# "Anorexie - wenn der Kontrollwunsch krank macht" mit Svea

An episode of [Dieser eine Moment – Der Podcast mit Philipp Fleiter](https://invisiblenetwork.ai/podcast/1754096105), 5 Apr 2026, 1 h 31 min.

Audio: https://ais.audiorella.com/podcasts/1806-dieser-eine-moment-der-podcast-mit-philipp-fleiter/240737-new-episode-2.mp3?v=2&awCollectionId=julephosting_69aaf1da6ba1a&awEpisodeId=240737

Unser Werbepartner für diese Folge ist die DEVK Altersvorsorge. Du willst noch mehr fürs Alter tun? Dann lass dich jetzt persönlich zur Altersvorsorge bei der DEVK beraten! https://www.devk.de/altersvorsorge Svea ist 13 Jahre alt, als sie mit ihrer Familie nach Shanghai zieht. Ein neues Land, eine neue Schule – und ein Alltag, in dem sie sich zunehmend allein fühlt. Was zunächst wie der Versuch wirkt, Kontrolle über das eigene Leben zu gewinnen, entwickelt sich schleichend zu einer schweren Essstörung. Svea beginnt, immer weniger zu essen – der Wendepunkt kommt an einem Abend im Juni 2016: Auf dem Abiball ihrer Geschwister stürzt Svea – körperlich geschwächt und lebensgefährlich untergewichtig. Es ist der Moment, in dem ihr klar wird, dass es so nicht weitergehen kann. Es folgt ein langer Weg durch Kliniken, Therapie und Rückschläge. Svea erzählt uns, warum Essstörungen oft mehr sind als das, was von außen sichtbar ist, und weshalb echte Veränderung Zeit braucht. Heute hat sie einen Umgang mit ihrer Erkrankung gefunden, der ihr ein selbstbestimmtes Leben ermöglicht. Bleib auf dem Laufenden über Philipp und "Dieser eine Moment" auf instagram: @philippfleiter und @gutegefuehle_wemynd Dieser Podcast ist eine Produktion von Philipp Fleiter und WeMynd. Neue Folgen alle 14 Tage montags - überall wo es Podcasts gibt. Redaktion: Philipp Fleiter und Laila Keuthage | Produktion: WeMynd

## Transcript

[0:01] Das war dann wirklich so, dass ich irgendwann geglaubt habe,
[0:03] wenn ich jetzt ein Cookie esse, dann bin ich morgen fünf Kilo schwerer.
[0:07] Und ich habe dann zwar wirklich selber irgendwann wahrgenommen,
[0:09] oh mein Gott, du bist viel zu dünn. Also ich habe wirklich in den Spiegel geguckt
[0:12] und gedacht, ich gucke in einen Totenkopf.
[0:14] Und ich fand das hässlich und ich fand das total unschön, aber ich konnte das
[0:19] dann einfach nicht mehr ändern.
[0:20] Also ich habe schon von mir selber gesehen, ich bin viel zu dünn,
[0:23] aber ich hatte zu viel Angst vorm Zunehmen, dass ich trotzdem weiter abgenommen habe.
[0:31] Manchmal sind es nur ganz kurze Momente, die ein Leben komplett verändern können.
[0:37] Ein Augenblick, eine Entscheidung, ein Ereignis, ein Wimpernschlag und danach ist alles anders.
[0:45] Ich bin Philipp Leiter und ich treffe in diesem Podcast Menschen,
[0:49] um mit Ihnen genau über diesen einen Moment zu sprechen, der Ihr Leben für immer verändert hat.
[0:56] Hallo und herzlich Willkommen zur neuen Folge von dieser eine Moment und heute
[1:00] spreche ich hier mit Svea.
[1:02] Svea ist 26 Jahre alt und hat in ihrer Jugend etwas durchgemacht,
[1:06] das wirklich unglaublich hart gewesen ist.
[1:09] Ich will euch hier vorab schon mal den Hinweis geben, dass es in dieser Folge
[1:12] um Essstörungen gehen wird und wir streifen auch ganz kurz das Thema Selbstverletzung.
[1:17] Wenn das für euch schwierig ist, dann hört diesen Podcast vielleicht nicht oder
[1:20] zumindest nicht alleine.
[1:22] Ich bin wirklich sehr froh, dass Sphere bereit ist, mit mir auch über die dunklen
[1:27] Phasen ihres Lebens zu sprechen.
[1:29] Und ich hoffe, dass wir ganz vielen von euch da draußen etwas mitgeben können.
[1:35] Sphere, schön, dass du da bist. Hallo, vielen Dank. Der Moment,
[1:39] über den ich heute mit dir sprechen möchte, dieser eine Moment,
[1:42] der ist fast zehn Jahre her bei dir. Es ist der 4. Juni 2016.
[1:46] Du bist fast 17 Jahre alt und befindest dich in Shanghai, auf dem Abi bei deiner Geschwister.
[1:53] Was passiert an diesem Abend? An diesem Abend bin ich eine lange große Treppe
[2:00] runtergefallen und bis heute nicht 100 Prozent geklärt, was die Ursache war,
[2:06] aber wahrscheinlich ein Schwächeanfall,
[2:09] da ich einfach so schwach war zu diesem Zeitpunkt, dass ich einfach zusammengebrochen
[2:13] bin und dann auf der Tanzfläche gelandet bin.
[2:16] Ach so, das heißt alle haben auch gesehen, wie du da den Abgang,
[2:20] die Treppe runter gemacht hast?
[2:22] Also natürlich kann ich, sage ich mal aus meiner Perspektive,
[2:25] nicht allzu viel darüber sagen.
[2:27] Ich hatte das Gefühl, dass ich, sage ich mal, mittendrin gelandet bin.
[2:31] Mir wurde im Nachhinein gesagt, dass es tatsächlich nicht so viele Leute mitbekommen haben.
[2:36] Aber ja, ich weiß noch, dass mein erster Gedanke war, oh Gott,
[2:39] jetzt habe ich den Abend ruiniert.
[2:41] Ach krass, das heißt, du hast jetzt gar nicht unbedingt daran gedacht,
[2:44] was habe ich, Verletzungen, ist mit mir alles in Ordnung.
[2:46] Dein erster Gedanke war, oh Gott, die anderen. Ja, also tatsächlich habe ich
[2:50] direkt an meine Geschwister gedacht und gedacht, oh nein, jetzt ist doch der
[2:54] ein Abend und jetzt passiert sowas, ja.
[2:57] Wahnsinn. Was würdest du sagen, aus heutiger Sicht, was war der Grund für diesen Schwächeanfall?
[3:02] Dass ich bereits seit mehreren Monaten sehr stark unterernährt war und auch zu dem Zeitpunkt war,
[3:11] eben so schwach war, dass ich mich kaum noch wirklich auf den Beinen halten
[3:15] konnte über einen längeren Zeitraum.
[3:17] Okay und um vielleicht ein bisschen zu verstehen, wie du da hingekommen bist,
[3:23] spulen wir mal ein bisschen nach vorne.
[3:24] Du wirst 1999 geboren in Kiel und wächst zwischen Hamburg und Lübeck auf und
[3:29] im Vorgespräch hast du erzählt, dass deine Grundschulzeit schon nicht ganz einfach
[3:34] war, dass du schon in der Grundschule Erfahrung mit Mobbing gemacht hast.
[3:37] Magst du ein bisschen darüber erzählen? Ja, das war wirklich eine sehr schlimme Zeit für mich.
[3:45] Ich habe vor allem, also auch rückblickend, glaube ich, war das große Ding immer,
[3:49] dass ich nicht verstanden habe, warum.
[3:51] Also ich habe irgendwie nicht verstanden, warum alle anderen Kinder irgendwie
[3:56] gegen mich waren, Probleme mit mir hatten.
[3:59] Ich hatte immer das Gefühl, ich habe doch niemandem was getan und wahrscheinlich
[4:02] aus erwachsener Sicht habe ich es auch nicht.
[4:04] So wie das halt immer so ist, irgendwie, irgendein trifft es leider.
[4:08] Und das war wohl ich in diesem Fall.
[4:11] Und ja, da habe ich wirklich immer nur darauf, also damals habe ich mir immer
[4:14] gewünscht, ich würde umziehen und eine Familie würde umziehen.
[4:17] Als es dann irgendwann dazu gekommen ist, fand ich das dann nicht mehr so toll.
[4:21] Aber in dem Moment habe ich mir immer nur gewünscht, ich könnte irgendwie da
[4:24] weg und da raus. Wie schrecklich, weil Mobbing ist ja ein Riesenthema.
[4:29] Ich habe das eher so in einer weiterführenden Schule verortet und noch nicht
[4:34] schon direkt in der Grundschule.
[4:36] Was glaubst du heute, hast du irgendwie...
[4:40] Eine Erklärung dafür, warum die sich dich ausgesucht haben? Also einen Grund,
[4:43] einen wirklichen gibt es dafür nicht, um das jetzt mal ganz klar zu sagen,
[4:46] die Leute, die gemobbt werden, sind nicht selber schuld, aber hast du eine Erklärung
[4:49] dafür, warum es dich getroffen hat?
[4:51] Ja, es ist natürlich immer schwierig zu sagen. Meine Eltern haben immer das
[4:55] gesagt, die waren bestimmt neidisch auf dich.
[4:57] Das ist aus der eigenen Perspektive immer sehr, sehr schwierig wahrzunehmen.
[5:01] Ich weiß, dass ich auf jeden Fall immer ein sehr direkter Mensch war.
[5:07] Auch heute passiert mir das manchmal, dass ich nicht so wahrnehme,
[5:10] wenn ich irgendwie sehr direkt bin und vielleicht, das sage ich mal in dem Moment, nicht so gut ankommt.
[5:15] Ich war auf jeden Fall immer sehr sportlich, sehr gute Noten.
[5:20] Also eigentlich zumindest irgendwie...
[5:22] Ja, gäbe es vielleicht Gründe da zu sagen, da kann man neidisch drauf sein,
[5:26] aber ja, wie du es auch gerade gesagt hast, so genau irgendwie glaube ich nicht,
[5:31] dass es jetzt einen speziellen Auslöser dafür gab.
[5:33] Aber das heißt auch, dass du da in dem Alter wahrscheinlich auch schon wahnsinnig
[5:36] an dir selbst zweifelst, wenn man merkt, man wird von anderen so abgelehnt,
[5:39] oder? Das war auf jeden Fall die Folge davon. Extrem.
[5:42] Also eben gerade durch dieses, was habe ich falsch gemacht und das eben nicht
[5:45] so reflektieren zu können, hatte ich halt einfach immer nur das Gefühl.
[5:49] So wie ich bin, bin ich falsch und so kann mich keiner mögen.
[5:53] Und das hat mich wirklich sehr, sehr lange oder begleitet mich zum Teil heute
[5:57] noch, dass ich da sehr starke Zweifel habe und daraus glaube ich auch eben so
[6:02] ein Perfektionismusstreben entwickelt habe, dass ich gedacht habe,
[6:04] wenn ich alles richtig, richtig toll und richtig gut mache, dann muss man mich ja mögen.
[6:08] Wenn ich einfach gar keinen Anlass dazu geben kann, mich nicht zu mögen.
[6:12] Das war so ein bisschen die Folge davon.
[6:14] Ist es denn dann an der weiterführenden Schule besser geworden,
[6:17] als du andere MitschülerInnen hattest oder ging das da nahtlos weiter?
[6:21] Tatsächlich war der Übergang erst mal schwierig. Einfach, weil ich tatsächlich
[6:25] auch mich überhaupt nicht gut mehr bewegen konnte im normalen Umfeld.
[6:30] Also da hatte eben kein Mobbing mehr stattgefunden.
[6:34] Alle waren, ich würde jetzt einfach mal sagen, ganz normal zu mir,
[6:37] wie man halt zu neuen Mitschülern dann so ist.
[6:39] Aber ich glaube, ich hatte schon ein paar extreme Verhaltensweisen.
[6:44] Weil ich glaube, ich hatte sehr stark diese Angst, abgelehnt zu werden.
[6:48] Und kompensiert dadurch Stärke zu zeigen. Also ich war eher ein sehr lautes Kind.
[6:53] Ich habe mal im Englischunterricht eine Seite aus meinem Buch gerissen,
[6:57] aus, ich weiß nicht, Provokation, Sachen, die mir im Nachhinein sehr unangenehm sind.
[7:02] Aber ich glaube, mein Weg damals, weil ich hatte so viel Angst davor,
[7:05] dass es eben nochmal passiert, dass ich ihr zeigen wollte, ja,
[7:08] mich interessiert ja gar nichts und ihr könnt mir gar nichts.
[7:11] Und das kam natürlich auch nicht nur bedingt gut an. Ich hatte dann ein paar
[7:15] Freunde gefunden. Das war auch sehr schön.
[7:16] Und gerade dann so ab der siebten Klasse hatte ich dann wirklich auch einen
[7:20] sehr großen, sehr engen Freundeskreis, von dem mir zum Teil heute noch Freunde
[7:24] erhalten geblieben sind, die mir wahnsinnig viel bedeuten.
[7:26] Und das war auch dann sehr, sehr schön für mich, irgendwann eben da so langsam anzukommen.
[7:32] Ja, du bist jetzt angekommen dann in dem Alter, man könnte sagen Happy End und
[7:35] eben hast du ja schon verraten,
[7:37] zwischenzeitlich hattest du dir gewünscht, dass ihr mal umzieht,
[7:40] dass ihr da wegkommt und ich glaube, du bist dann 13, als genau das passiert
[7:45] und dein Leben sich nochmal komplett ändert.
[7:47] Genau, dann haben meine Eltern uns eröffnet, dass wir nach Shanghai ziehen werden,
[7:53] beziehungsweise es klingt so, als hätten wir gar kein Mitsprachrecht gehabt,
[7:56] wir wussten das länger, dass meine Eltern gerne ins Ausland wollten und da auch
[7:59] Bewerbungsprozesse stattgefunden haben.
[8:02] Und natürlich haben sie mit uns darüber geredet, aber ja, wie das ist in dem Alter, natürlich.
[8:07] Wenn die Eltern dann da ins Ausland gehen, da geht man natürlich mit und sagt
[8:11] auch nicht irgendwie, nee, das will ich auf gar keinen Fall.
[8:14] Aber für mich war es eben schon so, dass ich eben das Gefühl hatte,
[8:16] ich bin gerade angekommen, alles ist endlich nach vielen, vielen Jahren happy
[8:20] eben und ich fühle mich hier richtig wohl und richtig gut und jetzt bin ich
[8:24] auf einmal in einem Land,
[8:25] was unfassbar weit weg ist, was eine ganz andere Kultur hat.
[8:29] Ich kann mich nicht verständigen, ich weiß überhaupt nicht, was mich da erwartet
[8:32] und muss halt eben meine Freunde, meine Großeltern, meine Familie hier lassen.
[8:37] Das stelle ich mir wirklich heftig vor. Ich kann mir das gar nicht so richtig
[8:41] vorstellen. Wie ist denn so ein Alltag dann von dir gewesen mit 13 in der großen
[8:45] neuen Stadt, auf dem neuen Kontinent?
[8:48] Ja, also der Alltag war sehr schulgeprägt. Also das war ja dann eine deutsche
[8:54] Privatschule und es gab private Schulbusse von der Schule, die einen abgeholt
[8:58] haben, wo man richtig sein Namensschild auf dem Sitzplatz hatte.
[9:01] Die kamen so morgens um sieben spätestens und haben einen meistens so gegen
[9:07] 17 Uhr wieder abgesetzt und dann halt noch teilweise auch ein bis zwei Stunden Hausaufgaben.
[9:14] Das heißt, da war dann auch, die Woche war sehr geprägt von der Schule und ich
[9:19] war auch immer ein sehr fleißiges Kind.
[9:21] Das heißt, ich habe auch immer fleißig meine Hausaufgaben gemacht und gelernt am Wochenende und so.
[9:26] Bleibt nicht so viel Zeit für andere Sachen, höre ich da schon so ein bisschen raus. Genau, ja.
[9:31] Und in was für einer Klasse bist du
[9:33] da unterwegs? Nur mit deutschen oder deutschsprachigen anderen Schülern?
[9:37] Also alle auf der Schule haben Deutsch gesprochen.
[9:40] Viele auch untereinander. Manche haben auch untereinander Englisch gesprochen.
[9:43] Da sehr, sehr viele der Schüler so halb-halb waren.
[9:47] Also viele hatten irgendwie tatsächlich nicht mal unbedingt halb Deutsch,
[9:50] halb Chinesisch, sondern wirklich alle möglichen Nationalitäten.
[9:53] Ja, waren sehr kleine Klassen. Und man war immer so ...
[9:58] Ja, zwischen sieben und fünfzehn Schülern die Klasse meistens. Ah, so meine ich. Okay.
[10:03] Und wenn ich das richtig gelesen habe, waren bei dir in der Klasse auch nur
[10:06] Jungs, in die du dann gekommen bist?
[10:08] Genau, also die Fluktuation ist auch sehr, sehr hoch an solchen Schulen.
[10:12] Das heißt praktisch zu jedem Jahr kommen und gehen wieder Schüler und zumindestens mein Abi-Jahr.
[10:18] Und das Jahr davor habe ich mit sechs Jungs zusammen in einer Klasse.
[10:22] Und davon war einer mein Bruder. Das heißt praktisch sechs, fünf weitere Jungs, genau.
[10:28] Das macht es wahrscheinlich nicht so leicht, da dann auch Anschluss zu finden,
[10:31] vor allem außerhalb der Schule, weil ein Leben außerhalb der Schule gibt es ja gar nicht so richtig.
[10:35] Also hast du da Freunde finden können? Und genau, also natürlich hat man ein
[10:38] bisschen an der Schule Freunde gehabt.
[10:40] Für mich war es aber eben tatsächlich schwer zu finden.
[10:44] Klar, man orientiert sich dann auch ein bisschen mehr an den anderen Stufen,
[10:46] eben nicht so wie in Deutschland, man ist nur so in seiner Stufe,
[10:49] sondern ich hatte dann auch eine gute Freundin, die war einfach zwei Klassen
[10:52] unter mir, die dann aber auch nach dem ersten Jahr gegangen ist.
[10:55] Dann eine neue Freundin, die dann aber auch wieder gegangen ist und so.
[10:59] Also das kam dann halt auch dazu, dass immer wenn man dann halt mal jemanden
[11:02] gefunden hat, die Leute dann auch schnell wieder weg waren.
[11:04] Wie geht es dir denn dann mit 13, 14 in so einem ganz anderen Land,
[11:09] wo du die Sprache nicht sprichst?
[11:11] Wo die Leute, die du kennenlernst, schnell wieder weg sind. Ja,
[11:15] es war auf jeden Fall ein großes Wechselbad der Gefühle.
[11:18] Ich habe mich wirklich von Anfang an sehr schwer damit getan.
[11:21] Meine Mutter hat auch oft zu mir gesagt, ich habe das Gefühl,
[11:24] du gibst dem Ganzen auch gar keine Chance. Du willst hier auch gar nicht glücklich werden.
[11:28] Was vielleicht auch der Fall war, das ist natürlich schwer zu sagen.
[11:32] Ich habe es natürlich versucht aus meiner Wahrnehmung.
[11:34] Aber ja, ich war schon so, dass ich gesagt habe, ich vermisse meine Freunde
[11:38] und meinen Alltag zu Hause. Also vieles war super aufregend,
[11:42] weil natürlich super spannend, auch viel gereist.
[11:46] Aber ja, mit diesem Alltag konnte ich mich tatsächlich ein bisschen schwer eingewöhnen.
[11:51] Ist es deinen Geschwistern auch so gegangen, weil du ja gerade erzählt hast,
[11:55] dein Bruder war zum Beispiel mit dir in der Klasse oder war das mehr so ein
[11:58] Ding, was du mit dir ausgemacht hast?
[12:00] Meinen Geschwistern tatsächlich am absoluten Gegenteil. Die sind da total aufgeblüht.
[12:05] Für die war das ein totaler Vorteil.
[12:07] Die hatten zum Teil sich in Deutschland auch etwas schwer getan.
[12:10] Denen kam das eher zugute, so kleine Klassen, wo man, sag ich mal,
[12:14] automatisch integriert ist.
[12:15] Weil tatsächlich dort, dass so mit einer Person wird ausgeschlossen,
[12:19] nicht so ein Ding war. Und ist ja fast schon die halbe Klasse weg. Genau.
[12:23] Ja, für die sind damit sehr, sehr gut klargekommen. Und für die war das sehr schön.
[12:28] Und du hast ja schon so ein bisschen angedeutet, dass du schon eine sehr fleißige
[12:32] Schülerin warst, dass du auch gut sein wolltest, dass dir das wichtig war und
[12:37] dass du auch gerne gemocht werden wolltest, was ja eigentlich jeder Mensch will.
[12:41] Also das hat es wahrscheinlich dann auch schon nicht einfacher gemacht,
[12:45] so für dich in der Gesamtsituation.
[12:48] Ja, ich glaube zumindest, dass ich, also die Schule hat schon viel Druck ausgeübt,
[12:53] wäre vielleicht übertrieben. Aber es war schon eben auch darauf ausgerichtet.
[13:01] Dass die Kinder auch möglichst erfolgreich werden.
[13:03] Man kam ja auch häufig aus sehr erfolgreichen Elternhäusern,
[13:06] das war so ein bisschen mit dabei.
[13:08] Und bei mir war es eher so, dass dann versucht wurde, von außen darauf einzuwirken,
[13:12] dass ich das mal ein bisschen runterfahre.
[13:14] Also dass meine Eltern mir wirklich dann irgendwann gesagt haben,
[13:16] okay, ab 21 Uhr wird nichts mehr für die Schule gemacht und so.
[13:20] Das kam wirklich von mir drinnen irgendwie aus irgendwelchen inneren Ängsten,
[13:26] dass ich irgendwie, wenn ich nicht gut genug Leistung bringe,
[13:29] mir irgendwie meine Zukunft verbaue oder so. Also, ja.
[13:32] Ich kann das ein Stück weit nachvollziehen, weil ich in mir auch aus der Kindheit
[13:37] leider den Glaubenssatz habe, ich bin nur gut, wenn ich was leiste.
[13:42] Ich bin nicht gut aus mir heraus.
[13:45] Verstehst du, was ich meine? Ja. Und das ist was, was einen nach außen immer sehr,
[13:50] ja auch oft erfolgreich oder vielleicht auch ein bisschen abgehoben wirken lässt,
[13:54] weil man wirklich alles gibt so, aber man verliert sich selber so ein bisschen
[13:57] dabei, weil man das ja eher nicht für sich selbst macht, Zumindest denkt man,
[14:02] man denkt es vielleicht, aber eigentlich macht man es ja dafür,
[14:04] weil man gemocht werden will, so blöd das auch klingt, oder?
[14:07] Ja, ich glaube, dass vor allem in meiner Familie das kommt.
[14:11] Ich weiß gar nicht, ob ich es gesagt habe, drei Geschwister habe ich und die
[14:15] eben in Deutschland und während ich aufgewachsen bin,
[14:18] alle auch gewisse Probleme hatten auf ihre eine oder andere Art und dadurch
[14:22] relativ viel Aufmerksamkeit von meinen Eltern einfach brauchten.
[14:26] Und ich war halt von Anfang an so ein totaler Selbstläufer.
[14:30] Immer eben gute Noten, zu Hause gern im Haushalt geholfen. Ich war total irgendwie
[14:35] orientiert an meinen Eltern.
[14:37] Und ich glaube, dass für mich das eben auch so ein Ding war,
[14:39] nur wenn ich wirklich eine super tolle Note mitgebracht habe,
[14:43] dann war das so, ah, super.
[14:45] Und also ich kann mich noch daran erinnern, dass meine Schwester mal eine 3
[14:48] in Mathe mitgebracht hat und das war mega, weil sie vorher eine 6 hatte und
[14:52] ich hatte irgendwie eine 1.
[14:53] Und das war dann so okay, weil ich hatte ja immer eine 1 und das ist sicherlich
[14:57] überhaupt nicht bewusst und überhaupt nicht böse gemeint.
[15:00] Also ich möchte das wirklich ausdrücklich sagen, dass ich das meinen Eltern
[15:03] überhaupt nicht böse nehme.
[15:05] Das passiert halt einfach in dieser Familiendynamik. Aber ich denke,
[15:08] dass das eben auch ein Grund dafür war, dass ich immer das Gefühl habe,
[15:11] ich muss irgendwie noch einen draufsetzen, damit ich auch diese Aufmerksamkeit
[15:15] bekomme und ich auch mal irgendwie im Fokus stehe. Ich weiß genau, was du meinst.
[15:20] Bei dir ist das ja immer stärker dann gekippt in diesen Perfektionismus.
[15:24] Du hast ja gerade schon gesagt, ab 21 Uhr hat dann deine Mutter gesagt,
[15:27] jetzt reicht es aber mal langsam mit den Hausaufgaben, was man wahrscheinlich
[15:30] nicht bei vielen Teenagern sagen muss.
[15:31] Aber irgendwann ist es so schlimm, dass du auch in psychotherapeutische Behandlung
[15:36] dich dann begibst oder begeben wirst. Ich weiß es gar nicht genau.
[15:40] Also war es deine Entscheidung oder war es eine gemeinsame Entscheidung mit deiner Familie?
[15:44] Es war tatsächlich meine Entscheidung.
[15:46] Ich habe sogar, also ich habe dann länger gemerkt, dass es mir nicht gut geht.
[15:50] Und habe dann mich als erstes tatsächlich an die Vertrauensschülerin in meiner Schule gewandt.
[15:54] Und die hat mir dann dazu geraten, dass ich vielleicht mal eine Therapie überlegen
[16:00] sollte. Und das habe ich dann eben mit meinen Eltern besprochen oder ich glaube
[16:04] sogar mit ihr zusammen mit meinen Eltern besprochen.
[16:06] Die hat mir das dann angeboten, dass sie damit bei sein würde, wenn ich denen das sage.
[16:11] Und da haben meine Eltern mich auch sofort voll unterstützt.
[16:14] Also das war überhaupt kein Thema.
[16:16] Und da ging das dann los. Und was ist damals...
[16:21] Die Diagnose, die du dann hast, als du diese Therapie machst?
[16:25] Also wegen was machst du diese Therapie?
[16:27] Ja, also ich denke, das war schon eine klassische Depression.
[16:31] Ich weiß gar nicht, ob es damals so explizit diagnostiziert wurde.
[16:35] Ich war auch noch relativ jung zu dem Zeitpunkt. Aber dieses klassische Verhalten,
[16:39] also total abgekapselt, wirklich immer mit Hoodie in die Schule, Kapuze drüber,
[16:45] redet nicht mit mir und ja, dieses ganz Düstere, einfach die den ganzen Tag
[16:52] nichts mehr tun wollen, mit niemandem mehr was zu tun haben wollen und sich
[16:56] da total abkapseln irgendwie.
[16:58] Und du hast, muss sagen, wenn du da nicht drüber sprechen möchtest,
[17:01] auch damals dich selbst verletzt zu dem Zeitpunkt. Ja, genau.
[17:05] Würde sagen, das war tatsächlich dieses klassische Schrei nach Aufmerksamkeit.
[17:10] Also so, seht ihr, mir geht es nicht gut, macht doch was.
[17:14] Da muss ich tatsächlich sagen, hat niemand drauf reagiert. Irgendwann wurde
[17:19] das auch für mich so eben tatsächlich dieses, ich spüre dabei was,
[17:24] ich spüre körperlich was.
[17:25] Ich habe das Gefühl, ich spüre eben in mir drin eigentlich nichts mehr und da spüre ich was.
[17:31] Und das ist ja dieses klassische, ich muss sagen, Ich habe das nie sehr exzessiv zum Glück gemacht.
[17:38] Also man sieht das heute auch kaum noch. Da bin ich sehr froh drüber im Nachhinein.
[17:42] Aber ich glaube, es war eben dieses klassische irgendwie Versuchen,
[17:46] damit auch eine Reaktion von anderen hervorzurufen.
[17:49] Ich glaube, das ist für die Leute, die glücklicherweise mit einer Depression
[17:53] noch nie was zu tun haben, oft die falsche Vorstellung, dass man denkt,
[17:56] depressive Menschen sind nonstop furchtbar traurig.
[17:59] Zumindest bei mir war es so, und das klingt auch ein bisschen nach dem,
[18:02] was du gerade erzählt hast, man fühlt eigentlich gar nichts.
[18:04] Und man sehnt sich eher danach, was zu fühlen in die eine oder andere Richtung,
[18:09] weil das hast du ja gerade gesagt, irgendwie sich verletzen,
[18:11] um sich zu spülen, so schlimm das auch klingt.
[18:14] Wann fängt das denn an, dass du dann auch weniger isst oder dass dein Essverhalten sich verändert?
[18:21] Also tatsächlich war es so, dass wir die Sommerferien immer in Deutschland verbracht
[18:26] haben, meistens um eben Familie, das war immer der längste Urlaub.
[18:28] Als ich eben diese Phase hatte, depressiv und das alles, sind wir dann auch
[18:33] nach Deutschland, wie immer.
[18:35] Und ich habe einen superschönen Sommer in Deutschland verbracht mit meinen Freunden. Mir ging es super.
[18:39] Ich hatte gar keine negativen Gefühle mehr oder eben diese Depression war wie weggeblasen.
[18:46] Gar kein Bedürfnis mehr, mich irgendwie selber zu verletzen oder ähnliches.
[18:49] Das war wirklich so die Wunderheilung sozusagen.
[18:53] Und dann bin ich auch zurückgekommen und das kam nicht wieder.
[18:56] Und ein halbes Jahr später, also dann praktisch im Winterurlaub,
[19:00] waren wir in Australien, also es war warm,
[19:02] man hatte Bikinis an am Strand und das war so das erste Mal,
[19:06] dass zu dem Zeitpunkt noch so, ich sag jetzt scherzhaft, wäre übertrieben,
[19:11] aber einfach mal gesagt wurde, ach Mensch, du siehst aber echt sehr schlank aus.
[19:15] Es war noch überhaupt nicht in dem Bereich irgendwie zu dünn.
[19:19] Aber das kann ich mich daran erinnern, dass da das erste Mal so ein Kommentar
[19:23] zu dem Gewicht sozusagen kam.
[19:25] Genau und da vermute ich halt, dass sich dieses Problem eher ein bisschen umgelagert
[19:31] hat in dieser Zwischenzeit.
[19:33] Umgeschiftet von der Weg war es irgendwie nicht.
[19:37] Was kann ich jetzt machen? Also das klingt jetzt so nach einer aktiven Entscheidung,
[19:41] so ist es natürlich überhaupt nicht.
[19:42] Es war zu keinem Zeitpunkt eine bewusste Entscheidung, das geht dann wirklich
[19:47] so Step by Step und man rutscht da irgendwie rein und kriegt das gar nicht wirklich mit.
[19:51] Das heißt, es ist gar nicht so, dass du dann von einem auf den anderen Tag beispielsweise
[19:56] angefangen hast, wahnsinnig viel Galerien zu zählen, sondern du hast einfach
[20:00] irgendwie immer weniger gegessen und das war so ein schleichender Prozess?
[20:03] Genau, also tatsächlich bis nach dem schlimmsten Punkt, ich hatte gar keine Ahnung von Kalorien.
[20:10] Ich wusste also, man hätte mir irgendwas hinstellen können. Das hätte 100.000
[20:14] Kalorien haben können oder 20.
[20:15] Ich hätte es wirklich nicht sagen können. Ich kannte mich mit sowas überhaupt
[20:18] nicht aus, habe mich damit auch gar nicht beschäftigt. Das war mir komplett egal.
[20:23] Ich glaube, dass ich so ein bisschen so einen Gesund-Essen-Zwang dann entwickelt
[20:27] habe, was dann auch schön geschürt wurde durch irgendwie Medien, YouTube und so,
[20:32] wo dann eben so Rezepte vorgeschlagen wurden, wo ich weiß noch,
[20:37] wo dann irgendwie gesagt wurde,
[20:38] man solle eine Gurke beschmieren und aufeinanderlegen statt einem Brot.
[20:43] Also als Sandwich, weil Brot ist ja ganz böse und so. Also wirklich in so eine extreme Richtung.
[20:50] Und ich habe mich eher immer auf sowas fokussiert. Kein Fett,
[20:53] keine Kohlenhydrate, alles, was böse und schlecht ist, in Anführungszeichen.
[20:57] Und das halt auf so eine ganz extreme Weise. Und das wurde dann mit der Zeit,
[21:01] also so, dass ich halt überhaupt nichts mehr gegessen habe, was irgendwie Kekse,
[21:04] Schokolade, Süßigkeiten, was ich eigentlich liebe.
[21:07] Und dann wurde es mit der Zeit dann auch immer weniger. Aber das war weniger
[21:10] eine wirklich bewusste Entscheidung, als dass es einfach so irgendwie dann dazu kam, ja.
[21:17] So reingerutscht liest man ja irgendwie oft und kann sich das gar nicht so vorstellen,
[21:20] aber klingt für mich gerade so.
[21:22] Was glaubst du denn, warum hast du dir Essen, also es war ja definitiv keine
[21:26] bewusste Entscheidung, aber jetzt so aus dem Rückblick heraus,
[21:29] warum hast du dir Essen als Ventil gesucht?
[21:31] Ich glaube, unbewusst oder unterbewusst war das so eine Sache,
[21:37] die man halt komplett selber kontrollieren kann.
[21:40] Und ich glaube, ich hatte so dieses Gefühl, ich kann sonst wenig in meinem Leben
[21:45] so richtig kontrollieren, weil ja, Schule geht man so hin, man ist halt minderjährig,
[21:52] das heißt, das Leben ist irgendwie geprägt von anderen.
[21:55] Und was habe ich wirklich selber komplett in der Hand? Ich war dann auch verletzt.
[21:59] Ich habe damals schon sehr, sehr viel Sport gemacht, konnte das dann zu dem
[22:01] Zeitpunkt nicht mehr, da ich eine Verletzung hatte.
[22:04] Kam dann sicherlich auch so ein bisschen dazu. Da wurden dann vieles nochmal
[22:09] eingeschränkt, was ich irgendwie so geplant hatte oder mir für mich selber gewünscht hätte.
[22:13] Und dann hatte ich irgendwie so das Gefühl, woran kann ich mich festhalten?
[22:17] Und diese absolute Kontrolle, die hat mir gefühlt Sicherheit gegeben dann in
[22:22] diesem Zeitpunkt. Also man kontrolliert nichts, außer vielleicht das eigene Gewicht, so.
[22:27] Und was man halt isst. Und was man isst. Das läuft zwangsläufig zusammen.
[22:31] Ja, vielleicht, damit man sich das vorstellen kann, wie sah denn dann so ein
[22:35] normaler Tag in Anführungsstrichen aus? Also was hast du denn dann gegessen?
[22:38] Ich habe morgens einen halben Apfel mit ein paar Haferflocken gegessen,
[22:43] die ich mit heißem Wasser aufgegossen habe. Also auch nicht mal Milch oder so?
[22:46] Nee, ein bisschen Zimt reingemacht, damit es nach irgendwas schmeckt.
[22:50] Das war wirklich, also ich weiß tatsächlich auch die Grammzahl nicht mehr.
[22:54] Ich weiß, dass ich es abgewogen habe, die Haferflocken. Aber es waren wirklich
[22:57] ein paar 30, 40 Gramm oder so. Ich weiß es wirklich nicht mehr genau.
[23:02] Aber es war wirklich ein Mini-Schälchen eigentlich.
[23:05] Dann habe ich mittags häufig einen Müsli-Riegel und einen Apfel vielleicht auch
[23:09] nochmal gegessen, wenn es hochkam. Und abends...
[23:13] Eine Scheibe Toast mit einem Ei vielleicht. Irgendwann habe ich dann auch noch
[23:18] angefangen, vom Toast die Rinder abzuschneiden, weil die mochte ich dann auf einmal nicht mehr.
[23:24] Wie alt bist du, als das so anfängt? 14, 15?
[23:27] Nee, da war ich schon 16 zu dem Zeitpunkt. Du bist 16 Jahre alt,
[23:31] wo du immer weniger isst.
[23:32] Aber du wohnst ja nicht allein. Es sind ja Menschen um dich rum.
[23:36] Fällt das Leuten auf von deiner Familie, aus deinem Freundeskreis,
[23:39] dass mal einer sagt, du isst aber ganz schön wenig? oder findet das gar nicht statt?
[23:44] Also natürlich, wie man es wahrscheinlich auch häufig von der Krankheit schon
[23:48] gehört hat, versucht man natürlich sehr, sehr stark es zu kaschieren.
[23:52] Das heißt, ich habe natürlich versucht immer, ja, nicht zu essen,
[23:56] wenn Menschen dabei sind. Immer gesagt, ah, ich habe schon gegessen.
[23:59] Ich war, ne, meinen Eltern habe ich gesagt, ich bin mittags mit meinen Freunden
[24:02] irgendwo Mittagessen. Meinen Freunden habe ich gesagt, ich will mit meinen Eltern essen oder so.
[24:07] Also, ne, irgendwie findet man da echt gut Mittel und Wege, das auch zu verheimlichen.
[24:12] Natürlich hat man es trotzdem mitbekommen oder zumindest meine Familie,
[24:16] Freunde haben mich nie darauf angesprochen, haben es wahrscheinlich trotzdem
[24:20] mitbekommen und haben einfach irgendwie sich wahrscheinlich nicht getraut,
[24:24] es anzusprechen, vermute ich mal.
[24:26] Meine Familie hat es natürlich irgendwann mitbekommen und auch versucht,
[24:29] sehr, sehr doll mir zu helfen.
[24:30] Also haben wirklich irgendwie alles versucht, über Leute zu finden,
[24:34] die selber schon mal mit sowas Probleme hatten, die mit mir reden konnten,
[24:38] über Vereinbarungen mit mir zu treffen, dass ich mich an die und die Sachen
[24:42] halte und das und das esse.
[24:44] Also eben dieses abends das Ei, das weiß ich noch, das war eine der Regeln,
[24:47] dass am Tag mindestens ein Ei gegessen werden muss, weil das eben irgendwie
[24:50] toll Vitamine und ich weiß nicht was hat.
[24:53] Also da haben sie wirklich alles versucht Aber es ist natürlich superschwierig
[24:57] mit einer sehr kranken Person.
[25:01] In ihrer Wahrnehmung schon längst woanders ist an dem Zeitpunkt.
[25:05] Also das ist halt das Problem, an dem Zeitpunkt, wo Leute eingreifen,
[25:10] ist es halt meistens schon zu spät.
[25:12] Wenn man dann so dünn ist und so wenig, wie ich zu dem Zeitpunkt gegessen habe,
[25:16] da war ich schon so weit weg von irgendeiner Freiheit, auch von mir aus das
[25:22] anpassen zu können, dass es halt eigentlich zu spät war.
[25:24] Ich finde es ganz krass, weil mich das so an Alkoholismus erinnert.
[25:29] Weißt du, dieses Versteckspiel, wie der Alkoholiker, der seine Flaschen wegräumt
[25:33] oder irgendwelche Entschuldigungen findet, um Alkohol zu trinken,
[25:36] so war es ja bei dir irgendwie auch.
[25:37] Du hast dich da aus diesen ganzen Gesprächen versucht rauszuziehen.
[25:41] Vielleicht mal ganz zwischendurch als Einordnung, wenn sich jetzt irgendwer
[25:44] von euch da draußen fragt, wie wenig du damals gewogen hast,
[25:47] wie viele Kalorien du zu dir genommen hast.
[25:49] Das ist total menschlich und nachvollziehbar, dass man diese Fragen stellt.
[25:52] Aber wir haben uns ganz bewusst dagegen entschieden, genaue Zahlen zu nennen,
[25:56] weil man eben heute weiß, dass das für andere Betroffene super schädlich sein kann, sowas zu hören.
[26:01] Svea, vielleicht kannst du aus deiner eigenen Erfahrung mal sagen,
[26:03] warum das nicht unbedingt eine gute Idee ist, da über Kilos und Kalorien zu sprechen.
[26:10] Also ich muss sagen, das ist natürlich eine Krankheit, die ist extrem individuell
[26:14] und sehr unterschiedlich, deswegen kann ich zu einer Sache sagen,
[26:17] das war bei mir überhaupt nicht so, aber ich weiß, dass viele auch wirklich darauf hinstreben,
[26:23] möglichst dünn, möglichst wenig und noch weniger als jemand anders und sich
[26:28] das wirklich dann als Ziel auch setzen und dann hören, ah, das und das,
[26:32] der und der hat noch die drei Kilo weniger als ich, dann schaffe ich das auch so.
[26:36] Dieses Hochputschen, das ist halt wirklich ein ganz großes Problem.
[26:40] Und gerade bei diesem Vergleichen muss man ja auch hinzufügen,
[26:43] ich zum Beispiel bin relativ groß für eine Frau.
[26:46] Und ich weiß, dass ich dann später eben engen Kontakt mit einer hatte,
[26:51] die die gleiche Krankheit hatte, die viel, viel kleiner ist als ich.
[26:55] Und die natürlich dann ganz anders gewogen hat.
[26:59] Und ich im ersten Moment dachte, ach Mensch, die muss ja nur so und so viel
[27:02] Kilo weniger wiegen als ich.
[27:04] Und dann gilt die schon als gesund und bei mir ist das noch als total krank
[27:08] kategorisiert und das hat in dem Moment für mich überhaupt keinen Sinn gemacht
[27:11] und das habe ich erst im Nachhinein verstanden, dass man ja auch natürlich nicht sagen kann.
[27:15] Die Person wiegt 60 Kilo und die Person wiegt 60 Kilo und die eine ist vielleicht
[27:19] super schlank und die andere nicht, weil ja auch Körperbau und alles total unterschiedlich
[27:23] ist und man das deswegen überhaupt nicht so vereinheitlichen kann und deswegen
[27:27] so Zahlen ja auch eigentlich einer Person überhaupt niemandem was bringen,
[27:30] was jetzt meine Zahlen sind, Weil das ist mein Körper und für den war das so und so.
[27:35] Und bei dem nächsten Körper kann das komplett anders sein.
[27:37] Ganz wichtiger Punkt. Also habe ich auch neu gelernt. Das mag ich ja in diesem
[27:41] Podcast, dass ich immer irgendwie neue Sachen lerne.
[27:42] Es ist ja längere Zeit niemandem aufgefallen. Und dann gibt es so diese eine
[27:46] Situation im Winterurlaub 2015, 2016, die wir schon so ein bisschen gestreift haben.
[27:50] Da macht dein Vater so eine Bemerkung dir gegenüber. Was hat er zu dir gesagt?
[27:54] Also da hat er zu mir gesagt, auf dem Bild, da siehst du aus,
[27:57] als würdest du 50 Kilo wiegen.
[27:59] Und das war, glaube ich, einfach wirklich so aus dem Blauen herausgesagt.
[28:04] Ich könnte tatsächlich auch heute nicht mehr sagen, was ich da gewogen habe
[28:08] zu dem Zeitpunkt. Und ich glaube, er wollte damit einfach sagen,
[28:10] du siehst sehr schlank aus.
[28:12] Das hat mich auch in dem Zeitpunkt überhaupt nicht wirklich,
[28:15] also wenn dann eher positiv, wie man es ja auch leider mit der Krankheit gewählt hat.
[28:20] Also es war eher für mich, ach Mensch, ich sehe auch wirklich schlank aus. Das ist ja was Tolles.
[28:25] Wir kennen alle unsere Gesellschaft heutzutage. Ich habe auch zu dem Zeitpunkt,
[28:29] wo ich wirklich krank war, sehr positive Kommentare teilweise von Menschen.
[28:34] Wow, du siehst so toll dünn aus.
[28:36] Und das ist natürlich auch ein totales Problem, dass man da auch total drin
[28:40] bestärkt wird im Zweifel, weil das ja was Tolles ist, so super schlank zu sein
[28:44] und so diszipliniert zu sein und auf alles verzichten zu können.
[28:48] Aber ja, das ist dann eher kontraproduktiv. Ist vielleicht gar nicht der schlechte
[28:52] Zeitpunkt, um mal so einen kleinen Appell zu machen, weil ich kenne das auch,
[28:55] wenn du in der Öffentlichkeit stehst, du wirst ja die ganze Zeit bewertet,
[28:58] auch dein Aussehen wird immer bewertet und selbst wenn das gut gemeint ist,
[29:02] du weißt nie, wie das bei dem anderen ankommt, selbst wenn du sowas schreibst,
[29:06] was vermeintlich nett ist, oh hast du abgenommen.
[29:08] Oder, oh, du siehst aber erholt aus. Kann man ja dann denken,
[29:11] ach, sehe ich sonst nicht erholt aus, auch bin ich sonst dick, weißt du?
[29:14] Also, liebe Menschen, wenn ihr das hört, macht das einfach nicht.
[29:17] Es gibt so viele schöne Arten, Komplimente zu machen, man muss nicht die Figur
[29:20] von irgendwem kommentieren, oder?
[29:22] Ja, vor allem finde ich, und ich glaube, das denken Menschen oft finde ich nicht,
[29:26] wenn man untergewichtig war, kriegt man gerne danach diesen Kommentar,
[29:30] oh, du siehst ja wieder so schön gesund aus.
[29:32] Und das ist natürlich total positiv gemeint, aber für jemanden,
[29:37] der untergewichtig war oder essgestört war, klingt das wie, ah,
[29:40] du bist ja jetzt dick geworden.
[29:42] Und das ist natürlich überhaupt nicht das, was damit gemeint ist,
[29:45] aber deswegen, ja, selbst wenn man, sage ich mal, nicht sagt,
[29:47] ah, du bist ja dünn oder du bist ja dick oder du bist was auch immer,
[29:50] am besten einfach gar nichts zur Optik sagen.
[29:54] Das wäre schön, wenn wir da hinkommen würden.
[29:58] Wie entwickelt sich das dann in den kommenden Monaten? Also deine Eltern merken
[30:01] auch irgendwann, da stimmt was nicht, die isst zu wenig.
[30:05] Du hast gerade schon angesprochen, ihr hattet so Vereinbarungen,
[30:08] da hat man es irgendwie drüber versucht.
[30:10] Und irgendwann, glaube ich, suchen die dann auch Experten oder medizinische
[30:14] Hilfe dann auch schon für dich, oder?
[30:15] Ja, irgendwann brauchte ich auch wirklich medizinische Hilfe.
[30:18] Dann sind wir in die Klinik dort gegangen.
[30:21] Man muss natürlich sagen, die medizinische Versorgung in Shanghai ist etwas anders als hier.
[30:25] Man kann nicht einfach in eine psychosomatische Klinik gehen.
[30:29] Wir sind ganz normal ins Krankenhaus gegangen.
[30:31] Auf eine internationale Station, muss man sagen, dort die chinesische Medizin,
[30:36] also jetzt nicht die traditionelle chinesische Medizin, sondern die einfach
[30:39] medizinische Versorgung in China ist leider echt gruselig.
[30:43] Da muss man sagen, hatten wir den Luxus, auf eine internationale Station gehen zu können.
[30:48] Dort hat sich halt eben ein Arzt mich angeguckt, hat versucht,
[30:52] mit mir zu reden, mir deutlich zu machen, wie ungesund der Zustand ist,
[30:55] in dem ich mich befinde, hat mir dann tausende auch Vitamine und Supplements und ich weiß nicht was.
[31:01] Und ich weiß nicht, ob ich die zu dem Zeitpunkt schon hatte.
[31:03] Irgendwann hatte ich auf jeden Fall auch so Trinkmahlzeiten,
[31:06] die ja so hochkalorisch sind, um zu versuchen, möglichst einfach Gewicht aufzubauen.
[31:13] Und den musste ich dann auch sehr regelmäßig sehen, da wurde ich dann auch regelmäßig
[31:16] gewogen, um einfach zu gucken,
[31:18] also ich glaube, mir wurde mein Gewicht gar nicht mitgeteilt,
[31:21] aber um eben den Verlauf zu beobachten, wir hatten in der Schule eine Krankenstation
[31:28] mit einer ausgebildeten Krankenschwester,
[31:30] mit der ich mich sowieso schon immer sehr, sehr gut verstanden habe,
[31:33] war eine gute Freundin meiner Eltern und die hatte eben selber auch einen Hintergrund mit Essstörungen.
[31:38] Und die hat auch versucht, mir in der Schule, sage ich mal, in gewisser Weise
[31:42] ein Rückhalt zu sein. Ich wusste, ich konnte da immer hinkommen,
[31:44] wenn es mir nicht gut geht oder so.
[31:45] Dann hatte ich da meine Ruhe und die hat auch immer versucht, mit mir zu reden.
[31:49] Und ich weiß, dass ich bei der auch irgendwie einmal die Woche gewogen wurde
[31:52] und die war auch so ein bisschen so eine Zwischeninstanz, da ein bisschen auch
[31:58] ein Auge drauf zu haben und mit mir im Zweifel zu reden, wenn sie es kann.
[32:01] Ist das so, dass du zu dem Zeitpunkt schon körperliche Einschränkungen dann gemerkt hast?
[32:07] Weil es ist ja definitiv ganz, ganz, ganz ungesund. Aber hast du selber schon
[32:12] gemerkt, dass dich das irgendwie, weil manche haben ja zum Beispiel Haarausfall
[32:15] oder kriegen ganz schlechte Haut oder so. Hast du da auch schon irgendwas von gemerkt?
[32:18] Ich habe das damals kaum wahrgenommen für mich.
[32:21] Also eigentlich bis zum Ende hin kaum.
[32:26] Also ich konnte optisch natürlich die Veränderungen wahrnehmen,
[32:29] wenn auch sicherlich verzerrt.
[32:32] Ich hatte selber nicht das Gefühl, wirklich viel schwächer zu sein.
[32:35] Ich habe noch lange auch Sport gemacht weiter.
[32:39] Irgendwann ging das natürlich nicht mehr. Aber das habe ich dann eher so mit
[32:42] der Verletzung eben irgendwie kompensiert für mich.
[32:45] Nicht, dass es vielleicht körperlich gar nicht mehr geht, sondern dass es ja
[32:47] die Verletzung der Auslöser dafür ist.
[32:50] Und sonst so mit Haare und alles, das habe ich gar nicht so gemerkt.
[32:54] Also irgendwann, als ich dann in der Klinik war, kommen wir wahrscheinlich später
[32:57] noch drauf, da war das dann mehr.
[32:59] Aber eigentlich eben bis zu diesem Moment, wo auf einmal alles gekippt ist,
[33:04] habe ich das eigentlich alles sehr weggeschoben von mir und ignoriert und deswegen
[33:09] auch Rückblick nicht wahrgenommen.
[33:12] Was vielleicht an der Stelle, bevor wir jetzt auf Klinik und das alles kommen,
[33:15] noch ganz wichtig ist zu betonen, was dir auch wichtig war im Vorgespräch,
[33:19] es ging dir eben nicht darum, dünn zu sein.
[33:21] Und ich glaube, das ist auch wichtig, das zu erklären, weil ganz viele Menschen
[33:25] bei Anorexie daran denken, das Ziel dieser Menschen, die darunter leiden,
[33:28] ist einfach sehr, sehr dünn zu sein.
[33:31] Also vielleicht kannst du mir erklären, warum du sagst, bei dir war das nicht so.
[33:36] Also das ist natürlich super schwierig, weil natürlich spielt Gewicht und das Aussehen eine Rolle.
[33:42] Und ich würde eher sagen, ich hatte Angst davor, dick zu sein,
[33:46] als ich wollte unbedingt dünn sein.
[33:49] Ich muss dazu sagen, ich war in meinem Leben nie dick und auch nicht in der Nähe davon.
[33:54] Aber ich glaube, das war eben bei mir eher dieser Perfektionismus und eben dieses
[33:59] gesellschaftliche Bild, wenn du gemocht sein willst und wenn du möchtest,
[34:03] dass Leute dich toll finden, dann musst du schlank sein.
[34:05] Weil das ist ja auch das, was unsere Gesellschaft uns vermittelt.
[34:08] Und dem wollte ich natürlich entsprechen. Und daraus kam eher so eine extreme
[34:11] Angst, nicht dick werden zu wollen.
[34:15] Und das war dann wirklich so, dass ich irgendwann geglaubt habe,
[34:17] wenn ich jetzt ein Cookie esse, dann bin ich morgen fünf Kilo schwerer, so nach dem Motto.
[34:22] Und ich habe dann zwar wirklich selber irgendwann wahrgenommen,
[34:25] oh mein Gott, du bist viel zu dünn. Also ich habe wirklich in den Spiegel geguckt
[34:27] und gedacht, ich gucke in den Totenkopf.
[34:30] Und ich fand das hässlich und ich fand das total unschön, aber ich konnte das
[34:34] dann einfach nicht mehr ändern.
[34:35] Also ich habe schon von mir selber gesehen, ich bin viel zu dünn und ich fand
[34:38] das überhaupt nicht schön und ich wollte absolut nicht noch dünner werden,
[34:42] aber ich hatte zu viel Angst vorm Zunehmen.
[34:47] Dass ich trotzdem weiter abgenommen habe. Das macht total gar keinen Sinn,
[34:51] ich weiß, aber so ist es leider.
[34:53] Ja, weil es zwischen diesen Extremen schwankt. Also jetzt nicht so,
[34:55] dass du irgendwie das Foto von Kate Moss in ihren schlimmsten Zeiten irgendwo
[34:58] hängen hattest und gesagt hast, so will ich aussehen, sondern eher im Gegenteil,
[35:01] ich will nicht dick sein und dann bin ich lieber zu dünn als zu dick wahrscheinlich in dem Verständnis.
[35:07] Das ist auch der Grund, warum du sagst, Magersucht als Begriff trifft es nicht so richtig.
[35:11] Finde ich persönlich zumindest für mich nicht passend, aber ich denke,
[35:15] man sagt ja Anorexie und das ist, denke ich, ein gutes Wort,
[35:19] was man verwenden kann. Ja.
[35:22] Anorexia nervosa, umgangssprachlich oft auch Magersucht genannt,
[35:26] ist eine wirklich komplexe psychische Erkrankung.
[35:29] Und man hört es bei Svers Geschichte ja schon raus, diese Krankheit lässt sich
[35:33] nicht schlicht nur auf Nahrungsverweigerung reduzieren.
[35:37] Im Kern geht es bei Anorexie häufig um Themen wie Kontrolle,
[35:41] Selbstwert, Perfektionismus und den Umgang mit innerem Druck.
[35:45] Gerade im Jugendalter, wo sich unsere Identität ja ganz stark weiterentwickelt,
[35:50] kann diese Krankheit auch als Bewältigungsstrategie in überfordernden Lebenssituationen agieren.
[35:56] Mädchen und Frauen erkranken etwa 10 bis 15 Mal häufiger als Jungs oder Männer.
[36:01] Typisch ist, dass viele Betroffene ihre Erkrankung lange nicht selbst als solche
[36:06] erkennen oder sie aktiv verbergen.
[36:09] Und ganz entscheidend für das Verständnis der Krankheit ist,
[36:12] dass die Essstörung an sich selten das eigentliche Problem ist,
[36:16] sondern viel eher ein Ausdruck tiefer liegender psychischer Belastung.
[36:21] Gleichzeitig können körperliche Folgen dieser Krankheit schnell lebensbedrohlich
[36:24] werden und das macht es so gefährlich.
[36:27] Bei der Anorexie betrifft die Mangelernährung nicht nur das Gewicht,
[36:31] sondern den gesamten Körper. Wenn über längere Zeit zu wenig Energie und Nährstoffe
[36:35] aufgenommen werden, beginnt der Organismus auf Sparmodus umzuschalten und greift
[36:39] körpereigene Reserven an.
[36:41] Nicht nur Fett, sondern auch Muskelgewebe. Und davon ist dann zum Beispiel auch
[36:45] der Herzmuskel betroffen.
[36:47] In der Folge kann es passieren, dass das Herz kleiner und schwächer wird,
[36:51] die Pumpleistung abnimmt, der Puls sich verlangsamt und auch der Blutdruck sinkt.
[36:55] Für den Körper ist das zunächst ein Anpassungsmechanismus, im Umkehrschluss
[37:00] wird das Herz dadurch aber auch anfälliger und kann den Kreislauf nicht mehr
[37:04] verlässlich stabil aufrechterhalten.
[37:06] Und das kann dann zu Herzrhythmusstörungen, Kreislaufzusammenbrüchen oder im
[37:10] Extremfall auch zu Herzversagen führen.
[37:13] Eine Anorexie muss also ganz ganz dringend ernst genommen werden.
[37:20] Jetzt kommen wir nochmal auf deinen Moment, den Sturz auf dem Abiball.
[37:25] Du wirst ja dann irgendwie mit deinen Eltern darüber sprechen müssen,
[37:27] was passiert ist und denen irgendwie gestehen müssen, dass es so eine Art Schwächeanfall
[37:30] war. Wie läuft dieses Gespräch?
[37:33] Also ich muss dazu sagen, sie waren dabei. Ah, sie haben es direkt gesehen.
[37:36] Genau, also sie haben danach auch sich um mich gekümmert.
[37:40] Da war es auch so, ich weiß noch, mein Vater wollte mir irgendein Getränk geben, was kein Wasser war.
[37:45] Ich weiß bis heute, also ich habe ihn auch nie wieder danach gefragt,
[37:47] was es war. Und ich habe mich geweigert, das zu trinken, weil da ja Zucker drin war.
[37:52] Und das war schon so eine Situation, wo man auch wirklich gemerkt hat,
[37:57] wie kaputt mein Kopf in diesem Moment war, dass ich wirklich selbst bei so einem
[38:00] Schwächeanfall dann gesagt habe, nein, das trinke ich nicht,
[38:03] das geht nicht. So was kann ich in meinen Körper rein, das ist ungesund.
[38:06] Wir hatten da eben schon zu dem Zeitpunkt viele Monate, schwierige Monate, schwierige Gespräche.
[38:13] Wie kann es weitergehen? Wie machen wir es? Absprachen, wie ich schon sagte, hinter uns.
[38:17] Ich ging dann erstmal nach Hause für mich, Nacht geschlafen zu Hause und am
[38:22] nächsten Morgen wusste ich, okay,
[38:24] das war jetzt so ein Moment, da kann jetzt keiner mehr das Schönreden,
[38:30] es kann keiner mehr sagen, so schlimm ist es ja noch nicht.
[38:33] Und ich habe fest damit gerechnet, wenn ich jetzt runterkomme in die Küche,
[38:38] dann sind sie da und dann wollen sie mit mir reden und dann werden sie mir sagen,
[38:41] ich muss jetzt in die Klinik nach Deutschland.
[38:44] Klinik, muss man sagen, war bis zu dem Zeitpunkt natürlich schon öfter ein Gespräch.
[38:48] War bisher immer so, dass wir wirklich versuchen wollten, das nicht zu müssen.
[38:53] Ich hatte natürlich Angst davor. Wer will schon in die Klinik?
[38:58] Und eben auch durch diesen Faktor, dass wir ja in Shanghai sind,
[39:01] meine ganze Familie dort ist, die Arbeit von meinen Eltern dort ist,
[39:04] und es aber in Shanghai diese Möglichkeit nicht gab, sondern ich muss dann nach
[39:08] Deutschland, ich bin da alleine im Zweifelsfall oder wie macht man das,
[39:11] das spielte da natürlich auch eine große Rolle.
[39:15] Aber für mich war dann so, oh Gott, jetzt werden sie mich dazu zwingen,
[39:18] nach Deutschland in die Klinik zu gehen.
[39:20] Ich bin dann runtergekommen, sie waren da, sie haben auf mich gewartet,
[39:24] sie wollten mit mir reden und tatsächlich war es eher so, dass mein Vater gesagt hat.
[39:30] Und folgendes, wir machen jetzt die und die Regeln, also es gab praktisch wieder neue Regeln,
[39:35] du musst jetzt wirklich darauf hören, was wir sagen und wenn wir dir einen Teller
[39:38] hinstellen, dann musst du den essen und so, das waren so ein bisschen die Sachen,
[39:41] so nach dem Motto, so verstehst du nicht, jetzt musst du wirklich machen, was wir sagen.
[39:45] Und das weiß ich noch, dass ich zu dem Zeitpunkt dann, ja, ich glaube wirklich
[39:50] irgendwie so an der Wand runtergerutscht bin, wie man das in so Filmen sagt,
[39:53] mich hingesetzt habe und das Gesicht in den Händen vergraben habe und gesagt
[39:57] habe, seht ihr es nicht, es geht nicht,
[40:01] ich kann das nicht und ich für mich dann in diesem Moment realisiert habe,
[40:06] das wird so nicht funktionieren.
[40:09] Wir haben das jetzt so lange versucht, dass ich mich an eure Regeln halte,
[40:14] und es funktioniert nicht und in dem Moment, wo sie es nicht gemacht haben,
[40:18] habe ich realisiert, wir müssen das machen oder ich muss das machen für mich,
[40:22] weil sonst wird es nur schlimmer, weil wir haben das jetzt so lange so probiert,
[40:26] es hat nicht geklappt und.
[40:29] Irgendwas anderes muss jetzt passieren.
[40:31] Interessant, ne, dass du dann so in die gegenteilige Richtung irgendwie abbiegst,
[40:35] wo man ja denken würde, die überreden dich und sagen, musst du jetzt machen
[40:38] und du sagst mich auf gar keinen Fall, aber es war ganz anders.
[40:42] Das heißt, du merkst, es kann so nicht weitergehen. Nur in der Familie können
[40:47] wir das nicht hinbekommen.
[40:48] Das heißt, du hast dann auch gesagt, ich muss jetzt in eine Klinik.
[40:51] Es geht nicht anders. Ja.
[40:53] Und dann bist du in eine Klinik gekommen. Aber glaube ich, wenn ich das richtig
[40:56] weiß, noch in Shanghai in der Klinik.
[40:58] Genau, erst mal wurde ich dort im Krankenhaus, wo eben der Arzt mich bisher
[41:02] ambulant immer wieder behandelt hat, dann stationär aufgenommen.
[41:06] Das war natürlich eine ganz normale, in Anführungszeichen, Station.
[41:09] Das heißt, ich habe da einfach nur gelegen und gewartet praktisch,
[41:15] ohne jetzt irgendwie Therapie oder sowas.
[41:18] Und dann, das lag aber glaube ich hauptsächlich daran, dass man das ja erstmal organisieren musste.
[41:22] Also man kann ja nicht dann einfach von heute auf morgen los.
[41:26] Und da war ich aber glaube ich auch nur in etwa eine Woche und bin dann nach
[41:31] Deutschland geflogen worden.
[41:33] Und in dieser Klinik in Shanghai, glaube ich, hast du ja so eine Art ärztliche
[41:36] oder erste wirkliche Diagnose dann bekommen, im Sinne von deine Gesundheitswerte
[41:40] sind da festgestellt worden.
[41:41] Wie waren die zu dem Zeitpunkt? Weil die waren ja wirklich, wirklich schlecht. Das weiß ich gar nicht.
[41:47] Also diese Werte, die habe ich nicht. Ich war ja davor da schon die ganze Zeit.
[41:52] Das heißt, diese Werte, die gab es alle nicht.
[41:55] Als ich dann nach Deutschland gekommen bin, war das eigentlich das erste Mal
[41:59] so, dass mir das Auszug konkret mitgeteilt wurde, wie schlecht es wirklich ist.
[42:05] Und wie schlecht war es zu dem Zeitpunkt? Also was haben die zu dir gesagt?
[42:10] Also eigentlich, ich weiß gar nicht, wie lange schon, Aber spätestens zu dem
[42:14] Zeitpunkt war es eigentlich so, dass ich praktisch zu jedem Zeitpunkt hätte sterben können.
[42:19] Wirklich? Also das war wirklich so, ich weiß, irgendwann habe ich mal mitbekommen,
[42:23] dass so, wenn die Ärzte morgens wieder ins Krankenhaus gekommen sind,
[42:29] dass die dann auch gefragt haben, ja, ist die Patientin noch da oder nicht mehr.
[42:32] Weil man wirklich nicht wusste, ist sie nach der Nacht noch da?
[42:37] Weil die Nächte waren besonders kritisch natürlich.
[42:39] Weil das kritische ist ja, dass das Herz einfach stehenbleiben kann.
[42:43] Der Herzschlag wird super niedrig. Ich hatte dann so einen Monitor,
[42:46] der meinen Herzschlag die ganze Zeit gemessen hat.
[42:49] Und gerade in der Nacht, wenn man sich ausruht, geht der Herzschlag natürlich noch mal runter.
[42:53] Und ich hatte teilweise wirklich dann so 20 Schläge die Minute.
[42:58] Wie ist das zu hören, zu hören?
[43:00] Dass man an Messerschneide oder auf Messerschneide steht, dass es wirklich lebensbedrohlich ist.
[43:05] Kam das überhaupt bei dir an durch diese Nebel der Krankheit?
[43:09] Weil das ist ja schon krass, wenn dir jemand sagt, ja eigentlich könntest du heute Nacht sterben.
[43:14] Also ja, ich habe es verstanden, aber eben das, was du sagst,
[43:18] ich glaube, ich habe es verstanden, aber ich habe es nicht realisiert.
[43:20] Also ich glaube, ich habe es nicht so richtig, ich hatte irgendwie keine Angst, keine Panik oder so.
[43:26] Also ich glaube, ich war da so dumpf zu diesem Zeitpunkt, dass ich das natürlich
[43:29] trotzdem irgendwie beängstigend fand.
[43:31] Aber es war mehr so, ja, ich kann es halt nicht ändern gerade so für mich.
[43:36] Wie schwierig war es denn überhaupt, einen Klinikplatz in Deutschland zu kriegen?
[43:40] Weil ich glaube, du warst ja ungefähr eine Woche dann in Shanghai und dann wurdest
[43:42] du schon nach Deutschland irgendwie ausgeflogen.
[43:45] Ich stelle mir das eigentlich schwierig vor, einen Klinikplatz zu kriegen für Anorexie.
[43:49] Also ich war dann in Deutschland auch erst mal, sage ich mal,
[43:51] ganz normal im Krankenhaus. Also ich wurde praktisch vom Flughafen einfach in
[43:55] die Notfallambulanz gefahren und gesagt, hallo, wir haben hier ein Kind,
[43:59] das ist massiv unterernährt und zwar so, dass es wirklich schwer krank ist.
[44:05] Und dann wurde ich da einfach auch stationär aufgenommen, lag da auch erstmal
[44:08] normal auf Station und meine Mutter hat sich dann, die ist mitgeflogen,
[44:11] hat sich dann bemüht um den Klinikplatz.
[44:15] Ich weiß, dass die Schwestern oder die Ärzte, wer auch immer da halt so rumgelaufen
[44:19] ist, gesagt haben, schwierig in Deutschland einen Klinikplatz zu bekommen.
[44:23] Dauert häufig relativ lange.
[44:26] Mein Zustand war zu dem Zeitpunkt so, so schlecht wirklich, dass ich innerhalb
[44:32] von wenigen Tagen fünf Klinikplätze angeboten bekommen habe.
[44:35] Also ja, das war, sage ich mal, eine Ausnahme.
[44:39] In dem Fall, sage ich mal, gut für mich, Da ich natürlich dann relativ schnell
[44:43] auf eben eine spezifische Station gehen konnte, die darauf spezialisiert war.
[44:48] Oder zumindest dachte ich das zu dem Zeitpunkt, dass das sehr gut ist für mich.
[44:51] Und ja, das hat dann tatsächlich relativ schnell geklappt, weil meine Mutter
[44:55] da auch wirklich alle Hebel in Bewegung gesetzt hat, die sie irgendwie finden konnte.
[45:00] Starke Mama, muss man mal an der Stelle sagen.
[45:04] Ihr entscheidet euch dann für eine Klinik in Schleswig-Holstein,
[45:07] also ganz in der Nähe von deinen Großeltern. Was ist denn dein erster Eindruck,
[45:12] den du von der Klinik hast?
[45:14] Eigentlich sehr positiv. Das war eine sehr, sehr kleine Klinik.
[45:18] Ich weiß es tatsächlich gerade nicht mehr auswendig. Ich glaube,
[45:20] es gab irgendwie zwölf Plätze oder so nur, was eben nicht Standard ist.
[45:25] Das war so auch vom Prinzip aufgemacht wie so ein bisschen wie so ein Wohnheim.
[45:29] Es war ein Haus, in dem sich das befunden hat.
[45:32] Es gab so ein gemeinschaftliches Wohnzimmer. Es gab eine Küche.
[45:36] Es gab die eigenen Zimmer.
[45:38] Es wirkte, ich sage jetzt mal in Anführungszeichen, relativ gemütlich.
[45:41] Also nicht so, wie man sich vielleicht eine Klinik vorstellt,
[45:44] irgendwie super steril, super clean alles, sondern eher eben gemütlich.
[45:50] Und ich dachte auch für mich, ja, so eine kleine Klinik ist vielleicht ein bisschen
[45:54] besser, vielleicht ein bisschen einfacher und die waren auch nicht nur auf Essstörungen spezialisiert.
[46:01] Und das fand ich auch ganz positiv, weil ich konnte mir zu dem Zeitpunkt auch
[46:04] nicht vorstellen, die ganze Zeit mit anderen Menschen konfrontiert zu sein,
[46:08] die das gleiche Problem haben.
[46:09] Weil natürlich in Kliniken, die auf Essstörung spezialisiert sind.
[46:14] Alle Menschen dann super, super dünn sind und zum Teil auch für einen selber
[46:19] erschreckend aussehen.
[46:21] Und ja, dann natürlich gleich wieder dieses Vergleichen ja auch so für mich
[46:25] im Kopf war, wie ist das dann für mich, wenn ich sehe, wie die essen,
[46:29] was die machen, wenn da jemand versucht irgendwie zu tricksen oder was weiß
[46:33] ich, wird mich das dann auch dazu animieren oder nicht.
[46:36] Und da auf Station war es tatsächlich zu dem Zeitpunkt so, dass eine andere
[46:39] Person eben auch eine Erstung hatte.
[46:41] Du hast, wenn ich das richtig ich weiß, dir hat dein Zimmer geteilt,
[46:44] oder das ist kein eigenes Zimmer, oder?
[46:46] Genau, das fand ich richtig blöd am Anfang, weil es gab hauptsächlich Einzelzimmer
[46:50] auf der Station und ich glaube nur zwei Zwei-Bett-Zimmer und ich bin in eins davon gekommen,
[46:54] was zu dem Zeitpunkt, als ich eingezogen war, sogar noch leer war,
[46:57] also war ich erst mal alleine, aber ich wusste, da wird relativ schnell jemand
[47:01] kommen, weil solche Stationen eben werden sehr, sehr schnell besetzt.
[47:04] Die Wartendisten sind super lang und für mich war das erst mal da,
[47:08] da ich ja eben vorher dieses komplette Kontrolle gelebt habe bis zu diesem Zeitpunkt.
[47:13] War das für mich halt auch ein massiver Eingriff irgendwie in meine Privatsphäre gefühlt.
[47:17] Also ich war so, mein Gott, und jetzt ist hier immer jemand,
[47:19] der liegt direkt neben mir.
[47:21] Also rückblickend war das das Beste, was mir passieren konnte,
[47:23] aber am Anfang fand ich es richtig doof.
[47:26] Und die junge Frau oder das Mädchen, was da mit dir im Zimmer lag,
[47:30] das war eben keine Anorexie-Patientin, ne?
[47:32] Nee, genau, die dann später dazu kam, ich weiß es gar nicht,
[47:34] paar Tage, eine Woche vielleicht, die hatte ein anderes Problem.
[47:39] Man hat schon so ein bisschen rausgehört, dass der erste Eindruck sehr positiv
[47:43] war, aber im Nachhinein sich dann rausgestellt hat, so toll ist es da nicht.
[47:46] Im Gegenteil, vielleicht kannst du erst mal erklären, was der Behandlungsplan
[47:52] von dieser Klinik für dich war, weil das alleine ist, finde ich,
[47:57] schon wahnsinnig krass irgendwie.
[47:59] Ja, also was natürlich wichtig ist, bevor ich da aufgenommen wurde,
[48:03] wurde mir erklärt, nach welchem Prinzip sie da vorgehen, mir wurde alles genau
[48:07] gesagt und auch meinen Eltern. und wir haben dem auch zugestimmt.
[48:11] Natürlich nicht wirklich in
[48:13] dem Wissen, was das wirklich bedeutet oder wie sich das dann entwickelt.
[48:18] Und auch natürlich, wir hatten überhaupt keine Ahnung, wie man so eine Krankheit
[48:21] behandelt. Das ist auch kein Vergleich.
[48:23] Uns wurde gesagt, das muss man immer so machen, das machen alle so.
[48:28] Und dass dem tatsächlich nicht so war, das haben wir natürlich erst im Nachhinein herausgefunden.
[48:32] Denn ich bin dort als gestörte Patientin ja tatsächlich in einen Plan gekommen.
[48:39] Der wurde für mich individuell angefertigt, hat sich nach Gewicht gerichtet.
[48:44] Das heißt, das war so auch der erste Zeitpunkt, wo mein Fokus tatsächlich auf
[48:48] mein Gewicht gelegt wurde, weil vorher wurde ich zwar regelmäßig gewogen und
[48:51] ich wusste, dass ich dünn war, aber ich habe mich selber gar nicht konkret mit
[48:55] den Zahlen beschäftigt.
[48:57] Und das war dann nach Stufen aufgebaut, das heißt ich hatte das Gewicht,
[49:01] mit dem ich angekommen bin und dann gab es immer in gewissen Kilo Abständen
[49:07] höhere Stufen und das Prinzip war,
[49:12] Am Anfang wird dir alles genommen und du kannst dir Stück für Stück Freiheiten,
[49:19] ja wie sagt man das, positive Dinge in deinem Leben erarbeiten, zurückerarbeiten.
[49:25] Das bedeutet, sich frei bewegen zu dürfen, an die frische Luft zu dürfen,
[49:30] mit Familie und Freunden sprechen zu dürfen und sei es nur am Telefon mal.
[49:34] Also am Anfang war wirklich, du liegst in deinem Bett, es darf niemand mit dir
[49:38] reden, auch nicht mit Patienten.
[49:40] Also ich selbst mit Patienten durfte nicht in mein Zimmer.
[49:43] Du hast keine elektronischen Geräte, das heißt natürlich Handy weg,
[49:47] kein Fernseher, gar nichts.
[49:49] Ich durfte einen CD-Player haben, der Radio empfangen konnte. Das war das Einzige.
[49:56] Und Bücher. Ich hatte sehr, sehr viele Bücher.
[49:59] Ja, schon von Anfang an war das unfassbar hart für mich.
[50:03] Also alleine der Gedanke eben, keine Möglichkeit, Kontakt haben zu können,
[50:08] ob es mit Freunden ist, ob es mit Familie ist.
[50:11] Das war für mich irgendwie sowas, was mir mein ganzes Leben und aber auch gerade
[50:14] in dieser Zeit irgendwie Halt und Kraft gegeben hat.
[50:18] Und dann, nachdem ich auch so langer Zeit weg war und auf einmal waren meine
[50:23] Großeltern 10, 15 Minuten entfernt von mir.
[50:26] Meine beste Freundin hat in der Stadt gewohnt, in der die Klinik war.
[50:29] Das heißt, die war praktisch um die Ecke.
[50:32] Und ich durfte diese Menschen nicht sehen, ich durfte nicht mit ihnen sprechen,
[50:36] ich durfte sie nicht sehen,
[50:38] ich durfte Briefe, handschriftlich Briefe schreiben und empfangen,
[50:42] ja und auch sonst, also eben, ich durfte nicht rausgehen, nicht an die frische
[50:46] Luft, ich durfte an manchen Therapien teilnehmen, nicht an allen.
[50:50] Und ansonsten gab es natürlich auch Programme irgendwie auf dieser Station,
[50:54] da ja eben auch andere Schüler oder Schüler, Kinder da waren.
[50:58] Es gab eben eine interne Schule, es gab auch Ausflüge, Aktivitäten und ich durfte
[51:03] an nichts teilnehmen davon.
[51:06] Und das ist ja schon, also erstmal, das ist wie Knast, um das jetzt mal ganz
[51:10] klar festzuhalten, aber du wirst ja wahrscheinlich oder deine Mutter auch mal
[51:13] irgendwie gefragt haben so, Leute, ist das normal?
[51:16] Also das wäre jetzt so für mich die naheliegendste Frage, was haben die euch denn da gesagt?
[51:20] Ja, also es hieß halt, man muss Essstörung so behandeln,
[51:24] weil die Menschen mit der Essstörung halt so darin gefangen sind,
[51:30] dass man nur mit Zwang und Gewalt praktisch, sage ich jetzt mal,
[51:34] natürlich keine physische Gewalt, aber psychische, wollte ich gerade sagen,
[51:38] für mich auf jeden Fall eine Form von Gewalt,
[51:40] sie dazu zwingen kann zu essen.
[51:43] Nur auf diesem Weg ist es möglich, dass sie wieder essen und mehr essen,
[51:48] wenn man sie dazu zwingt und sie praktisch keine andere Wahl haben.
[51:54] In der Wissenschaft ist man sich einig, dass die Behandlung von Essstörungen
[51:58] bei Jugendlichen ein Zusammenspiel erfordert.
[52:00] Nämlich ein Zusammenspiel aus medizinischer Stabilisierung, Psychotherapie und
[52:05] oft auch familiärer Einbindung.
[52:08] Es gibt zum Beispiel den beliebten Ansatz der familienbasierten Therapie.
[52:11] Da werden Eltern aktiv in den Genesungsprozess einbezogen.
[52:15] Gleichzeitig gibt es da natürlich auch für die behandelnden Ärztinnen und Ärzte
[52:19] und Therapeutinnen und Therapeuten ein Spannungsfeld.
[52:22] Einerseits müssen sie bei lebensbedrohlichem Untergewicht konsequent eingreifen,
[52:27] zum Beispiel mit festen Zielen, die erreicht werden müssen, wie zum Beispiel
[52:31] bei Sphere mit der wöchentlichen Zunahme.
[52:33] Andererseits ist eine langfristige Veränderung aber nur möglich,
[52:37] wenn die Betroffenen Selbstmotivation entwickeln.
[52:40] Therapie bedeutet daher oft auch, Beziehungen aufzubauen, Vertrauen herzustellen
[52:45] und den Patientinnen und Patienten schrittweise wieder Zugang zu ihren eigenen
[52:50] Bedürfnissen zu ermöglichen.
[52:52] Das scheint bei Sphere nicht stattgefunden zu haben.
[52:56] Viele Betroffene von Essstörungen berichten rückblickend, dass ihnen während
[53:00] ihrer Behandlung nicht jede Methode geholfen hat.
[53:02] Und das unterstreicht einen sehr wichtigen Aspekt.
[53:06] Behandlungswege sind individuell und nicht jede Therapieform passt zu jeder Person.
[53:11] Was ich hier aber mal ganz klar sagen muss, die Anorexia nervosa hat die höchste
[53:16] Sterberate aller psychischen Erkrankungen.
[53:19] Dabei sind die Todesfälle sowohl auf Fehlernährung als auch in 20 Prozent auf
[53:25] Suizide zurückzuführen.
[53:26] Von den Menschen, die die Anorexie überleben, erreicht etwa ein Drittel einen
[53:31] Zustand, in dem die Symptome deutlich abgeschwächt sind.
[53:34] Ein weiteres Drittel zeigt gelegentliche Rückfälle und das letzte Drittel verläuft chronisch.
[53:40] Ich will von Svea wissen, ob ihre Behandlung in der Klinik wenigstens etwas gebracht hat.
[53:47] Erstens muss ich ja sagen ich wollte das wirklich ich wollte unbedingt das schaffen
[53:52] wieder mehr zu essen und gesund zu werden das heißt ich bin da hingekommen ich
[53:56] habe mir wirklich sehr viel mühe gegeben mich daran zu halten,
[54:00] Ich kann aus der jetzigen Wahrnehmung nicht sagen, wie gut oder schlecht ich das gemacht habe.
[54:05] Ich habe zumindest, das weiß ich, dann auch ein bisschen angefangen, an Gewicht zuzulegen.
[54:11] Auf jeden Fall wurde dann relativ bald entschieden, es reicht nicht,
[54:16] ich gebe mir nicht genug Mühe, keine Ahnung, ich lasse mich nicht zwingen.
[54:21] Man müsste mich ab jetzt künstlich ernähren. Das heißt, diese Privilegien,
[54:25] hattest du die schon erarbeitet und dann wieder verloren? Oder bist du gar nicht
[54:28] zu dem, ich glaube ein halbes Kilo pro Woche oder so war die Vorgabe,
[54:32] wenn ich mich richtig erinnere.
[54:33] Also hast du überhaupt irgendwas von diesen Sachen erreichen können?
[54:36] Ich hatte zu dem Zeitpunkt noch nichts davon erreicht. Also man hatte mir praktisch
[54:40] gar nicht die Möglichkeit gegeben.
[54:43] Also ja, das muss man vielleicht noch dazu sagen, dass es gab immer einen festgelegten Wiegetag.
[54:48] Einmal die Woche. Und zu diesem Zeitpunkt musste man ein halbes Kilo zugenommen haben.
[54:54] Weil wenn man das nicht geschafft hat, dann wurde man, kann man so sagen, dafür bestraft.
[55:00] Wenn man dieses halbe Kilo zugenommen hat, dann wurde man, sage ich mal,
[55:04] nicht automatisch dafür belohnt, weil diese Schritte in diesem Plan größer waren
[55:07] als ein halbes Kilo. Ah, okay.
[55:09] Also sagen wir mal, bei drei Kilo kriegst du dein Handy zurück oder so.
[55:12] Genau, bei drei Kilo darfst du zwei Stunden deine Eltern sehen. So war das ungefähr.
[55:16] Wenn man es aber nicht geschafft hat, dann wurden einem praktisch noch mehr
[55:21] Sachen weggenommen, weggenommen, als man ohnehin noch hatte.
[55:25] Du hast gerade Besuchszeit angesprochen, das fand ich bei der Recherche auch total krass.
[55:29] Deine Eltern sind ja nicht in Deutschland, sondern in Shanghai zu der Zeit.
[55:34] Das heißt, da ist ja Besuchszeit, die deinen Eltern vielleicht zusteht,
[55:36] aber die durfte nicht übertragen werden.
[55:38] Also deine Freunde oder deine Großeltern durften dich auch nicht besuchen in der Zeit.
[55:42] Genau, man durfte halt oder man hatte eben zwei Bezugspersonen,
[55:47] das waren meine Eltern und wenn die halt nicht konnten, dann hatte man halt
[55:49] Pech gehabt, dann konnte man halt gar keinen Besuch bekommen.
[55:52] Weil, ja, meine Eltern hatten dann halt gefragt, ob das ginge,
[55:56] dass das meine Großeltern sind. Das ist ja naheliegend eigentlich.
[55:59] Und das wurde nicht erlaubt. Wahnsinn.
[56:01] Wie hat sich in dieser Zeit dein psychischer Zustand entwickelt?
[56:05] Ist jetzt eine rhetorische Frage, weil ich es mir schon denken kann,
[56:07] aber es hat dir wahrscheinlich nicht besonders gut getan, oder?
[56:09] Nee, also mir ging es natürlich unfassbar schlecht. Ich habe es auch einfach
[56:13] nicht, es hat für mich einfach keinen Sinn gemacht.
[56:15] Ich habe das alles nicht verstanden, auch als ich dann eben künstlich ernährt wurde, war ich so.
[56:21] Ja, aber ab diesem Zeitpunkt kann ich ja gar nichts mehr tun.
[56:24] Also irgendwie, ich hatte eh das Gefühl, ich tue alles, was ihr von mir verlangt
[56:28] und trotzdem werde ich dafür bestraft, weil selbst wenn ich,
[56:31] sag ich mal, alles gegessen habe, was mir gegeben wurde und mich an alle Regeln
[56:34] gehalten habe und dann trotzdem nicht zugenommen habe, aus welchem Grund auch
[56:37] immer, den ich ja dann selber gar nicht mehr beeinflussen konnte,
[56:39] weil zum Beispiel durften wir auch gar kein anderes Essen haben.
[56:43] Also ich hätte nicht mal freiwillig mehr essen, wenn ich es gewollt hätte.
[56:45] Ach so, du hättest jetzt gar nicht dir zehn Packungen Kekse reinziehen können,
[56:48] weil die gab es gar nicht. Das heißt, ich habe mich zu 100 Prozent in die Regeln
[56:50] gehalten, habe vielleicht nicht dieses halbe Kilo zugenommen,
[56:53] warum auch immer, aber Körper sind halt unterschiedlich.
[56:57] Pech, Bestrafung. Ja. So, und auch gerade dann mit der Sonde,
[57:01] also mit der Magensonde über die künstliche Ernährung, wo ich ja wirklich gar
[57:04] nichts mehr dazu tun konnte, weil ich ja gar nicht mehr gegessen habe.
[57:08] War ich ja trotzdem in diesem Programm drin. Das heißt, trotzdem galten diese
[57:11] Regeln für mich. Aber da kannst du ja wirklich nichts dafür,
[57:13] weil du ja de facto deine eigene Ernährung gar nicht steuern kannst.
[57:16] Ja, spätestens ab dem Zeitpunkt. Also man durfte dann ja nach und nach wieder
[57:19] Mahlzeiten dazubekommen.
[57:21] Ich glaube, spätestens mit der ersten Mahlzeit, die ich dann dazubekommen habe, galt das dann wieder.
[57:25] Wir sind ja jetzt gerade so ein bisschen drüber weggegangen.
[57:27] Die haben dir, um das mal ganz klar zu sagen, eine Magensonde gelegt,
[57:31] ohne dass das vorher mit dir besprochen worden ist.
[57:34] Ja, also natürlich, sag ich mal, in dem Sinne wurde darüber geredet.
[57:38] Und es wurde dann auch entschieden in meinem Beisein. Was für mich halt so krass
[57:43] war, war, dass mir halt nicht wirklich erklärt wurde, was das bedeutet.
[57:47] Also eine Wahl hatte ich eh nicht. Also das wurde einfach entschieden.
[57:51] Aber bis zu dem Zeitpunkt, wo die mit dem Ding in der Hand vor mir standen,
[57:56] wusste ich überhaupt nicht, was ich mir unter einer Magen sollte vorstellen zu habe.
[57:59] Das mag irgendwie vielleicht komisch klingen für manche Menschen.
[58:02] Ich glaube, ich wüsste es aber auch nicht. Aber für mich war irgendwie mal so Sonde.
[58:06] Ich habe mir gedacht, tun die irgendwas in deinen Magen reichen?
[58:08] Nein, irgendwie, ich habe das gar nicht verstanden, dass das ein Schlauch ist,
[58:12] der durch die Nase eben in die Speiseröhre in den Magen gelegt wird,
[58:17] über den man dann ernährt wird.
[58:19] Und auf einmal standen die da halt so und waren so, ja, wir rammen dir das jetzt
[58:22] in die Nase rein. Und ich war so, was passiert hier gerade?
[58:25] Was ist das? Was bedeutet das überhaupt? Wie funktioniert das Ganze?
[58:30] Das ist ja nun auch eine körperliche Misshandlung in dem Fall,
[58:33] nicht nur eine psychische.
[58:35] Ich habe gelesen, dass auch teilweise, also du bist ja wahrscheinlich nicht
[58:38] die Einzige, die mit diesen Umständen gehadert hat, dass auch deine Mitpatientinnen
[58:42] und Mitpatienten da auf die Barrikaden gegangen sind teilweise.
[58:45] Ja, also ich weiß, dass echt meine Mitpatienten auch sehr darunter gelitten hat.
[58:49] Es war ein sehr, sehr negatives Klima gegenüber der Klinik eben.
[58:54] Ich hatte auch noch lange im Nachhinein mit vielen davon zu tun.
[58:57] Ich habe immer noch eine sehr gute Freundin, die damals mit mir da in der Klinik war.
[59:02] Es hat ihnen wirklich geschadet, diese Zeit da.
[59:05] Weil ja die Art und Weise, wie halt mit einem umgegangen wurde,
[59:08] man hatte halt nicht wirklich das Gefühl, dass man halt,
[59:10] ein Individuum ist, was auch wahrgenommen wird als dieses Individuum,
[59:14] sondern es war so, wir haben einen Plan und dieser Plan, du hast die Krankheit,
[59:18] also kriegst du diesen Plan, das war wie so ein Stempel und du warst wirklich
[59:22] mehr wie so ein Aktenzeichen für die,
[59:24] was halt so und so behandelt wurde als,
[59:27] okay, das ist ein individueller Mensch, der hat vielleicht individuelle Bedürfnisse
[59:30] und der hat halt auch Gefühle.
[59:34] Deine Eltern haben dich ja zwischendurch auch besucht. Wie hast du dich da verhalten?
[59:40] Also haben die gemerkt, wie schlecht es dir geht? Wahrscheinlich schon, oder?
[59:44] Ja, also man muss natürlich sagen, das hat sich auch sehr entwickelt.
[59:46] Ich war ja viele Monate dort.
[59:49] Und gerade am Anfang war es natürlich schwierig, weil dann habe ich vielleicht
[59:54] gesagt, das und das finde ich nicht gut und damit fühle ich mich nicht wohl.
[59:57] Aber natürlich auch aus Elternsicht sagst du, ja, natürlich ist mein Kind gerade nicht glücklich,
[1:00:01] weil das ist eine echt fiese Krankheit und die wird gerade mit sehr krassen
[1:00:08] Maßnahmen behandelt und dass da vielleicht nicht jeden Tag ist,
[1:00:12] oh Mensch, ich fühle mich so super toll, das ist halt klar.
[1:00:16] Deshalb hat es wirklich auch lange gedauert, bis ich ihn wirklich ernsthaft
[1:00:22] zeigen konnte, es geht mir hier wirklich, wirklich schlecht gerade und ich muss
[1:00:26] hier raus, weil ich halte das nicht länger aus.
[1:00:29] Aber das hast du dann irgendwann so aussprechen können?
[1:00:32] Ja, also irgendwann war es tatsächlich so, dass ich halt wirklich,
[1:00:35] es gab irgendwie immer so zwei Stunden Besuchszeit dann irgendwann.
[1:00:38] Und jedes Mal, wenn die war und jemand da war, ich habe wirklich nur geweint
[1:00:41] in der kompletten Zeit. Und ich habe nur gesagt, es geht mir so schlecht.
[1:00:45] Bitte, bitte holt mich hier raus. Man muss da sagen, die haben schon vorher ...
[1:00:50] Glaube ich, das gesehen, dass dieses Prinzip nicht gut ist und dass sie es auch nicht gut heißen.
[1:00:57] Zum Beispiel eben durfte man nie ein Handy haben. Ich habe dann ein illegales
[1:01:01] Handy bekommen, weil wenn du das in deinem Zimmer unterm Kopfkissen hast,
[1:01:06] so krass durchsuchen die dann nicht jeden Tag deinen Raum.
[1:01:09] Es wurde irgendwann gefunden, da habe ich auch Ärger bekommen.
[1:01:11] Dann wurde es meinen Eltern wiedergegeben. Bevor sie gegangen sind,
[1:01:14] haben sie es mir wiedergegeben.
[1:01:16] Also die haben schon auch oder haben dann auch extern mal was mit mir gegessen
[1:01:20] oder so, was ich auch nicht durfte.
[1:01:22] Also sie haben auch schon für sich so ein bisschen diese Regeln umgangen,
[1:01:25] was glaube ich schon zeigt, dass sie auch zu dem Zeitpunkt schon gemerkt haben,
[1:01:28] ich durfte ja eben zum Beispiel auch nur Familie sehen.
[1:01:31] Es gab damals einen jungen Mann in meinem Leben.
[1:01:36] Da war es dann so, dass ich 30, irgendwann durfte ich 30 Minuten mich auf dem
[1:01:40] Klinikgelände draußen bewegen in Begleitung. Ja.
[1:01:44] Und da haben sie dann zum Beispiel das dann so geschleust, dass der dann da war auf dem Gelände.
[1:01:50] Ah, zufälligerweise habt ihr euch da getroffen. Genau, zufälligerweise habe
[1:01:52] ich den dann beim Spazierengehen getroffen oder auch meine Schwester zum Beispiel,
[1:01:55] die durfte ich auch nicht sehen.
[1:01:56] Die habe ich dann auch auf so einem Spaziergang mal zufällig getroffen.
[1:02:00] Also die haben schon versucht für sich auch diese Regeln zu umgehen und ich
[1:02:03] glaube, ab einem gewissen Zeitpunkt haben sie halt wirklich gesehen, dass es halt alles...
[1:02:08] Quatsch, was hier passiert noch, das ist halt überhaupt nicht mehr hilfreich.
[1:02:12] Aber du bist dann nur am Weinen, wenn du deine Eltern siehst.
[1:02:15] Das musst du auch das Klinikpersonal mitbekommen haben. Was haben die dir denn
[1:02:18] gesagt dann dazu? Ich glaube, denen war es total egal.
[1:02:20] Wahnsinn. Also ich weiß, ich hatte auch Bezugsschwestern auf dieser Station,
[1:02:26] die wurden mir zugeteilt, die habe ich mir nicht ausgesucht.
[1:02:29] Deswegen hatte ich so semi-doll Bezug zu denen. Aber die eine hat in meiner
[1:02:33] letzten Nacht dort mit mir geredet und hat mir selber gesagt,
[1:02:37] dass sie sich die ganze Zeit gewünscht hat, dass man diesen Plan für mich aussetzen würde.
[1:02:41] Weil sie es selber als Person, die da arbeitet, schon lange und immer diesen
[1:02:46] Plan mitgemacht hat, es für nicht sinnvoll gehalten hat. Das hat sie mir gesagt. Wahnsinn.
[1:02:52] Fünf Monate bleibst du insgesamt in dieser Klinik, quälst dich da und dann holen
[1:02:56] dich deine Eltern da raus.
[1:02:59] Explizit gegen ärztlichen Rat. Ich kann mir vorstellen, dass das keine leichte
[1:03:03] Entscheidung auch für deine Eltern war, weil die wollen ja natürlich,
[1:03:06] dass du heilst und dass es dir besser geht.
[1:03:08] Ja, also ich glaube, das war wirklich so ein bisschen Abwägung Pest gegen Cholera.
[1:03:12] Wir wissen, hier geht es dem Kind gerade unfassbar schlecht.
[1:03:16] Sonst geht es dem Kind eventuell auch schlecht. Ich war zu dem Zeitpunkt,
[1:03:19] hatte ich natürlich zwangsweise, das war ja auch das Prinzip, Gewicht zugelegt.
[1:03:25] War nicht mehr ganz so stark gefährdet. War etwas physisch gesünder.
[1:03:31] Das möchte ich wirklich betonen. Körperlich vielleicht ein bisschen gesünder.
[1:03:36] Psychisch sicherlich überhaupt nicht. Ja, es ist ja wahrscheinlich auch nicht
[1:03:39] nachhaltig, weil ja der Kern der Essstörung, so wie du das geschildert hast,
[1:03:43] nicht wirklich behandelt wurde.
[1:03:45] Sondern du hast einfach gezwungen zuzunehmen. Aber das ist ja nichts,
[1:03:49] was dann nachhaltig ist.
[1:03:50] Also deiner Seele ging es ja wahrscheinlich schlechter als vorher,
[1:03:53] oder? Genau, also das wäre wirklich mein größter Kritikpunkt,
[1:03:56] weil ja, man kann sagen, so ganz freiwillig ist wahrscheinlich kaum eine essgestörte
[1:04:01] Person mehr, aber dennoch,
[1:04:04] ist es natürlich viel, viel wichtiger, die Ursache zu behandeln und zu gucken,
[1:04:09] was ist eigentlich der Ausleser dafür?
[1:04:11] Wie können wir dafür sorgen, dass damit besser umgegangen werden kann.
[1:04:16] Als jemanden dazu zu zwingen, was zu essen?
[1:04:19] Weil natürlich sobald dieser Zwang natürlich weg ist, das ursprüngliche Problem
[1:04:23] aber noch genauso da ist wie vorher, fängt ja alles wieder von vorne an.
[1:04:27] Also da ist ja nichts gewonnen mit, außer vielleicht ein bisschen Zeit.
[1:04:31] Genau, es ist halt nicht nachhaltig so.
[1:04:34] Wenn du jetzt an diese Klinikzeit, an diese fünf Monate denkst,
[1:04:36] was für ein Gefühl löst das in dir aus? Ist das Wut? Ist das Trauer?
[1:04:41] Was macht das mit dir? Weil das ist ja schon echt eine Quälerei gewesen,
[1:04:45] was die da mit dir gemacht haben.
[1:04:47] Rein faktisch muss man natürlich sagen, sie haben mir das Leben gerettet.
[1:04:50] Wenn ich nicht da gewesen wäre, wäre ich gestorben.
[1:04:54] Insofern kann ich nicht nur Negatives sagen, weil immerhin das.
[1:04:58] Und ich habe eine sehr, sehr gute Freundin gewonnen.
[1:05:00] Das ist gut, ja. Auch schön, immer. Aber die Gefühle für die Klinik selbst,
[1:05:07] also hier war im Nachhinein,
[1:05:09] draußen noch mal dort, also nicht drinnen, sondern ich bin dran vorbeigegangen,
[1:05:13] weil das ist halt ein großes Klinikum.
[1:05:15] Ich war auch aus anderen Gründen halt einfach noch mal in der Klinik später.
[1:05:19] Und das war für mich echt schwierig, überhaupt nur das Gebäude zu sehen von außen.
[1:05:24] Ich habe sehr, sehr viele Jahre, wenn ich darüber geredet habe,
[1:05:28] sofort angefangen zu weinen, sofort.
[1:05:30] Ob es Wut oder Trauer ist, könnte ich, glaube ich, gar nicht so genau pinfen.
[1:05:35] Wahrscheinlich eine Mischung aus allem, aus auch Unglaube.
[1:05:40] Also ich verstehe es einfach nicht. Ich verstehe diese Herangehensweise nicht.
[1:05:45] Und ich halte das, also ich weiß rein faktisch, dass selbst zu dem Zeitpunkt schon andere Kliniken,
[1:05:51] ich war danach, als ich dann da rauskam, ja noch mal in einer anderen Klinik
[1:05:55] nur für ein Gespräch, um zu eruieren, ob ich eventuell in diese andere Klinik gehe.
[1:06:01] Und habe dort mit dem Oberarzt gesprochen, habe dem das erzählt.
[1:06:05] Der war schon zu dem Zeitpunkt so, dass er das kaum glauben konnte.
[1:06:08] Der war so, das kann ich mir gar nicht vorstellen, weil die in der Klinik eben
[1:06:12] überhaupt nicht so behandelt haben.
[1:06:13] Man hat überhaupt nicht jeder, man durfte jederzeit Besuch bekommen, wenn man wollte.
[1:06:17] Man durfte jederzeit sein Handy haben.
[1:06:20] Auch das Essen ist dort ganz anders abgelaufen.
[1:06:23] Deswegen kann ich halt eindeutig sagen, dass das halt nicht normal war.
[1:06:27] Das heißt, du hast dich sozusagen auch erkundigt bei der anderen Klinik,
[1:06:30] die du dir angeschaut hast.
[1:06:32] Macht ihr das hier auch so? Also das ist ja eine naheliegende Frage.
[1:06:34] Genau, ich bin auch tatsächlich da nicht dorthin gegangen, weil ich trotzdem
[1:06:38] einfach zu viel Angst wieder vor Klinik hatte, also das war so ein schlimmes
[1:06:42] Ereignis, dass selbst mit dem Wissen,
[1:06:44] dass ich das in der anderen Klinik nicht so haben werde.
[1:06:48] Ich trotzdem das psychisch nicht konnte, also ich konnte nicht in eine andere
[1:06:52] Klinik gehen zu dem Zeitpunkt.
[1:06:54] Du bist richtig traumatisiert worden in der Zeit.
[1:06:57] Wir gehen nochmal zurück auf die Zeit danach.
[1:07:00] Also du entscheidest dich dagegen in eine andere Klinik zu gehen und stattdessen
[1:07:03] geht es für dich zurück nach Shanghai.
[1:07:05] Aber du bist ja immer noch schwer krank zu dem Zeitpunkt, auch wenn du ein bisschen
[1:07:09] zugenommen hast. Wie geht es in Shanghai für dich weiter?
[1:07:13] Ja, also das war dann auch nochmal eine große Achterbahn, weil ich eben total
[1:07:17] Probleme damit hatte, mir helfen zu lassen.
[1:07:20] Ich hatte dann natürlich weiterhin Therapie, das war auch sehr,
[1:07:23] sehr gut so, auch wenn die mir nur bedingt dabei helfen konnte.
[1:07:27] Ich habe dann das erste Mal angefangen, mich intensiv mit Ernährung auseinanderzusetzen,
[1:07:33] wirklich im wissenschaftlichen Sinne.
[1:07:35] Was sind Kalorien? Was sind Mikronährstoffe? Was braucht mein Körper?
[1:07:39] Ich habe versucht, mich danach zu richten, habe das natürlich überhaupt nicht hinbekommen.
[1:07:44] Also da ging es wirklich rauf und runter zwischen, ich esse den ganzen Tag gar
[1:07:48] nichts, weil ich nicht vor Menschen essen kann und esse das erste Mal um 19
[1:07:52] Uhr in meinem Zimmer was.
[1:07:54] Es dann natürlich im Zweifel viel, viel zu viel, weil ich ja den ganzen Tag
[1:07:57] nichts gegessen habe und unfassbar Hunger habe.
[1:08:00] Also das war dann wirklich, das ging dann auch so in Richtung Bingen und so.
[1:08:03] Da habe ich wirklich alles mitgemacht, rauf und runter.
[1:08:07] Und habe wirklich mit mir selber irgendwie versucht, habe mir dann selber Esspläne
[1:08:11] geschrieben oder irgendwie online geguckt, was gibt es für Pläne.
[1:08:15] Habe versucht, mich danach zu richten.
[1:08:17] Habe da wirklich in alle Richtungen alles mitgemacht. War ja dann auch nur noch ein Jahr da.
[1:08:22] Bin dann ja irgendwann auch wieder nach Deutschland gekommen,
[1:08:24] zurück nach meinem Abitur und habe dort eben weiterhin einfach versucht,
[1:08:29] für mich irgendwie klar zu kommen und das hat sich wirklich tatsächlich dann
[1:08:33] mit der Zeit einfach irgendwie angependelt.
[1:08:35] Ich habe in Deutschland dann natürlich noch meine neue Therapeutin gehabt,
[1:08:39] wo ich bis heute sagen würde, das war die beste Therapeutin,
[1:08:42] die ich in dieser ganzen Zeit hatte und ich hatte wirklich viele Therapeuten
[1:08:45] im Laufe meiner psychischen,
[1:08:48] psychosomatischen Erkrankung, also ich glaube über acht Stück und die Frau hat
[1:08:52] mir wirklich unfassbar gut geholfen und war dann die erste, die mich so richtig
[1:08:57] auf den Weg gebracht hat.
[1:08:59] Genau, du hast es gerade so angesprochen, du gehst zurück nach Deutschland nach
[1:09:01] dem Abi, du studierst in Deutschland Jura, weil du zurück in die Heimat willst.
[1:09:06] Hast du schon das Gefühl, dass Deutschland an sich dir schon gut getan hat,
[1:09:08] als du dann wieder hier warst? Oder dass es auch Teil der Heilung vielleicht war?
[1:09:12] Ich glaube, ehrlich gesagt, nicht, dass das eine Rolle gespielt hat,
[1:09:14] ob es Deutschland oder Shanghai war.
[1:09:17] Ich habe mich auch am Anfang super schwer damit getan, gerade dann auch natürlich
[1:09:20] ganz alleine, sage ich mal, Also deine Familie ist noch da, aber du bist die
[1:09:25] Einzige, die dann nach Deutschland gegangen ist.
[1:09:26] Genau, ich bin dann alleine eben nach Deutschland gekommen, habe dann auch erst
[1:09:31] mal etwas erlebt, was auch viele erleben, die mal so stark unterernährt waren,
[1:09:37] dass mein Körper an irgendeinem Punkt realisiert hat, okay, ich bekomme jetzt wieder Essen,
[1:09:41] sozusagen die Person, die mich steuert, die erlaubt mir wieder zu essen.
[1:09:45] Ich habe unfassbar Hunger, wirklich. Also ich habe gegessen am Tag,
[1:09:49] das kann ich mir heute überhaupt nicht mehr vorstellen, da kriege ich schon
[1:09:51] Bauchschmerzen, wenn ich dran denke.
[1:09:53] Und das wirklich über eine sehr lange Zeit, habe dann auch super,
[1:09:56] super schnell Gewicht zugenommen. Aber auch nicht dann auf eine gesunde Art
[1:09:59] zugenommen? Nee, natürlich überhaupt nicht.
[1:10:01] Und dabei hat mir wirklich auch gerade diese Therapeutin extrem geholfen,
[1:10:05] mir das zu erklären, dass das normal ist, dass das die typische Reaktion vom Körper ist.
[1:10:09] Weil natürlich, wenn man die ganze Zeit unfassbar Angst hat,
[1:10:12] davor dick zu werden und auf einmal super schnell zunimmt und das auch überhaupt
[1:10:16] nicht mehr kontrollieren kann, dann löst das natürlich diese ganzen Ängste wieder aus.
[1:10:20] Und ist sicherlich auch ein Grund, warum die Rückfallquote mit der Anorexie sehr, sehr hoch ist.
[1:10:28] Auch eine Zeit, in der ich sehr, sehr, sehr große Probleme hatte,
[1:10:33] damit irgendwie umzugehen und dann eben in einer neuen Stadt,
[1:10:36] in einer neuen Uni Jura studieren. Absolut nicht einfach.
[1:10:40] Sehr, sehr viel Druck auch von der Uni und das alles irgendwie gleichzeitig zu machen.
[1:10:45] Ich weiß wirklich, sogar meine Therapeutin hat irgendwann mal zu mir gesagt,
[1:10:48] sie weiß gar nicht, wie ich das irgendwie hinbekomme. Also vielleicht kann man
[1:10:51] sich da rausziehen, wenn ich es richtig jetzt nachgerechnet habe,
[1:10:53] warst du, glaube ich, acht Jahre insgesamt in Therapie, wenn ich mich jetzt
[1:10:57] nicht verrechne. Ja, könnte ungefähr sein.
[1:11:00] Und es war jetzt auch nicht so ein straighter Weg, es war jetzt nicht so zack,
[1:11:03] Fingerschnippen und jetzt geht's gut, sondern es war so ein Auf- und Abhörigter raus.
[1:11:07] Gab's einen Moment, wo du gedacht hast ...
[1:11:11] Jetzt schaffe ich es, jetzt komme ich da hin. Oder war das auch gar nicht mal
[1:11:15] so, dass es diesen einen Umschaltmoment sozusagen gab?
[1:11:19] Nee, es gab nie wieder einen Moment, der mir irgendwas gezeigt hat.
[1:11:22] Also es war wirklich wieder auch das Rausschleichen war ein bisschen wie das Reinschleichen.
[1:11:28] Also das war wirklich, wie gesagt, dann erst diese starke Gewichtszunahme,
[1:11:32] die mich dann auch total belastet hat.
[1:11:34] Das kann ich gerne auch allen sagen, die vielleicht selber sowas erfahren haben.
[1:11:39] Das hat mir nämlich meine Therapeutin auch damals gesagt, das ist total normal,
[1:11:42] das wird sich irgendwann normalisieren, wenn dein Körper realisiert,
[1:11:45] okay, ich habe jetzt wieder genug bekommen, es reicht, mir geht es wieder gut.
[1:11:50] Und das war bei mir tatsächlich zu 100 Prozent so. Irgendwann hat das einfach
[1:11:54] aufgehört, dieser Hunger.
[1:11:55] Ich hatte nicht mehr so viel Hunger, ich konnte mich wieder normal,
[1:11:58] in Anführungszeichen, ernähren und habe dann auch wieder abgenommen,
[1:12:03] bis ungefähr zu dem Gewicht, was ich heute habe, was ein absolut gesundes Wohlfühlgewicht
[1:12:08] ist für mich, mit dem ich jetzt auch schon seit vielen Jahren bin und das relativ
[1:12:12] ohne auf irgendwas besonders achten zu müssen,
[1:12:16] so für mich einfach passt.
[1:12:20] Diese Klinikerfahrung, über die wir jetzt gerade ganz lange gesprochen haben,
[1:12:24] die hat ja schon auch heftige Folgen für dich gehabt, also psychisch gesehen.
[1:12:30] Also wer war in den ganzen Jahren dieses Auf und Abs deine größte Stütze?
[1:12:35] Wenn man das überhaupt sagen kann. Ja, genau.
[1:12:38] Wahrscheinlich meine Mama. Also
[1:12:40] meine Mama war und ist immer noch ein sehr großer Faktor in meinem Leben.
[1:12:46] Wir sprechen sehr, sehr regelmäßig, weiß, dass ich mit ihr über alles reden kann.
[1:12:49] Tatsächlich fast auch durch die Zeit ein bisschen geworden. Ich war davor ein
[1:12:53] riesengroßes Papakind.
[1:12:55] Das hat sich dadurch ein bisschen verändert. Auch immer noch ein sehr gutes
[1:13:00] Verhältnis zu meinem Vater heute.
[1:13:02] Aber meine Mama, meine Schwester und ich eben super, super eng, auch damals schon.
[1:13:08] Ich sage immer gerne, kein Mensch auf dieser Welt kann mich so verstehen wie meine Schwester.
[1:13:13] Damals in der Essstörung auf jeden Fall auch besagter junger Mann.
[1:13:17] Der junge Mann, den du zufällig im Park getroffen hast.
[1:13:19] Genau, der hat mir da schon wirklich auch sehr, sehr viel gegeben,
[1:13:23] muss ich sagen, hat mich unfassbar unterstützt und hat mir vor allem,
[1:13:28] glaube ich, sehr doll dadurch geholfen.
[1:13:32] Einmal zu merken, dass mich auch jemand außerhalb meiner Familie so akzeptieren
[1:13:38] kann, wie ich bin und selbst in diesem Zustand sogar eventuell attraktiv finden kann,
[1:13:44] weil ich natürlich in dem Moment nicht geglaubt habe, dass irgendjemand daran
[1:13:50] irgendwas attraktiv finden kann.
[1:13:52] Und auch, was er, glaube ich, unfassbar gut konnte, was ich das Gefühl habe,
[1:13:57] was sonst fast niemand konnte mit mir.
[1:14:01] Das klingt jetzt doof, aber umgehen wie mit einem ganz normalen Menschen.
[1:14:04] Ich hatte nie das Gefühl, er sieht mich an und sieht nur eine kranke Person,
[1:14:10] macht sich nur Sorgen die ganze Zeit.
[1:14:12] Das ist natürlich verständlich, dass gerade zum Beispiel Eltern sich unfassbar
[1:14:17] Sorgen machen und die ganze Zeit nur, praktisch jede Gabel in den Mund noch
[1:14:23] schauen wollen und hoffen und noch eine schafft sie.
[1:14:26] Aber für mich war das damals unfassbar wichtig und das hat mir unfassbar viel
[1:14:30] gegeben, eben nicht dieses Gefühl zu haben, sondern auch für mich als Mensch
[1:14:37] einfach wahrgenommen zu werden.
[1:14:38] Das heißt, der sieht schwer den Menschen und nicht schwer die Kranke.
[1:14:43] Genau. Weil ich mich gerade gefragt habe, ich habe auch eine Freundin.
[1:14:48] Von der ich weiß, dass sie eine Anorexie hatte, wo ich manchmal den Gedanken
[1:14:51] habe, vielleicht struggelt sie jetzt gerade noch.
[1:14:53] Und ich bin mir nicht so sicher, ob das dann hilfreich ist, die Person darauf
[1:14:57] anzusprechen. Und da frage ich mich auch immer, was ist der richtige Umgang damit?
[1:15:01] Und damit hast du mir jetzt, glaube ich, schon geholfen. Also vielleicht für
[1:15:04] die Leute, die selber so jemanden im Umfeld haben, was würdest du den Menschen
[1:15:07] raten im Umgang mit Menschen, die an Essstörungen erkrankt sind?
[1:15:12] Ja, natürlich ist das super schwierig und ich verstehe, dass man sich super
[1:15:15] viel Sorgen macht. Ich denke auch, man kann immer Hilfe anbieten oder zumindest ein Gespräch anbieten.
[1:15:22] Also man kann ja wie zu jedem anderen Freund auch gehen und sagen,
[1:15:25] Mensch, ich mache mir Sorgen um dich, kann ich dir irgendwie helfen,
[1:15:29] möchtest du drüber reden?
[1:15:31] Und wenn die Person dann sagt, nein, danke, bitte lass mich in Ruhe,
[1:15:35] dann muss man das natürlich auch akzeptieren.
[1:15:37] Ich sage mal zumindestens, wenn jetzt keine konkrete Gefahr besteht,
[1:15:42] dass eben die Person morgen tot ist sonst, das ist natürlich vielleicht ein
[1:15:46] bisschen ein anderer Punkt, aber meistens merkt man das ja schon etwas früher.
[1:15:50] Also natürlich super gerne Hilfe anbieten. Ich habe auch zumindest im Nachhinein
[1:15:55] immer sehr gerne gehabt, wenn mich Leute darauf angesprochen haben,
[1:15:59] gefragt haben, einfach offen waren.
[1:16:01] Deutlich lieber als hinter meinem Rücken irgendwie drüber reden und fragen,
[1:16:05] oh, was ist mit ihr, weißt du was? Ich weiß auch nichts.
[1:16:08] Ich rede sehr gerne darüber, weil ich eben gerne auch Leute drüber aufkläre.
[1:16:14] Und das Gefühl habe, lieber kann ich meine Sicht erklären, als dass man sich irgendwas dazu denkt.
[1:16:20] Aber ansonsten, wenn die Person halt sagt, bitte lass mich in Ruhe,
[1:16:24] so, lieber wirklich eben versuchen, wenn es geht, die Person zu behandeln, wie immer.
[1:16:31] Und nicht, jetzt ist doch mal endlich, jetzt ist doch mal und so,
[1:16:34] ja okay. Und selbst halt wirklich, man sieht die Blicke, man sieht die Blicke,
[1:16:39] wenn jemand nur die ganze Zeit guckt und sich Sorgen macht und man sieht das
[1:16:43] im Gesicht und das nimmt einen auch mit.
[1:16:45] Also das hat mich damals unfassbar mitgenommen, das hat eben damals eben gerade
[1:16:51] die Beziehung zu meinem Vater sehr belastet, dass ich ihm unfassbar ansehen
[1:16:55] konnte, wie viel Sorgen er sich macht.
[1:16:57] Und das wieder nehme ich ihm natürlich überhaupt nicht böse,
[1:17:00] weil es ist ja mehr als verständlich, dass er sich unfassbar Sorgen macht,
[1:17:03] aber das konnte ich in dem Moment nicht sagen.
[1:17:09] Auch noch mir auflasten, sozusagen, dieses Wissen, was für Schmerzen ich anderen
[1:17:14] Personen bereite, das war in dem Moment einfach zu viel für mich.
[1:17:18] Und das musste ich von mir fernhalten.
[1:17:20] Was würdest du sagen, was hat dich motiviert, wirklich motiviert, gesund zu werden?
[1:17:25] Also gab es so eine Aussicht auf irgendetwas, was dir geholfen hat,
[1:17:29] diesen Schalter umzulegen über die Jahre?
[1:17:32] Also an vorderster Front natürlich einfach, sag ich mal, Teilhabe.
[1:17:37] Ja. Weil ich glaube, viele Menschen nicht realisieren, wie unfassbar einschränkend
[1:17:44] das Leben mit einer Essstörung ist.
[1:17:46] Man muss sich ja abkapseln. Man kann nichts mehr machen, was mit Essen zu tun hat.
[1:17:52] Und ich glaube, jeder weiß, dass Essen in unserer Gesellschaft ein totaler sozialer Faktor ist.
[1:17:58] Das heißt, wenn man jetzt einfach mal darüber nachdenkt, man kann da nichts
[1:18:01] mehr teilnehmen, wo irgendwie gegessen oder getrunken wird, das schränkt einen
[1:18:05] schon so, so sehr in seinen sozialen Kontakten ein.
[1:18:09] Also überhaupt wieder dabei zu sein, in der Uni mit in die Mensa zu gehen mit
[1:18:12] anderen Leuten, ging die ersten Jahre meines Studiums nicht.
[1:18:18] Aber natürlich auch für mich, mein ganzes Leben super viel und gerne Sport gemacht.
[1:18:22] Wieder Sport machen zu können, wieder die Dinge machen zu können,
[1:18:25] die mir Spaß machen. Weil wenn man eine Essstörung hat, man denkt wirklich von
[1:18:29] morgens bis abends nur ans Essen und das beschäftigt einen die ganze Zeit und da mal wegzukommen.
[1:18:36] Das war schon eine Riesensache und dann hilft es aber sicherlich und das war
[1:18:41] wahrscheinlich fast mehr, worauf die Frage abzielt, sich auch,
[1:18:43] sage ich mal, so richtige Ziele zu setzen.
[1:18:45] Also ich habe mir tatsächlich damals auch so ein Vision Board gemacht,
[1:18:48] wie man das ja heutzutage auch wieder macht, wo ich mir zum Beispiel gewünscht
[1:18:53] habe, dass ich irgendwann mal einen Marathon laufen kann. Ich war immer eine große Läuferin.
[1:18:58] Ja, ich wollte immer unbedingt eine Familie haben. Das war für mich ein großes
[1:19:02] Ziel, irgendwann auch Mutter zu werden.
[1:19:05] Und auch das ist natürlich, wissen wahrscheinlich viele, wenn man stark unterernährt
[1:19:08] ist, man hat keine Periode mehr.
[1:19:11] Man ist überhaupt nicht mehr fruchtbar. Auch da zu wissen, ich brauche einen
[1:19:13] gesunden Körper, wenn ich irgendwann mal ein Kind haben will.
[1:19:18] Und solche Dinge, sei es irgendwie ein Urlaubsziel. Ich wollte immer unbedingt mal nach Indien reisen.
[1:19:24] Auch das habe ich mittlerweile gemacht schon.
[1:19:27] Vielleicht auch zum Marathon, kann ich stolz berichten, habe ich auch vor kurzem. Schön.
[1:19:31] Tatsächlich am 15. März. Also es ist erst ganz, ganz frisch habe ich das geschafft
[1:19:36] mit meinem Papa zusammen auch.
[1:19:37] Da konnte ich seine Unterstützung dann sehr gut gebrauchen und auch annehmen.
[1:19:42] Also ein paar von den Zielen habe ich schon erreicht, an anderen arbeite ich noch.
[1:19:46] Aber ich glaube, das hilft einem auch wirklich, sich zu zeigen,
[1:19:48] was wollte ich immer in meinem Leben erreichen und dafür dann auch weiter zu kämpfen.
[1:19:54] Würdest du sagen, dass du zu 100 Prozent geheilt bist von deiner Anorexie oder
[1:19:59] kann man das überhaupt sagen bei der Krankheit?
[1:20:02] Ob irgendjemand das kann, das weiß ich leider nicht. Ich kann für mich sagen,
[1:20:07] dass ich nicht daran glaube, jemals 100% geheilt zu sein.
[1:20:12] Ich würde es mir natürlich wünschen und so ein bisschen die Hoffnung aufrechterhalten.
[1:20:16] Es ist wirklich, als würde so eine gewisse zweite Person im Kopf immer mit drin
[1:20:22] leben und man kann die manchmal mehr verdrängen und manchmal weniger.
[1:20:27] Heute würde ich sagen, die Krankheit ist auf jeden Fall noch da,
[1:20:31] aber ich habe durch eben Therapie und alle Erfahrungen, die ich gemacht habe,
[1:20:38] gelernt, damit zu leben, sodass sie mich in meinem Leben und in meinem Alltag
[1:20:42] nicht mehr einschränkt.
[1:20:44] Das heißt, du hast so eine Art Auge drauf. Du weißt, da ist was und ich muss
[1:20:48] das in Beobachtung halten, aber es bestimmt nicht mehr dein Leben. Genau, absolut nicht.
[1:20:54] Und ich muss halt immer wieder aktiv dagegen ankämpfen oder aktiv Entscheidungen
[1:20:58] dagegen treffen, das ist ja das.
[1:21:01] Aber das gelingt mir mal auch besser und mal schlechter, aber insgesamt würde ich sagen, ganz gut.
[1:21:07] Gibt es denn noch Bereiche, wo du merkst, es prägt dein Leben noch?
[1:21:10] Du hast ja gesagt, in der Mensa essen mit Menschen war für dich ganz lange nicht möglich.
[1:21:15] Wirkt das heute noch in dein Leben von heute rein, diese Krankheit?
[1:21:20] Also was ich zum Beispiel mache oder wir, ich liebe ja mittlerweile in einem
[1:21:24] Zwei-Personen-Haushalt oder auch drei, wenn man einen kleinen,
[1:21:28] flauschigen Hund noch mit dazu zählt.
[1:21:30] Wir machen jeden Sonntag einen Wochenplan für die nächste Woche,
[1:21:33] was es als Hauptmahlzeit geben soll, weil mir das einfach so ein bisschen,
[1:21:39] ja, so eine Sicherheit immer noch gibt.
[1:21:41] Irgendwie kann ich mich darauf einstellen und auch vor allem so zum Beispiel
[1:21:45] einkaufen. Also einkaufen stresst mich relativ doll.
[1:21:50] Nicht, wenn ich einen Plan habe, aber wenn ich jetzt irgendwie in den Supermarkt
[1:21:53] reingehen müsste und mir irgendwas zum Mittagessen kaufen müsste ...
[1:21:58] Schwierig. Also da kann ich wirklich ziellos durch die Gänge laufen und Sachen
[1:22:02] in die Hand nehmen und wieder wegstellen, weil da dann doch irgendwie innere
[1:22:06] Stimmen sehr viel gegeneinander kämpfen.
[1:22:08] Was zum Beispiel auch nach wie vor ein Problem ist, sind zuckerhaltige Getränke.
[1:22:13] Das ist bis heute schwierig für mich.
[1:22:15] Wo man jetzt sagen kann, sind vielleicht eh nicht so gut für einen.
[1:22:19] Also ist jetzt nicht das Schlimmste, aber ist natürlich manchmal,
[1:22:23] also weiß ich nicht, wenn ich dann irgendwo bin und es gibt keine Cola Zero
[1:22:27] und dann sagt jemand, ach, dann trink doch einfach eine normale.
[1:22:29] Und dann ist wirklich so, ich hätte zwar jetzt gerne Cola, aber das geht nicht.
[1:22:33] Kannst du nicht runter? Das geht nicht.
[1:22:34] Nee, ich habe tatsächlich mal nach der Blutspende einen Kreislaufkollaps gehabt
[1:22:38] und dann haben die mir eine Cola gegeben und ich habe da dran gesippt.
[1:22:42] Und das immerhin hinbekommen zu dem Zeitpunkt. aber ich konnte die nicht mal austrinken.
[1:22:47] So eine 0-3-3-Cola, weil das zu schwierig war. Aber Süßigkeiten geht,
[1:22:52] glücklicherweise. Es hat keine Logik.
[1:22:55] Ja, okay. Aber ich meine das wirklich aus Interesse. Da hast du dir das wieder zurückerkämpft.
[1:23:00] Das muss man ja sagen. Du hast dir Freiheiten zurückerkämpft sozusagen.
[1:23:04] Du wohnst ja mit deinem Freund heute zusammen und hast auch erzählt im Vorgespräch,
[1:23:09] dass das gar nicht so einfach war.
[1:23:11] Du bist ja auch irgendwie so jemand, der gerne kontrolliert und seinen eigenen
[1:23:14] Ablauf hat und so, das macht es glaube ich nicht einfacher mit jemandem zusammenzuziehen, oder?
[1:23:18] Ja, also ich habe mich sehr darauf gefreut zusammenzuziehen.
[1:23:21] Wir sind auch tatsächlich relativ schnell zusammengezogen.
[1:23:24] Ich weiß, das Einzige, wo ich mir wirklich eben viel Kopf vorher drum gemacht habe, war das Essen.
[1:23:30] Wie machen wir das? Ich wusste schon damals, dass er sehr, sehr gerne kocht
[1:23:34] und auch sehr gut kocht, was ja auch sehr schön ist.
[1:23:37] Gibt Schlimmeres als Partner. Ja, absolut.
[1:23:41] Aber das Wissen eben, dass dann jemand anders in der Küche steht und ich keine
[1:23:44] Kontrolle darüber habe, was landet in diesem Gericht gerade,
[1:23:48] wie viel Öl ist in der Pfanne, großes Thema.
[1:23:53] Das hat mich wirklich sehr beschäftigt und mir viel Angst gemacht.
[1:23:56] Habe ich mit meiner Schwester kurz davor sehr ausgewicht darüber geredet.
[1:23:59] Die hat mir sehr zugeredet und gesagt, du schaffst das.
[1:24:02] Und ich glaube, im Nachhinein war das richtig, richtig gut für mich,
[1:24:07] weil diese Kontrolle abzugeben, glaube ich, erst richtig dazu geführt hat,
[1:24:11] dass ich gewisse Freiheiten eben erlangt habe und eben nicht mehr diesen Konsort
[1:24:15] zu zwangen hatte, weil ich gemerkt habe.
[1:24:19] Auch so ist alles gut. Es passiert nichts.
[1:24:22] Mir passiert nichts Schlimmes, wenn ich das esse, was jemand anders gekocht
[1:24:25] hat und ich nicht genau weiß, was da drin ist oder das vielleicht nicht auf
[1:24:28] die Art und Weise zubereitet wurde,
[1:24:30] wie ich es gemacht hätte oder vielleicht sogar ein Essen ist,
[1:24:33] was ich mir selber gar nicht gekocht hätte, weil ich es gar nicht so gerne mag,
[1:24:36] aber weil vielleicht die andere Person es gerne mag, dass das auch dann mal okay ist.
[1:24:41] Das war, glaube ich, wirklich sehr, sehr gut und ich denke, wir haben da auch ein...
[1:24:44] Sehr, sehr gutes Zusammenspiel, dass wir da gut drüber reden können und ich
[1:24:47] im Zweifel auch sagen kann, Mensch, das ist gerade echt schwierig für mich so
[1:24:51] und dann eben da auch Rücksicht drauf genommen wird, das ist natürlich,
[1:24:55] glaube ich, total wichtig,
[1:24:57] gerade in so einer Partnerschaft, dass man über solche Probleme einfach redet
[1:25:01] und dann zusammen eine Lösung findet und auch vielleicht ein bisschen zusammen
[1:25:05] stark sein kann dann in solchen Momenten. Sehr, sehr schön gesagt.
[1:25:08] Du bist ja nicht alleine angereist, kann man ja hier sozusagen disclaimen.
[1:25:12] Dein Freund ist mit dabei und auch flauschige Begleitung, euer Hund ist auch mit dabei.
[1:25:17] Es ist schön zu sehen, wie ihr miteinander umgeht, vor allem wenn man jetzt
[1:25:19] deine Geschichte kennt. Ganz, ganz schön.
[1:25:22] Was würdest du einem Menschen sagen, der an Anorexie leidet oder die jetzt gerade
[1:25:29] akut damit zu kämpfen hat? Ich glaube, das Wichtigste sind zwei Dinge.
[1:25:34] Erstens Hilfe holen. Ganz, ganz wichtig.
[1:25:38] Also professionelle Hilfe. Ich weiß, es ist eine unfassbar schlimme Krankheit
[1:25:43] und auch wenn meine Geschichte mit einer Klinik vielleicht sehr,
[1:25:47] sehr negativ war, heißt das lange nicht, dass alle Kliniken so sind.
[1:25:52] Vielleicht, wenn man die Möglichkeit und die Zeit hat, sich einfach gut informieren
[1:25:56] und dann aber auf jeden Fall in eine Klinik gehen.
[1:26:00] Und das zweite Wichtigste natürlich, man kann es schaffen.
[1:26:04] Ich weiß, man fühlt sich unfassbar lange so, als würde man es nicht schaffen.
[1:26:09] Auch bei mir, wie viele Jahre danach habe ich mit dieser Krankheit gekämpft.
[1:26:15] Und wie oft habe ich geweint am Telefon mit meiner Schwester und gesagt,
[1:26:19] warum wird es immer noch nicht besser? Warum ist es immer noch so hart nach
[1:26:22] drei Jahren, nach vier Jahren, nach fünf Jahren? Warum, warum, warum?
[1:26:27] Aber das ist halt einfach wirklich eine echte.
[1:26:30] Mega miese Krankheit, die einen super lange im Griff hat und man muss so,
[1:26:34] so hart dafür kämpfen, da rauszukommen.
[1:26:37] Aber jeder Tag und jeder Erfolg ist so ein großer Schritt und das sollte man
[1:26:42] sich auch immer vor Augen halten.
[1:26:44] Und ja, mit jedem Schritt kommt man eben der Freiheit etwas näher und mit jeder
[1:26:49] Freiheit merkt man auch wieder, es lohnt sich so sehr, dafür zu kämpfen.
[1:26:53] Und ja, das kann man schaffen. Das ist eine ganz wichtige Botschaft.
[1:26:58] Und wenn es da draußen nur einen oder einen gibt, der das gerade hören muss,
[1:27:01] das ist auch der Grund, warum ich zum Beispiel immer wieder offen über meine Depressionen spreche.
[1:27:06] Weil ich glaube, das ist wichtig, weil es da draußen Leute gibt,
[1:27:10] die das hören müssen. Man kann das schaffen.
[1:27:12] Und fast noch viel wichtiger, dieser Kampf lohnt sich auch. Und ich glaube,
[1:27:16] das muss man immer wieder sagen.
[1:27:18] Du kennst ja den Podcast als Hörerin, jetzt auch als Gast.
[1:27:22] Deswegen weißt du wahrscheinlich, Am Ende stelle ich meinen Gästen immer dieselben zwei Abschlussfragen.
[1:27:27] Frage Nummer eins, wenn du heute auf diesen einen Moment zurückblickst,
[1:27:31] also den Sturz auf dem Abiball 2016, welches Gefühl löst das in dir aus?
[1:27:37] Tatsächlich irgendwie gar nicht mehr viel. Ich weiß, das klingt irgendwie vielleicht unbefriedigend.
[1:27:42] Aber ich würde sagen, ich habe für mich einfach abgeschlossen damit.
[1:27:47] Ich weiß, das ist Teil meiner Geschichte.
[1:27:50] Und das prägt den Menschen, den ich heute bin.
[1:27:54] Aber es betrifft mich heute. Also ich möchte mich davon halt irgendwie ein bisschen
[1:27:59] abkapseln von diesem schlimmsten Moment.
[1:28:03] Ich weiß nicht, ob das Sinn macht. Eigentlich ist es ja was Gutes,
[1:28:06] wenn du sagen kannst, dieses Kapitel gehört zu mir, hat mich zu dem gemacht,
[1:28:12] was ich bin, auch in Teilen, aber es bestimmt nicht mehr mein Leben.
[1:28:15] Genau, ja, vielleicht ist das, wie ich es sagen wollte.
[1:28:19] An sich war es ja auch rückblickend fast,
[1:28:22] Blöd gesagt, ein positiver Moment, weil ich mich manchmal frage,
[1:28:26] wenn es nicht so einen gravierenden Moment und Auslöser gegeben hätte,
[1:28:31] wäre ich dann in eine Klinik gegangen und hätte ich mir die Hilfe geholt,
[1:28:34] die ich wirklich gebraucht habe zu diesem Zeitpunkt.
[1:28:37] Insofern ist das mehr so ein, es ist passiert und das ist jetzt gut so.
[1:28:43] Es hat dir vielleicht das Leben gerettet.
[1:28:47] Du wärst sonst vielleicht gestorben.
[1:28:49] Wie war das für dich heute mit mir über diesen einen Moment und alles,
[1:28:52] was davor und danach passiert ist, zu sprechen? komisch.
[1:28:58] Ich weiß nicht, ob man es merkt ich habe auch irgendwie viel gezittert weil
[1:29:02] es natürlich schon irgendwie noch viele Gefühle in mir auslöst es ist zum Glück
[1:29:09] nicht das erste Mal dass ich darüber rede,
[1:29:11] einfach im Privaten oder mit Freunden oder so und ich glaube das ist sehr sehr gut so,
[1:29:15] weil sonst wird man glaube ich von den Emotionen da auch sehr überrannt ich
[1:29:19] fand es sehr schön mit dir zu reden ich habe mich sehr wohl gefühlt und ich
[1:29:22] hoffe einfach dass es vielleicht Vielleicht ein paar Leuten da draußen ein bisschen
[1:29:27] Perspektive gibt, vielleicht hilft,
[1:29:29] vielleicht im Umgang mit anderen Menschen hilft oder einfach nur ein bisschen
[1:29:32] mehr Verständnis für die Krankheit und den Verlauf.
[1:29:39] Das hoffe ich auch. Danke, Svea, für deine Zeit und für deine Ehrlichkeit. Sehr gerne.
[1:29:47] Sveas Geschichte hat viele Ups und Downs und das zeigt auch mal wieder,
[1:29:52] das Leben verläuft oft alles andere als geradlinig.
[1:29:56] Sveas Geschichte zeigt aber auch, dass es sich wirklich lohnt zu kämpfen und dran zu bleiben.
[1:30:02] Für die Menschen, die einen lieben, aber vor allem für sich selbst und für ein
[1:30:06] selbstbestimmtes Leben, in dem man die Ziele, die man sich gesetzt hat, auch erreichen kann.
[1:30:12] Ich würde mich natürlich sehr freuen, wenn ihr auch in zwei Wochen wieder dabei
[1:30:16] seid, bei dieser einen Moment.
[1:30:18] Und na klar, ihr wisst es, falls ihr es noch nicht getan habt,
[1:30:21] empfehlt bitte diesen Podcast weiter.
[1:30:23] Wir finanzieren uns durch Werbung, deswegen ist es sehr wichtig,
[1:30:25] dass uns möglichst viele Leute kennenlernen und hören.
[1:30:28] Und dabei könnt ihr uns unterstützen, indem ihr uns weiterempfehlt,
[1:30:31] indem ihr uns abonniert und natürlich auch, indem ihr eine nette Bewertung schreibt.
[1:30:35] Bis in zwei Wochen. Tschüss!
[1:30:40] Dieser eine Moment, der Podcast mit Philipp Fleiter, ist eine Produktion von
[1:30:45] Philipp Fleiter und WeMind.
[1:30:48] Redaktion Philipp Fleiter, Leila Keuthage und WeMind.

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