den Strand, legte sie darauf, Leiche neben Leiche. Har half mit, musterte die niedergelegten. Da brachte man auch Manors Leiche, legte sie auf das Stroh. Lag nun vor ihm da mit nassem Haar, aus dem Seewasser hervortroff, geschlossenen Augen, kalt, mit erblaßten Lippen und bleichen Wangen, aus denen das Blut gewichen, schlank von Gestalt, im Tode noch schön anzuschaun. „So also, Manor, muß ich Dich wiedersehn!“ rief er aus, warf sich schluchzend über den geliebten Körper und kostete noch einen Augenblick die Wonne der Umarmung. Man brachte die Leichen über den Sund; begrub sie noch an demselben Tage in den Sanddünen von Wagö. IM. Am Abend saß Har in der Hütte düster und stumm. Lära wollte ihn trösten. Er aber wollte keinen Trost; er fluchte den Göttern. Ging zu Bett. Konnte nicht einschlafen. Gegen Mitternacht verfiel er in Halbschlummer. Da weckte ihn ein Geräusch. Er schaute auf. Es war draußen am Fenster. Die Zweige des Fliederstrauchs knickten sich und es raschelte in seinen trocknen Blättern. Das Fenster ward geöffnet; eine Gestalt stieg herein. Ha! Er kannte die Gestalt! Trotz der Dunkel- heit hatte er sie sogleich erkannt! Langsamen Schritts kam sie heran; legte sich zu ihm ins Bett; er zitterte; aber er wehrte ihr nicht. Streichelte ihm die Wangen, aber mit kalter Hand, o! so kalt, so kalt! Ihn durchschauerte Fieberfrost. Küßte den warmen schwellenden Knabenmund mit eiskalten Lippen. Er fühlte des Küssenden nasses Gewand; nasses Haar hing auf die Stirn ihm herab. Ihn durchfuhr ein Grauen. Aber es war mit Wonne gemischt. Die Gestalt seufzte. Ihm klang’s, als wolle sie sagen: „Mich trieb die Sehnsucht her zu Dir! Ich finde nicht Ruhe im Grab!“ Er wagte nicht zu sprechen. Zu atmen wagte er kaum. Und schon erhob sich die Gestalt. Seufzte als wollte sie sagen: „Nun muß ich wieder zurück!“ Erstieg die Fensterbank; entfernte sich wie sie gekommen. „Manor ist da gewesen,“ sagte Har leise vor sich hin. In derselben Nacht war ein Fischer von Strömö draußen im Sund 19*
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DER EIGENE o c o o o 276 S mit seinem Boot. Es leuchtete die See. Von seinem Ruder troffen schimmernde Funken herab. Da, kurz vor Mitternacht, hört er selt- sames Rauschen. Sah, wie etwas hindurchschoß durch die leuchtenden Wellen, etwas, dessen Gestalt er nicht unterschied, mit der Geschwindig- keit eines großen Fisches, in der Richtung auf Strömö. Ein Fisch war es nicht, so viel konnte er im Dunkel erkennen. In nächster Nacht kam Manor wieder, eiskalt wie gestern, doch verlangender. Umschlang den Knaben mit kalten Armen: küßte ihm Wange und Mund; legte den Kopf ihm auf die weiche Brust. Har erbebte. Ihm fing das Herz zu pochen an bei dieser innigen Um- schlingung. Und gerade auf das pochende Herz legte Manor den Kopf. Die Lippen suchten den sanft schwellenden Hügel über dem Herzen, der durch das Pochen mit in Bewegung geriet. Dort begann er zu saugen, verlangend und dürstend, wie ein Säugling an Mutter- brust. Doch schon nach wenigen Augenblicken ließ er nach; erhob sich; entfernte sich. Har war zu Mut, als ob ein saugendes Tier sich an ihm vollgesogen. Auch in dieser Nacht hatte der Fischer wieder im Sunde zu tun. Genau um dieselbe Stunde wie gestern kams wieder herangerauscht. Kam diesmal nah an ihm vorüber. Im blassen Mondlicht konnte er erkennen: es war ein schwimmender Mensch. Schwamm auf der rechten Seite liegend, wie bisweilen Matrosen schwimmen, aber be- kleidet mit einem Totenhemd. Ihn schien der Schwimmer gar nicht zu bemerken, obgleich er das Gesicht ihm zugekehrt hielt. Schwamm mit geschlossenen Augen. Der Anblick war ihm so befremdend, daß er seine ausgespannten Netze einzog und wegruderte. Auch in den nächsten Nächten kam Manor wieder. Umarmte den Knaben bisweilen im Schlaf. Denn hin und wieder überkam ihn Schlaf, bis Manor kam. Erwachte dann in seiner Umarmung. jedesmal suchten die Lippen die weiche Erhöhung über dem Herzen. War es Tag geworden, so sah Har dann und wann, wie aus der linken Brust- warze ihm noch ein schwaches Tröpflein Blut hervorperlte. Wischte es mit dem Hemde weg. War auch wohl schon von selbst ein Tröpflein ins Hemd gelaufen. Nur in der Vollmondnacht kam er nicht. Ein Toter ist oft mächtig erfüllt von Sehnsucht nach einem oder dem andren unter seinen zurückgelassenen Lieben, so mächtig, daß er Nachts das Grab verläßt und zu ihm kommt. Denn das ist alter Glaube, daß Urda manchem um Mitternacht kurzes Halbleben zurück- gibt und dann seltsame Kräfte von jenseit des Grabes verleiht.
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o o MANOR o o 277 Kommt besonders vor bei jungen Leuten, die in der Blüte der Jahre der bittere Tod hinwegraffte. Den Zurückkehrenden erfüllt zugleich große Blut- und Wärmebedürftigkeit. Darum lechzt er nach dem frischen Blut der Lebenden und, wie ein Liebender, nach Umarmungen. Aber er teilt auch große Sehnsucht mit und bereitet dadurch oft heftige Qual. So auch hier. Har quälte sich den ganzen Tag und härmte sich. Mit Ungeduld aber erwartete er die Nacht und ersehnte die wonnigen Schauer der mitternächtigen Umarmung. IV. So mochten zwölf Tage vergangen sein. Lära: Bist so bleich und so blaß. Was ist Dir, Har? Er: Nichts, Mutter. Sie: Bist so still. Er seufzte. — — Im letzten Häuschen des Dorfs wohnte eine weise Frau, die aller- lei Geheimnisse wußte. Zu der ging die besorgte Mutter. Die weise Frau warf Runenstäbe. Weise Frau: Ihn besuchen die Toten. Lära: Die Toten? Weise Frau: Ja, des Nachts; und daran muß einer sterben, wenn dem Besuch nicht bei Zeiten Einhalt geschieht, eh es zu spät ist Bestürzt kehrte Lära heim. Sie: Ists wahr, Har, bekommst Du Totenbesuch ? Er blickte zu Boden. „Manor ist dagewesen“, sagte er leise und sank ihr weinend an die Brust. Sie: So mögen Dir die Götter gnädig sein! Er: Die Götter? Pahl! Was sollen mir jetzt noch die Götter! Als er sich an die Planke klammerte, o weh! o weh! da war es Zeit, mir gnädig zu sei, wenn sie es wollten. Aber erbarmungslos ließen sie ihn versinken. Wie hab ich ihn so lieb gehabt! — — Nun bemerkte sie auch die Blutspuren in seinem Hemde. Da ging sie zu den Dorfältesten. Diese ruderten hinüber nach Wagö mit Mutter und Sohn und auch die weise Frau nahmen sie mit. Zu den Wagöern sagten sie: „Eure Gräber schließen nicht. Einer verläßt sein Grab jede Nacht; kommt herüber zu uns; saugt sich voll am Blut dieses Knaben.“ Die Wagöer: So wollen wir ihn festmachen.
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278 o o DER EIGENE o co Griffen einen tannenen Pfahl, manneslang und mehr als armesdick, den sie mit einem Beil viereckig behieben, unten fußlang zugespitzt. Gingen zu den Dünen; einer trug den Pfahl, ein andrer eine schwere Axt. Öffneten Manors Grab. Da lag er ruhig und still vor ihnen da im Totenhemd. Erster Wagöer: Seht, er liegt noch so, wie wir ihn hineingelegt. Weise Frau: Weil er sich jedesmal wieder in die alte Stellung legt. Zweiter Wagöer: Sein Gesicht ist ja fast frischer als damals. Weise Frau: Kein Wunder. Dafür ist Hars Gesicht jetzt desto blasser. Har stieg hinab und warf sich nochmals über die geliebte Leiche. „Manor! Manor!“ rief er mit angsterfüllter Stimme. „Sie wollen Dich pfählen! Manor, erwache! Schlage die Augen auf! Dich ruft Dein Har.« Aber er schlug die Augen nicht auf. Regungslos lag er unter Hars Umarmung, wie vor zwölf Tagen am Strande auf dem Stroh. Har wollte ihn nicht loslassen. Sie rissen ihn weg. Setzten Manor die Spitze des Pfahls auf die Brust. Ächzend wandte sich Har. Fiel der Mutter um den Hals. An ihrer Schulter barg er sein Gesicht, „Mutter!“ rief er aus; „warum hast Du mir das getan!« Die flache Rückseite der Axt hörte er niederfallen auf den Pfahl und den Pfahl stöhnen. Ein schwerer Schlag; noch ein Schlag und noch ein halb Dutzend Schläge. Erster Wagöer: Nun ist er festgemacht! Zweiter: Das Wiederkommen soll er nun wohl bleiben lassen. Har trugen sie halbohnmächtig davon. „Nun wird er Dich in Ruhe lassen, mein liebes Kind!« sagte Lära, da sie wieder in ihrer Hütte waren. Betrübt ging er zu Bett. „Nun kommt er nicht mehr!“ sagte er kummervoll vor sich hin. War müde und matt. Friedios aber und ruhelos wälzte er sich auf seinem Lager. Langsam schlichen die Minuten; träg krochen die Stunden dahin. Mitternacht kam und noch kein Schlaf hatte sich über seine Wimpern gesenkt. Horch! Was ist das? Im Fliederbaum ... . — Doch nein; das war ja unmöglich. Und doch! Wieder, wie früher, raschelte es in den Zweigen des Baums. Das Fenster öffnete sich. Manor war wieder da. Seufzte tief auf. Hatte eine große Wunde in der Brust, die vier- eckig war und ihm bis durch den Rücken ging. Legte sich wieder zu Har, umschlang ihn und sog. Sog verlangender denn zuvor und dürstender.
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oo MANOR o o 279 Nebenan aber wachte diese Nacht Lära; horchte und zitterte. Früh Morgens kam sie herein und trat an Hars Bett. Sie: Mein armes Kind! Er ist doch wieder dagewesen. Er: Ja, Mutter; er ist wieder bei mir gewesen. Das Bett aber war befleckt mit Leichenblut, das aus der großen Wunde hervorgeträufelt war. V. Einige Stunden später ruderte wieder ein Boot über den Sund; doch ohne Har. Man ging wieder zu den Dünen; öffnete wieder das Grab. Der viereckige Pfahl steckte noch in der Gruft, doch nicht mehr in Manors Brust. Manor lag in der Gruft, das viereckige Pfahl- loch in der Brust. Aber er lag gekrümmt neben dem Pfahl. Gestreckt zu liegen, hinderte der Pfahl. Weise Frau: Er hat sich losmachen können. Der Pfahl ist ja unten und oben gleich dick. Erster Wagöer: Hat sich von unten nach oben am Pfahl in die Höhe gewunden. Zweiter: Muß ihn aber unmenschliche Anstrengung gekostet haben. Auf Rat der weisen Frau behieben sie heute einen stärkeren Pfahl, den sie oben doppelt so dick ließen als unten, daß er aussah wie ein Nagel mit Kopf. Zogen den alten Pfahl weg und pfählten ihn mit diesem. „So! Nun ist er angenagelt,“ sagte der Axtmann, als er dem Pfahl den letzten Hieb auf den Kopf gegeben. Zweiter Wagöer: Mag er sich winden und drehn, von dem windet er sich nicht los. Lära kehrte zu Har zurück; erzählte was geschehn. „Nun ist es vorbei,“ sagte er zu sich selbst, da er zu Bett ging. Schlummerlos lag er da. Mitternacht kam. Doch alles blieb still. Nichts raschelte draußen am Fenster in den Zweigen des Fliederstrauchs. Kein Schwimmer schreckte den Fischer mehr, der Nachts mit geschlossenen Augen des Sundes Woge durchschnitt. Lära: Nun hast Du Frieden vor ihm. Er hat Dich so gequält. Er: OÖ Mutter! Mutter! Er hat mich nicht gequält! Härmte sich ab in vergeblichem Sehnen. „Mutter!“ sagte er, „nun ists aus mit mir.“ Zehrte ab; konnte sich nicht mehr vom Bett erheben. Sie: Bist so müde und so matt, mein lieber Sohn!
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280 o o DEREIGENE o o Er: Er‘ zieht mich zu sich hinab, . Eines Morgens saß sie an seinem Bett, da er noch schlief. Ein Monat war verflossen seit dem Schiffbruch. Es war noch früh. Sie weinte. Da schlug er die Augen auf. „Mutter,“ sagte er mit schwacher Stimme: „ich muß sterben.“ Sie: O nein, mein Kind! Du sollst so jung nicht sterben. Er: Doch, doch! Er ist wieder bei mir gewesen. Wir haben mit einander geredet. Wir saßen auf dem Stein unter der alten Buche im Walde wie sonst; er schlang seinen Arm wieder um meinen Hals und nannte mich: „Min Jong.“ Heut Nacht will er wieder kommen und will mich zu sich holen. Er hat es mir versprochen. Ich kann es nicht aushalten ohne ihn. — — Sie beugte sich über ihn und ihre Tränen flossen reichlich auf sein Bett. „Mein armes Kind!« sagte sie und legte ihm ihre Hand auf die Stirn. Als es Nacht ward, zündete sie eine Lampe an und wachte bei ihm am Bette, Still lag er da; schlief nicht; schaute schweigend vor sich hin. Er: Mutter! Sie: Was willst Du, mein guter Sohn? Er: Legt mich mit in sein Grab. Ja? Und zieht ihm den schreck- lichen Pfahl aus der Brust. Sie versprach es ihm mit Händedruck und Kuß. Er: O, bei ihm muß es sich so süß liegen im Grabe! — — Da kam Mitternacht heran. Auf einmal verklärten sich seine Züge. Hob ein wenig den Kopf, als horchte er. Mit glänzenden Augen schaute er nach dem Fenster und nach den Zweigen des Fliederbaums. „Sieh, Mutter; da kommt er.“ — — Das waren seine letzten Worte. Da brachen ihm die Augen. Sank in die Kissen zurück und entschlief. Und sie taten, wie er gebeten. Aquila, 22.—30. Juli 1884. C. E. ULRICHS, LI)
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DRIN BÜCHER UND MENSCHEN Peter Hille. Dichten, wie ich’s verstehe, heißt nicht, schöne Worte, heißt schönes Leben machen. Hille. Peter Hille? Wer kennt ihn, außer einem Hundert abseitiger Geister und Litteraten? Er hat keine offiziellen Er- folge mit seinen Werken errungen; dazu ist er zu „schrullenhaft“. Es existierten bislang nur zwei Bücher von ihm, und wenn unsre Gelehrten ihn einmal „ent- decken“ sollten, so werden sie ihn wohl bei Günther, Lenz u. s. w. unterzubringen suchen. In Wahrheit gehört er zu den fahrenden Sängern, zu Villon, Brentano und Verlaine. — Sein erstes Werk: „Die Sozialisten“ erschien 1887 bei Wilh. Friedrich, dem damaligen Verleger der Moderne aus Con- rad und Bleibtreu’s Schule. Es ist ein sonderartiger wirrer Entwicklungs- und Lebensanschauungsroman ; ineinem dräng- enden hastenden Stile geschrieben. Man fühlt, daß die Fülle der Gedanken dem Verfasser keine Ruhe läßt, das Heran- wogendeineineabgeklärte Form zu bringen. Ohne künstlerische Gliederung und Ord- nung ist das Buch abgefaßt, lose im Auf- bau, als Ganzes unmöglich, wenn auch im Einzelnen von blendendem Glanz und weiten Gedankenausblicken, die einen denkenden Menschen auch heute noch aufs Anregendste beschäftigen könnten. Ein zweites Werk brachte das Jahr 1896. „Der Sohn des Platonikers*, eine Er- ziehungstragödie, welche ebenso wie das erste Werk alle Regel und selbst alle innere Einheitlichkeit verschmäht; aber voll wundersamer Poesie. Der Held dieses Dramas ist der Sohn Petrarkas, den der berühmte Vater als eine Folge sündiger Jugendleidenschaft haßte, zumal der Jüng- ling sich von dem erkältenden, starren und bloßen Platonismus des Alten ab- gestoßen fühlt. Er ist voll starker Früh- lingssehnsucht, und seine eigne Poesie ist der Widerspruch des übersinnlichen Laura- kultus: junger naiver Lebens- und Daseins- rausch., Aus den Gegensätzen zwischen ihm und dem pedantischen Alten, der der Tochter mit ihrer „Fraubasengutartigkeit“ den Vorzug gibt, keimt das Verhängnis, welches Giovannis Jugendtage und frohe Kraft zerstört. Wir haben es hier wohl mit der Tragödie von Hilles eigenem Leben zu tun, Die Dichtung ist von einer schmerzlich blutenden Herzglut durch- lodert, wie man sie nur von jenen Selbst- bekenntnissen kennt, die sich dem Dichter gewaltsam von der Seele ringen. Hille ist kein moderner Zeit-Dichter. Er ist der letzte Nachfahr der alten Va- ganten, der Villon und Verlaine. Er ist einer von den ewig ruhelosen, von denen er selbst im „Sohn des Platonikers“ sagt: „Wie ein ewiger Kranich ziehen wir um- her, eine fleisch- nein leider nicht fleisch- gewordene Mahnung an die Eitelkeit alles Irdischen. Viel Wehmut ist unser Gemüt, viel Wehmut, die schon sehr toll, sehr ausgelassen sein, die schreien muß, wenn sie ihre Unrast einmal will zur Ruhe singen wie die Mutter ihr Kind. Unsre Heimat istzurückgesunken in’s Vergangen- heitsreich wie das Paradies und darum gewinnt das Heimweh über uns eine klagende Gewalt wie bei keinem andern Stande auf dieser sehnsüchtigen Erde... Wir müssen unser Schicksal, unser Wesen durchschauen, wir, und so haben wir uns selbst verdammtzu rastlosem Schweifen ... Aber ein starkes treues Herz schlägt in uns, frei in aller Unbill, und wo sollten wir bleiben, wo verkümmern und verbauern,
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284 o o DEREIGENE o o ohn’ an eignem Königtum, dem freien erd- warmen Sinn in uns, der nicht Scholle kennt noch des Ratsherrn wichtige Rolle, Einbuße zu erleiden? .... Ach, die arge Welt, sie vergißt, daß wir Fahrenden die Jugend, der freie, ziehende Geist sind dieses runzlichen Lebensballes, der sich Erde schimpft, daß wir Wende und Hoffnung bedeuten im stockenden, heuchlerischen, unterwürfigen, hebellos, selbstgefälligen, nach der Vorzeit riechenden, verschollene Moden tragenden Zeitalter, das nichts mehr zu sagen hat, keine Kraft fühlt und keinen Rat weiß, und darum zum Schulmeister greift und am Schulmeister stirbt, unserm Erbübel und Erzfeind, der schon unsere ganze deutsche Dichtung bleicht.* Hilles Gemüt ist ein tiefer Schacht voll köstlicher Schätze. Aber er ist ein Kind, das mit verschwenderischen Händen die glitzernden Edelsteine achtlos unter die Menschen wirft. Sein Reichtum, sein Va- gantentum und vor allem die betrübende Misere seines äußern Lebens lassen ihm weder Zeit noch Ruhe, denselben eine würdige Fassung und den nötigen Schliff zu geben. Namentlich sind es wohl die traurigen Lebensumstände, die ihn nicht zur Konzentration seiner Innenkräfte kommen lassen. Einem jungen Künstler, dessen Geist allzu leicht in’s Weite, Halt- lose, Vage sich versteigt und sich dadurch allzu schnell verpufft, ist eine strenge und harte Lebensschule oft ein Segen, weil er hier sich selbst finden lernt und sicherer und gefestigter in sich wird. Aber dem ausgereiften Menschen, in der Zeit seines besten Könnens, sind die Häßlichkeiten des Lebenskampfes nur hinderlich und müssen niederdrückend und zerbröckelnd auf sein Wesen wirken. Man schildert Hille alseinen Menschen von einer wunder- baren Seelengüte und Herzensmilde, rein wie ein Kind, mit dem Äußern eines alten Kirchenvaters. Ein echter absichtsloser „Dichter“, ein Gegensatz zum routinierten Bourgeois-Poeten, der nach seinem Rühm- chen oder Geldchen giert. Auch sein Leben gleicht dem der alten Vaganten, ruhelos, voll Entbehrung und doch voll Poesie; ein Leben, wie es nur ein wahrer Künstler ertragen kann, ein Herrscher im Reiche der Phantasie, der auch das Widrigste noch durch sein Künstlerempfinden zu verklären strebt. Wenige kennen Hille. Aber wenige Künstler werden so geliebt, wie er von Denjenigen, die seinem Schaffen einmal nahe gewesen sind. Selbst Martin Möbius, der scharfe, manchmal grobsatirische Steck- briefschreiber, findet für ihn nur Worte aufrichtiger Liebe; anders kann ich’s nicht nennen. Hilles Art und sein Menschlichstes lernt man am besten aus dem „Sohne des Platonikers“ kennen. Nirgendwo ist auch das ungebundene Vagantentum in seiner sonnigen Jugendfröhlichkeit und — in seiner Tragik lebensechter geschildert worden als hier. Da fühlt man heißes Miterleben! Gegen Hille ist Scheffel nur der bierselige Jüngling von guter Herkunft, der seine paar Universitätsjahre ausnützt, weil er weiß, daß für ihn bald die grauen Tage des Philistertums heraufziehen, die jedoch dem Vaganten, der nun einmal zu den Tschandalas, den Ausgestoßenen der Ge- sellschaft, gehört, nichts anhaben können. Scheffels Ausgelassenheit ist gemacht und — sehr gelehrt. Sie geht nicht aus sich heraus. Sie wird nie überschäumende dionysische Lebenskraft ; höchstens Rüpel- haftigkeit; deutsche Gesangvereins- und bebrillte Philologen-Lustigkeit, die ihre Bildung nicht zu vergessen vermag. Ein seltener Vorzug ist Hilles sprach- licher Ausdruck. Derselbe ist von über- raschender Prägnanz und Bildlichkeit, die allerdings oft in’s Grotesque, ja Schwülstige und Strudelhafte (so in ein paar kleineren Sachen und in den „Sozialisten*) übergeht; aber immer ist Hille's Kunst originell, Ebenso ließesich über sein intimes Hinein- fühlen in das Leben und Weben der Natur Bemerkenswertes sagen. Man könnte Hilles Werke analysieren und würde finden, wie in ihm die meisten Stilgruppen der modernen Litteratur- bewegung im Keime vorhanden sind: Naturalismus, Symbolismus, Impressionis- mus, etc. Bei der Lektüre von Stehr’'s „Leonore Griebel“*) mit ihrer scharfen Seelen-Sondierung, an die allerdings keiner *) „Leonore Griebel* von Herm. Stehr erschien bei S. Fischer, Berlin.
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> o BÜCHER UND MENSCHEN o o 285 unserer deutschen Modernen heranreicht, mußte ich manchmal an Hille denken, zu- mal auch Hermann Stehr’s bilddeutliche Sprache sich mit Einzelnem von Hille ver- gleichen läßt. Hille ist einer der innerlich reichsten unserer zeitgenössigen Poeten, die zum größten Teil in ihrer Kunst nicht etwa ein durch das Medium der großen Persönlich- keit geschautes, bedeutendes und weites Weltbild geben, wie etwa Dehmel, Schlaf und der Ich-versunkene Pantheist Alfred Mombert, sondern auf einer Seite bis zum Überdruß herumklimpern. Die Meisten haben eine Manier bis zur äußersten Virtuosität in sich ausgebildet; und wenn man eines ihrer Werke kennt, hat man den Gehalt aller übrigen schon mit ausgeschöpft. Hille ist bei weitem reicher. Aber sein Reichtum ist auch sein Unglück. Er vermag nicht seinen Rohstoff zu überschauen und zu verteilen. Unauf- hörlich arbeitet sein Gehirn, unaufhaltsam sprudelt der Born seiner schönheiterfüllten Dichterseele. „Von den Ideen, welche sein Gehirn in einem Tage produziert, könnte unsereins ein ganzes Jahr leben,“ meinte ein bekannter Dichter, „aber er hat eben nicht die nötige Muße zur Ausgestaltung, weil ein Plan, ein Gedanke den andern jagt, überhastet.“ Daher leitet sich wohl auch Hilles Vorliebe für die aphoristische Prägung seiner Gedanken her. Man er- zählt, daß er stets eine große Menge Manuskripte bei sich führe, die Niemand entziffern könne, und daß er selbst die Zeitungsränder die Kreuz und Quere be- schreibe. Bierbaum, der ihn im vierten Buche seines „Stilpe* als „Peripathetiker* einführt, bestätigt dies. Trotzdem hat er nur die beiden genannten Bücher veröffent- licht, zu denen jüngst noch zwei schmale Bändchen kamen, zwei kultur-historische Romane oder: deutlicher: Charakter- gemälde: „Semiramis“ und „Cleopatra“ (Verlag von Carl Messer & Co., Berlin.) Ferner kenne ich von ihm einige wenige Gedichte und einzelne Anmerkungen zu litterarischen Erscheinungen und Persön- lichkeiten, diesich durch Schärfe des Urteils und verblüffende Treffsicherheit in der Charakterisierung auszeichnen. Ein Bei- spiel: „Bierbaum? Wann lebte doch noch I Bierbaum? Und doch: ein Weinlaub, das Germanistik studiert hat, ein denkender Faun, rosige Reminiszenz, Liebe, die den Doktor gemacht hat, Hagestolzentum mit Hustru.* — Diese Charakteristik finde ich sehr zutreffend, und besser als das „Kloß- Motiv“ in Möbius’ „Steckbriefen*. — Ein anderes: „Goethe: vorsichtige Schönheit des Lebens.* Außer Bierbaum hat Franz Servaes, unser feinster Essayist auf dem Gebiet der jungen Dichtung, Peter Hilles merkwürdige Persönlichkeit als Romanfigur (Werner Gast) verwendet:*) in seinem auto- analistischen Roman „Gährungen“, der in seinem mittleren Teil ein gutes Bild der Berliner Litteratur-„Boheme* (wenn man die dort geschilderten abseits stehenden und von der Clique unabhängigen Geister so nennen darf), gibt, die sich Mitte der 90er Jahre, als Przybyszewski, Strindberg, Ed. Munch etc. in Berlin waren, in einer Weinkneipe der neuen Wilhelmstraße ver- sammelten. Servaes Darstellung ist liebe- voller und tiefer als die des manchmal etwas oberflächlichen und nonchalanten Variete- und Stil-Künstlers Bierbaum. — Das Beste an Hilles Werken ist das Per- sönliche; das Äußere, Einzelne vergißt man, wie man ja auch von einem Spaziergang im Walde nicht die Erinnerung an jeden Baum und Strauch mitbringt. Aber der Gesamteindruck,die Stimmung, bleiben dem Gedächtnis. Die beiden neueren Werkchen stehen in der künstlerischen Durcharbeitung und in der Einheitlichkeit der Wirkung höher als die beiden ältern. Die „Cleopatra* ist ein interessantes Geschöpfchen, welches mit Shakespeares Heldenweib nur den Namen gemein hat:einzitterndes, mimosen- haftes, hypernervöses, vergeistigtes Wesen, die letzte eines sterbenden Königsstammes, eine Gestalt, wie sie Irene Triesch und die Duse darzustellen lieben; die den Wunsch erweckt, den Geist der Salome, im Gegen- satz zu Sudermann, einmal von Hille neu belebt zu sehen. Hille hat ein wunder- volles Porträt geschaffen, welches ein tiefes Studium des Menschen verrät. Allerdings sind durch die sorgfältige Ausführung des *) Reißners Verlag, Dresden.
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286 o o DER EIGE Bildes der Cleopatra die andern Figuren in den Hindergrund gedrängt worden und nur Staffage geblieben, Im Anekdotischen hält sich der Dichter an seine Quellen; er geht sogar weiter zurück als Shakespeare, indem er die Liaison mit Caesar, welche in „Antonius und Cleopatra* Enobarbus erzählt: „Apollodorus trug eine gewisse „Monarchin hin zum Cäsar in ’'ner Decke“ zum Ausgangspunkt seines Romans macht ; aber die Ausmalung der einzelnen Episoden, dieSchilderung der frohen, sternbeglänzten, mit Antonius durchlärmten Nächte, die Steigerung und das Heraneilen der Kata- strophe und vor allem die schicksals- lastenden Endkapitel, die mit ihrer herz- brechenden Tragik wie in die dunkelrote flackernde Lohe eines Scheiterhaufens, auf dem die toten Leiber der beiden Liebenden denewigen Göttern zurückgegeben werden, getaucht sind, sind das Werk eines starken schöpferischen Genius. „Semiramis* entbehrt ebenfalls nicht außerordentlicher Schönheiten, aber sie nimmt sich eher aus wie eine Vorstudie zur „Cleopatra*. Auch ist sie in der Kom- position schlaffer, weniger geschlossen, und die ökonomische Verteilung des Stoffes ist fehlerhaft. Der letzte Teil, das Schick- sal des Königsreichs der Semiramis unter ihrem entarteten unfähigen Sohne und unter dem Sproß aus dem Kaufmannshause Beletares, fällt aus dem Rahmen des Kunst- werkes, so interessant auch die Kon- trastierung der wahren gotterkorenen ge- borenen Herrschernatur mit den Herrschern von Elle und Rechenbuch ist. Aber gerade dieserletzte Teil ist für Hilles Empfindungs- weise von Bedeutung: wo auch sein Verstand stehen mag, sein Dichterherz jauchzt den großen Himmelsstürmern, den Herren des Lebens seine Hymnen entgegen. Was geht ihn die fernere Geschichte der sorgfältig rechnenden und wägenden Krämerkönige an! „Kaufmannshäuser haben keine Vorbedeutung.“ „Schweiß und Tränen und alles Blut vergessen wir entzückt, wenn Einer den Blick der Sonne oder fernsten Sternen zugewandt, über die Erde hinstürmt ohne Vorsicht, ohne Nachsicht, über sich und Andre hin jeder Lehre zuwider, nur dem Leben zuliebe, rühmen wir Kindern und Kindeskindern opferselig den Einen, schöpferselig den Menschen, der dem Schicksal gewachsen ist.“ So singen die Mütter in Dehmels: „Lebens- messe“. Dichter sind wie Frauen; auch sie fühlen die tiefsten Schmerzen und Ängste des Lebens; aber sie ahnen auch hoch über Allem die höchsten Schönheiten des starken Lebens, und wenn sie auch „ieder Lehre zuwider sind.“ Hille ist ein wahrer „Dichter“, ein lebensferner Träumer. Man wundert sich, daß unsre farbearme praktische Zeit diese Spezies noch nicht ganz vernichtet hat Allerdings lebt Hille, wie auch Scheerbart, dieser Zeit zum Trotz ; dieser Zeit, die mit ihren trivialen Nützlichkeits - Prinzipien jeden innerlichen Menschen, der nicht die Kraft hat, wider sie zu sein; mitten in dem Lärm der elektrischen Bahnen und dem Gedränge und Geschiebe der Groß- stadt sich sein Zauberreich zu bauen, zu- grunde richtet. Hille kennt den Stolz des „Dichters“ und seine Glückseligkeit im einsamen Schaffen und Zusammensein mit den Gestalten seiner Phantasie, aber auch die tiefen Leiden echten Künstlertums, den Schmerz des Allein-, des Anders-, des Unverstandenseins, „Dichter: von seinem Mangel essen die Völker; von seinen Qualen, seinem Ver- enden nehmen die Menschen nachmals den höchsten Rausch ihrer Seele. Auch so eine Art geistiger Blutrausch für den Pöbel, das Dichterelend : Sieg der göttlichen Welt- ordnung! — Der satte Philister läßt sich vom deutschen Idealismus was vorhungern. Was ginge darüber?“ Ich habe mit dieser kleinen Skizze Hilles Wesen absolut nicht erschöpfen wollen, und auch auf das Welt- anschauliche in seinen Werken bin ich garnicht eingegangen. Ich wollte nur auf einen Künstler hinweisen, den ich liebe wie wenige unserer Zeit, und zu dem ich auch in andern Herzen Liebe erwecken möchte. Wenn ich den Einen oder Andern bewegen könnte, sich selbst in Hilles Büchern umzusehen, so wäre meine Arbeit reichlich belohnt PETER HAMECHER.
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o o EXTRAPOST o o Sonderling-München. Hol der Teufel all die Bierphilister, Geldsäcke und Krämerseelen im deutschen Rom, die an solch einem hübschen Natur- burschen kalt vorübergehen und keinen Piennig übrig haben, um ihm in seinem Bildungsdrange und in seinem Künstler- tume förderlich zu werden! Es ist eine Schande, daß so ein Prachtkerl so ver- kümmern soll, daß eine starke Leidenschaft sich so eindämmen muß, um in der Seele hinzusiechen in des Alltags ödem Sklaven- dienst,wosiedoch fliegen möchte, jauchzend fliegen und strahlend zum Himmel hinan und Dem ewig dankbar sich erzeigen, der der Erlöser ihrer Schönheit ist! — Sollte sich unter unsern einflußreichen Freunden in München denn kein einziger Musikfreund finden, der da helfen mag? Sollte da Niemand sein, der an dem Sohn der Berge seine Freude findet und den dieses junge Spielmannsblut der deutschen Alpen an die märchenschöne, wehmutsreiche Zeit erinnert, da derunglückliche König Ludwig von Bayern in stiller Waldeseinsamkeit im Schoß des Volkes einst Vergessen suchte, als sein stolzer Königstraum in Leid und Schmerz zerrann ? — — August Fleischmann-München. Elisar von Kupffer wundert sich über die Verlogenheit und Schamlosigkeit eng- herziger Schulmeister und Philologen, die den überall gefeierten Minnedienst des EROS URANIOS aus den Dokumenten der Weltlitteratur in sittlicher Begriffsver- wirrung auszumerzen suchen. Und er er- klärt es mit Recht für gefährlicher und niederträchtiger als Banknotenfälschung, wenn dieses pietätlose Barbarentum sich erdreistet, die Liebe der großen Helden und unsterblichen Dichter zu demHeiligsten, was ihr Herz besaß, ins Gegenteil zu ver- kehren; die gewaltige Leidenschaft, die Jüngling mit Jüngling und Mann mit Mann verband und die die größten Kulturtaten zeitigte, zu einem Verbrechen und zu einer Farce zu stempeln, 'und sich darin genug zutun, nachlvollbrachter Fälschung Männer wie Alexander den Großen, Perikles, Sokrates, Plato, Caesar und Friedrich den Großen in der ganzen Erbärmlichkeit moderner Schürzenjäger aufmarschieren zu 287 sehen ! — — Sie selbst vergessen aber, daß Sie ähnlich handeln, wenn Sie die Be- hauptung in die Welt schleudern, daß ich „Knaben“ liebe! Sie stellen die Sache wenigstens so dar und Sie wissen doch ebenso wie die Litteraturfälscher recht gut, daß der „Knabe* in meinen Poesien, wie bei Goethe und den griechischen Dichtern den reifen Jüngling bedeutet, der über seine Liebe selbst bestimmen kann, der sich stolz bewußtist seines eignen Wertes und der von den Griechenfreundschaften gelernt hat, daß die großen Helden und Dichter in der Hingebung an den Freund nie etwas Unmännliches sahen! — — Egon-Leipzig. Senna Hoy’s Artikel den er mir für den Eigenen sandte, war mir ganz aus der Seele geschrieben! Auch ich hasse die ProfanierungunsererLiebe, die Verblödung unserer Sinnlichkeit, wie sie sich in schmutzigen Bierlokalen unter rohen Zoten und gemeinen Liedern breit macht, welten- fern von griechischer Heiterkeit und freier Sitte und unfähig zu großem, schönem Tun! — Ich begreifenicht, wieman sichals ästhetischgebildeterMensch damit zufrieden geben kann, wie man einen Kultus des Nur-Geschlechtlichen zu pflegen vermag, wo uns ein gütiger Gott doch als seligste Mysterien die heimlichstillenFreudenweihe- voller Nächte gab! — — Aber ich verachte die Allzugenügsamen nicht, sondern ich bemitleide sie nur, da ihr Herz niemals die Herrlichkeit des Eros ahnte und ihr Auge niemals den Geliebten voll keusch- heitsstolzer tiefer Sehnsucht sah! Nicht richten sollen wir über sie und sie von uns stoßen, zurück in den gewohnten Schlamm, sondern sie emporheben zu uns und sie unter stillen Uferweiden der Be- geisterung bergen, um sie mit den .edeln Genüssen einer verfeinerten Sinnlichkeit zu laben, die allem Rohen und Gemeinen abhold ist! Sie müssten erst sehen und empfinden, suchen und sich beherrschen lernen, um lieben zu können und mit der Gemeinschaft der Eigenen eins zu werden! — — Senna Hoy’s Mahnwort war jedoch an diese Anderen, diese Nicht-Eigenen, diese Vielzuvielen gerichtet, an diese geistig Armen, die nicht um der Schönheit Leibes und der Seele willen, sondern bar an Be-
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288 geisterung 'das Geschlecht nur lieben! Es war ein Weckruf zur Pflicht, der uns nichts angeht, da Der Eigene nur die Eigenen um sich sammelt, die Besseren, diein Schönheit lieben! — AufSenna Hoy’s eigenen Wunsch stellte ich darum bei der Korrektur des vorigen Heftes den Artikel von der Auf- nahme zurück. Caesareon-Braunschweig. Wir haben uns gestern im Bade an Rom berauscht! Wie seine marmorweißen Glieder leuchteten in keuscher Pracht und sein blühender, junger Leib Italias Früh- ling träumte! Wie eine Krone steht ihm stolz sein üppig reiches, braunes Locken- haar und in seinen Bewegungen, seinem Gange, atmet die lässige Schönheit und Schwermut des David von Michelangelo! Du weißt ja, wie verführerisch der Römer aussieht, wenn er weich in weißen Kissen ruht und wenn die Wollust der Nacht mit tränenheißen Wangen ihm liebevoll die weichen Lippen segnet! Das Spiel der Linien seines schönen Körpers ist wie Meeresrauschen und wie Sturm und Brandung seiner Seele Flut! Sein Lächeln ist Sünde — doch die Sünde, die zur Er- kenntnisleitet und zu höheren Wonnen ruft! o o DEREIGENE. o o Höllen und Himmel ruhen in seiner Augen Grund und Melodieen süß in seiner Rede Quell! — So habe ich Dir zu Liebe in Freund R.’s Gesellschaft gestern mit ihm im Bad „die Zeit vertrödelt,“ wie Philister- tum und Eifersucht mit flinken Zungen sagen; aber ich habe in Bewunderung seiner Schönheit Ottos, meines eignen Lieblings, still gedacht und dankbar und sehnsuchtsvoll den Tag gesegnet! Hans Holland-Rom. Der flotte Bursche und die duftenden Veilchen wissen soviel zu erzählen von deutschem Wanderglück und loser lustiger Zigeunerart, daß die Abenteuer wie blühende Sternschnuppen an mir vorüber- fliegen, in lachender seliger Soemmernacht! Junker Übermut und Bruder Sausewind lebten sicherlich noch nie in so fröhlicher Kumpanei, wie Sie und der Antinous- schöne Roberto jetzt, mit seinen süß- verzehrenden Fluderaugen undbrennenden Lippen, wieder Nachtmar wund !— Richten Sie an Elisar von Kupffer, Eduard von Mayer, Theodor von Wächter und unsern lieben tollen Doktor auf Capri tausend Grüße aus und denken Sie daran, daß Sie uns beichten müssen! ADOLF BRAND SIOSIESIDID) Druckvermerk: SIIKIEIEI Die Kunstblätter „Prinz Wilhelm II, von Oranien“ vonvan Dyck und „Hierony- mus Holzschuher‘ von Albrecht Dürer wurden nach den prachtvollen Kupfer- drucken der „Gesellschaft zur Verbreitung klassischer Kunst“ in Berlin, die übrigen Kunstblätter, Kopf- und Schlußstücke nach den wohlfeilen Reproduktionen der „Neuen Photographischen Gesellschaft“ in Steglitz wiedergegeben, mit Ausnahme des Blattes „Frühling“ von Totilas. — Richtig zu stellen ist noch, daß die Schlußstücke auf Seite 201, 215, 218 und 224 der Märznummer nicht von Hans Knoth, wie es in dem dortigen Inhaltsverzeichnis heißt, sondern von dem Maler Hans Kurth- Berlin herstammen, Gen Le Verantwortlich für die Redaktion: Adolf.Brand, Charlottenburg, Wilhelmsplatz 1a für den Verlag: Max Spohr, Leipzig; Druck von G. Reichardt, Groitzsch i. S.