# Folge 42: „Ich wusste schon sehr früh, dass ich später Kindern Gutes tun wollte“

An episode of ["Wenn Eltern Feinde werden" – Ein Podcast über Eltern- Kind- Entfremdung](https://invisiblenetwork.ai/podcast/1836892223), 22 Jun 2026, 50 min.

Audio: https://cdn.audiorella.com/podcasts/1579-wenn-eltern-zu-feinden-werden/244482-sadaf-zahedi.mp3?v=2

Geboren vor 41 Jahren im sowjetisch besetzten Kabul, kam Sadaf Zahedi als Vierjährige mit ihrer Familie nach Bremen. Das Aufwachsen in einem strengreligiösen, von Gewalt geprägten Elternhaus führte mit 19 Jahren zum Bruch und zur Flucht. Doch der Weg in ein freies Leben blieb voller Hürden: Als junge Mutter musste sie später vor Gericht kämpfen, um ihren Sohn vor der Gewalt des Vaters zu retten. Heute ist Sadaf Zahedi Betriebswirtin, Autorin und engagierte Menschenrechtsaktivistin. In dieser Folge erzählt sie ihre bewegende Lebensgeschichte und spricht über ihre Initiative „Bildung ohne Bücher e.V.“, die Kindern in Krisen- und Kriegsgebieten weltweiten Zugang zu Bildung ermöglicht – ein Projekt, das kürzlich auch bei ttt – titel, thesen, temperamente vorgestellt wurde. #BildungOhneBücher #Menschenrechte #KinderRechte #BildungFürAlle #Engagement #ChancenGleichheit #Gemeinnützig#SadafZahedi #FrauenPower #Lebensgeschichte #Resilienz #VomÜberlebenZumLeben #InsprierendeFrauen #Bremen#GegenHäuslicheGewalt #FrauenRechte #FluchtUndMigration #KabulNachBremen #BildungIstZukunft –Weitere Podcasts unter: www.abendblatt.de/podcast - Wir freuen uns auf Eure Bewertungen und Likes - Abonniert unseren Podcast, natürlich kostenlos - Feedback: moinhamburg@abendblatt.de

## Transcript

[0:05] Eltern-Kind-Entfremdung.
[0:10] Liebe Zuhörerinnen und Zuhörer des Podcasts, wenn Eltern Feinde werden,
[0:14] wir haben das Hamburger Abendblatt, heute haben wir einen Gast aus Bremen da,
[0:19] Sadaf Zahedi, schön, dass du da bist. Ja, ich freue mich auch, danke.
[0:24] Fein, dass du gekommen bist nach Hamburg, sie eine sehr ungewöhnliche,
[0:28] zum einen ungewöhnliche Lebensgeschichte hat,
[0:32] auch eine natürlich auch schwere Lebensgeschichte, zum anderen einige ganz hervorragende,
[0:37] wichtige Projekte ins Leben gerufen
[0:40] hat, die es wert sind, auch in diesem Podcast vorgestellt zu werden.
[0:46] Aber für dich zunächst mal zu deiner persönlichen Geschichte.
[0:50] Du bist in Afghanistan geboren? Genau, ich bin in Kabul geboren. Wie lange ist das her?
[0:56] Ich bin mit kurzem meinem vierten Lebensjahr nach Deutschland gekommen.
[0:59] Das war im Dezember. Okay. Ich bin jetzt 41. Ja.
[1:03] Ein paar Jahre. Warum bist du damals mit deinen Eltern nach Deutschland gekommen?
[1:07] Warum? In Afghanistan ist ja der Krieg ausgebrochen. Mein Vater ist ein ehemaliger
[1:13] Mujahedin-Kämpfer gewesen und war auch dreimal in Gefangenschaft und musste
[1:18] dann das Land anschließend verlassen.
[1:20] Er ist nach Pakistan geflüchtet und hat meine Mutter und uns vier Kinder erstmal
[1:24] zurückgelassen. Also du hast drei Geschwister noch?
[1:26] Ah, wir sind fünft. Fünft, okay. Die Fünfte ist aber in Pakistan dann geboren. Okay.
[1:30] Und meine Mama ist dann eine Zeit lang später mit uns Kindern auch nachgegangen.
[1:38] Genau, und dann hat sich die Familie meines Vaters entschieden,
[1:41] nach Deutschland zu kommen.
[1:42] Und das war dann der ausschlaggebende Grund, warum meine Eltern sich auch für
[1:46] Deutschland entschieden haben.
[1:47] Wir hätten nach Amerika auswandern können oder...
[1:51] Nach Saudi-Arabien. Und wir hatten die Wahl zwischen Bremen und München.
[1:55] Und habt ihr Bremen genommen? Ja, mein Vater hat sich für Bremen entschieden.
[1:59] Warum eigentlich, wenn ich vorhanden darf?
[2:01] Ich habe noch nie... Weil er kannte
[2:02] ja wahrscheinlich weder Bremen noch München. Er kannte beides nicht.
[2:05] Aber ich weiß nicht, ob Bremen oder München kannte.
[2:09] Bremen definitiv nicht, vielleicht München. Mein Papa ist ja ein weltberühmter
[2:13] Olympinike gewesen damals und vor seiner Zeit als Gotteskrieger.
[2:17] Und ist ja viel durch die Welt auch gereist und rumgekommen.
[2:20] Aber ich weiß es nicht, wir haben noch nie so Gespräche über Vergangenheit oder
[2:26] überhaupt so intensivere Gespräche geführt.
[2:29] Wie bist du denn aufgewachsen?
[2:32] Oh, wie bin ich aufgewachsen? Ich bin sehr streng religiös aufgewachsen.
[2:39] Mein Vater hat uns nicht erlaubt, zum Beispiel mit christlichen Kindern oder
[2:46] anderen gläubigen Kindern in Kontakt zu treten, außer mit muslimischen Kindern.
[2:51] Wir durften keine Freunde haben, keine sozialen Kontakte pflegen,
[2:55] durften auch zum Beispiel so Nachmittagsangebote in der Schule nicht besuchen
[3:00] oder wahrnehmen. und mussten fünfmal am Tag beten, ausschließlich den Koran lesen.
[3:06] Bildung wurde mir als Mädchen untersagt.
[3:10] Nur der Koran sei richtig und wichtig und alles andere sei vom Teufel.
[3:15] Und ja, mit diesem Glauben bin ich viele Jahre aufgewachsen.
[3:18] Also bist du nicht zur Schule gegangen?
[3:19] Auch. Man hat in Deutschland eine Schulpflicht. Und diese Frage wird mir so häufig gestellt.
[3:24] Doch. Aber wenn man in einem sehr gewaltvollen Elternhaus lebt,
[3:29] dann muss man sich einfach auch mal mit der Thematik auseinandersetzen.
[3:32] Was bedeutet das für ein Kind unter ständiger Gewalt aufzuwachsen?
[3:36] Man ist psychisch so extrem belastet, dass man eigentlich immer nur so im Kopf fliehen möchte.
[3:42] Man ist im Unterrichtssitzung, man ist immer in Gedanken, man ist gar nicht
[3:46] wirklich anwesend da, wo man ist.
[3:48] Und ich weiß, dass ich mich viel im Kunstunterricht und im Mathematikunterricht
[3:52] dann eher so aufgeblüht bin, hätte ich was gesagt.
[3:57] Ich habe Zahlen immer geliebt, sie hatten ihre eigene Ordnung und Kunst ist
[4:01] einfach meine Welt, also Scheiße.
[4:08] Wenn du von Gewalt sprichst, wie müssen wir uns das vorstellen?
[4:11] Ich kann dir mal eine Szene erzählen,
[4:15] Wir haben zwei Badezimmer, haben in einem Haus gewohnt Wir sind in einem Haus
[4:18] aufgewachsen und mussten immer eine gewisse Körperwäsche machen Das heißt Russol
[4:24] im Islam Bei sieben Personen kann man sich ja ausrechnen Das ist ein bisschen
[4:30] schwer zu koordinieren Ich bin als Letzte dann zum Gebet erschienen.
[4:33] Mein Vater hat mich in den Garten geschickt. Ich sollte mir einen Stock aussuchen.
[4:37] Und dann hat er nicht den Stock genommen. Der hat den erst mal richtig schön glatt geschliffen.
[4:42] Und mit diesem Stock hat er mich dann grün und blau geschlagen.
[4:45] Und so ging das eigentlich immer.
[4:47] Manchmal war es ein Gürtel oder so Hartplastiklatschen aus Pakistan.
[4:52] Oder ein Keramikaschenwecher, den er mir gegen den Kopf geworfen hat.
[4:55] Er hat auch meine Mutter geschlagen. Sie sind alle mit viel Gewalt aufgewachsen.
[5:02] Und wann warst du dann so weit innerlich, dass du gesagt hast,
[5:07] okay, das kann ich jetzt nicht mehr ertragen?
[5:11] Konntest du dich überhaupt innerhalb der Familie austauschen darüber?
[5:14] Mit wem konntest du dich überhaupt austauschen? Eigentlich mit gar niemandem, oder?
[5:16] Nee, also ich habe es mal versucht gehabt. Ich war 15, da ist mir etwas wirklich
[5:20] sehr Schlimmes in meinem Leben widerfahren.
[5:23] Ich hatte den Drang gehabt, ich möchte es jemandem erzählen.
[5:27] Da habe ich mich einer Klaufenkameraden anvertraut.
[5:30] Und ich habe eigentlich das Gefühl gehabt, dass keiner mir zuhört und mir auch
[5:33] niemand glaubt, wenn ich ehrlich bin. Aber ich meine, wir sind auch sehr jung gewesen.
[5:38] Es gab niemanden in meinem Umfeld den ich mich hätte anvertrauen können oder
[5:43] mit denen ich hätte sprechen können und mit 19 Jahren hat mein Vater einen Ehrenmord
[5:50] geplant und dann war mir eigentlich bewusst jetzt musst du gehen Und wie bist du dann gegangen?
[5:59] Ich habe das natürlich ein bisschen geplant ich habe nachts meine Tasche gepackt
[6:03] meinen Schülerausweis reingepackt, weil ich nichts anderes hatte zum Ausweisen anfangs.
[6:09] 20 Euro hatte ich dabei, weiß ich, und habe mir den Wecker auf drei Uhr gestellt
[6:15] und bin dann aufgestanden und,
[6:21] Wollte durch die Tür losrennen, dann kam meine Schwester, hat meine Tasche von
[6:25] hinten gepackt und ganz laut geschrien.
[6:28] Ich habe die Tasche losgelassen und bin losgerannt.
[6:31] Und ich weiß noch, wie meine Lunge gebrannt hat, weil ich so eine Angst hatte,
[6:35] dass mir gleich einer folgen wird.
[6:37] Ich wusste genau, wenn der Bus kommt, bin eingestiegen und losgefahren.
[6:41] Und wohin bist du dann gefahren? Hattest du ein Ziel sozusagen?
[6:45] Ja, ich bin in ein Frauenhaus gegangen. Wie hast du herausbekommen, dass es das gibt?
[6:50] Ich bin am Bahnhof in ein Taxi gestiegen, weil ich nicht wusste, wo ein Frauenhaus ist.
[6:54] Und ich hatte dann erstmal eine Notnummer gewählt und angerufen.
[6:59] Die haben mir dann gesagt gehabt, wo ich hin muss.
[7:02] Und ich kannte mich da gar nicht aus. Und ich wusste vom Taxi,
[7:05] okay, das wären vielleicht fünf Euro.
[7:07] Dann bin ich eingestiegen und der Taxifahrer hat mich direkt angesehen und gesagt,
[7:11] ah, du möchtest zum Frauenhaus.
[7:14] Tatsächlich? Ja, und das war für mich so erschreckend damals.
[7:16] Es ist ja eigentlich ein geschütztes Haus, sage ich mal, ein geschützer Rahmen.
[7:21] Aber es wussten damals schon so viele Leute, wo dieses Frauenhaus steht.
[7:25] Und ich wusste, okay, hier bist du auch nicht sicher.
[7:28] Und dann bist du aber erst mal in das Frauenhaus.
[7:31] Genau, für drei Nächte haben die mir ein Angebot gemacht, dass ich da bleiben kann.
[7:35] Es war natürlich so überfüllt. Es waren viele Mütter da mit Kindern.
[7:39] Ich habe mir ein großes Zimmer mit anderen, wirklich viel reiferen Frauen geteilt.
[7:44] Und ich habe mich so verloren gefühlt. weil ich so mit meinen 19 Jahren da so
[7:48] ein bisschen untergegangen bin. Natürlich.
[7:50] Da finde ich auch, hat das System einfach massiv versagt bis heute. Inwiefern?
[7:55] Naja, es gibt ein Mädchenhaus, wo man bis zum 18. Lebensjahr bleiben kann.
[8:00] Und dann gibt es das Frauenhaus.
[8:01] Aber wo bleiben die jungen Frauen dazwischen? Weil im Frauenhaus sind wesentlich
[8:06] teilweise Frauen, die dann über 40 sind oder alleinentziehend sind,
[8:11] Kinder haben, vor ihren gewalttätigen Partnern geflohen sind.
[8:13] Und also da muss definitiv politisch viel mehr passieren.
[8:19] Hast du heute Kontakt zu deinen Geschwistern? Hast du heute Kontakt zu deinen Eltern?
[8:25] Musstest du dich regelrecht verstecken sozusagen?
[8:28] Ich habe Bremen irgendwann verlassen, weil ich natürlich diesen permanenten
[8:34] Druck ausgesetzt war, dass meine Familie da ist.
[8:37] Dass du entdeckt wirst, wo immer du bist sozusagen, nicht? Ja,
[8:41] also ich würde gerne noch detaillierter erzählen, das geht nur gerade nicht,
[8:43] weil ich aktuell einen Roman schreibe.
[8:46] Und an meinem Roman viele Informationen natürlich einfließen,
[8:49] die ich nicht vorwegnehmen möchte.
[8:51] Ich habe Bremen verlassen und bin nach Osnabrück gezogen, aber nicht direkt
[8:57] nach Osnabrück. Ich habe im Landkreis Osnabrück gelebt, in einem ganz kleinen
[9:00] Vorort, der hieß Fenne, 2000 Einwohner.
[9:04] Das war so die Heilung, hätte ich fast gesagt.
[9:07] Aber ich bin nicht nur wegen meinen Eltern gegangen, sondern gerade wegen dem
[9:11] Vater meines Sohnes, weil ich keinen anderen Ausblick irgendwann gesehen habe.
[9:16] Wann hast du das Kind bekommen? Ich war... Oder wie alt warst du?
[9:20] Ja, ich war genau 22 Jahre alt, als ich das erste Mal Mama geworden bin. Okay.
[9:26] Das war aber, nachdem du schon zu Hause weggegangen warst. Genau,
[9:29] ich bin von zu Hause weggegangen für die Liebe.
[9:32] War das auch in Afghanistan? Nein, das war ein deutscher Mann gewesen.
[9:36] Weil ich immer so diese Angst in mir getragen habe, wenn ich einen Südländer in meinem Leben lasse.
[9:42] Oh mein Gott, die werden alle wie mein Vater sein.
[9:45] Dann habe ich mich schon proaktiv dafür entschieden, dass ich definitiv einen
[9:49] deutschen Mann in meinem Leben lassen möchte.
[9:51] Aber ich fand, dass er noch viel schlimmer war.
[9:53] Den hast du kennengelernt in Osnabrück? Nee, den habe ich in Bremen noch kennengelernt.
[9:57] Ich bin in Bremen kennengelernt gehabt.
[10:03] Und dann fing das auch eigentlich an alles. Aber ja, genau.
[10:09] Das Kind hast du in Bremen bekommen? Genau, ich habe das Kind auch in Bremen
[10:12] bekommen. Ihr habt ja auch zusammengelebt.
[10:14] Wir haben zusammengelebt. Wir waren vier Jahre liiert gewesen.
[10:20] Ich bin ja von zu Hause weggelaufen, hat mir sehr schnell eine eigene Wohnung
[10:23] gesucht. Er ist mit mir mit eingezogen.
[10:27] Und dann fing das eigentlich schon an.
[10:31] Jeden Freitagabend hätte ich fast gesagt. Also sozusagen von einer gewalttätigen
[10:37] Umwelt in eine andere gewalttätige Umwelt.
[10:39] Ja, weil ich glaube, dass wir ja auch unbewusst diese Intensität,
[10:44] also wir sind ja schon, das ist ja wie so eine Landkarte in uns eingezeichnet.
[10:47] Alles, was wir so in unserer Kindheit erleben, erfahren, das prägt uns ja,
[10:51] weil wir haben ja auch nichts anderes kennengelernt.
[10:55] Und selbst wenn so Süßholzgeraspel dann kommt, dass man dann denkt,
[10:59] oh, das ist die Erlösung, das ist die Flucht und dann denkt man,
[11:02] man hat jetzt die Rettung gefunden und dann ist es aber meistens so,
[11:07] dass man immer wieder in diese alten Muster sich verfängt und reinfällt, hätte ich fast gesagt,
[11:13] weil man diese Intensität unbewusst, hätte ich aber auch jetzt bewusst gesagt,
[11:19] dass wir sie unbewusst immer wieder in unser Leben lassen, weil wir sie noch nicht erkennen.
[11:25] Und wie hast du dich dann von dem Mann getrennt? Das war unschön.
[11:30] Ich bin ungewollt schwanger geworden und wollte eigentlich dieses Kind nicht behalten damals.
[11:37] Aber als ich dann bei der Untersuchung war bei meiner Gynäkologin,
[11:43] ist es mir so schwer gefallen.
[11:46] Da haben wir gesagt, okay, ich weiß, es wird schwer, es wird hart,
[11:50] aber ich entscheide mich dafür und wusste aber auch, dass ich definitiv nicht
[11:54] mit diesem Mann zusammenbleiben kann.
[11:57] Wir waren genau drei Monate zusammen, als mein Sohn auf die Welt gekommen ist
[12:02] und haben uns dann getrennt.
[12:06] Sehr gewaltvoll, wirklich sehr gewaltvoll. Der hat mich in der Schwangerschaft geschlagen.
[12:12] Er hat mich danach sehr intensiv geschlagen, bis meine Nachbarn die Polizei gerufen haben.
[12:17] Und die Polizei dann vor mir stand. Der hat mir das Kind aus den Armen gerissen.
[12:21] Und der ist voller Gewalt ins Kinderbett reingeschmissen, um auf mich loszurennen
[12:27] und mich zu schlagen oder auf mich einzuprügeln.
[12:29] Und dann habe ich gemerkt, nein, ich will dieses Leben für mein Kind nicht haben.
[12:34] Was ist dann passiert?
[12:38] Ich glaube, dass man als Mutter und auch als Vater, weil ich glaube,
[12:42] das hat nichts mit dem Geschlecht zu tun, das hat was mit Persönlichkeit und
[12:46] dem Menschen zu tun, je nachdem,
[12:49] wie der Mensch sich entscheidet, zu sein, zu leben, zu handeln.
[12:56] Ich habe mich das erste Mal gewehrt, nachdem die Polizei rausgegangen ist und
[13:01] gesagt hat, ich möchte, dass sie eine Anzeige erstatten. Und ich habe mich dagegen gewehrt.
[13:04] Da hat der Polizist mich angesehen und gesagt, dann werde ich jetzt Anzeige erstatten.
[13:08] Und ich bin diesem Polizisten das heute unfassbar dankbar. Also ich werde das
[13:12] auch nicht vergessen, was dieser Mann gemacht hat.
[13:14] Er hat eine Anzeige gegen ihn erstattet und der Papa ist dann rausgegangen.
[13:22] Er kam natürlich immer wieder, weil er wusste natürlich, dass ich da noch wohne.
[13:27] Und einmal war eine Arbeitskollegin bei mir. Wir wollten zusammen kochen.
[13:31] Dann hat er sogar meine Arbeitskollegen geschlagen.
[13:34] Und da habe ich gesagt, okay, das sind jetzt Grenzen. Er hat meine Freundinnen geschlagen.
[13:39] Das ist jetzt nicht ein Einzelfall, dass er nur mir gegenüber gewalttätig war.
[13:42] Und alle waren irgendwie schlecht und schuld und an dieser Trennung beteiligt, seiner Meinung nach.
[13:48] Ich habe irgendwann seine eigenen Schuhe genommen und habe sie auf ihn geschmissen
[13:55] und habe auf ihn eingeschlagen und gesagt, du gehst jetzt raus,
[13:57] sonst werde ich dir diesmal was antun.
[14:00] Weil ich gemerkt habe, ich kann das nicht mehr. Das war zu viel,
[14:03] das war eine Grenze, die erreicht war, wo ich gesagt habe, ich will das nicht
[14:06] mehr, nie wieder in meinem Leben.
[14:07] Und dann wehrt man sich, glaube ich. Aber auch nicht für sich unbedingt,
[14:10] weil man merkt, da ist so ein kleines, unschuldiges Lebewesen.
[14:16] Ich will gar nicht, dass mein Kind all diese Negativität erlebt und damit aufwächst.
[14:22] Und dann hast du ihn sozusagen verlassen.
[14:26] Ja. Und ich war sehr dankbar, als eine neue Frau in sein Leben kam. Ja.
[14:32] Ich habe das Gefühl, so Ex-Partner, auch Frauen, so wie Männer,
[14:36] die lassen einen irgendwie nicht in Ruhe, bis dann niemand Neues kommt.
[14:41] Ich bin allein geblieben, weil ich mich überhaupt nicht mehr nach einer Partnerschaft gesehnt habe.
[14:48] Und er hat dann jemanden kennengelernt gehabt.
[14:52] Diese Frau hat noch mehr Übel in mein Leben gebracht als alles andere.
[14:56] Also das war so ein Hass, der danach sich ausgetobt hat in dem Leben meines Sohnes.
[15:04] Ich glaube, ich habe kaum Worte dafür.
[15:06] Das haben wir leider ja auch mit anderen Zusammenhängen bei dem Podcast hier
[15:09] auch öfter, dass wenn sich zum Beispiel jetzt ein Ehepaar trennt und beide haben
[15:18] noch keinen neuen Partner,
[15:21] ist ganz oft, das ist natürlich jetzt nur nach knapp etwas 40 Sendungen,
[15:25] also ein erster Eindruck sozusagen,
[15:27] und man sich noch ganz gut versteht, ganz freundschaftlich versteht,
[15:31] dann ist es auch mit der Regelung mit den Kindern in aller Regel Wechselmodell
[15:35] kein Problem, es läuft alles smooth.
[15:38] Sobald aber dann ein Partner, egal jetzt ob dein Vater oder bei der Mutter,
[15:42] auch das ist wie bei dir genderneutral eigentlich, ist es eben unterschiedlich,
[15:46] ins Leben tritt, wird das unter Umständen schwierig.
[15:52] Und dann werden leider eben auch ganz oft die.
[15:56] Kinder vorgeschoben, instrumentalisiert, weil nur das Beste für sie bei der
[15:59] Wahrheit werden sie instrumentalisiert, um sie gegen einen anderen Partner,
[16:02] gegen die Mutter oder gegen den Vater eben einzusetzen.
[16:07] Wie alt war dein Sohn denn damals, als du dich da getrennt hast?
[16:11] Mein Sohn war drei Monate alt. Drei Monate, er war ganz klein.
[16:14] Der war ganz klein und hat ja nie des Lebens mit beiden Eltern kennengelernt,
[16:18] was auch eine enorme Zerrissenheit viele, viele Jahre in ihn hervorgerufen hat.
[16:24] Das ist ganz schwierig, glaube ich. Das war ganz, ganz hart.
[16:26] Also es tut mir auch bis heute so leid. Und heute ist er 19 und ich merke,
[16:31] er kann damit besser umgehen.
[16:33] Aber er hat auch eine ganz tolle Partnerin inzwischen an seiner Seite.
[16:37] Aber er hat viele Jahre damit gekämpft. Wir haben viel damit.
[16:41] Das ist ja fast eine sozusagen erzwungene Entfremdung.
[16:44] Ist es, ja. Auf einer anderen Ebene erzwungene Entfremdung. Wobei es ihm im
[16:47] Zweifelsfall ja auch nicht gut getan hätte, mit dem Vater was zu tun.
[16:50] So wie der Vater, wie du ihn fühlst. Aber es ist natürlich trotzdem verständlich,
[16:56] dass er da große Schwierigkeiten hat.
[16:59] Und wie du vorhin auch gesagt hast, diese Gewalterfahrung, die du zweimal gemacht
[17:03] hast, einmal in der Familie, dann mit dem Mann,
[17:05] das ist ja auch ein Phänomen, was wir auch im Podcast auf einer anderen Ebene
[17:10] hier schon oft gesehen haben, dass eben Menschen, die in ihrer Jugend,
[17:17] in ihrer Kindheit entfremdet worden sind,
[17:20] das eben auch mit in die Erwachsenenleben reinnehmen.
[17:24] Manchmal tragischerweise eins zu eins.
[17:28] Manchmal aber auch so, dass sie erst sehr spät eigentlich entdecken,
[17:32] wenn sie sehr, sehr erwachsen sind, dass dann eine Entfremdung passiert ist
[17:36] zum Beispiel, weil in der Gesellschaft über dieses Thema eben auch nicht gesprochen wird.
[17:41] Aber wie hast du das denn, woher hast du denn die Kraft genommen, dass.
[17:46] Alles so durchzustehen. Das ist ja, das ist, und du warst ja noch sehr jung.
[17:53] Ja, das fragen mich immer so viele, ehrlich gesagt.
[17:57] Ich glaube, dass die Kraft mit meinem Sohn irgendwie entstanden ist.
[18:02] Weil, ich weiß nicht, ich finde, Kinder sind sowas Unschuldiges.
[18:07] Ich finde, Kinder sind so heilig. Und ich habe immer gedacht gehabt, wir Erwachsenen,
[18:16] reproduzieren ja unsere Traumata einfach wieder neu und erschaffen neue kleine
[18:21] kaputte Wesen, die irgendwann zu Monstern sich entwickeln können. Oder auch nicht.
[18:27] Aber irgendwie muss dieser Kreis mal gebrochen werden, weil wenn ich genau das
[18:31] tue, was meine Mutter mir angetan hat, dann wird das ja niemals enden.
[18:36] Und wie soll er mal seine Kinder erziehen?
[18:37] Und ich glaube, dass man das für seine Kinder irgendwann aus Liebe tut.
[18:42] Das ist die Liebe, die, glaube ich, einen so stark macht. Und du hast dann noch
[18:45] zwei Kinder bekommen? Genau, viel, viel später.
[18:48] Ja, mit einem anderen Mann vermutlich. Genau, ich bin inzwischen verheiratet wieder.
[18:53] Ich war über zehn Jahre allein gewesen. Ich mich dann eher auf andere Sachen konzentriert.
[18:58] Habe mein Abitur nachgeholt mit meinem Sohn. Bin studieren gegangen.
[19:02] Bist du dann nach Bremen zurückgegangen? Ich war die ganze Zeit in Bremen,
[19:05] also nach der Trennung ja.
[19:09] Mein Sohn war damals sieben, als ich mich entschieden habe, dann wegzuziehen.
[19:15] Aber ich habe ein super Jobangebot bekommen und bin für die Firma dann damals
[19:18] weggezogen und habe gesagt, das mache ich. Und es war ein Neuanfang für uns.
[19:23] Und habe acht Jahre dann halt im Landkreis Osnabrück gelebt und da habe ich
[19:28] meinen jetzigen Mann auch kennengelernt und dann.
[19:32] Ja, er hatte die schwierigste Aufgabe, glaube ich. Inwiefern?
[19:38] Ich war so, also ich bin so gebrannt mal einfach davon gewesen.
[19:42] Also mich haben Männer überhaupt gar nicht mehr interessiert.
[19:44] Ich wollte niemanden mehr in meinem Leben lernen.
[19:47] Ich glaube, die schwierigste Aufgabe für ihn war es, mir eigentlich das Gegenteil
[19:50] zu beweisen, dass nicht alle Menschen so böswillig sind und auch nicht jeder
[19:54] einem so viel Leid zufügen würde.
[19:57] Und das habe ich mit ihm gelernt.
[20:00] Also du hast dein Sabitur nachgemacht? Hast du studiert, hast du gesagt? Was hast du studiert?
[20:04] Ich habe BWL studiert, aber ich war in Berlin gewesen, habe mir die ODK angesehen.
[20:11] Ich habe mir viele Hochschulen der Künste angesehen, auch deutschlandweit,
[20:16] und habe aber ziemlich schnell realisiert, dass das ein Traum ist, der ganz fern ist.
[20:22] Als alleinerziehende Mutter keine Chance, Kunst zu studieren.
[20:27] Dann habe ich natürlich gesagt, dann mache ich was Sinnvolles und habe mich
[20:30] für Wirtschaft entschieden. Bin auch ziemlich dankbar am Ende dafür gewesen.
[20:34] Es war auch eine gute Entscheidung. Ich kombiniere einfach heute beides.
[20:38] Ich habe mich sowohl mit der Kunst selbstständig gemacht und den Teil mit der
[20:44] Wirtschaft, den ich mir angeeignet habe, hilft mir heute in meinem Projekt einfach sehr viel.
[20:49] Wann hast du dich denn so für dich entschieden? oder wie ist das so gewachsen,
[20:54] dass du eben Projekte auch für andere Menschen realisieren möchtest,
[20:59] dass du möchtest, dass es anderen Menschen besser geht.
[21:01] Das ist schon sehr früh, mit sechs Jahren.
[21:04] Das ist sehr früh. Ja, das ist sehr früh. Ich weiß eigentlich,
[21:07] mit sechs Jahren, wenn ich mal groß bin und das alles überlebe,
[21:11] dann möchte ich mich definitiv für Kinder stark machen und eine Stiftung gründen.
[21:16] Und das hast du auch gemacht? Genau. Also ich habe keine Stiftung gegründet,
[21:20] weil eine Stiftung sehr viel Bürokratie bedeutet.
[21:22] Und habe mich für einen gemeinnützigen Verein entschieden.
[21:26] Und genau. Der heißt wie? Bildung ohne Bücher. Bildung ohne Bücher,
[21:30] genau. Vielleicht Eva dazu nochmal kommen.
[21:34] Also dann hast du geheiratet. Du hast zwei Söhne nochmal? Nee,
[21:37] ich habe zwei Töchter. Zwei Töchter, okay. Die sind jetzt wie alt?
[21:40] Meine Kleine ist gerade fünf geworden. Fünf, okay.
[21:43] Letzte Woche und meine Mittlere sind sieben. Okay. Genau.
[21:47] Drei Kinder. Und die verstehen sich gut? Ja, ich finde eigentlich,
[21:52] dass die sich total toll verstehen.
[21:53] Aber ich glaube auch, dass man denen das vorlebt, wie man miteinander umgeht.
[21:58] Und dass Kinder ja eigentlich wie so ein weißes Blatt Papier sind.
[22:00] Natürlich, wenn man respektvoll umgeht, miteinander gehen sie eben auch mit
[22:03] einem und anderen Kindern.
[22:04] Und nochmal die Nachfrage, du hast also zu deiner Familie überhaupt keinen Kontakt mehr?
[22:08] Also ich habe weder zu meinen Eltern Kontakt. Oder könnte es sein, dass gar nicht?
[22:11] Also zu meinen Eltern habe ich keinen Kontakt. Ich meide sie,
[22:14] so gut es geht. Sie wohnt natürlich in Bremen. Ich wohne ein bisschen außerhalb von Bremen.
[22:19] Ich habe zu einer Schwester Kontakt. Das ist meine älteste Schwester.
[22:22] Das ist so ein bisschen meine Konstante, hätte ich fast gesagt.
[22:27] Wir merken, dass es uns schlecht geht. Sie ist die Einzige, die mich versteht,
[22:30] weil sie das alles auch durchlebt hat.
[22:32] Ist sie auch weggegangen? Sie wurde mit 17 verlobt und mit 18 verheiratet und
[22:37] hat unser Elternhaus verlassen. Ja.
[22:40] Es ist ja auch so diese Tragik im Islam, die ich bis heute leider immer wieder
[22:44] erlebe, dass Mädchen sehr jung.
[22:49] Verheiratet werden und auch gar nicht wirklich die Wahl haben,
[22:52] zu entscheiden, sondern kommt jemand und hält um deine Hand an und dann sagt
[22:55] man ja oder nein und dann ist das Kind weg. Oh mein Gott.
[22:58] Schreckliche Vorstellung, aber anderes Thema, ja. Natürlich.
[23:01] Aber ich frage nochmal mit den Eltern nach, weil wir das auch schon öfter hier,
[23:06] weil wir oft diesen Konflikt der Kinder haben, die zwischen den Eltern stehen,
[23:09] wenn es um Eltern-Kind-Entfremdung geht, dass der eine Elternteil versucht,
[23:13] die Kinder zu entfremden und die Kinder sich,
[23:17] Oft für den, erstmal wollen sie sich eigentlich überhaupt nicht entscheiden,
[23:20] weil sie eigentlich Vater und Mutter brauchen, da sind wir uns glaube ich einig, wenn es geht.
[23:23] Sobald keine Gewalt im Spiel ist, sollte das eben 50-50 sein.
[23:27] Sollte eigentlich überhaupt keine Frage sein, ist es leider aber ganz oft vor
[23:29] Gericht auch eine Frage.
[23:31] Und die Kinder werden dann eben oft vor eine Entscheidung gestellt,
[23:35] die sie in jungen Jahren noch gar nicht treffen können eigentlich.
[23:38] Werden teilweise vor Gericht verhört, was auch völlig idiotisch ist.
[23:41] Ja, das haben wir alles erlebt.
[23:42] Völlig verrückt und eigentlich völlig lebensfremd. Das wundert mich immer wieder,
[23:48] was so oft passiert, auch bei den noch jüngeren Kindern.
[23:52] Und die Kinder sich dann natürlich gerne, also instinktiv eben gerne auf die
[23:56] vermeintlich schwächere Seite auch dann stellen. das kann der Vater sein,
[23:59] das kann die Mutter sein, weiß man gar nicht genau.
[24:01] Lange Rede, kurzer Sinn, auch wenn du so viel Gewalt erfahren hast von deiner
[24:07] Mutter und von deinem Vater, hattest du irgendwann trotzdem noch mal das Bedürfnis,
[24:12] die zu sehen und ihnen vielleicht einfach auch mal zu sagen,
[24:17] was sie dir angetan haben?
[24:18] Oder ist das jetzt naiv von mir? Oder kann das gar nicht sein, weil das war so schlimm?
[24:22] Du möchtest eben definitiv nichts mehr mit ihnen zu tun haben.
[24:26] Weil es sind ja, ich meine es ist ja auch so ein Phänomen das ist dann manchmal
[24:30] natürlich auch du hast es ja gesehen, du bist dann ein Mann geraten der gewalttätig ist,
[24:36] Gott sei Dank ist es sehr lange her und du hast auch das überwunden,
[24:39] aber das war vielleicht auch kein Zufall.
[24:42] Also ich habe ja auch, und ich glaube, das tun ganz viele, also da bin ich kein
[24:46] Einzelfall, dass viele junge Frauen und auch junge Männer immer wieder Kontakt
[24:51] zu diesen Familien suchen, weil Familie ist ja immer was Heiliges.
[24:54] Es wird uns ja schon wie so ein Samen in unseren Kopf eingepflanzt, ein Gebot an.
[24:57] Deine Eltern sind heilig, du musst sie anbieten und, und, und.
[25:00] Also ich halte da gar nichts von. Ich sage das auch meinen Kindern.
[25:03] Das ist im Islam auch besonders ausgeprägt, oder? Ja, und natürlich hatte ich
[25:08] auch Kontakt zu meiner Familie nach vielen Jahren wieder, durch die Geburt meines Sohnes auch.
[25:14] Sie sind auch, hätte ich fast gesagt, wieder freundlicher geworden.
[25:18] Also die Geburt meines Sohnes hat auch unsere Bindung irgendwie wieder gestärkt,
[25:21] weil ich auch alleine war.
[25:23] Es fing dann eher an, als ich dann mit 30 Jahren mich für eine Therapie entschieden
[25:31] habe, dass ich eine Traumatherapie machen möchte und auch eine Traumaklinik
[25:36] in Bielefeld besucht habe,
[25:39] dass ich da mein Leben mal sehr intensiv aufgearbeitet habe.
[25:42] Weil ich gesagt habe, irgendwie, weiß nicht, irgendwas stimmt mit mir nicht,
[25:45] ich möchte gerne, dass es auffährt.
[25:47] Und da fing das an, dass ich mich sehr intensiv mit meiner Vergangenheit auseinandergesetzt
[25:51] habe, weil mir jemand begegnet ist, der mir erst bewusst gemacht hat,
[25:57] irgendwie stimmt was mit dir nicht.
[25:59] Und ich bin diesen Menschen bis heute sehr dankbar. Wir sind auch bis heute
[26:03] noch befreundet, weil ich das sehr schätze, dass jemand so ehrlich war.
[26:08] Und durch die Therapie hatte ich die Aufgabe, mit meinen Eltern ein Gespräch
[26:12] zu führen und sie damit zu konfrontieren.
[26:14] Ich wurde als Kind sexual missbraucht und vergewaltigt.
[26:18] Und meine Eltern, na ja, ich wollte ihnen erzählen, warum ich bin,
[26:25] wie ich bin und warum ich auch gegangen bin.
[26:28] Und als ich das Gespräch mit meinem Vater gesucht habe, der ist dann extra nach
[26:31] Bielefeld gekommen, weil ich ihn hoch angerechnet habe, da habe ich zum ersten
[26:35] Mal gemerkt, das, was in ihm zerbrochen ist, als ich ihm das erzählt habe.
[26:39] Und das habe ich noch nie gesehen und auch noch nie gespürt. Und das war so echt.
[26:45] Und für einen Moment war er wirklich der Papa, den ich hätte ein Leben lang
[26:48] gebraucht. Aber ich habe gemerkt, ich bin so erwachsen. Ich bin heute eine Frau.
[26:53] Das hätte er vor 30 Jahren sein können. Heute brauche ich das nicht mehr.
[26:58] Aber da hat er, ich habe ihm das hoch angerechnet.
[27:01] Meiner Mutter, als ich sie damit konfrontiert habe, hat sie ganz eigenartig reagiert.
[27:07] Ich bin Literaturpreisträgerin in Berlin und habe das an einer Erzählung,
[27:11] also ich schreibe immer autobiografisch gefärbte Erzählungen und Texte und ich
[27:15] habe in diesen Text, der veröffentlicht wurde, auch die Reaktion meiner Mutter
[27:18] reingeschrieben, weil es ein Kapitel meines Lebens ist und das war mir so wichtig.
[27:22] Sie hat mich angeguckt und sie hat nur gesagt, sie wusste was,
[27:28] sie hat das mitbekommen, mein Vater auch.
[27:32] Aber beide haben mich nicht beschützt. Und das war etwas, was für mich noch
[27:35] mal so, es hat was in mir ausgelöst, wo ich gesagt habe, ich möchte nicht.
[27:40] Das sind keine Eltern. Also Eltern haben Verantwortung für mich.
[27:43] Sie müssen ihre Kinder beschützen. Das tun gute Eltern meines Erachtens nach.
[27:48] Und danach habe ich mich eher entschieden, weil sie dann anfing,
[27:52] auf einmal wieder so melancholisch zu werden, über sich selbst zu sprechen,
[27:55] sich zu bemitleiden. Und ich so, okay, ich nehme das nicht mehr ernst.
[27:58] Und habe es differenziert. Was will ich, was will ich nicht?
[28:01] Ich bin nach Hause gefahren, zurück nach Osnabrück.
[28:03] Und ich habe gemerkt, ich habe geweint. Aber es war nicht mehr dieses extreme,
[28:07] intensive Wein, wie das wissen viele, die Traumata-Erfahrungen haben,
[28:12] dass es so ein Brunnen ohne Boden ist, wenn man einen Schmerz versinkt.
[28:17] Und das hatte ich einfach nicht mehr.
[28:18] Und dann habe ich realisiert, das ist ein Heilungsprozess. Ich kann normal weinen.
[28:23] Und habe mich dann entschieden, jetzt brauche ich keine Eltern mehr.
[28:27] Wie geht es denn deinem großen Sohn dabei? Möchtest du ja trotzdem vielleicht
[28:31] die Großeltern mal sehen oder nicht sehen?
[28:34] Wie bist du damit umgegangen? Das ist ja auch nicht ganz einfach.
[28:36] Vielleicht hat er ja irgendwann mal gefragt, warum habe ich eigentlich keine Opa und keine Opa?
[28:40] Oder wie hat es, das ist ja auch ein Thema bei uns ja ganz oft,
[28:44] dass die Kinder da eben auch.
[28:48] Hin- und hergerissen sind. Genau. Und was ich auch sehr für mich,
[28:51] also kann ja immer nur für sich Entscheidungen treffen, was ich immer gemacht
[28:55] habe, weil ich habe nie mit meinem Sohn über meine Vergangenheit gesprochen
[28:58] oder ihn Menschen in Bildern eingerahmt und in die Hand gedrückt.
[29:02] Ich finde, das ist nicht richtig.
[29:03] Ein Mensch muss auch seine eigene Erfahrung machen. Was ich gemacht habe,
[29:06] ist, als er mir gesagt hat, er vermisst zum Beispiel Opa, dann habe ich gesagt,
[29:10] okay, ich begleite dich und ich bin mit ihm für eine Stunde,
[29:13] zum Beispiel mein Vater,
[29:15] wir haben ihn auf der Arbeit besucht, damit sie zusammen ein Eis essen können
[29:18] und haben wirklich meinen Vater gemeinsam besucht, aber ich bin die ganze Zeit
[29:21] an der Seite meines Sohnes geblieben, weil ich finde, es ist wichtig,
[29:24] auf die Bedürfnisse des Kindes einzugehen und ihnen trotzdem Schutz zu gewährleisten,
[29:28] zu wissen, ihnen passiert in diesem Moment nichts.
[29:30] Also man kann es, wenn man möchte und ich glaube, das ist auch gesund,
[29:34] dass Kinder diese Erfahrung machen.
[29:35] Sie müssen wissen, wo liegen ihre Wurzeln, wer sind ihre Vorfahren. Das meinte ich.
[29:39] Das hat er wahrscheinlich einfach auch unbewusst gespürt, irgendwie ist da irgendwas,
[29:43] ihm fehlt auch möglicherweise.
[29:44] Aber das habe ich ihn nie genommen, auch mit seinem Vater nicht,
[29:47] muss ich ganz ehrlich gestehen.
[29:49] Dass er den Wunsch geäußert hat, er möchte mit seinem Vater zusammenleben.
[29:54] Er hätte gerne eine richtige Familie, nachdem die neue Partnerin auch dann kam
[29:57] und der gerne, da sind manchmal spazieren gegangen, dann hat er mich angeguckt
[30:02] und gesagt, ich will das auch.
[30:03] Und dann stand ein kleiner Junge mit einem Ball und ich so, ach, du hast so viele Bälle.
[30:07] Nee, ich will nicht so einen Ball, ich will so eine Mama und ein Papa wie dieses
[30:10] Kind. Und das hat mich so zerrissen.
[30:13] Ich habe viele Ballen. Und dann habe ich gesagt, okay, ich weiß nicht,
[30:17] ob es eine gute oder eine schlechte Entscheidung war oder ob es überhaupt gute
[30:21] und schlechte Entscheidungen gibt,
[30:22] aber ich habe mich proaktiv dann mit dem Kindesvater zusammengesetzt und gesagt,
[30:28] ob der sich vorstellen könnte,
[30:29] dass unser Sohn die Erfahrung mit ihm macht.
[30:34] Wie ist ein Alltag mit Papa, wie ist es morgens mit ihm aufzustehen,
[30:37] weil ich finde auch dass das Recht hat dieses Kind ein Kind besteht aus zwei,
[30:42] Elternteilen, nicht nur Mama, sondern die Hälfte ist immer Papa und die Hälfte
[30:45] wird immer Mama sein. So ist es.
[30:47] Ich habe ihn erlaubt dahin zu ziehen hat nur nicht lange gedauert,
[30:51] bis wir in einem Gerichtssaal saßen und dieses Kind zusammengebrochen vor mir
[30:55] stand und gesagt hat, ich will zurück nach Hause, dann habe ich eigentlich ein
[30:59] Jahr vor Gericht gekämpft, um dieses Kind zurückzubekommen.
[31:02] Und ich weiß noch, wie ich da im Gerichtssaal saß und wirklich,
[31:07] also wenn ich merke, ich muss kämpfen, dann bin ich auch nicht emotional.
[31:10] Also ich bin dann keine, die sentimental wird und weint, sondern ich habe gemerkt,
[31:14] dass ich wirklich wie eine Löwin da saß und dem Richter, den Anwälten,
[31:21] dem Beistand des Kindes,
[31:23] also wirklich so ein Beistand, was du ja auch vorhin gesagt hast,
[31:25] also das ist das Allerunmöglichste für mich gewesen.
[31:28] Da habe ich gedacht, bitte hören Sie auf, Sie haben alle Ihren Beruf verfehlt.
[31:33] Ich habe allen wirklich mal klar vor Augen gehalten, was es für ein Kind bedeutet.
[31:38] Und das mal aus der Kindesperspektive erläutert, was ein Kind erlebt und wie es das alles wahrnimmt.
[31:44] Und dass alle diese Menschen sich mitschuldig machen und Täter sind,
[31:48] wenn dieses Kind ein zerbrochener Mensch ist, wenn er erwachsen ist.
[31:51] Und das ging ganz schnell, da durfte er wieder zu mir kommen.
[31:53] Und dann sind wir nach Osnabrück gezogen. Okay, dann sind wir auch so gut.
[31:56] Und dann wieder irgendwann später nach Bremen zurück. Genau,
[32:00] aber mein Sohn, als er dann älter wurde, Hat Papa und ich war immer noch alleine.
[32:06] Ein Kind erwartet und das ist schon wieder, es triggert Kinder.
[32:10] Oh Gott, ich habe keinen Papa. Ich bin ohne ihn aufgewachsen und die verdrängen ja auch.
[32:15] Kinder haben ja diese Fähigkeit, wir machen Erwachsene auch.
[32:20] Wir stapeln unsere Probleme immer erneut aufeinander, verdrängen die alten Erinnerungen.
[32:26] Es ist ja ein Schutzmechanismus, sich auch selber zu schützen.
[32:29] Und das tun Kinder noch viel intensiver, weil sie ja auch in ihrer kindlichen Welt noch sind.
[32:35] Also sie kennen ja auch die Grenze gar nicht. Wann ist etwas wirklich schlimm?
[32:39] Wann ist etwas gesund? Wann ist etwas richtig? Sie lernen das alles ja im Laufe ihres Lebens.
[32:44] Dann stand er irgendwann vor mir und hat sehr, also der hat dann so Sachen,
[32:47] hat wie die Zahnbürste angezündet, hat angefangen mal so Fußballkarten im Supermarkt
[32:53] zu klauen und sich erwischen lassen.
[32:55] Also proaktiv im Unterricht zu schluss. Immer proaktiv Dinge,
[32:58] damit er halt auffällt. Dann habe ich gesagt, hey, was ist mit dir los?
[33:03] Weil, unfassbar intelligenter Junge, einfach wirklich Jahrgangsbester,
[33:08] ich glaube, der hat so viele Goldmedaillen gewonnen, der hat wirklich alles
[33:10] abgestopft, was man so abstopfen kann.
[33:13] Und dann steht dieses Kind und ist so extrem verhaltensaufwärts,
[33:15] wo ich gesagt habe, okay, nee, wir müssen jetzt eine Lösung finden.
[33:19] Ich habe mir aber professionelle Hilfe dazu geholt. Also ich habe mir Sozialpädagogen
[33:23] dazu geholt, ich habe mir Kinder- und Jugendpsychologen dazu geholt,
[33:26] mit meinem Sohn auch regelmäßig halt, also ich,
[33:29] es lag mir auch sehr am Herzen, dass er eine therapeutische Begleitung auch
[33:33] hat, weil ich bin keine Therapeutin, ich weiß nicht, wie man so ein Kind dann
[33:37] nachher wirklich auffangen kann emotional,
[33:38] um diese fehlenden Bausteine zu reparieren und haben seine ganz tolle Kinder
[33:43] und Jugendpsychologen gehabt, die uns auch begleitet hat und dann haben wir,
[33:50] den Wunsch meines Sohnes da geäußert.
[33:54] Und ich habe gesagt, gut,
[33:56] eineinhalb Jahre habe ich ihn dann auf diesen Umzug vorbereitet,
[33:59] nachdem er den Wunsch geäußert hat.
[34:01] Und das war, glaube ich, so für mich heute als Mutter der größte Fehler,
[34:05] den ich dann gemacht habe.
[34:06] Ich hätte ihn nicht gehen lassen dürfen, aber er war nun mal älter,
[34:09] er war fast 10 zu dem Zeitpunkt.
[34:12] Und ich meine, er war jetzt auch nicht mehr so klein.
[34:14] Und er hat dann entschieden, doch da hinzugehen. Ich so, okay.
[34:18] Da habe ich natürlich eine schöne Abschiedsfeier für ihn gemacht,
[34:20] im Garten, seine Freunde alle eingeladen.
[34:22] Und wir haben uns wirklich ganz die Mühe gegeben. Er ist unter Tränen dann gegangen.
[34:27] Und dann habe ich diese Leere in mir gespürt. Ich habe gemerkt,
[34:30] ich fühle gar nichts mehr.
[34:32] Also es hätte mich jemand, wirklich ein LKW hätte mich überfahren können.
[34:35] Ich hätte keinen Schmerz mehr empfunden.
[34:37] Dann war alles nur noch taub. Es war wirklich, man ist so gelähmt und so gefühlt
[34:42] los, hatte ich fast gesagt.
[34:44] Ich habe richtig gespürt, dass was in mir gestorben ist.
[34:47] Aber so geht es eben auch vielen entfremdeten Eltern, Mütter oder Vätern,
[34:52] die ihre Kinder eben jahrelang Da hat man jemand hier, der hat 15 Jahre lang
[34:57] seine Kinder oder eine Frau nicht gesehen.
[35:02] Ich habe das Problem ja Gott sei Dank nie gehabt, aber unvorstellbar eigentlich.
[35:09] Wann hast du denn angefangen, dann zu schreiben? Das war ja wahrscheinlich auch,
[35:12] ob das jetzt eine therapeutische Lösung war, weiß ich nicht.
[35:15] Aber zumindest hat es dir wahrscheinlich geholfen, dir mit bestimmten Sachen
[35:18] besser fertig zu werden.
[35:20] Ich hatte fast gesagt, das war die beste Therapie, die ich je gemacht habe.
[35:23] Denn ich hatte wirklich sehr bekannte, tolle Therapeuten in meinem Leben.
[35:30] Also die sind wirklich deutschlandweit bekannt.
[35:33] Aber ich hatte immer das Gefühl, das hat mir nicht geholfen,
[35:36] weil ich ehrlich bin. Was ich gemacht habe, ist, ich habe mir mein Handy komplett
[35:42] drei Monate ausgeschaltet.
[35:44] Ich habe mich komplett von der Welt abgekapselt.
[35:48] Ich bin nur noch barfuß durch die Weltgeschichte gelaufen,
[35:53] bin auf Bäume geklettert, habe mir tolle Bücher geholt und saß ganz oben auf
[35:57] Baumruhen und habe die schönsten Bücher gelesen und habe mir den Sonnenuntergang
[36:01] angeguckt, mit einer Flasche Wein geschnappt,
[36:03] immer an den See gefahren, wo ich wusste, da sind keine Menschen.
[36:06] Menschen. Also ich habe viel für meine Seele selber getan.
[36:09] Und später, also mit 14 habe ich grundsätzlich mal angefangen zu schreiben.
[36:13] Aber später, als mein Sohn ausgezogen ist, habe ich angefangen,
[36:16] diese Erzählung zuerst für Jahreszeiten zu schreiben.
[36:19] Und die wurde dann auch unbedingt veröffentlicht. Und die habe ich damals mit
[36:23] meinem Handy getippt. Ich muss immer so lachen.
[36:25] Das ist eine gesamte Erzählung von, ich glaube, 50 DIN A4 Seiten am Ende mit
[36:30] dem Handy getippt und geschrieben. Du hast viel Geduld gehabt.
[36:32] Ja, ich hatte viel Geduld. Bis heute.
[36:37] Ja und dann, es war als mein Freund ausgezogen ist.
[36:40] Und da habe ich gemerkt, ich habe jetzt mal, man ist ja immer abgelenkt,
[36:45] wenn man Mama ist, wenn man Papa ist, man ist immer abgelenkt durch Arbeit,
[36:48] durch Kinder, wir sind immer abgelenkt und haben wenig Zeit,
[36:51] uns mit uns selbst zu beschäftigen.
[36:54] Das habe ich dann gemacht. Wovor ich in ein tiefes, schwarzes Loch falle,
[36:58] habe ich gesagt, fange ich an, mich mit mir selbst zu beschäftigen.
[37:01] Wie schreibst du regelmäßig?
[37:02] Ich schreibe sehr regelmäßig, ich stehe auch aus der großen Bühnen.
[37:05] Also ich stehe in der Staatsoper, ich durfte selbst in Schottland schon auftreten,
[37:08] also auch international, ja, im Staatstheater, in Lübeck sogar.
[37:14] Genau, ich stehe sehr regelmäßig auf Bühnen als Poetin und Lyrikerin inzwischen
[37:19] und arbeite gerade an meinem Debütroman.
[37:23] Und der Roman wird doch auch die biografische Züge haben? Mein Roman ist komplett
[37:27] meine Lebensgeschichte.
[37:30] Ja, schön.
[37:34] Und wann tritt Bildung ohne Bücher in dein Leben?
[37:41] Das ist verknallt. Oder wann hast du es erfunden? Oder wie hast du es erfunden?
[37:46] Ich hatte einen Auftritt in Hamburg tatsächlich.
[37:50] Und bin auf die Bühne gegangen. Ich hatte damals gar nicht so,
[37:53] ich weiß gar nicht, was ist so, Pottery Slam.
[37:56] Und da hatte mich ein Moderator aus Bremen angesprochen. Und der sagt,
[37:59] hey, komm, besuch mal die Landesmeisterschaften, damit du ein Gefühl dafür bekommst,
[38:02] was ist das überhaupt? Und dann bin ich für ein Wochenende mitgefahren und habe
[38:06] mal die Landesmeisterschaften kennengelernt.
[38:09] Und da habe ich halt viele andere Moderatoren von anderen Städten kennengelernt
[38:13] und bin dann nach Hamburg.
[38:14] Und als ich auf der Bühne hier in Hamburg stand, bin ich noch ganz lockerlässig
[38:17] mit meinem Kleid, weiß ich noch so ganz schick, auf die Bühne.
[38:20] Und dann habe ich gedacht, okay, cool, macht ja ganz toll Spaß.
[38:25] Als ich mich hingesetzt habe, hatten die Künstler natürlich ihren eigenen Sitzplatz.
[38:29] Und neben mir saß ein Ingenieur, der Samuel Thomas Buschern,
[38:33] der ist auch hier aus Hamburg und der hat einmal MIT promoviert und hat gesagt,
[38:38] ich fand deinen Text so großartig, aber ich bin sehr politisch unterwegs, also ich schreibe.
[38:44] Versuche sehr harte Themen in einer sehr schönen Weichensprache zu verpacken,
[38:48] dass sie niemanden erschlagen.
[38:50] Und dann hat Samuel mir gesagt gehabt, ja, was er macht.
[38:54] Und dann habe ich gesagt, hey, hast du nicht Lust, dass wir jetzt am Essen gehen?
[38:57] Ich bin ja immer so kontaktsfreudig.
[39:00] Und dann habe ich ihn zum Essen angelandet und in drei Gängemenü gekocht und
[39:03] habe ihm bis vier Uhr morgens die Ohren voll gesammelt und gesagt,
[39:06] ich habe eine Idee und die heißt Bildung ohne Bücher.
[39:08] Und dann habe ich zu Sammeln gesagt, ich gebe dir eine Woche Zeit,
[39:11] mach dir doch mal Gedanken, ob du dir vorstellen könntest, mit mir an Bildung
[39:15] ohne Bücher ins Leben zu gucken.
[39:16] Nach drei Tagen hat er mich dann angeschrieben und gesagt, weißt du was,
[39:19] ich finde deine Idee genial und hatte auch einen Podcast von mir damals gehört.
[39:23] Und er sagt, er unterstützt mich.
[39:25] Und genau vor zwei Jahren ist Bildung ohne Bücher die Idee entstanden.
[39:29] Also eigentlich eine relativ junge Idee. Ja, genau.
[39:33] Und dann habe ich gedacht, okay, jetzt muss ich ein Team gründen.
[39:36] Genau, und dann hast du ein Team gegründet. Wie ging es dann weiter?
[39:39] Ich habe einfach, wir leben in der... Vielleicht musst du auch die Grundidee
[39:43] nochmal erklären unseren Zuhörerinnen und Zuhörern.
[39:46] Bildung ohne Bücher hat ja einen Hintergrund. Genau.
[39:49] Bildung ohne Bücher ist eine Initiative zur zweisprachigen Bildungsförderung
[39:52] an alphabetischer Kinder in Krisenregionen und in Kriegsgebieten.
[39:56] Das bedeutet, ich habe mir Gedanken gemacht, wie kann man ein Kind,
[40:00] wir kennen diese Problematiken nicht, wir haben hier die Möglichkeit,
[40:04] Schulen zu besuchen, aber es gibt Statistiken, die sagen, 280 Millionen Kinder
[40:08] global, die keine Möglichkeit haben, eine Schule zu besuchen.
[40:11] Ganz schön viel. Oh, das dunkelste, was auch ich hier höre.
[40:15] Also 280 Millionen sind nur Statistiken, die erfasst werden können,
[40:18] aber es gibt Regionen, da geht kein Mensch hin, um Statistiken zu erfassen.
[40:22] Da denke ich alleine an Bangladesch und das größte Flüchtlingslager der Welt.
[40:25] Wer macht sich die Mühe, sich Gedanken zu machen, so eine Minderheit mal auszuwerten?
[40:29] Oder an Kurdinnen, die auch eine Minderheit wiederum sind. An viele Menschen,
[40:33] die Minderheiten sind, wie die Bahá'í.
[40:36] Ich glaube kaum, dass es wirklich viele Menschen interessiert.
[40:38] Mich interessieren aber diese Minderheiten.
[40:41] Weil ich einfach das aus persönlicher Perspektive dann sehr...
[40:46] Ich habe diese Initiative dann gegründet und mir Gedanken gemacht,
[40:51] wie kann ich ein Kind in solchen Krisenregionen eigentlich Bildung ermöglichen,
[40:56] ohne dass sie einen Stift haben, ein Buch haben.
[40:58] Sie können keine Schule besuchen, Lehrkräfte, wie soll ich Lehrkräfte engagieren und bezahlen vor allem.
[41:03] Also habe ich mich dann mit Samuel zusammengesetzt und Bildung ohne Bücher.
[41:09] Wir arbeiten mit Solarpanels und MP3-Playern. Als Schriftstellerin habe ich
[41:12] ein Kinderhörbuch geschrieben und habe das Hörbuch auf vier Stunden aufnehmen
[41:18] lassen in der jeweiligen Landessprache, aber auch von Menschen,
[41:21] die aus den Ländern kommen,
[41:23] damit, wenn das jemand macht, der die Sprache gelernt hat, dann ist es nicht die Originalsprache.
[41:29] Es muss jemand sein, der den Akzent beherrscht.
[41:31] Dann haben wir im Tonstudio die Hörbüche aufgenommen, jeweils immer einmal auf
[41:34] Englisch, einmal auf Muttersprache.
[41:36] Was für Muttersprache sind das zum Beispiel? Ich habe Dari, ich habe Pashto
[41:40] aufgenommen. Wir nehmen aktuell jetzt über Pfingsten kurdisch auf,
[41:44] wir haben arabisch aufgenommen.
[41:46] Jetzt nehmen wir für Bangladesch das Hörbuch auf.
[41:51] Wir haben natürlich jetzt eine Sprecherin auch. Zu Hamburg natürlich kommt diese
[41:54] tolle Frau gefunden, die das nämlich für die Rohingya-Bevölkerung aufnimmt und Englisch halt.
[42:03] Und Deutsch. Deutsch haben wir mit Anke Reizenstein aufgenommen,
[42:06] eine sehr berühmte Synchronsprecherin in Deutschland.
[42:11] Genau, und,
[42:13] Meine Aufgabe ist es eigentlich, durch die Welt zu fliegen und meine Koffer
[42:19] mit MP3-Playern und Solarpanels zu füllen.
[42:22] Den muss ich nur ganz kurz nochmal, dass wir es ein bisschen plastischer machen.
[42:25] Ich habe einen MP3-Player und der bekommt Energie von den Solarpanels.
[42:28] Genau. Die habt ihr auch speziell entwickelt oder gab es die vorher schon?
[42:32] Oder wie muss ich mir das vorstellen? Also wir haben einen, tatsächlich haben
[42:34] wir einen Solarpanel entwickelt.
[42:37] Oder Samuel hat das entwickelt, der ist ja unser Ingenieur. Und so haben wir
[42:40] den so aufbereitet. Wir haben viele Experimente durchgeführt.
[42:44] Wie kann man ein Solarpanel so aufbauen, dass er hitzebeständig ist,
[42:47] wasserresistent, dass man ihn reparieren kann?
[42:50] Das ist ja keine normale, wie hier in Mitteleuropa, Umgebung,
[42:53] sondern das ist ja Naturumtoos sozusagen.
[42:58] Wir haben Lötsinn angebracht, wir haben Klebestoff genommen,
[43:01] der wasserresistent ist, hitzebeständig ist.
[43:03] Und haben eine Anleitung, wie Kinder es spielerisch ganz einfach schaffen,
[43:08] ihre Player selbst zu reparieren, sollte etwas kaputt gehen.
[43:11] Ah, das ist natürlich super.
[43:12] Aber es ist auch wiederum utopisch, die Mengen mit unserem einen Ingenieur herzustellen.
[43:19] Und da haben wir auch überlegt, ob wir mit Hochschulen und Universitäten kooperieren,
[43:23] dass wir einfach Studenten finden, die Lust haben, diese Solarpanels mit uns zusammenzubauen.
[43:30] Und weil wir dann halt, aber schon die Planung hatten, nach Afghanistan zu fliegen,
[43:35] weil Afghanistan das erste Land war, was ich bereist habe mit dem Projekt.
[43:38] Wann war das? Das war im September letztes Jahr. Okay, gar nicht so lange her.
[43:41] Das ist noch gar nicht so lange her.
[43:43] Und dann haben wir nicht die Möglichkeit gehabt, mal eben tausend Solarpanels herzustellen.
[43:50] Habe ich mich entschieden. Wir haben natürlich durch Samuel Kontakte zu China
[43:54] und anderen Ländern und haben Solarpanels für uns dann anfertigen lassen, die wir bestellt haben.
[44:00] Sie sind mit einer kleinen Verkabelung, dass man einfach die MP3-Player an die
[44:03] Solarpanels anschließen kann.
[44:06] Und binnen zwei Stunden laden sich die Solarpanels auf und die Kinder haben
[44:09] ein Hörbuch von acht Stunden dann. Ach super.
[44:14] Also was hören Sie da? Genau, ich habe versucht natürlich, eine kindstgerechte
[44:19] Geschichte einzubauen.
[44:20] Vor allem geht es mir darum, alle Formen von Esmen aus den Köpfen von Kindern
[44:24] erstmal rauszubekommen.
[44:25] Das Wörter sind für Tierkinder, die auf Weltreise gehen, weil sie den Baum des Wissens suchen.
[44:30] Die wollen die klügsten Tierkinder der Welt werden. Und das sind die vier größten
[44:34] Weltreligionen und sie wissen es gar nicht.
[44:37] Und ihre Unterschiedlichkeit, wir haben einen Fisch dabei, wir haben eine Ziege,
[44:40] wir haben einen Schmetterling, wir haben eine Elster. Oder einfach,
[44:43] um zu zeigen, gerade auch Kindern, dass kein Mensch einen Unterschied macht
[44:47] und Unterschiede von uns Menschen gemacht werden.
[44:50] Und während dieser Geschichte, da erleben sie Abenteuer und wandern von Land
[44:55] zu Land, habe ich Lerneinheiten einbauen lassen.
[44:58] In diesen Lerneinheiten lernen sie spielerisch zum Beispiel unser Sonnensystem kennen.
[45:03] Oder die Sonne erklärt sich einem fünfjährigen Kind spielerisch. Was ist meine Funktion?
[45:08] Warum ist die Sonne so wichtig für die Menschen und für die Erde?
[45:12] Und all diese Dinge, wir haben aber auch die spannendsten Berufe,
[45:15] 13 spannendsten Berufe ganz am Ende eingebaut. Ich habe das Alphabet eingebaut.
[45:19] Ich habe sogar Mathematik eingebaut.
[45:21] Da war ich von Le Royale eingeladen zu einer Preisverleihung der vier besten
[45:28] Wissenschaftler in Deutschlands.
[45:29] Und habe dann eine Mathematikerin kennengelernt und mitten im Gespräch mit ihr,
[45:35] als sie mir von einem Pixelbild erzählt hat, was sie mathematisch berechnet,
[45:39] ist mir eingefallen. wow, ich kann Kindern das Rechnen beibringen,
[45:42] ohne dass ein Kind jemand Zahlen gesehen hat.
[45:44] Und das ist alles so einfach, weil wir denken ja alle mal so komplex.
[45:48] Also haben wir dann geguckt, wie wir halt ...
[45:51] Wirklich einfach Mathematik einbauen können für 5-Jährige. Das haben wir dann auch gemacht.
[45:56] Und ja, haben wir so einen Regenbogen. Wie entsteht ein Regenbogen?
[46:01] Wie entsteht eigentlich Regen?
[46:02] Was ist ein Leuchtturm? Wieso kann ein Schmetterling fliegen?
[46:05] Warum kann ein Fisch unter Wasser atmen? Warum ist der Himmelblau also viel
[46:08] Allgemeinwissen auch eingebaut?
[46:09] Ich finde, es ist wichtig für Kinder, bevor sie mit schulischem Wissen in Berührung
[46:13] kommen, wie funktioniert meine Umwelt eigentlich? Was ist mein Körper?
[46:17] Was gibt es eigentlich alles?
[46:20] Und die nächsten Hörbücher werden wir aber so gestalten, da bin ich jetzt mit
[46:23] einer Professorin und Doktorandin aus der Uni Kiel im Austausch,
[46:29] weil wir evaluieren werden.
[46:32] Wir werden eine wissenschaftliche Studie erstellen, warum wir auch in Afghanistan
[46:36] zum Beispiel einen CFD1R-Test durchgeführt haben.
[46:38] Das ist ein Grundintelligenztest, um den aktuellen Wissenstand der Kinder festzuhalten.
[46:44] Und mit der Professorin möchten wir dann gucken, wie wir diese wissenschaftliche
[46:48] Studie aufbauen können, um nachzuweisen, was passiert mit einem Kind nach zehn
[46:51] Jahren, das wirklich durch das kognitive Hirn mit Bildung in Berührung gekommen ist.
[46:56] Genau, und arbeiten aber auch schon an weiteren Konzepten zum Beispiel.
[47:01] Wir überlegen, wie wir das schaffen, dass wir Kitas bauen, also aber wirklich
[47:04] nachhaltig und sehr gut.
[47:07] Ohne, dass wir jetzt viel Gelder investieren müssen.
[47:10] Wie kann man Wehrkräfte ausbilden? Wie kann man Kitas errichten?
[47:14] Wie kann man Kindern eigentlich von Anfang an diese Möglichkeit geben,
[47:18] dass sie gebildet werden oder mit Bildung in Berührung kommen und richtige Strukturen
[47:22] lernen? Und da bin ich auch mit der Professorin im Austausch,
[47:26] mit der werde ich morgen telefonieren zum Beispiel.
[47:29] Also wir arbeiten an vielen unterschiedlichen Konzepten. Wir haben auch einen
[47:33] Kinderautor kennengelernt, einen kurdischen Autor,
[47:38] der zum Beispiel viele Kinderbücher geschrieben hat, um auch Kinder,
[47:42] gerade kurdische Kinder mit der kurdischen Sprache vertraut zu machen.
[47:45] Das wird, wir haben auch Kinderbücher auf Pashto, auf vielen unterschiedlichen
[47:49] Sprachen und gucken an Regionen, wo zum Beispiel Bildung nicht untersagt ist,
[47:54] weil in Afghanistan ist Bildung einfach für Kinder verboten.
[47:57] Wie können wir Kinder, die die Möglichkeit haben, sich zu bilden und lernen
[48:02] und schreiben zu lesen, trotzdem auch mit dem zu versorgen, also mit Heften,
[48:05] mit Büchern, mit Stiften, das machen wir auch.
[48:08] Wir arbeiten in ganz vielen unterschiedlichen Reaktionen. Offensichtlich,
[48:11] ja. Toll. Wie finanziert ihr euch?
[48:14] Wir finanzieren uns.
[48:17] Zum größten Teil durch Spenden. Wir viel auch durch mein Privatvermögen, wenn ich ehrlich bin.
[48:27] Da stecken wir wirklich sehr viel Geld rein. Aber ich denke,
[48:31] man kann nur eine Woche Mahlzeit am Tag essen.
[48:33] Und ob ich jetzt eine Villa besitze oder ein Dach, was brauche ich? Also ich glaube.
[48:39] Ich habe mich selber entschieden, auch so meine Gagen zum Beispiel,
[48:43] wenn ich Auftritte habe, dass ich die in meine Projekte reinstecke.
[48:46] Das ist einfach mein Lebenstraum. Das ist ein Herzenswende. Ich brenne richtig
[48:50] für dieses Projekt. Offensichtlich, ja, ganz großartig.
[48:53] Ja, tue viel dafür. Aber ich bin natürlich nicht ganz doof. Ich weiß,
[48:57] ich möchte mich schnell ausweiten. Ich bin gerade dabei, eine eigene Firma zu ründen.
[49:01] Ein Töchunternehmen. Ich habe eine Software entwickeln lassen für Behörden in
[49:07] Deutschland und entwickle gerade weitere Geräte, die ich leider noch nicht namentlich
[49:11] benennen darf, weil wir sie dann erst patentieren lassen müssen.
[49:15] Ich mache ganz viel nebenbei, um meine Projekte auch selbst finanzieren zu können,
[49:18] damit ich nicht die andere vereine. Autonomie ist dir sehr wichtig nach deinen Lebenserfahrungen.
[49:24] Das kann man ja auch verstehen. Vielleicht zum Schluss, was machst du denn,
[49:28] wenn du mal nicht arbeitest oder nicht dich um die Kinder kümmerst oder nicht
[49:31] mit deinem Mann kochst oder nicht in Afghanistan bist, auf einer Bühne stehst?
[49:35] Gibt es noch irgendwas anderes, was dir Spaß macht? Ja, ich gehe total gerne wandern.
[49:40] Ich brauche das ganz... Also wenn ich wirklich Zeit habe, die habe ich tatsächlich sehr wenig.
[49:46] Also ich schlafe auch wenig. Ich gehe wandern. Das brauche ich.
[49:49] Das braucht meine Seele. Keine Menschen.
[49:52] Nur Naturgeräusche. Am besten alleine und auf Bäume klettern.
[49:55] Das ist nicht bis heute. Ein schöner Schlusswort.
[49:59] Sala, vielen Dank, dass du heute da warst. Ja, danke dir. Und wir wünschen dir,
[50:03] glaube ich, alles nur erdenklich Gute für das Projekt. Dankeschön.
[50:05] Für deine Projekte ist ja nicht nur eins.
[50:07] Dankeschön. Bis dann. Tschüss. Ciao.

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