# "Der Wunsch nach Gerechtigkeit" mit Jihan Alomar

An episode of [Dieser eine Moment – Der Podcast mit Philipp Fleiter](https://invisiblenetwork.ai/podcast/1754096105), 28 Jul 2024, 1 h 05 min.

Audio: https://ais.audiorella.com/podcasts/1806-dieser-eine-moment-der-podcast-mit-philipp-fleiter/237120-der-wunsch-nach-gerechtigkeit-mit-jihan-alomar.mp3?v=2&awCollectionId=julephosting_69aaf1da6ba1a&awEpisodeId=237120

Unser Werbepartner für diese Folge ist die DEVK Altersvorsorge. Du willst noch mehr fürs Alter tun? Dann lass dich jetzt persönlich zur Altersvorsorge bei der DEVK beraten! https://www.devk.de/altersvorsorge 2023 erkennt der Deutsche Bundestag die Verbrechen des IS an den Jesidinnen in Shingal öffentlich als Genozid an. 2014 wird Shingal, eine Kleinstadt im Nordirak von der Terrororganisation IS überfallen. Jihan Alomar und ihre gesamte Familie werden Opfer dieses Überfalls und vom IS entführt. Ihre Geschichte steht stellvertretend für das Schicksal zehntausender Jesidinnen, deren Vernichtung dieser Überfall galt. Jihan, die damals erst zehn Jahre alt ist, wird in diesem einen Moment nachts von Bombeneinschlägen und Schüssen in Nachbarstädten geweckt. Ihre Familie beschließt sofort zu fliehen, doch Kämpfer des IS holen sie ein und entführen ihre und weitere Familien. Die Gefangenen werden in unterschiedlichen Lagern gehalten. Frauen und Männer werden getrennt, ihren Vater sieht Jihan zu diesem Zeitpunkt das letze Mal, auch ihr Bruder Khuder wird der Familie später genommen. Junge Frauen und Mädchen werden als Sexsklavinnen rekrutiert, darunter auch Jihans Schwester und ihre Cousine. Andere Frauen werden auf einem „Frauenmarkt“ an IS-Kämpfer verkauft, so auch Jihan und ihre Mutter. Sie leben in Lazaretten, teils in Privathäusern, dienen ihren Besitzern (so nennt Jihan sie) und werden gezwungen den Islam zu predigen. Über ein gefundenes Handy gelingt es Jihan nach 10 Monaten Gefangenschaft, einen Onkel außerhalb zu kontaktieren. Er verhilft ihnen zur Flucht und holt sie zu sich nach Bagdad. Von außen betrachtet normalisiert sich Jihans Leben ab diesem Moment, aber die Zeit in Gefangenschaft war geprägt von Gewalt, Missbrauch und Terror. Einige brachen unter diesem Druck, konvertierten zum Islam um von nun an auf Seiten des IS weiterzukämpfen, viele weitere überlebten die Gefangenschaft nicht. Jihan ist traumatisiert. Über das Projekt „Sonderkontingent Baden-Württemberg“ dürfen Jihan, ihre Mutter und übrigen Geschwister im Januar 2016 nach Deutschland ausreisen. Jihans erster Eindruck von Deutschland ist sehr positiv, richtig Anschluss findet sie aber erst im Laufe der Jahre mit zunehmender Sprachkenntnis. Sie geht ihren Weg und arbeitet ihre Vergangenheit auf. 2023 erreicht sie ein Anruf von ihrer totgeglaubten Schwester Sausan. Dem Onkel ist es gelungen, sie aus den Händen des IS freizukaufen. Auch Sausan kommt nach Deutschland, ihre Erlebnisse aus 8 Jahren IS-Gefangenschaft machen es ihr aber reichlich schwer, sich einzuleben, was auch Jihan mitnimmt. Jihan macht bald ihr Fachabi, möchte dann nach Berlin ziehen und weiterhin all den Jesid*innen eine Stimme geben, die das selbst nicht (mehr) können. Jihan fällt es nicht leicht ihre Geschichte zu teilen, gleichzeitig hat sie aber einen unerschütterlichen Sinn für Gerechtigkeit. Sie möchte Aufmerksamkeit dafür schaffen, dass geflüchtete Jesid*innen in Camps bei Shingal bis heute unter katastrophalen Bedingungen leben. Sie fordert Hilfe und Unterstützung gegen die Verbrechen des IS. Danke Jihan, dass du deine eindrucksvolle Geschichte mit uns geteilt hast. Mehr zu Jihan und ihrem Projekt auf Instagram @jihan.alomar und @projekt.dankbarkeit Immer auf dem Laufenden über Philipp und seine Projekte auf Instagram @philippfleiter Dieser Podcast ist eine Produktion von Philipp Fleiter und WeMynd im Auftrag von Podimo. Neue Folgen alle 14-Tage Montags überall, wo es Podcasts gibt. Redaktion: Philipp Fleiter und Laila Keuthage | Produktion: WeMynd Abonniert den Podacast, um keine Folge zu verpassen. Teilt die Folgen mit euren Liebsten und lasst uns eine Bewertung da.

## Transcript

[0:01] Dann sind wir Richtung Berge gegangen und da war es dann für uns zu spät,
[0:05] weil der IS schon da war und uns dann gefangen genommen hat.
[0:09] Als wir festgenommen wurden, sind die IS-Männer zu uns ans Auto gekommen,
[0:13] haben die Waffe von meinem Vater weggenommen und die Waffe auf ihn gerichtet,
[0:18] während ich hinter meinem Vater saß und gesagt,
[0:21] wenn du dich bewegst oder was Falsches machst, dann bringen wir dich um.
[0:25] Allein, dass ich nachdenke, dass meine Mutter vergewaltigt wird und dieser Mann
[0:33] vor meinen Augen sie anfasst,
[0:37] das war für mich teilweise, ich hatte diese Gedanken, ich will diese Männer
[0:40] umbringen mit zehn Jahren.
[0:59] Ist alles anders. Ich bin Philipp Fleiter und ich treffe in diesem Podcast Menschen,
[1:05] um mit ihnen genau über diesen einen Moment zu sprechen, der ihr Leben für immer verändert hat.
[1:11] Bevor wir in diesem Podcast starten, ein kleiner Hinweis.
[1:15] Ich werde mit Gian in der kommenden Stunde auch über körperliche,
[1:19] psychische und sexualisierte Gewalt sprechen.
[1:21] Falls du dich damit unwohl fühlst, dann hör dir diese Folge am besten nicht alleine an.
[1:28] Schön, dass ihr auch bei dieser Folge von Dieser eine Moment wieder mit dabei seid.
[1:31] Heute treffe ich einen ganz besonderen Menschen.
[1:35] Sie ist zwar erst 20 Jahre alt, hat aber in den vergangenen Jahren schon mehr
[1:41] durchgemacht als die allermeisten von uns.
[1:44] Also so viel, dass es wirklich für drei Leben viel zu viel wäre.
[1:48] Jihan Alomar lebt in Tübingen.
[1:52] Geboren ist sie aber in Shingal im Nordirak in einer jesidischen Familie.
[2:14] Insgesamt lebt sie zehn Monate in IS-Gefangenschaft. Ich kann euch versprechen,
[2:19] dass es sich lohnt, bis zum Ende dieser Folge dran zu bleiben,
[2:23] denn Jihan's Geschichte zeigt wie keine zweite,
[2:25] dass man niemals, niemals aufgeben darf und dass es sich lohnt,
[2:29] für die eigene Freiheit zu kämpfen.
[2:33] Ja, Jan, erstmal schön, dass du dir die Zeit genommen hast.
[2:37] Wir springen jetzt erstmal direkt zehn Jahre zurück.
[2:41] Es ist drei Uhr morgens am 3. August 2014. Du bist damals zehn Jahre alt.
[2:47] Du schläfst mit deiner Familie auf dem Dach eures Hauses in Shingal im Nordirak,
[2:53] weil es einfach dort sehr heiß ist und da kann man es dann besser auf dem Dach aushalten.
[2:57] Plötzlich wirst du aus dem Schlaf gerissen, was ist passiert.
[3:03] Und damals haben wir die Bomben gehört, wie die Bomben immer näher und näher kamen.
[3:10] Und für uns war das dieser Moment, wo wir aufstehen müssten und um unser Leben kämpfen müssten.
[3:19] Das heißt, du wusstest schon als zehnjähriges Kind, als du diesen Klang gehört
[3:24] hast, das sind jetzt Bomben?
[3:26] Ja, mit zehn Jahren wusste ich tatsächlich, dass es Bomben sind.
[3:30] Und da wir die Nachrichten verfolgt haben, hat man auch gesehen,
[3:35] dass der IS, die ja an dem Tag näher und näher kamen, schon in Mosul waren und
[3:43] das darüber berichtet wurde.
[3:45] Wir aber uns sicher gefühlt haben, weil wir dachten, dass die kurdischen Militär
[3:50] uns beschützen würden und haben uns keinen Kopf darüber gemacht. Und dann am 3.8.
[3:55] Um 3 Uhr morgens war dann dieser Moment, als die Bomben näher und näher kamen
[4:00] und wir uns retten müssten.
[4:02] Dann wusstest du, sie schützen uns nicht, sie kommen auf uns zu, sie sind bald da.
[4:07] Und dann hörst du da auf dem Dach nachts um drei diese Bomben und weißt,
[4:10] okay, wir müssen jetzt flüchten.
[4:12] Wie hat sich das für dich angefühlt? Es war sehr hektisch, also es musste alles
[4:17] schnell gehen und ich als Zehnjährige wusste nicht, muss ich jetzt was packen,
[4:22] muss ich nichts packen, wie machen wir das alles?
[4:25] Und es war so, dass wir tatsächlich alle ins Auto eingestiegen und haben Lebensmittel
[4:33] reingemacht und das, was man brauchen könnte.
[4:37] Und wie ich mich gefühlt habe, ehrlich gesagt, das war so wie eine verlorene
[4:43] Seele zwischen all diesem Chaos, was da geschehen ist.
[4:47] Ich wusste nicht, ob ich mit meinem Papa reden soll, weil er so gestresst war.
[4:51] Ich wusste nicht, ob ich mit meiner Mama reden soll, weil sie so gestresst war
[4:54] und habe einfach das gemacht, was sie gesagt haben.
[4:57] Ich bin einfach ins Auto eingestiegen mit den anderen Familienmitgliedern von
[5:01] mir und den Rest, wir dachten, dass wir freikommen, aber leider war das nicht der Fall.
[5:07] Und das heißt, du hast einfach funktioniert wahrscheinlich in dem Moment,
[5:11] weil man gar nicht so viel nachdenken kann.
[5:14] Vielleicht um das mal ein bisschen zu verstehen, was an diesem Tag passiert
[5:18] und auch was in den folgenden Monaten passiert.
[5:19] Wir müssen erstmal erklären, was ihr für eine Familie seid. Ihr gehört nämlich
[5:23] zu den Jesiden. Das ist eine Minderheit auch im Irak.
[5:27] Vielleicht ganz kurz, was bedeutet jesidischer Glaube für dich,
[5:31] für jemanden, der jetzt gar nicht weiß, was ist Jesidentum, was ist das für
[5:34] ein Glaube? Also Jesidentum ist eine eigene Religion für sich.
[5:38] Das hat nichts mit dem Islam oder Christentum zu tun.
[5:41] Wir Jesiden haben auch unsere eigene Feste, wie zum Beispiel das Neujahrfest
[5:46] oder auch Fastenfest haben wir.
[5:49] Wir fasten drei Tage und nicht 30, wie die Muslimen zum Beispiel.
[5:54] Man kann nur als Jeside geboren, wenn Mutter und Vater Jesiden sind,
[5:59] man kann aus der Religion aussteigen, aber man kann in die Religion nicht eintreten,
[6:05] also man kann nicht konvertieren.
[6:07] Okay, also es ist schon eine enge Gemeinschaft, so kann man sich das vorstellen. Genau und...
[6:14] Diese Gemeinschaft wurde so oft hintergangen und mussten so viele Völkermoder
[6:20] durchleben, dass es so eine Gemeinschaft für sich ist und teilweise lange braucht,
[6:25] bis man jemandem vertrauen kann. Also das ist bei mir persönlich auch so.
[6:29] Wie ist denn das jesidische Leben für euch gewesen im Nordirak?
[6:33] Also konntet ihr da euren Glauben ganz normal ausleben oder war da auch Unterdrückung?
[6:38] Also so wie ich mich erinnere, habe ich keine Unterdruckung in Irak erlebt bis zu dem 3.8.2014.
[6:48] Also es war ganz normal für uns. Ich hatte Freunde, die Christen und auch Muslime
[6:56] waren. Wir haben draußen gespielt mit den Kindern.
[7:00] Wir sind auf unsere Feste zusammen hingegangen und es war einfach friedlich
[7:06] und nicht so chaotisch wie jetzt, würde ich sagen.
[7:09] Also eine glückliche Kindheit eigentlich?
[7:12] Eigentlich ja, aber die Frage ist...
[7:16] Ist die Kindheit mit zehn denn beendet? Weil wenn man so nachdenkt,
[7:21] habe ich eigentlich eine schöne Kindheit gehabt.
[7:24] Aber dann ab meinem zehnten Lebensjahr hat sich mein Leben komplett verändert.
[7:30] Und wird dann auch so bleiben wahrscheinlich.
[7:33] Ja, vielleicht auch noch mal kurz zur Erklärung. Du hast einige Geschwister
[7:36] auch, mit denen du zusammen aufgewachsen bist. Wie viele insgesamt?
[7:39] Wir sind insgesamt acht Geschwister, aber hier in Deutschland sind wir sechs. Okay.
[7:44] Und damals im Nordirak, Das ist ja jetzt auch schon ein bisschen her.
[7:48] An was erinnerst du dich, wenn du jetzt an diese Zeit früher denkst, an euer Leben dort?
[7:52] Woran denkst du da? Wenn ich an meine Kindheit in Irak denke vor dem Krieg,
[7:56] dann erinnere ich mich, wie wir mit der ganzen Familie picknicken waren in den Bergen,
[8:03] wie wir zusammen gegrillt haben, wie wir unseren heiligen Ort Lalisch besucht
[8:09] haben und wie wir bei unserem Bauernhof waren und auf die kleinen Schafe aufgepasst haben.
[8:16] Also das ist schon eine sehr schöne Kindheit, wenn ich darüber nachdenke.
[8:22] Ja und dann kommt auf einmal langsam Stück für Stück dieser sogenannte islamische Staat.
[8:29] Hat der vor diesem Angriff eine Rolle in deinem Leben gespielt?
[8:33] Also war der IS Thema bei euch in der Familie, dass die gesagt haben,
[8:36] da passiert gerade irgendwas, das könnte für uns gefährlich werden sozusagen?
[8:39] Also wir haben nicht so groß nachgedacht darüber, aber wir haben die IS-Leute
[8:46] immer wieder in den Nachrichten gesehen.
[8:49] Es wurde darüber berichtet, dass es in Mosul ist und Mosul ist ja eineinhalb
[8:53] Stunden von Shingal entfernt.
[8:56] Der sogenannte Islamische Staat, oder kurz IS, ist eine islamistische Terrororganisation,
[9:03] deren Mitglieder für eine radikale Auslegung des sunnitischen Islams stehen.
[9:09] Der IS hat mehrere Jahre Teile Syriens und des Iraks kontrolliert,
[9:14] mit dem Ziel, im Nahen Osten den Gottesstaat, also das Kalifat, zu errichtern.
[9:21] Das führt dann zu einem mehrjährigen Krieg in den Regionen, den die Extremisten
[9:26] zwar am Ende nicht gewinnen konnten,
[9:28] Gottesstaat ist zerfallen, die Anführer wurden getötet.
[9:32] Es gibt aber immer noch tausende AnhängerInnen des IS, die im Irak und in Syrien untergetaucht sind.
[9:39] Mittlerweile hat der islamische Staat auch in anderen Ländern wie Ägypten,
[9:43] Afghanistan, Nigeria und in Teilen Ostafrikas Fuß gefasst.
[9:48] Djan war eine von schätzungsweise mehr als 400.000 Menschen, denen am 3.
[9:54] August 2014 vom IS ihre Heimat genommen wurde. Laut den Vereinten Nationen hat
[10:00] der IS in Shingal 5.000 bis 10.000 Menschen getötet und weit über 6.000 entführt.
[10:06] Deshalb gilt dieser Tag als Beginn des Völkermords an den Jesiden.
[10:12] Jiahans Familie will an diesem 3. August 2014 unbedingt fliehen,
[10:17] um den IS-Terroristen zu entkommen.
[10:19] In großer Hektik schmieden sie einen Plan.
[10:24] Was war eure erste Idee? Also ihr seid ins Auto gestiegen, wo wolltet ihr dann eigentlich hinfahren?
[10:29] Meine Familie hat einen Bauernhof, ein bisschen außerhalb von Schengal,
[10:35] ungefähr zehn Minuten mit dem Auto.
[10:38] Und dadurch, dass wir eine große Familie sind, haben wir uns dazu entschieden.
[10:44] Unser Treffpunkt war dann unser Bauernhof und von dort aus überlegen wir, was wir machen.
[10:51] Gehen wir in die Berge, warten wir ab.
[10:54] Und dann war halt so, dass wir uns dann dazu entschieden haben, in die Berge zu gehen.
[11:00] Für uns war dann Schluss, weil die IS-Leute schon auf den halben Weg auf uns gewartet haben.
[11:06] Ihr seid nicht bis in die Berge sozusagen gekommen. Ihr seid vorher aufgehalten
[11:10] worden. Genau, wir wurden vorher aufgehalten und festgenommen von den IS-Männern.
[11:15] Kannst du die Situation schildern? Also ihr seid im Auto, seid auf dem Weg sozusagen
[11:19] in Richtung Berge und dann kommt auf einmal eine Straßensperre oder wie muss
[11:23] man sich das vorstellen?
[11:24] Man muss sich das so vorstellen, es waren mehrere Autos, ich glaube sechs oder
[11:28] sieben Autos von meiner Familie.
[11:30] Und da sind wir dann Richtung Bergen alle hintereinander gegangen.
[11:35] Und es war dann halt so, dass ein IS-Auto mit einem Gewehr, so ein großes Gewehr,
[11:43] sich quer auf die Straße hingestellt hat, sodass man nicht weiterkommen kann.
[11:48] Und da haben sie dann gesagt, wenn wir weiter wollen, sterben wir.
[11:52] Und wenn wir nicht stehen bleiben, würden sie uns alle erschießen.
[11:57] Was war das für ein Gefühl? Ihr hattet ja schon das Gefühl, wir haben es jetzt
[12:00] fast geschafft, wir sind jetzt fast in den Bergen.
[12:02] Und dann steht da auf einmal dieses IS-Auto quer auf der Straße.
[12:05] Was denkt man in so einem Moment? Denkt man jetzt, ist alles vorbei?
[12:09] Ich dachte, dass sie uns in Ruhe lassen würden. Also dass sie sagen,
[12:13] ey, ihr könnt jetzt wieder gehen.
[12:15] Ich habe mir nichts dabei gedacht, ehrlich gesagt, außer dass ich sehr viel
[12:20] Angst hatte. Ich hatte wirklich sehr viel Angst, weil ich nicht wusste,
[12:25] ob sie uns erschießen werden oder ob sie uns am Leben lassen.
[12:31] Und weißt du noch, wie dein Vater reagiert hat, als er die gesehen hat,
[12:34] als die auf euch zukamen, auf ihr Auto zukamen?
[12:36] Mein Vater hat erstmal abgewartet, damit sie uns natürlich nicht erschießen.
[12:41] Er wollte auch nur das Beste für uns.
[12:44] Als wir festgenommen wurden, sind die IS-Männer zu uns ans Auto gekommen,
[12:48] haben die Waffe von meinem Vater weggenommen.
[12:50] Und die Waffe auf ihn gerichtet, während ich hinter meinem Vater saß und gesagt,
[12:55] wenn du dich bewegst oder was Falsches machst, dann bringen wir dich um.
[13:01] Und an dem Tag habe ich auch das erste Mal gesehen, wie jemand erschossen wurde.
[13:07] Eigentlich eine ganze Familie im Auto, weil sie haben mehrere Autos angehalten,
[13:13] darunter auch ein Großteil meiner Familie.
[13:16] Und eine Familie hat sich dazu entschieden, aus dem Konvoi auszutreten und in
[13:23] die Berge zu fahren, in der Hoffnung, dass sie freikommen.
[13:26] Und da hat der IS nicht gezögert und auf sie geschossen.
[13:30] Da habe ich gesehen, wie eine ganze Familie mit Löchern im Brust oder Kopf und
[13:36] teilweise Kinder und das ganze Blut und wie die ganze Familie getroffen wurde
[13:41] und sich das Auto dann auch überschlagen hat und dann explodiert ist.
[13:45] Das heißt, du bist zehn Jahre alt, als du das erste Mal andere Kinder sterben siehst.
[13:50] Genau. Etwas, was kein Kind auf der Welt jemals sehen sollte.
[13:53] Ich bin auch der Meinung, dass das, was ich erlebt habe, dass ich nicht mal
[13:57] meinen Feinden wünschen würde.
[14:00] Wirklich, weil das so schlimm ist. Und vor allem, wenn man noch ein Kind ist und sowas miterlebt.
[14:06] In deinem Buch schreibst du dazu, ich konnte meinen Augen kaum trauen.
[14:09] Das war das erste Mal, dass ich jemanden sterben sah.
[14:13] Und da ist in dir auch was kaputt gegangen, glaube ich, in dem Moment, oder?
[14:17] Es ist was in mir kaputt gegangen, und zwar das Vertrauen an die Menschheit.
[14:21] Ich habe mir gedacht, das, was diese Menschen hier tun.
[14:28] Das ist einfach, das kann nicht wahr sein. Ich habe wirklich mir gewünscht,
[14:32] dass ich in einem Traum wäre und einfach aufwachen und nichts von dem Albt passiert wäre.
[14:38] Aber das war leider die Realität.
[14:41] Ja, es klingt wie ein Albtraum, aber es ist halt echt. Das ist so schwer,
[14:45] auch sich das vorzustellen, wenn man das nicht erlebt hat.
[14:48] Das ist so wie etwas, was man in einem Film sieht oder so. Genau, eben, ja.
[14:52] Also du weißt ja zu dem Zeitpunkt noch nicht, dass du zehn Monate in IS-Gefangenschaft
[14:58] sein wirst und dass du unfassbar schlimme Dinge sehen und erleben wirst.
[15:03] Ihr werdet dann von den IS-Terroristen entführt.
[15:07] Wohin haben die euch gebracht, nachdem die euch da von der Straße sozusagen
[15:10] weggeholt haben? Sie haben uns in zwei Geschäfte gebracht.
[15:14] Auf der einen Seite waren dann die Männer,
[15:17] Und auf der anderen Seite waren die Frauen und Kinder. Und da habe ich auch
[15:22] das letzte Mal meinen Vater gesehen.
[15:24] Und das war wirklich wie in einem Film, dieses Abschiednehmen von meinem Vater.
[15:30] Ich wusste nicht, dass es das letzte Mal sein wird, dass ich meinen Vater nie wieder sehe.
[15:35] Es war so ein Gitter als Wand gedacht. Und da habe ich meinen Vater gesehen
[15:39] und da haben auch sogar unsere Hände so berührt und habe dann geweint in dem Moment.
[15:44] Und er hat mir gesagt, ich soll einfach zu meiner Mutter gehen.
[15:49] Und das war dann das letzte Mal, dass ich von ihm je was gehört oder gesehen habe.
[15:54] Das heißt, du weißt bis heute nicht, was mit deinem Vater passiert ist?
[15:57] Ich weiß bis heute nicht, was mit ihm passiert ist.
[16:00] Hast du damals verstanden, warum die Männer und Frauen getrennt haben?
[16:03] Ich habe am Anfang nicht verstanden, warum sie das machen.
[16:07] Aber nachher hast du dann erfahren, worum sie es gemacht haben? Mit der Zeit, ja, genau.
[16:12] Die IS-Männer haben gesagt, dass sie die Männer umbringen werden,
[16:15] weil die Männer für sie nutzlos sind.
[16:19] Und die Frauen und junge Mädchen haben sie mitgenommen und dann vergewaltig
[16:24] versklavt und auch teilweise Kinder mit denen erschaffen,
[16:28] damit man diese Frauen und diese Minderheit systematisch kaputt macht. Dein Vater hat...
[16:36] In dem letzten Satz, den er zu dir gesagt hat, gesagt, geh zu deiner Mutter.
[16:39] Ja, geh zu deiner Mutter Liebes. Also das werde ich auch niemals vergessen.
[16:44] Und wie hat sich deine Mutter dann verhalten in dem Moment? Die musste jetzt
[16:47] praktisch die Familie oder das noch, was davon übrig ist, zusammenhalten in dem Moment.
[16:51] Ich habe meine Mama gar nicht gefunden erst mal. Es waren ja hunderte von Frauen
[16:55] und Kindern in diesem kleinen Laden.
[16:57] Und da musste ich mich durch diese Menschenmenge zwingen, Einer von meinen Familienmitgliedern
[17:04] zu finden, damit ich nicht auch verloren gehe und dann nie wieder was von meiner Familie höre.
[17:11] Und da bin ich auch mehrmals auf den Boden gefallen, habe mich aber trotzdem
[17:15] gestärkt und gesagt, du stehst jetzt auf und suchst deine Familie.
[17:19] Und da, irgendwann habe ich dann meine Schwester gesehen und meine Mama,
[17:25] sie hat auch geweint, alle, also meine Mama, meine Tanten, meine Oma.
[17:33] Und dann wirst du von da aus sozusagen weitergebracht und kommst dann in Gefangenschaft oder wie?
[17:40] Nee, also diese IS-Gefangenschaft kann man sich nicht wie ein Gefängnis vorstellen,
[17:45] dass man da zehn Monate lang drin ist.
[17:47] Es war so, dass die uns immer mitgenommen haben, wo sie hingegangen sind.
[17:51] Sie haben uns erstmal in eine Schule gebracht und da waren dann auch hunderte
[17:58] von jesidischen Frauen und Kindern dort auch.
[18:02] Und dann, ich denke schon um die paar tausend Frauen und Kinder,
[18:06] die in dieser Schule waren.
[18:08] Und genau da war dann auch so Essen in der Mitte, wo, glaube ich,
[18:12] seit zwei, drei Tagen da lag.
[18:14] Und dadurch wurden auch sehr viele dann krank, auch am ersten Tag meiner Gefangenschaft.
[18:22] Also sie haben uns in Schulen runtergebracht oder in kleinen Dörfern.
[18:29] Wo die halt das Übersicht über die Gefangenen haben, damit sie nicht fliehen können.
[18:37] Das heißt, die haben euch mitgenommen wie eine Trophäe, wie etwas,
[18:41] was man im Krieg mitnimmt, wie eine Ware eigentlich, nicht wie Menschen.
[18:44] Sie haben uns nicht wie Menschen gesehen. Also sie haben in uns Teufelsanbieter
[18:51] gesehen und Ungläubige.
[18:53] Wie hast du die IS-Männer während deiner Gefangenschaft wahrgenommen?
[18:59] Also wie haben die sich euch gegenüber verhalten?
[19:01] Sehr schrecklich. Also wenn ich darüber rede, dann bekomme ich auch Gänsehaut
[19:05] an meinem ganzen Körper, weil es einfach so schlimm ist, was diese Männer uns angetan haben.
[19:12] Und teilweise so vielen kleinen Kindern. Sie kamen in diese Räume und haben
[19:19] sich Mädchen ausgesucht und mitgenommen,
[19:22] als wären wir irgendwelche Gegenstände, wo man das einfach mitnehmen kann und
[19:27] alles damit tun und lassen kann, was man will.
[19:31] Am ersten Tag unserer Gefangenschaft wurde auch meine damals 13-jährige Schwester mitgenommen und,
[19:38] Und ich glaube, wir alle können uns denken, was ihr geschehen ist.
[19:44] Wusstest du das schon mit zehn, was
[19:46] ihr passieren wird? Oder hast du das verstanden, was da gerade passiert?
[19:49] Ich wusste nicht, was passieren wird. Aber mit der Zeit, als meine Mama mit
[19:54] mir geredet hat und gesagt hat, für den Fall, dass ich mitgenommen werde,
[19:58] soll ich niemals zulassen, dass sie mich anfasst.
[20:02] Auch so etwas, was eine Mutter niemals zu ihrer Tochter sagen sollte eigentlich im Leben.
[20:08] Ihr werdet ständig in Busse und Autos gequetscht, werdet von einem Quartier zum nächsten gebracht.
[20:14] Und was du da erleben musst, du hast es ja gerade schon angedeutet,
[20:18] ist für die meisten von uns, glaube ich, ja nicht mal vorstellbar.
[20:21] Du beschreibst das aber in deinem Buch sehr eindrücklich, wie die Zustände sind.
[20:26] Also sehr eng, viel Dreck, Gestank, großer Hunger, Durst, keine medizinische
[20:32] Versorgung und vor allem sehr viel Gewalt.
[20:34] Du siehst auch Folter, du siehst Morde, du hörst Vergewaltigung.
[20:39] Ich muss das nochmal betonen an der Stelle, du bist zehn Jahre alt zu dem Zeitpunkt.
[20:44] Kann man überhaupt verstehen, kann man fassen, was da um einen rum passiert als Kind?
[20:49] Ich glaube, verstehen erst viel später. kann. Man sieht, was passiert und man
[20:55] denkt sich, ist das normal, was gerade passiert?
[20:57] Ist es normal, dass ich mit zehn Jahren höre, wie meine Tante vergewaltigt wird
[21:02] im Nebenzimmer oder andere jesidische Frauen?
[21:05] Ist es normal, dass ich geschlagen werde, weil diese Männer dazu Lust haben?
[21:09] Ich wurde auch missbraucht.
[21:12] Also ich wurde sehr oft geschlagen dort. Und ähm,
[21:18] Und man stellt sich diese Frage, ist es das, was man im Leben verdient hat oder
[21:22] egal, wer man ist, hat ein Mensch überhaupt das, was den Jesiden passiert ist, verdient?
[21:33] Ich kann es nicht verstehen, dass eine Gruppe meint, Menschen zu foltern,
[21:40] weil sie der Meinung sind, dass diese Menschen nicht verdient haben zu leben,
[21:43] weil das Teufelsanbeter sind oder Ungläubige in deren Augen.
[21:47] Und ich finde das sehr schlimm und schade für unsere Welt, dass es sowas gibt
[21:53] und dass man sowas auch vor allem zulässt.
[21:56] Also du kannst natürlich jederzeit sagen, wenn du nicht so sehr in die Details
[21:59] gehen willst, aber ich versuche das gerade nur zu verstehen.
[22:01] Das war so, dann kommt einfach einer von diesen Männern, hat schlechte Laune,
[22:05] hat irgendwie gerade Bock und schlägt ein Kind.
[22:07] Also schlägt dich einfach, weil du gerade da bist. Genau, ja,
[22:10] weil ich gerade da bin und weil er Lust dazu hat und teilweise wurden wir auch
[22:13] nicht, haben sie uns nicht irgendwie geboxt oder so. sondern mit dem...
[22:21] Mit der Waffe auch, also das hintere Teil von der Waffe haben sie einem in den
[22:25] Rücken geschlagen oder mitten im Stock.
[22:29] Also ich habe auch gesehen, wie meine Oma zum Beispiel geschlagen wurde,
[22:32] weil sie die Treppen langsam runtergelaufen ist.
[22:34] Ich würde sagen, jeder dieser Tage, die ich da war, ist einfach ein Trauma.
[22:43] Und das wird einem für das ganze Leben, das wird mich verfolgen,
[22:49] bis ich sterben werde wahrscheinlich.
[22:51] Warst du denn während der Zeit die ganze Zeit mit deiner Familie zusammen oder
[22:55] seid ihr zwischendurch getrennt worden?
[22:57] Wir wurden auch getrennt, also auch von den Familien.
[23:03] Meine Tante zum Beispiel wurden wir dann getrennt und dann war meine Oma nicht mehr da.
[23:07] Und irgendwann waren wir ganz alleine. Also wir wurden schon mit der Zeit alle
[23:14] getrennt und man wusste nicht, wer wohin kommt, wer es überleben wird,
[23:19] wer nicht überleben wird.
[23:22] Und warum ich nicht mitgenommen wurde, ich war auch die ganze Zeit bei meiner
[23:26] Mama. Ich habe verschiedene Rollen gespielt.
[23:29] Zum Beispiel, ich habe mich geistig behindert gestellt.
[23:33] Ich hatte ein kleines Teddy bei mir, so ein Kuscheltier und habe dann die ganze
[23:38] Zeit mich hin und her bewegt, gelächelt, gelacht.
[23:42] So, dass ich uninteressant für diese IS-Männer bin.
[23:47] Ich hatte damals lange Haare und da hat meine Mama sich dazu entschieden,
[23:53] meine Haare komplett abzuschneiden, also wirklich, dass ich wie ein Junge aussehe,
[23:57] damit sie mich nicht mitnehmen und mich dann...
[24:02] Das war also die Idee von deiner Mutter, dass du... Genau, das war die Idee von meiner Mama.
[24:07] Also sie hat alles dafür gemacht, dass sie mich und meine jüngeren Schwestern nicht mitnehmen.
[24:13] Ich meine, es war schlimm genug, dass meine zwei ältesten Schwestern mitgenommen wurden.
[24:18] Wie alt waren die zu dem Zeitpunkt? 16 und 13.
[24:23] Ihr kommt dann irgendwann auf einen sogenannten Frauenmarkt.
[24:28] Allein der Name ist ja schon ganz schrecklich. Ja.
[24:32] Was passiert auf so einem Frauenmarkt? Da kommen verschiedene bärtige,
[24:37] große Männer rein, die man wirklich Angst hat, wenn man sie sieht.
[24:44] Sie kommen rein und schauen sich die Frauen und Familien an.
[24:48] Und dann lachen sie. Sagen, ja, ich glaube, ich nehme die, aber für so viel Geld.
[24:54] Oder nee, doch nicht, ich nehme die andere, aber dafür für so wenig Geld.
[24:58] Und das war einfach grausam.
[25:01] Das war mitzusehen, wie wir verkauft werden, kann ich nicht beschreiben, wie es war für mich.
[25:08] Als Sklavin verkauft. Und das muss man ja nochmal ganz deutlich sagen.
[25:13] Deine große Schwester, von der du gerade schon gesprochen hast,
[25:16] die wird damals getrennt von euch und auch verkauft auf so einem Markt,
[25:21] wenn ich das richtig verstanden habe.
[25:23] Ist dir damals schon klar, was das bedeutet? wie es verkauft werden,
[25:27] also wo das hinführt am Ende? Irgendwann war es mir natürlich klar.
[25:31] Also nach vier, fünf Monaten Gefangenschaft war mir dann alles klar, was gerade passiert.
[25:38] Aber ich wollte es, glaube ich, nicht wahrhaben. Ich wollte es mir anders einreden.
[25:45] In dem Sinne, ich habe immer noch gehofft, dass es ein Traum ist tatsächlich.
[25:51] Ist vielleicht die einzige Möglichkeit, so eine Hölle überhaupt zu überleben.
[25:55] Vor allen Dingen, du wusstest ja auch die ganze Zeit nicht.
[26:00] Das irgendwann endet. Ja, das stimmt. Also theoretisch hättest du ja dein ganzes
[26:04] Leben lang in dieser Gefangenschaft bleiben können.
[26:06] Meine Schwester ist erst nach acht in IS-Gefangenschaft rausgekommen und lebt
[26:11] seit einem Jahr hier in Deutschland bei uns.
[26:14] Und erst vor einem Monat ist eine jesedische Frau freigekommen,
[26:18] die nach zehn Jahren IS-Gefangenschaft.
[26:21] Also das muss man sich erst mal vorstellen, was diese Menschen da erlebt haben.
[26:26] Deine Mutter war ja sehr schlau und hat ja dir die Haare abgeschnitten.
[26:30] Sie hat auch, glaube ich, mal versucht, dich einfach komplett zu verstecken
[26:33] vor denen, dass sie dich nicht mitnehmen können.
[26:36] Wie hat sie das gemacht? Sie hat mich teilweise auch unter ihrem Rock versteckt.
[26:41] Sie hat mich auch oft als Kissen verwendet.
[26:44] In dem Sinne, dass sie mir ein Tuch drüber gelegt hat und sie dann,
[26:50] wenn die IS-Männer kamen, um nach Frauen und jungen Mädchen zu suchen,
[26:54] um die wieder mitzunehmen, dass man sagt, das ist ein Kissen und das ist kein Mensch.
[27:00] Du bist ja dann verkauft worden.
[27:04] Allein das schon zu sagen, dass ein Mensch verkauft wird, ist für mich so schwer.
[27:08] Wie ist denn dein Leben bei dem neuen Besitzer? So hast du ihn ja, glaube ich, genannt.
[27:13] Du kommst dann zu einem Mann, der dein neuer Besitzer wird. Genau, ja.
[27:18] Einer ist schlimmer als der andere. Der eine schlägt einem, der andere will mit.
[27:25] Das ist schwer für mich zu sagen, allein, dass ich nachdenke,
[27:29] dass meine Mutter vergewaltigt wird und dieser Mann vor meinen Augen sieht.
[27:38] An fest, das war für mich teilweise, ich hatte diese Gedanken,
[27:42] ich will diese Männer umbringen mit zehn Jahren und ich wollte diese Gedanken
[27:47] nicht haben, aber das hat man nun mal und der Letzte, der uns gekauft hat,
[27:56] hat zu meiner Mutter gesagt,
[27:58] wenn ich 16 werde, kann er nichts machen, da muss er mich verkaufen,
[28:05] weil ich eine junge Frau bin.
[28:07] Nicht 16, ich glaube 13 oder so. Sie haben gesagt, man kann ab 12 Jahren Mädchen heiraten.
[28:15] Weil ab zwölf ist man dann eine Frau, was nicht stimmt. Natürlich nicht.
[28:23] Du bist dann immer noch in dieser Gefangenschaft. Und irgendwie,
[28:28] das finde ich total irre, hast du dir ein Handy organisiert oder gefunden?
[28:33] Und hast es dann geschafft, deinen Onkel, glaube ich, zu kontaktieren,
[28:36] der in Bagdad war zu dem Zeitpunkt. Wie hast du das gemacht?
[28:40] Wir wurden in ein Haus gebracht von dem Mann, der uns gekauft hat.
[28:45] Und er hatte einen Einsatz in der Wüste und da hat er uns mitgenommen.
[28:51] Und er hat gesagt, wir sollen nichts anfassen, was hier ist,
[28:54] weil das Haus nicht ihm gehört. Und er müsste ein anderes Haus für uns suchen.
[29:00] Meine Mama und ich haben uns dann auf den Weg gemacht, das Haus durchzusuchen
[29:05] und die Schränke, um zu schauen, ob wir ein Handy finden oder nicht.
[29:09] Wir haben dann auf jeden Fall einen Schrank aufgemacht, wo sehr viele Waffen
[29:13] drin waren. Ich hatte am Anfang Angst.
[29:16] Und da war dann so, dass wir diese kleine Tasche gefunden haben und die dann aufgemacht haben.
[29:22] Und da waren tatsächlich sechs Nokia-Handys drin.
[29:26] Und dann haben wir die einfach alle mitgenommen.
[29:29] Und später, wenn wir Zeit haben oder wenn er nicht da ist, um zu schauen,
[29:33] welches Handy er hat empfangen und welches nicht.
[29:36] Wir haben die Handys geklaut und da hat er uns dann in ein anderes Haus gebracht,
[29:42] wo es sehr schmutzig war und wo sehr viel Dreck drin war.
[29:46] Teilweise waren wir damit beschäftigt, zwei Tage lang, meine Mutter, ich und,
[29:53] Meine drei jüngeren Geschwister waren wir damit beschäftigt,
[29:57] dieses Haus sauber zu machen.
[30:00] Und er ist immer und immer wieder halt weggegangen. Und da haben wir geschaut,
[30:04] dass es ein dieser Handys funktioniert.
[30:08] Es hat zwar Empfang, aber kein Guthaben.
[30:12] Und das war für uns so, was machen wir jetzt? Wir waren so nah dran sozusagen.
[30:17] Wir waren so nah dran, genau. Und da ist dann die Nachbarin von uns rübergekommen,
[30:22] um zu schauen, ob wir da sind oder geflohen sind.
[30:25] Also teilweise waren die Nachbarn dafür zuständig, uns im Auge zu behalten.
[30:30] Und als diese Frau dann kam, haben wir gefragt, ob wir mit ihr Handy telefonieren können.
[30:35] Wir wollen nur unserer Familie sagen, dass wir am Leben sind,
[30:38] die nicht in der Gefangenschaft sind.
[30:40] Sie hat erst uns das Handy gegeben, als meine Mama dann auf die Knie vor ihr
[30:45] gegangen ist und darum gebettelt hat.
[30:49] Und das war für mich wieder so ein Moment zu sehen, dass meine Mama was macht,
[30:54] was keine Mutter auf dieser Welt machen darf.
[31:01] Also allein diese, für mich sind Mütter heilig.
[31:04] Also nachdem ich gesehen habe, was meine Mama für mich gemacht hat und für meine
[31:08] Familie und sie immer hinter uns steht und uns beschützt hat.
[31:14] Diese IS-Frau hat gesagt, meine Mama muss auf die Knie gehen und darum betteln,
[31:18] dass wir das Handy bekommen.
[31:20] Das heißt, sie hatte noch sogar Spaß ein bisschen dabei.
[31:22] Sie hatte Spaß dabei, uns irgendwie zu quälen. Zu quälen, genau.
[31:28] Und da haben wir dann vor ihr telefoniert. Und ich habe dann gesagt,
[31:32] ich bin schüchtern. Deswegen will ich im Nebenzimmer mit meinem Onkel sprechen.
[31:36] Da habe ich meinem Onkel gesagt, was für eine SIM-Karte das ist und was für
[31:41] ein Guthaben ich brauche.
[31:43] Und dann war es so, dass ich es geschafft habe, mit unserem Handy jemanden von
[31:51] meiner Familie anzurufen.
[31:52] Dann habe ich das Handy der Frau wieder gegeben und sie hat mich da auch geschlagen
[31:56] und gesagt, dass ich respektlos bin, weil ich so lange gebraucht habe und dass
[32:00] ich nicht vor ihr telefoniert habe.
[32:02] Also sie hatte auch teilweise Spaß daran, uns jeden weh zu tun.
[32:08] Aber du hast sie gut verarscht, muss man mal so sagen.
[32:11] Auf jeden Fall, ja. Ich schlau von dir. so aufs Schüchtern zu machen,
[32:14] sagen, ah, ich kann nicht, ich glaube, auf die Idee wäre ich gar nicht.
[32:17] Ist dir das in dem Moment eingefallen oder hattest du schon den Plan so?
[32:19] Also wir hatten den Plan auf jeden Fall, weil wir nicht wussten,
[32:23] wir könnten ja nicht vor ihr irgendwie meinem Onkel sagen, wir brauchen ein
[32:27] Code, was er uns sagt und dann vor ihr schreiben.
[32:31] Und da waren dann meine Mama und ich sehr schlau. Wir wollten überleben und da rauskommen.
[32:38] Und ich glaube, meine Mama hätte alles dafür gemacht, dass wir lebend da rauskommen.
[32:44] Und dann schafft ihr es, deinen Onkel zu erreichen und der versucht dann erstmal
[32:49] euch zu retten. Kannst du erzählen, wie das ablief?
[32:52] Das war auch eine Zeit, wo sehr viel Schlimmes passiert ist.
[32:57] Aber wir dieses Handy hatten und fest daran geglaubt haben, dass wir da rauskommen.
[33:03] Wir haben mit meinem Onkel geredet und er hat einen Mittelsmann gefunden.
[33:08] Der für Geld uns abholen würde, da, wo wir waren.
[33:13] Ich habe versucht, meinem Onkel zu sagen, wo wir sind.
[33:17] Wir haben dieses Haus, wo wir, die Häuser, wo wir waren, durchsucht nach Papiere,
[33:22] Ausweise von den alten Mitbewohnern.
[33:25] Dass du eine Adresse hattest sozusagen.
[33:27] Genau, ja. Also wir müssten erst mal suchen, was finden wir.
[33:31] Finden wir ein Dokument, wo eine Adresse draufsteht oder nicht?
[33:35] Und es ist auf jeden Fall so passiert, dass wir dann geschafft haben,
[33:39] die Adresse zu sagen und da hat dieser Mittelsmann meine Familie und mich abgeholt.
[33:44] Meine Mama und ich waren verschleiert, man hat nur meine Augen gesehen und meine
[33:48] drei jüngeren Geschwister haben wir versteckt, hinten im Auto.
[33:53] Und da hat dieser IS-Mann dann uns als seine Familie ausgegeben und uns dann nach Bagdad gebracht.
[34:00] Wie weit war das von da aus nach Bagdad? Wir sind um 12 Uhr mittags mit dem
[34:06] Auto abgeholt worden von diesem Mann und waren dann glaube ich um 0 Uhr dann in Bagdad.
[34:13] Also auch noch eine sehr lange Autofahrt? Es war eine sehr lange Autofahrt,
[34:17] paar Mal wurden wir an jemand anderen weitergegeben, weil dann der uns abgeholt
[34:22] hat, nicht weitergehen konnte und...
[34:24] Irgendwann waren wir dann in Bagdad und daran kann ich mich noch sehr gut erinnern.
[34:30] Da saß ich hinten im Auto und ein bisschen von meinen Klamotten waren rausgehängt.
[34:38] Und da hat dann ein irakischer Soldat, ein von Militär, das Auto aufgemacht.
[34:44] Und als ich meine Augen aufgemacht habe, habe ich ihn vor meinen Augen gesehen.
[34:47] Und ich dachte mir so, oh mein Gott, wir sind in Sicherheit. Das ist kein IS-Mann.
[34:53] Er hat die Autotür aufgemacht, um meine Klamotten wieder reinzubringen.
[34:57] Ich habe den gesehen, diesen Mann, und dachte mir so, krass,
[35:02] wir sind nicht mehr in der Gefangenschaft. Was war das für ein Gefühl?
[35:06] Das war ein krasser Gefühl. Das war wirklich so ein Gefühl, ich wusste nicht,
[35:13] wie ich damit umgehen soll.
[35:14] Also wir waren dann erstmal bei meinem Onkel.
[35:18] Und dieses Gefühl mit sauberem Wasser nach zehn Monaten sich zu waschen und
[35:25] dann in neue Klamotten, die nicht so schmutzig sind und die wir nicht seit zwei, drei Wochen tragen,
[35:31] dann das anzuziehen.
[35:33] Das war einfach, das war wie, als wäre man neu geboren.
[35:37] Und wie war es, deinen Onkel wiederzusehen nach der ganzen Zeit?
[35:39] Es war bestimmt auch schön, du hattest ihn ja auch ganz lange nicht gesehen, oder?
[35:42] Ich habe ihn auch, wir haben ihn ja auch ganz lange nicht mehr gesehen und es
[35:45] war echt schön, meine Familie wiederzusehen. Also dieses Gefühl ist unbezüglich.
[35:51] Das ist einfach krass. Aber kann denn nach dem, was du erlebt hast in diesen
[35:57] zehn Monaten, kommt dann sowas wie Normalität in der Zeit?
[36:01] Weil du sagtest, es war dann wieder so, man hat wieder sauberes Wasser,
[36:04] normale Klamotten, man ist in Sicherheit.
[36:06] Oder ist man noch so in einem Schock, dass man das gar nicht richtig realisiert?
[36:10] Am Anfang waren wir, glaube ich, in einem Schock.
[36:12] Aber mit der Zeit haben wir uns daran gewöhnt, dass wir nicht in der Gefangenschaft sind.
[36:16] Dass wir in einem Ort sind, wo wir rausgehen können, wo wir nicht getötet werden
[36:23] dafür, dass wir vielleicht uns vor die Tür setzen.
[36:29] Dafür, dass ihr Frauen seid. Genau, eben.
[36:33] Jetzt seid ihr also in Bagdad, was ja zu dem Zeitpunkt zumindest sicher ist
[36:37] vom IS. Genau, Bagdad war damals sicher vom IS.
[36:41] Und dann erfährt deine Mutter, dass es ein Programm gibt, das Jesiden nach Deutschland bringen soll.
[36:46] Ein sogenanntes Sonderkontingent Baden-Württemberg nennt sich das, glaube ich. Genau, ja.
[36:52] Da waren wir aber schon in Kurdistan. Wir waren nur für zwei,
[36:56] drei Tage in Bagdad gewesen, damit wir erstmal runterkommen können von dem ganzen
[37:01] Schock und alles drum und dran.
[37:03] Und dann hat mein Onkel uns an meinen richtigen Onkel weitergegeben.
[37:10] Und der Bruder von meiner Mama. und da waren wir dann in Dohuk,
[37:16] haben wir für eine kurze Zeit gelebt und da hat meine Mama davon erfahren,
[37:23] dass es ein Programm gibt, wo die jesidische Frauen und Kinder nach Deutschland
[37:29] bringen für eine zweite Chance.
[37:32] Und mit dem,
[37:34] Meine Mama hat natürlich nicht gezögert und uns direkt angemeldet,
[37:40] damit wir hierher kommen.
[37:41] Es wurde überprüft, ob das stimmt.
[37:46] Und da haben sie uns dann angerufen und da durften wir dann nach Deutschland.
[37:50] Das heißt für deine Mama war vollkommen klar, ihr seid im Irak nicht mehr sicher.
[37:54] Egal wo ihr seid im Irak, es kann immer irgendwas passieren.
[37:57] Es kann immer irgendwas passieren und ohne einen Mann in der Familie zu haben,
[38:02] ist es auch teilweise schwer, in Irak zu überleben.
[38:05] Und dann geht es ja relativ schnell, das wird dann alles überprüft und ihr sitzt
[38:10] dann kurze Zeit später im Flieger nach Deutschland.
[38:13] Wir sind im Mai 2015 aus der Gefangenschaft freigekommen und sind dann Januar
[38:20] 2016 nach Deutschland gekommen. Also ungefähr ein halbes Jahr später.
[38:25] Genau, ja. Und dann sitzt du im Flieger in einem Land, wo du wahrscheinlich
[38:28] vorher noch nie warst in deinem Leben? noch nie war und auch nicht dreimal davon gehört habe.
[38:35] Das wollte ich dich gerade fragen. Was hattest du in dem Alter für eine Vorstellung
[38:39] von Deutschland? Hattest du überhaupt schon mal von Deutschland gehört?
[38:41] Ja, wahrscheinlich schon, dass es das gibt.
[38:43] Ich habe es schon mal von Deutschland gehört, ja, aber wirklich,
[38:45] wie es hier aussieht, wie es hier ist, hatte ich keine Ahnung.
[38:49] Also, das war für mich auch alles neu.
[38:52] Und dann landest du in Deutschland und was ist so dein erster Eindruck,
[38:55] als du irgendwie, ich weiß nicht, in Frankfurt oder wo auch immer man da landet?
[38:58] Also wir sind in Stuttgart gelandet, weil das extra für Baden-Württemberg war
[39:03] und da wurden dann auch die jesedischen Frauen und Kinder in Baden-Württemberg verteilt.
[39:08] Ich bin mit meiner Familie nach Tübingen gekommen.
[39:13] Und mein erster Eindruck war so, es ist ein schönes Land, also nicht schmutzig,
[39:22] die Straßen sind sauber und vor allem,
[39:26] was ich auch direkt gemerkt habe am Anfang meiner Zeit hier.
[39:31] Dass Frauen genau dieselben Rechte haben wie Männer.
[39:34] Also, dass man als Frau nicht unterdrückt wird, weil man eine Frau ist,
[39:39] dass eine Frau arbeiten kann, dass ich zum Beispiel Fußball spielen kann und
[39:45] darf und werde nicht dafür ausgelacht.
[39:48] Genau, also das waren schon, dann war ich schon sehr froh hier in Deutschland.
[39:54] Es ist so interessant eigentlich, weil wenn man dich so kennenlernt,
[39:57] du bist ja schon eine selbstbewusste junge Frau und so die Vorstellung,
[40:01] das ist ja für die meisten Menschen, die hier aufwachsen, eine komplette Selbstverständlichkeit.
[40:06] Es gibt natürlich Idioten, gar keine Frage, die das anders sagen,
[40:09] aber für normal denkende Menschen ist es doch vollkommen selbstverständlich,
[40:12] dass Frauen alles machen können, was Männer auch machen können.
[40:15] Und alleine schon, dass man darüber nachdenken muss,
[40:18] Ist schon für mich schwer vorstellbar, aber es ist ja auch irgendwie gut,
[40:23] um sich bewusst zu machen, dass das ja auch eine große Errungenschaft ist,
[40:26] diese Gleichberechtigung, dass es eben nicht selbstverständlich ist und dass
[40:28] es sich lohnt, dafür zu kämpfen auch. Ja, auf jeden Fall.
[40:32] Vor allem, was ich auch hier oft merke, jetzt vor allem seitdem ich in der Öffentlichkeit
[40:38] bin und dann vor hunderte von Schülerinnen und Schülern spreche über meine Erfahrungen.
[40:43] Wirklich diese Schüler haben teilweise nicht so viel Wissen über das,
[40:49] was außerhalb Deutschland passiert.
[40:51] Also sie haben keine Ahnung, was in den Ländern wie zum Beispiel Irak, Syrien,
[40:56] Türkei und Iran, was gerade da alles los ist und sind dann nur fokussiert hier
[41:02] in Deutschland und informieren sich gar nicht über das, was außerhalb Deutschlands passiert.
[41:08] Und teilweise sind auch sehr viele dann hier in Deutschland nicht so dankbar,
[41:13] muss ich ehrlich sagen, für das, was sie haben.
[41:16] Das stimmt. Das ist auch mein Empfinden. Das ist vor allen Dingen,
[41:19] wenn du mal eine längere Zeit, es reicht schon, in Urlaub zu fahren in ein anderes
[41:22] Land. Ich war vor einiger Zeit in den USA.
[41:25] Und da siehst du ganz viele Obdachlose, die einfach ihren Job verloren haben
[41:29] und deswegen obdachlos werden, weil sie ihre Wohnung nicht mehr bezahlen können,
[41:32] weil es kein Sozialsystem gibt.
[41:34] Und da merkst du, es ist schon sehr, sehr toll, in Deutschland zu leben.
[41:38] Auf jeden Fall. Und ich bin auch sehr dankbar dafür, dass ich hier sein kann
[41:42] und dass ich auch jetzt bei den, das Thema Abschiebung ist ja groß, was Jesiden betrifft.
[41:48] Und ich bin auch froh, dass ich bis jetzt nicht abgeschoben wurde,
[41:52] sage ich mal, weil es einfach diese Menschen haben alles verloren.
[41:57] Und von diesen Menschen meine ich diese jesidische Frauen und Kinder, die das verhindern.
[42:03] Alles erlebt haben, kommen in ein neues Land und bauen sich was Neues auf und
[42:09] die Kinder haben hier Schulbildung und können hier.
[42:13] Aus ihrem Leben was machen und dann werden sie zurückgeschickt und das finde ich auch sehr krass.
[42:20] Da sprechen wir gleich nochmal drüber. Ich würde jetzt gerne nochmal kurz über
[42:24] deine Schwester sprechen.
[42:26] Die ist ja länger in Gefangenschaft geblieben als du und dann ist,
[42:30] ich glaube das war vorletztes Jahr, so ein kleines Wunder passiert.
[42:34] Du kriegst auf einmal ein Lebenszeichen von deiner Schwester,
[42:37] die du zu dem Zeitpunkt seit acht Jahren nicht mehr gesehen hast. Ja, das war.
[42:43] September vorletztes Jahr und also September 2022 und da komme ich von der Schule
[42:50] nach Hause nicht ahnend.
[42:51] Ich dachte mir, was ist jetzt los? Meine Oma sagt, ist das was passiert?
[42:56] Und ich ehrlich gesagt habe dann nur gefragt, wer hat geheiratet,
[42:59] weil ich nicht gedacht habe, dass irgendwie meine Schwester nach 8.
[43:02] IS-Gefangenschaft freikommt,
[43:06] Und sie hat mir dann ihr Handy ins Gesicht gehalten und gesagt, guck mal, wer da ist.
[43:11] Und dann sehe ich da meine Schwester und da fange ich einfach an, nur zu weinen.
[43:15] Wir beide, weil das war das erste Mal, dass wir uns nach acht Jahren gesehen
[43:21] haben und gesprochen haben.
[43:23] Per FaceTime dann irgendwie so oder Videocall. Genau, Videocall war es,
[43:27] weil wir wurden auch so überrascht, dass meine Mama mit einer Nummer angerufen wurde per Videocall.
[43:35] Und da haben dann diese Leute auf meine Schwester gezeigt und meine Mama wurde
[43:39] gefragt, kennst du dieses Mädchen?
[43:41] Und das war für uns alle so ein Tag, das ist krass.
[43:45] Das heißt, ihr wusstet gar nicht, ihr wusstet nicht, wo sie ist,
[43:48] ihr wusstet nicht, ob sie überhaupt noch lebt? Genau, also wir wüssten gar nichts.
[43:53] Und dann nach acht Jahren einen Anruf bekommen, wo sie dann in der Gefangenschaft
[43:58] ist und meine Mama hat auch direkt sich einen Flug gebucht und ist direkt nach Irak gegangen,
[44:05] und war dann einen ganzen Monat dort vor Ort, damit man ihre Papiere macht.
[44:10] Und ich habe hier in Deutschland versucht, sie dann ein Visum für sie zu bekommen,
[44:14] damit sie so schnell wie möglich das Land verlässt.
[44:17] Weil acht Jahre lang ist man kaputt, wirklich.
[44:23] Das heißt, deine Schwester ist jetzt bei euch, ist nach Deutschland,
[44:25] also es hat geklappt, sie ist nach Deutschland gekommen?
[44:27] Genau, es hat geklappt, sie ist letztes Jahr im Mai nach Deutschland gekommen.
[44:30] Und du hast ja gerade schon erzählt, bei dir waren es in Anführungsstrichen
[44:34] nur zehn Monate. Das war ja schon furchtbar.
[44:37] Ja. Aber bei deiner Schwester waren es acht Jahre. Ja, das ist wirklich grausam.
[44:42] Also wenn ich so viel Schlimmes erlebt habe in diesen zehn Monaten,
[44:46] was hat meine Schwester in acht Jahren erlebt?
[44:49] Redet ihr darüber? Wir reden nicht so oft darüber, nee.
[44:52] Es sei denn, sie will es von sich aus selber erzählen, was passiert ist.
[44:57] Sie erzählt mir nicht mal Sachen, dass sie teilweise Löcher in den Boden gemacht
[45:02] haben und dann da drinnen gewohnt haben.
[45:05] Wirklich ohne Dach über dem Kopf oder nicht mal ein Zelt. Sie haben im Boden versucht zu überleben.
[45:14] Wie ist das für Sie, sich jetzt in Deutschland zurechtzufinden?
[45:16] Wahrscheinlich sehr schwer, oder?
[45:17] Am Anfang war es sehr schwer. Mittlerweile ist es ja ein Jahr, dass sie hier ist.
[45:22] Und ich finde, sie macht sich gut mit der Zeit. Sie braucht natürlich ihre Zeit
[45:27] und das geben wir ihr auch.
[45:31] Aber sie geht zur Schule, macht Deutschkurs und hat auch ärztliche Hilfe bekommen.
[45:40] Und dafür sind wir echt dankbar, dass sie sich hier, ihr geht es hier in Deutschland
[45:44] auf jeden Fall besser, wie wenn sie jetzt in Irak wäre.
[45:48] Du hast dich dafür entschieden, deine Geschichte zu erzählen,
[45:52] nicht nur in diesem Podcast, sondern du gehst auch an Schulen.
[45:56] Du sprichst über die schrecklichsten Dinge, die einem Menschen,
[45:59] glaube ich, angetan werden können, die dir passiert sind, warum machst du das?
[46:03] Weil du könntest ja auch sagen, das ist mein Schmerz, ich will damit alleine sein.
[46:06] Das ist, glaube ich, der Punkt, wo ich finde, dass das nicht so sein sollte.
[46:14] Es gibt sehr viele jesidische Frauen oder es gibt sehr viele Menschen,
[46:18] die mit ihrem Schmerz alleine sein wollen und irgendwann auf Gedanken kommen,
[46:23] wie zum Beispiel Selbstmord.
[46:26] Sehr viele jesidische Frauen haben sich selber umgebracht wegen dem, was ihnen passiert ist.
[46:30] Weil teilweise sie sich selber schuldig gefühlt haben, gesagt haben,
[46:34] ich bin schuld, warum mir das passiert ist und das nicht mehr konnten.
[46:39] Ich sehe das so, dass ich es möchte, dass andere erfahren, was damals passiert ist.
[46:46] Dass ich nicht leise sein kann überhaupt, was mir und meinem Volk passiert ist.
[46:53] Und ich finde, dass es die Öffentlichkeit wissen muss und dass man da auf jeden Fall.
[46:59] Was machen muss. Und deswegen habe ich mich dazu entschieden,
[47:03] ein Buch zu schreiben oder immer wieder vor Hunderte von Schülerinnen und Schülern zu stehen,
[47:11] die quasi in meinem Alter sind und ich dann vor ihnen stehe und ihnen erzähle, was mir passiert ist.
[47:18] Ich finde das einfach sehr wichtig, weil es ja gerade noch nicht in den Geschichtsbüchern
[47:25] steht, was uns jesing passiert ist.
[47:27] Und ich meine, wenn es schon die Lehrer oder die Leute, die eigentlich das machen
[47:33] müssen, darüber aufmerksam machen, wenn sie es schon nicht tun,
[47:36] dann muss ich es ja tun. Wie schwer ist das?
[47:39] Es ist sehr schwer. Teilweise jedes Mal, wenn ich über meine Geschichte spreche,
[47:44] sei es jetzt oder bei der Lesung letzte Woche oder vor Schülerinnen und Schülern,
[47:50] in meinem Kopf spielt das alles nochmal ab.
[47:53] Egal, von was ich erzähle, ist es wie in einem Kino in meinem Kopf.
[47:58] Da geht dann der Film, da sehe ich die Bilder und wie es war und wie es passiert ist.
[48:03] Also manchmal merkt man das an meiner Stimme, weil meine Stimme dann zittrig ist.
[48:09] Oder die Tränen, die ab und zu kommen, die ich nicht zurückhalten kann,
[48:13] wenn ich über meinen Vater rede.
[48:15] Es ist sehr schwer, aber ich finde...
[48:19] Es muss darüber gesprochen werden und auch von Sicht einer damals Zehnjährigen.
[48:23] Unbedingt, ja. Das ist ganz, ganz wichtig.
[48:26] Dein Buch heißt Dankbarkeit, die schlimmste Zeit meines Lebens. Genau.
[48:31] Was bedeutet Dankbarkeit für dich? Ich muss erwähnen, dass ich das Buch natürlich
[48:35] nicht alleine geschrieben habe.
[48:38] Ich habe hier Freunde getroffen, Sine und Marvin Ballazhofer.
[48:42] Und mit den zwei habe ich dann das Buch geschrieben, indem ich darüber geredet
[48:46] habe und sie dann aufgeschrieben haben. weil ich neu in Deutschland war und
[48:50] die Sprache natürlich nicht so gut kannte.
[48:54] Für mich Dankbarkeit. Ich bin dankbar dafür, dass ich überlebt habe und dass
[48:59] ich am Leben bin, dass ich nicht gestorben bin.
[49:02] Ich bin für so vieles dankbar. Ich bin dankbar für meine Mutter.
[49:05] Ich bin dankbar für die zweite Chance, die ich bekommen habe,
[49:10] dass ich in einem Land aufwachsen darf, dass ich hier frei sein kann und keine Angst habe,
[49:16] dass mich irgendjemand umbringen will, weil ich Jesidin bin. Und ja.
[49:25] Ich bin, glaube ich, dankbar, dass ich so gute Menschen an meiner Seite habe,
[49:31] die mich unterstützen auf meinem Weg.
[49:35] Und deswegen habe ich mich auch dazu entschieden, dass es Dankbarkeit heißen
[49:39] wird und nicht als erstes die schlimmste Zeit meines Lebens.
[49:43] Ich finde das ganz faszinierend, weil du beides so ausstrahlst.
[49:46] Also man merkt den Schmerz natürlich. Man merkt, dass dir schlimme Dinge angetan
[49:50] wurden. Das erzählst du ja auch sehr offen.
[49:52] Aber ich finde, du strahlst auch eine wahnsinnige Stärke aus.
[49:55] Und auch eine Wärme und eine positive Art irgendwie, was ich sehr,
[50:00] sehr bewundernswert finde nach dem, was dir passiert ist.
[50:03] Aber wie du gerade schon gesagt hast, du bist einfach dankbar dafür,
[50:05] dass du noch hier sitzen kannst.
[50:07] Auf jeden Fall. Also das höre ich oft. Und ich sage das auch jedem, der...
[50:14] Ich bin ja teilweise ein Vorbild für die jüngeren Menschen. Absolut.
[50:18] Und diese jüngeren Menschen will ich einfach nur mitgeben, dass man das durch
[50:23] unsere Vergangenheit, können wir unsere Zukunft nicht zerstören lassen.
[50:27] Also wir dürfen dadurch das, was uns passiert ist und was uns Trauma...
[50:34] Was für uns ein Trauma ist, dürfen wir unsere Zukunft nicht aufgeben und dürfen
[50:39] dann sagen, ey, ich kann jetzt nicht weitermachen, weil mir das passiert ist.
[50:44] Das, was uns passiert, stärkt uns auf eine Art und Weise, die man nicht beschreiben kann, glaube ich.
[50:52] Also bei mir ist es so und ich sage auch immer,
[50:55] ich werde nicht meine Zukunft durch meine Vergangenheit zerstören lassen und
[50:58] deswegen sitze ich heute hier und deswegen habe ich Ziele vor meinen Augen und
[51:05] ich will diese Ziele erreichen und ich bin richtig motiviert, ja.
[51:10] Jian sagt, das, was uns passiert ist, stärkt uns.
[51:15] Auch in der Wissenschaft wird genau zu diesem Thema geforscht.
[51:18] Wenn unser Leben von einem schweren und plötzlichen Eingriff in unsere Unversehrtheit
[51:22] getroffen wird, wenn unser Gefühl der Sicherheit also massiv erschüttert wird,
[51:27] dann können Traumata entstehen.
[51:29] Unsere Psyche kennt dann verschiedene Bewältigungsmechanismen,
[51:33] um darauf zu reagieren. Wenn die aber nicht ausreichen, kann es zu negativen Folgen wie z.B.
[51:38] Einer posttraumatischen Belastungsstörung kommen, kurz PTBS.
[51:43] Betroffene berichten aber auch immer wieder davon, dass das traumatische Erlebnis
[51:47] ihnen nicht nur viel Leid gebracht hat, sondern sie auf lange Sicht auch gestärkt habe.
[51:52] Das wird dann posttraumatisches Wachstum genannt. Wichtig ist an dieser Stelle
[51:58] aber auch zu erwähnen, dass eine posttraumatische Belastungsstörung und posttraumatisches
[52:03] Wachstum sich nicht gegenseitig ausschließen.
[52:05] Hier gibt es also jetzt kein Entweder-oder-Belastungsstörung.
[52:08] Posttraumatisches Wachstum soll bedeuten, dass Betroffene nach dem traumatischen
[52:13] Erlebnis nicht zu ihrem ursprünglichen Funktionsniveau zurückkehren,
[52:17] sondern sie entwickeln neue psychische Stärken und erweitern ihre Ressourcen.
[52:23] Wissenschaftlich ist es aber total schwierig, das nachzuweisen,
[52:27] weil man ja bei Probanden nie mit Sicherheit sagen kann, ob sie diese Stärken
[52:30] nicht vielleicht auch ohne das Trauma entwickelt hätten.
[52:34] Deswegen kann man nicht mit hundertprozentiger Sicherheit sagen,
[52:37] ob es posttraumatisches Wachstum wirklich gibt.
[52:40] Was die Psychologie aber ganz sicher weiß, im erlebten Sinn zu schöpfen,
[52:46] kann entscheidend sein.
[52:47] Das ist aber natürlich bei einer so furchtbaren Situation, wie Jihan sie erlebt hat, total schwer.
[52:53] Doch durch ihr öffentliches Auftreten,
[52:56] ihre Erzählungen im eigenen Buch und Vorträge an Schulen schafft Jihan es ihrem
[53:02] Leid einen Sinn zu geben und sozusagen ein bigger picture, ein größeres Bild
[53:07] daraus zu schaffen und man muss auch sagen,
[53:09] sie ist damit noch lange nicht fertig und das finde ich sehr bewussternd.
[53:15] Was sind deine Ziele so als nächstes? Also ich möchte auf jeden Fall ein zweites
[53:20] Buch schreiben und noch ein großer,
[53:25] das ist echt ein großer Ziel und zwar eine Organisation gründen.
[53:31] Und ich bin gerade dabei und das wird wahrscheinlich in zwei Monaten soweit
[53:35] sein, dass ich mit meiner Organisation dann in die Öffentlichkeit gehe.
[53:39] Was genau hast du vor, also was soll diese Organisation machen?
[53:44] Und diese Organisation soll in der Nähe von Schengal, aber auch in der Nähe
[53:49] von den Bergen, eine kleine Stadt bauen für die Jesinen, die noch in Camps und
[53:56] in den Lagern wohnen, dass sie zurückkommen können.
[53:59] Wir sind teilweise so weit, dass wir den Namen von der Organisation haben,
[54:03] dass wir die Stadt, also die Baupläne haben.
[54:07] Ich arbeite mit einem Architekten und mit einer Professorin zusammen und ich
[54:14] finde, dass in dieser kleinen Stadt so eine Art Oase wird das sein.
[54:18] Also ein bisschen in der Wüste, aber auch in der Nähe von Schengal.
[54:23] Und diese Stadt soll dann.
[54:26] Den Menschen, die zehn Jahre lang in diese Zelten gewohnt haben,
[54:30] ein neues Leben zu schenken.
[54:33] Also quasi eine zweite Chance. Und ich will, dass diese Menschen in dieser kleinen
[54:38] Stadt leben und nicht mehr überleben.
[54:41] Ganz, ganz toll. Also wenn ich irgendwas tun kann, sag mir Bescheid.
[54:45] Ich finde es super, was du machst.
[54:47] Danke. Wir müssen noch mal kurz über Politik sprechen. Du hast das ja gerade
[54:51] schon so ein bisschen angeschnitten.
[54:53] Letztes Jahr hat der Deutsche Bundestag die Verbrechen des IS an den Jesiden
[54:56] öffentlich als Genozid, also als Völkermord anerkannt.
[55:02] Warum ist das so wichtig für die Jesiden? Man könnte jetzt sagen,
[55:05] das ist eh passiert, wir können es nicht mehr ändern.
[55:07] Also warum ist dieses Wort Völkermord so wichtig für die jesidischen Menschen?
[55:12] Die Jesiden erleben ja nicht das erste Mal diesen Völkermord. Und die Jesiden.
[55:20] Am 3.8.2014, das ist der erste Volkermord, der so durch die Welt gegangen ist,
[55:28] dass die ganze Welt wahrscheinlich davon gehört hat, was den Jesiden teilweise passiert ist.
[55:32] Und es ist wichtig, dass man es anerkennt, damit man den jesidischen Menschen
[55:38] ein Gesicht gibt, dass man sagt, wir sehen euch, wir unterstützen euch und ihr seid nicht alleine.
[55:43] Damit die Jesiden wieder Vertrauen haben, was das Vertrauen zwischen Mensch und Mensch angeht.
[55:51] Und ich finde, es ist wichtig, dass es jedes Land das anerkennt,
[55:59] dass es ein Volkermord war, weil die Taten, was die IS-Männer gemacht haben mit uns,
[56:05] das sind dieselben, wo drin steht, was ein Volkermord ist. Das ist die Definition eigentlich. Genau.
[56:12] Und es gibt so viele Zeugen dafür, was uns passiert ist.
[56:16] Ich meine, ich bin nicht die Einzige, die in der Öffentlichkeit ist und darüber
[56:20] redet, was uns passiert ist.
[56:22] Und ich finde es sehr wichtig, dass es immer und immer mehr Menschen gibt,
[56:27] die sich dazu entscheiden, in die Öffentlichkeit zu gehen und darüber zu berichten.
[56:32] Und es ist auch wichtig, dass man den Jesiden...
[56:36] Hinter denen steht, weil teilweise auch sehr viele Jesiden hier in Deutschland
[56:40] Angst haben, zu sagen, dass man Jeside ist.
[56:42] Das ist wirklich so, dass Leute mir schreiben und sagen, hey Chiham, was soll ich machen?
[56:48] Ich kann nicht in der Schule sagen, ich bin Jesidin oder ich habe Angst und
[56:53] ich bin dann da und denke mir, ich kann nichts machen. Wirklich,
[56:58] ich weiß nicht, was ich machen soll.
[57:00] Es ist so, also wie ist dein aktueller Aufenthaltsstatus? Das ist jetzt eine
[57:04] ganz komisch statistische Frage.
[57:06] Aber nur, um das zu verstehen. Also du hast noch keinen deutschen Pass, richtig?
[57:09] Ich habe noch keinen deutschen Pass, nur einen Aufenthaltstitel.
[57:12] Ihr habt einen Aufenthaltstitel.
[57:14] Das heißt aber, theoretisch könnte die irgendwann abgeschoben werden, oder?
[57:17] Bei uns bin ich mir nicht so sicher, weil wir ja von der Regierung hier nach
[57:21] Deutschland gebracht wurden.
[57:22] Also da bin ich mir nicht so sicher, ob das so leicht wäre, uns abzuschieben.
[57:27] Aber es ist natürlich nicht möglich.
[57:29] Also es kann sehr gut sein. Unmöglich, ja. Also unmöglich, genau.
[57:33] Also es kann sehr gut sein, dass wir auch irgendwann, Aber wir sind gerade dabei,
[57:37] den deutschen Passwort zu antragen.
[57:40] Also wenn den einer verdient hat, dann ja wohl du.
[57:46] Hoffentlich müssen wir uns da keine Sorgen machen. Aber es gibt trotzdem Jesidien
[57:49] und Jesidien, die abgeschoben werden im Moment wieder in den Irak.
[57:53] Und du beziehst sehr öffentlich Stellung dagegen. Auf jeden Fall.
[57:56] Also ich finde, dass es nicht richtig ist von der deutschen Regierung.
[57:59] Ich finde es auch sehr schade, uns zu sagen, also mit der Aktion dieses Volkermord
[58:06] anzuerkennen und Deutschland hat ja da mit der Aktion uns quasi gesagt,
[58:12] ihr könnt uns vertrauen,
[58:15] ihr seid hier bei uns sicher.
[58:17] Ihr habt das Beste verdient oder ihr verdient diese Anerkennung.
[58:24] Und dann ein paar Monate später sich dazu zu entscheiden, die ersten Leute zurückzuschicken,
[58:29] wo diese Leute gar keine Ahnung haben, wohin sie gehen, wo sollen sie denn leben.
[58:33] Es gibt ja alles nicht mehr, wo die gelebt haben.
[58:35] Eben, also die Stadt ist komplett am Boden zerstört, es gibt keine Häuser.
[58:39] Dann gibt es diese Camps, diese Lagern in Kurdistan, wo ich mir dann denke,
[58:44] das Leben, was die Menschen dort leben, seit zehn Jahren.
[58:48] Diese Menschen wollen immer noch überleben. Sie haben es nicht geschafft zu
[58:51] leben, wie ich hier in Deutschland.
[58:53] Sie versuchen jeden Tag zu überleben mit dem, was sie haben.
[58:57] Aber Politik ist ein gutes Stichwort. Könntest du dir vorstellen,
[59:00] selber in die Politik zu gehen?
[59:02] Ich könnte mir vorstellen, selber in die Politik zu gehen, auf jeden Fall.
[59:06] Und ich bin auch gerade dabei, ein Praktikum zu bekommen im Bundestag für einen Monat.
[59:13] Also ganz August und wenn ich das bekommen würde, wäre das sehr gut,
[59:18] weil dann kann ich reinschauen, passt das zu mir, ist es wirklich so,
[59:22] wie ich es mir gedacht habe,
[59:24] habe ich Lust mit Abgeordneten und Politikern zu arbeiten und ich glaube,
[59:31] das ist erstmal der Anfang.
[59:34] Ich glaube, die deutsche Politik könnte gut ein bisschen mehr Dschihad vertragen auf jeden Fall.
[59:40] Ja, das glaube ich auch. Ganz zum Ende dieses Podcasts stelle ich meinen Gästen immer zwei Fragen.
[59:46] Die erste ist, wenn du heute auf diesen einen Moment zurückblickst,
[59:51] also diesen Moment, wo ihr da auf dem Dach wart, wo du die Bomben gehört hast,
[59:56] was löst das heute in dir aus?
[1:00:00] Trauer und Wut. Und dieser Moment, als ich von den Bomben aufgewacht wurde,
[1:00:06] das war der Moment, wo mein Leben verändert wurde und ich so Schreckliches erlebt habe.
[1:00:13] Und wenn ich darüber nachdenke, an diesem Moment, dann beginnt die schlimmste
[1:00:18] Zeit meines Lebens quasi.
[1:00:21] Es war vielleicht ein Moment, wo das alte Leben zu Ende gegangen ist und ein
[1:00:25] neues wieder angefangen hat und danach dann nochmal. Genau, also das ist sehr teilweise.
[1:00:30] Man könnte ja so sagen, dass ich drei verschiedene Leben habe.
[1:00:33] Und da hat dann mein zweites Leben angefangen. Dieses Grausamkeit,
[1:00:38] diese schlimmste Zeit, die ich erlebt habe.
[1:00:41] Und da bekomme ich wirklich diese Wut in mir. Kommt so und kocht und denke ich mir, warum?
[1:00:49] Ich bin sehr, sehr froh, dass du jetzt im dritten Leben sozusagen bist.
[1:00:53] Auf jeden Fall, ich bin auch dankbar.
[1:00:54] Und die letzte Frage. Wie war das für dich heute mit mir, über diesen einen Moment zu sprechen?
[1:00:59] Es ist nicht leicht, über diesen Moment zu sprechen, aber ich finde es wichtig.
[1:01:04] Und dass du mir die Chance gibst, dass Leute davon erfahren,
[1:01:08] was damals passiert ist.
[1:01:10] Da bin ich auch dankbar dafür und hat mich gefreut, dass es Menschen gibt,
[1:01:17] die sich darüber beschäftigen.
[1:01:20] Dass es denen interessiert, was damals passiert ist und dass man auch vielleicht
[1:01:24] darüber redet und in die Öffentlichkeit prägt.
[1:01:27] Ich bin dir sehr dankbar. Wir sind wieder bei Dankbarkeit. Das ist heute ein
[1:01:31] Dankbarkeits-Podcast.
[1:01:32] Dass du dir die Zeit genommen hast und dass du dieses Vertrauen hattest,
[1:01:36] mit mir über so ein Thema zu reden, was bestimmt nicht einfach war,
[1:01:40] hat mich sehr, sehr beeindruckt.
[1:01:41] Ich habe gerade schon gesagt, du bist sehr stark und sehr warm und es ist toll,
[1:01:46] dich kennengelernt zu haben. Gian, vielen, vielen Dank. Danke dir.
[1:01:51] Ich muss sagen, dass dieses Interview auch für mich sehr, sehr intensiv war.
[1:01:56] Das habe ich dann auch im Nachgespräch zu Cian gesagt, dass ich selber oft kurz
[1:02:01] vorm Wein war, weil es mich einfach so mitgenommen hat, dass ein Mensch solche Dinge erleben muss.
[1:02:07] Und dann noch im Alter von zehn Jahren, das sind ja Sachen, die können die meisten
[1:02:11] von uns sich glücklicherweise nicht mal mehr vorstellen.
[1:02:14] Ihr Vater und ihr Bruder sind ja bis heute unauffindbar.
[1:02:19] Trotzdem sitzt Jihan hier so vor mir und beweist wirklich wahnsinnig großen
[1:02:23] Mut und Stärke und strahlt eben diese Stärke auch total aus.
[1:02:28] Ich bin sehr gespannt, was wir in Zukunft noch von ihr hören werden,
[1:02:31] aber ich bin mir sicher, dass wir noch von ihr hören werden.
[1:02:34] Zwischendurch habe ich es ja schon mal gesagt, ich habe Jihan heute als unglaublich
[1:02:38] selbstbewusste junge Frau kennengelernt, die mit ihren 20 Jahren genau weiß,
[1:02:43] was sie will und was sie nicht will.
[1:02:45] Sie ist so entschlossen, die Wut in ihrem Bauch in Energie umzuwandeln und einen
[1:02:51] Unterschied in unserem System zu machen.
[1:02:54] Gleichzeitig sagt sie, ich bin so dankbar für die Chance, die mir gegeben wurde und wird.
[1:02:59] Ich bin mir ehrlich gesagt ganz sicher, dass Gihan mit ihrer Kombination aus
[1:03:03] Stärke und auch irgendwie ja Weichheit noch ganz viel erreichen wird und damit
[1:03:09] für viele Menschen ein echtes Vorbild und eine große Stütze sein kann.
[1:03:13] Also wie gesagt, ich will...
[1:03:29] Nach diesem einen Moment ist alles anders.
[1:03:33] Constanze ist von jetzt auf gleich nicht nur Witwe, sondern auch ihre drei Kinder sterben.
[1:03:39] Also sie verliert ihre komplette Familie.
[1:03:41] Sie erzählt mir, wie sie nach dieser schrecklichen Situation zurück ins Leben gefunden hat.
[1:03:47] Wenn ihr jetzt denkt, ich kenne da auch jemanden oder ich bin vielleicht sogar selbst jemand,
[1:03:51] der oder die diesen einen Moment erlebt hat, der alles verändert hat,
[1:03:55] ob zum Negativen oder zum Positiven, dann schreibt mir gerne eine Mail an dieser
[1:04:01] eine Moment, alles ein Wort, dieser eine Moment,
[1:04:03] at wemind.de und wemind schreibt sich w-e-m-y-n-d,
[1:04:09] wemind.de.
[1:04:11] Ich freue mich sehr auf eure Vorschläge und falls ihr es noch nicht gemacht
[1:04:15] habt, lasst mir gerne ein Abo oder eine Bewertung in der Podcast-Plattform eures
[1:04:19] Vertrauens da, denn das ist gerade am Anfang bei einem neuen Podcast ganz,
[1:04:22] ganz wichtig. Wir hören uns in zwei Wochen.

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