# "Die Nacht der Flut im Ahrtal" mit Kristina

An episode of [Dieser eine Moment – Der Podcast mit Philipp Fleiter](https://invisiblenetwork.ai/podcast/1754096105), 15 Jun 2025, 1 h 08 min.

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## Transcript

[0:01] Irgendwann, als man aus dem Fenster geguckt hat, habe ich für mich einfach gesagt,
[0:05] okay, ich muss mir persönlich jetzt eine Grenze setzen.
[0:08] Wenn das Wasser den Punkt erreicht hat, dann verlassen wir die Wohnung.
[0:12] Also als ich die Türe aufgemacht habe dann und das Wasser mir entgegenkam,
[0:15] habe ich sie angerufen und gesagt, pass auf, ich kann nicht mehr kommen,
[0:17] ich komme nicht mehr raus aus der Wohnung, ich schaffe es nicht.
[0:19] Und sie hat mich nur durchs Telefon angeschrien und gesagt, du gehst da jetzt
[0:22] durch, du nimmst den Kleinen, du nimmst die Sachen und du kommst.
[0:28] Manchmal sind es nur ganz kurze Momente, die ein Leben komplett verändern können.
[0:34] Ein Augenblick, eine Entscheidung, ein Ereignis, ein Wimpernschlag und danach ist alles anders.
[0:42] Ich bin Philipp Leiter und ich treffe in diesem Podcast Menschen,
[0:46] um mit ihnen genau über diesen einen Moment zu sprechen, der ihr Leben für immer verändert hat.
[0:53] Hallo und herzlich willkommen zu dieser einen Moment.
[0:57] Heute geht es um eine Naturkatastrophe, die das Leben von Kerstina für immer verändert hat.
[1:03] Bei Naturkatastrophen denke ich zumindest oft so an ferne Länder,
[1:07] an Tsunamis in Südostasien oder an Hurricanes in den USA.
[1:11] Aber es ist kein Geheimnis, dass
[1:13] auch hier bei uns zu Hause extreme Wetterereignisse immer häufiger werden.
[1:17] Vor vier Jahren hat es zum Beispiel das Ahrtal mit voller Wucht getroffen.
[1:22] Ihr erinnert euch bestimmt an die Bilder von überfluteten Dörfern,
[1:25] schwimmenden Autos und komplett verschlammten Häusern.
[1:28] In der Nacht vom 14. auf den 15. Juli 2021 verlieren im Landkreis Ahrweiler
[1:35] über 100 Menschen ihr Leben, als aus einem eigentlich hübschen,
[1:39] beschaulichen Flüsschen auf einmal eine riesige Wassermasse wird.
[1:43] Anhaltende Regenfälle hatten die Ahr zu einem reißenden Fluss gemacht,
[1:47] der Wasserstand ging immer weiter und weiter nach.
[1:50] Christina hat in dieser Zeit in Dernau in der Ahr gelebt und hat mir vor einigen
[1:55] Wochen eine Mail geschrieben.
[1:56] Sie ist 34, Treuhörerin von dieser einen Moment und hat sich entschieden,
[2:01] ihre Geschichte hier zu erzählen.
[2:05] Hallo Christina und erstmal vielen Dank, dass du dich bei mir gemeldet hast
[2:09] und dass wir das jetzt zu dieser Aufnahme schaffen. Es war gar nicht so einfach,
[2:12] das kann man glaube ich verraten.
[2:14] Hallo Philipp, ja das stimmt, das war sehr schwierig, sehr kompliziert,
[2:18] aber wir haben es geschafft und ich freue mich. Ich bin auch ein bisschen aufgeregt.
[2:21] Das brauchst du gar nicht sein. Ich freue mich auch sehr, vielleicht kurz zum Hintergrund.
[2:25] Christina lebt in Argentinien und es ist gar nicht so einfach,
[2:27] da ein Mikro hinzukriegen. Das war so ein bisschen unser Problem.
[2:31] Aber jetzt ist das Mikro in Argentinien. Christina ist da, ich bin da und damit
[2:36] können wir jetzt loslegen.
[2:37] Ich freue mich sehr, denn deine Geschichte ist wirklich spannend.
[2:42] Wir gehen heute zusammen zurück an den Abend des 14. Juli 2021.
[2:47] Bei einigen löst das Datum vielleicht irgendwie was aus, weil sie sich eventuell
[2:52] erinnern, was damals passiert ist im Ahrtal.
[2:55] Du warst dabei, du warst mittendrin, du musstest leider im eigenen Leib erfahren,
[3:00] wie schnell aus so einem hübsch plätschernden Fluss auf einmal eine tödliche Gefahr wird.
[3:05] Es geht um den Moment, in dem du dich entschließt, euer Wohnhaus zu verlassen,
[3:10] weil die Lage zu gefährlich erscheint.
[3:11] Du hast deinen kleinen Sohn auf dem Arm und verlässt mit ihm eure Wohnung,
[3:16] die im ersten Stock liegt, gehst die Treppe runter in Richtung Eingangstür und
[3:21] was passiert dann als nächstes?
[3:23] Naja, als ich die Türe aufgemacht habe, kam das Wasser in den Hausflur geströmt
[3:29] und ich stand also wirklich bis zur Hüfte von jetzt auf gleich im Wasser und
[3:35] wusste nicht, ob ich es überhaupt noch rausschaffe.
[3:38] Wow. Kannst du vielleicht beschreiben, was du in dem Moment fühlst?
[3:42] Panik, Angst. Ich habe versucht, mich zusammenzureißen, weil ich wusste,
[3:48] dass mein Sohn dabei war. Also er war zu dem Zeitpunkt zweieinhalb.
[3:52] Deshalb, ich hatte das Gefühl, dass das keine gute Idee ist,
[3:57] die Türe zu öffnen und habe ihn also wieder nach oben geschickt,
[3:59] weil ich erst mal selber nicht wusste, was passiert.
[4:02] Aber das erste Gefühl, was ich hatte, war wirklich Panik. Was passiert hier eigentlich gerade?
[4:08] Vielleicht gehen wir ein paar Schritte zurück. Also du bist damals 30,
[4:13] lebst in Dernau, das ist so ein kleiner Ort im Landkreis Ahrweiler und den wollt
[4:18] ihr eigentlich als Familie, also du, dein Mann und dein Kind zu dem Zeitpunkt bald verlassen.
[4:23] Habe ich das richtig zusammengefasst? Genau, also mein Mann arbeitet für das
[4:27] Außenministerium und hat im November 2020 Bescheid bekommen, dass wir im August 21,
[4:34] also quasi knapp zwei Wochen nach der Flutkatastrophe, nach Moskau umziehen
[4:39] dürfen und für uns war eigentlich geplant,
[4:44] zwei Wochen später umzuziehen, genau.
[4:46] Das heißt also, wenn ihr zwei Wochen früher umgezogen wärt, dann wäre dir das
[4:49] alles nie passiert? Richtig. Krass.
[4:52] Hast du den Gedanken manchmal gehabt, wie man sozusagen das Schicksal verpassen
[4:56] kann um ein paar Wochen in dem Fall?
[4:58] Ganz oft. Also es ist auch so, dass mein Mann zum Anfang Mai schon nach Moskau
[5:03] gegangen ist. Also ich war zu dem Zeitpunkt auch alleine mit unserem Sohn.
[5:06] Er musste drei Monate vor uns schon ausreisen und ich habe ganz oft gedacht,
[5:11] wäre ich einfach mitgegangen, wäre uns das alles erspart geblieben, ja.
[5:15] Also zu dem Zeitpunkt ist dein Mann eben schon in Russland, du bist alleine
[5:19] mit deinem zweieinhalbjährigen Sohn,
[5:21] vielleicht mal für die Leute, damit die sich das vorstellen können,
[5:24] kannst du mal kurz beschreiben, wie ihr dort lebt in dem Ort,
[5:27] also was ist das für ein Haus und wo liegt dieses Haus überhaupt,
[5:30] also ist das so direkt am Wasser oder wie muss man sich das vorstellen?
[5:33] Also ich würde schätzen, wir hatten Luftlinie vielleicht 20 Meter bis zum Fluss.
[5:38] Das Haus lag so ein bisschen außerhalb vom Ort, quasi zwischen Dernau und Rech,
[5:44] so heißt der Nachbarort.
[5:46] Unsere Wohnung lag über Weinkellern, also unter unserer Wohnung hatten die ganzen
[5:50] Winzer ihren Wein gelagert und den Wein produziert und wir lagen also schon relativ hoch.
[5:56] Ich glaube, es waren insgesamt 25 Stufen, die man also hochgehen musste bis
[6:00] in unsere Wohnung, also schon eine Höhe.
[6:04] Und wir haben sehr ländlich, sehr idyllisch gelebt. Also es war für mich einfach
[6:08] der perfekte Ort, um ein Kind großzuziehen.
[6:11] Das heißt aber, du hast so einen Fluss vor der Haustür. Ich stelle mir das total
[6:16] schön vor. Man hört so das Plätschern des Wassers.
[6:18] Also was hat dir dieser Fluss sozusagen bedeutet oder hast du da überhaupt gar
[6:22] nicht drüber nachgedacht? Es war für uns immer so ein kleiner Rückzugsort.
[6:26] Also ich meine, der Sommer oder die Sommer, die waren relativ warm und wir waren viel im Fluss.
[6:31] Wir sind viel mit unserem Kleinen durch den Fluss spazieren gegangen.
[6:33] Wir sind gerne am Fluss vorbeigegangen.
[6:35] Wir haben das schon sehr genossen, dass wir diesen Luxus von dieser ländlichen
[6:39] Idylle wirklich hatten, ja.
[6:41] Aber so wie du das gerade beschreibst, würde man jetzt auch nicht auf die Idee
[6:44] kommen, dass einem da in dieser Wohnung irgendeine...
[6:47] Gefahr droht, oder? Nein, also wir lagen so hoch, ich hätte nie gedacht,
[6:52] dass es für uns so knapp und so brenzlig wird.
[6:54] Das, was wir hatten, war 2016, gab es schon mal so eine kleinere Flut.
[6:58] Aber da waren die untersten drei Stufen, glaube ich, der Treppe unter Wasser.
[7:02] Also das war nichts im Vergleich zu dem, was da noch auf uns zukommen sollte.
[7:06] Das heißt also, du wusstest, dass es da mal eine Art Hochwasser gab,
[7:09] aber jetzt halt nichts, was irgendwie beunruhigend wäre. Genau, ja.
[7:15] Dann können wir ja mal in diesen Tag reingehen, in den 14. Juli 2021.
[7:20] Wie startet dieser Tag für dich?
[7:23] Der Tag startet eigentlich genauso stressig wie jeder andere Tag,
[7:28] wenn man quasi alleinerziehend ist.
[7:30] Ich habe meinen Sohn fertig gemacht, ich habe ihn zum Kindergarten gebracht,
[7:33] bin von da aus zur Arbeit weitergefahren, habe also meinen ganz normalen Dienst
[7:38] verrichtet und habe unseren Sohn wieder abgeholt.
[7:40] Ich kann auch gar nicht mehr genau sagen, wie das Wetter an dem Tag war.
[7:44] Viele haben gesagt, es hat den ganzen Tag geregnet. Ich habe das so tatsächlich
[7:49] nicht mehr auf dem Schirm.
[7:51] Ich weiß noch, als wir dann nach Hause gefahren sind, dass in dem Ort,
[7:55] also der liegt ja so ein bisschen in so einer Kuhle zwischen den ganzen Bergen
[8:00] und oben auf den Bergen, da lief das Wasser die Straßen runter.
[8:04] Also da habe ich schon gedacht, hui, hat aber doch ein bisschen mehr geregnet,
[8:07] als man das eigentlich so wahrgenommen hat.
[8:10] Und dann sind wir noch bei Freunden vorbeigefahren. Wir hatten uns verabredet,
[8:14] die hatten oder haben eine Tochter, die ist im gleichen Alter wie mein Sohn,
[8:17] zum Spielen. und wir sind dann noch zu den Freunden gefahren.
[8:21] Interessant, dass du das so erzählst, dass du den Regen gar nicht so wahrgenommen
[8:25] hast, weil man hat das ja manchmal, dass man denkt, boah, heute blästert das aber richtig.
[8:29] Das hattest du an dem Tag nicht. Nee, also nicht, dass ich mich jetzt dran erinnern
[8:32] könnte, dass es utopisch viel geregnet hätte, nein.
[8:36] Also du bist dann bei dieser Freundin und dann kommt gegen Abend,
[8:40] glaube ich, der Mann deiner Freundin nach Hause und sagt was zu euch.
[8:44] Was genau sagt er? Genau, er hat zu uns gesagt, dass die Ahr Hochwasser hat
[8:49] und wir das Ganze im Auge behalten müssen, sollten.
[8:52] Also er hatte, glaube ich, schon so ein bisschen eine Ahnung,
[8:55] dass da was kommen könnte.
[8:57] Aber ich glaube auch, dass mit diesem Ausmaß einfach wirklich keiner gerechnet hat.
[9:02] Er hat das auf dem Weg nach Hause schon gesehen oder gab es zu dem Zeitpunkt
[9:05] schon irgendwelche Durchsagen oder Wettervorhersagen oder irgendwie was?
[9:08] Also er musste, wenn er nach Hause gefahren ist, immer an der Ahr vorbeifahren.
[9:11] Also er ist an der Ahr vorbeigefahren, hat gesehen, okay, sie hat heute Hochwasser.
[9:16] Wobei man dazu sagen muss, die Ahr ist halt ein ganz kleiner Fluss.
[9:19] Also wir haben schon von Hochwasser gesprochen, wenn die ungefähr einen Meter hoch war.
[9:23] Also das war dann immer schon, dass man gedacht hat, okay, jetzt ist es viel.
[9:27] Als er dir das sagt, was ist so dann dein erster Gedanke? Weil das könnte ja
[9:31] schon so ein bisschen bedrohlich klingen, wenn man sagt Hochwasser.
[9:34] Für mich als jemand, der jetzt nicht direkt neben einem Fluss wohnt,
[9:37] klingt das erst mal ein bisschen gruselig.
[9:39] Nee, also beunruhigt war ich zu dem Zeitpunkt gar nicht, weil ich halt wirklich
[9:42] gedacht habe, na ja gut, also bis es zu uns kommt, da brauchen wir halt ein paar Meter.
[9:47] Und das schafft so ein kleiner Fluss niemals.
[9:50] Also ich war da wirklich der festen Überzeugung, dass uns das niemals passiert, wirklich nie.
[9:55] Und ich glaube, gelesen zu haben, dass du auch sowas gedacht hast wie,
[9:58] naja, wenn es jetzt wirklich so schlimm wäre, dann hätten wir es ja schon irgendwo
[10:01] mitbekommen, dann hätte es ja irgendwelche Warnungen gegeben.
[10:03] Genau, man hat sich also schon darauf verlassen, dass man irgendwie gewarnt
[10:08] wird oder halt über irgendwelche Kanäle benachrichtigt wird.
[10:12] Du hast dann irgendwann doch ein bisschen so ein schlechtes Gefühl bekommen,
[10:15] weil das Wasser ja weiter gestiegen ist.
[10:17] Wie fühlt sich das für dich an?
[10:21] Wir sind, ich glaube, gegen sieben nach Hause gefahren von den Freunden.
[10:24] Die wohnten also im gleichen Ort wie wir.
[10:26] Und ich bin unruhig geworden und habe gedacht, okay, wir gucken uns das Ganze mal an.
[10:32] Ich muss mir das jetzt einfach selber mal anschauen, wie hoch es jetzt wirklich
[10:35] ist, auf was ich mich einstellen muss.
[10:38] Und als wir dann an der A waren, habe ich halt gesehen, dass sie wirklich schon
[10:41] über die Ufer getreten ist und für mich entschieden, ich muss irgendwie Sicherheitsvorkehrungen
[10:45] treffen für den Fall, wenn, dass wir einfach schnell raus können.
[10:50] Und wir sind dann nach Hause gefahren und ich habe dann angefangen,
[10:53] einen Koffer zu packen mit Anziehsachen für den Kleinen.
[10:57] Weil man ja auch nicht wusste tatsächlich, was kommt und wenn was kommt,
[11:01] wann können wir wieder zurück? Können wir wieder zurück?
[11:04] Wir haben dann tatsächlich noch versucht, unseren Kellerraum zu vermitteln.
[11:09] Halbwegs leer zu räumen und viel in die Wohnung zu tragen, weil ich natürlich
[11:14] schon viele Sachen in den Keller gepackt hatte, um es den Möbelpackern leichter zu machen.
[11:19] Und irgendwann, als man aus dem Fenster geguckt hat, habe ich für mich einfach
[11:23] gesagt, okay, ich muss mir persönlich jetzt eine Grenze setzen.
[11:26] Wenn das Wasser den Punkt erreicht hat, dann verlassen wir die Wohnung.
[11:30] Und wo war die Grenze für dich? Also wirklich so eine örtliche Grenze,
[11:34] wo du gesagt hast, das Wasser, wenn das da ist, dann hauen wir ab. Genau, ja.
[11:38] Also wir hatten hinterm Haus die Bahnschienen langlaufen direkt.
[11:41] Und ich habe von Anfang an gesagt, sobald das Wasser an den Bahnschienen ist,
[11:45] dann müssen wir hier raus. Dann müssen wir weg, weil ich nicht weiß, was noch kommt.
[11:49] Du hast gerade schon gesagt, du hast da Klamotten für deinen Sohn reingepackt,
[11:53] aber deine eigenen Klamotten irgendwie vergessen beim Packen.
[11:57] Ich hatte nichts dabei. Ich hatte keine frische Unterwäsche dabei.
[12:00] Ich hatte keine Hose. Ich hatte nichts. Aber einen Dosenöffner hatte ich dabei.
[12:06] Weil du, ja wahrscheinlich auf so einen Moment ist man nicht vorbereitet,
[12:09] oder warst du da vielleicht schon so im Panikmodus, dass du gar nicht mehr nachgedacht
[12:12] hast? Ich glaube, es war wirklich einfach nur, ich glaube, das war so der typische
[12:17] Mama-Reflex, der einfach eingesetzt hat.
[12:18] Hauptsache, der Kleine hat was und alles andere regelt sich schon irgendwie.
[12:23] Was ich so interessant finde, dass du in dem Moment, und ja nicht nur du,
[12:26] sondern alle Bewohner des Arteils, dass du so alleingelassen bist.
[12:29] Dass es diese Anweisungen gar nicht gibt, wie verhält man sich,
[12:33] ab wann ist es wirklich gefährlich.
[12:35] Also das ist ja Wahnsinn. Also du kriegst zu dem Zeitpunkt keine Infos von offizieller
[12:40] Seite. Also niemand, der irgendwie durch die Straßen fährt und sagt,
[12:44] bitte alle die Häuser verlassen, gar nichts.
[12:46] Nein, also nicht, dass wir irgendwas mitbekommen hätten. Nein, absolut.
[12:50] Es gab keine Warnungen, es gab keine Sirenen, es gab keine Feuerwehr,
[12:53] die durch den Ort gefahren ist und was gesagt hätte. Es gab nichts, nein. Wow.
[12:57] Jetzt ist es mittlerweile so halb zehn abends ungefähr.
[13:01] Du bist immer noch alleine, hast dir diese Grenze gesetzt, wo du sagst,
[13:05] wenn das Wasser bis dahin geht, dann hauen wir ab. Hast du denn zu irgendwem
[13:09] Kontakt zu dem Zeitpunkt, also mit dem du dich irgendwie austauschen kannst oder so?
[13:13] Also ich habe meinen Mann darüber informiert, dass das Wasser natürlich steigt,
[13:18] weil er natürlich nicht vor Ort war und nicht wusste, was passiert.
[13:22] Und mit meiner Freundin im gleichen Ort habe ich Kontakt gehalten,
[13:25] weil sie auch gesagt hat, wenn es nicht mehr geht, kommst du raus und kommst zu uns.
[13:30] Und das haben wir dann halt auch ein paar Minuten später dann tatsächlich gemacht.
[13:33] Das heißt, du hast dann irgendwann gesehen, das Wasser ist an den Bahnschienen?
[13:36] Genau, ich habe sie dann angerufen, habe gesagt, pass auf, wir müssen jetzt
[13:39] hier raus, ich weiß nicht, was noch kommt und sie hat geantwortet mit, okay,
[13:44] er kommt dich abholen, geh raus aus der Wohnung und ja, wir haben dann die Wohnung
[13:49] verlassen und sind die Treppe runter.
[13:53] Was war da dein Gefühl, als du jetzt wusstest, okay, wir gehen jetzt?
[13:57] Spielt da schon bei dir Panik im Kopf eine Rolle oder ist das noch so ganz ruhig
[14:01] im Sinne von, okay, nächster Schritt ist, wir fahren jetzt zu der, da sind wir sicher.
[14:05] Also ist das sowas, was man abhakt im Kopf oder hast du da schon richtig Angst
[14:07] gekriegt, als du gesehen hast, wie schnell das Wasser steigt?
[14:10] Ja, also Angst ist vielleicht das falsche Wort. Es war sehr beunruhigend.
[14:14] Also man könnte es oder ich konnte es zu dem Zeitpunkt nicht richtig begreifen,
[14:17] weil ich auch nicht wusste, was noch kommt. Ich habe halt,
[14:22] Innerlich irgendwie immer so gedacht, naja, du übertreibst so ein bisschen.
[14:25] Jetzt rausgehen, muss das sein?
[14:29] Es ist ein Fluss, es ist ein kleines Flüsslein. Da gehst du barfuß durch und
[14:34] stehst bis zu den Knöcheln im Wasser und denkst dir, oh mein Gott, wie schön erfrischend.
[14:38] Was soll aus so einem kleinen Fluss eine große Gefahr werden?
[14:42] Man war sehr verunsichert oder ich war sehr verunsichert. Welche Rolle haben
[14:46] deine Freundin und ihr Mann dabei gespielt?
[14:49] Also waren die so ein bisschen auf der Seite, dass sie gesagt haben,
[14:52] hier wird es jetzt echt gefährlich? Ja, genau.
[14:54] Also als ich die Türe aufgemacht habe dann und das Wasser mir entgegenkam,
[14:56] habe ich sie angerufen und gesagt, pass auf, ich kann nicht mehr kommen.
[14:58] Ich komme nicht mehr raus aus der Wohnung. Ich schaffe es nicht.
[15:01] Und sie hat mich nur durchs Telefon angeschrien und gesagt, du kommst.
[15:04] Du gehst da jetzt durch, du nimmst den Kleinen, du nimmst die Sachen und du
[15:06] kommst. Sonst wäre ich wahrscheinlich auch in der Wohnung geblieben, ja.
[15:09] Das heißt, die hat dir das Leben gerettet, ne? So ziemlich, ja.
[15:11] Ja, also wir hätten es tatsächlich in der Wohnung auch überlebt.
[15:16] Unsere Wohnung ist Gott sei Dank trocken geblieben, aber die Panik,
[15:21] die ich dann wahrscheinlich gehabt hätte oder die Nacht auf dem Hausdach mit
[15:24] dem Kleinen möchte ich mir tatsächlich nicht ausmalen, nein.
[15:28] Das heißt, du hattest es jetzt einmal versucht, hast die Haustür unten aufgemacht,
[15:32] da kommen dir die Wassermassen entgegen, du stehst bis zur Hüfte im Wasser.
[15:36] Musst dann diesen ersten Versuch abbrechen, telefonierst mit der Freundin,
[15:40] die sagt so, du musst das schaffen.
[15:42] Wie hast du es denn dann geschafft? Weil Wasser hat ja eine Kraft.
[15:45] Ich weiß es nicht, ich habe keine Ahnung. Also ich habe, wie gesagt,
[15:48] meinen Sohn die Treppen wieder hochgeschickt, weil er zu dem Zeitpunkt zweieinhalb
[15:51] war und ich einfach die Sorge hatte, das Wasser reißt ihn mit,
[15:54] er ist weg, den finde ich nie wieder.
[15:56] Und ich habe dann ihm gesagt, er soll oben am Ende der Treppen stehen bleiben
[16:01] und den Koffer unter den Arm genommen und bin also erst mal durch das Wasser
[16:04] gewatschelt und habe den Koffer auf die andere Seite rübergebracht.
[16:07] Da war ein Haus, das lag ein Stück höher.
[16:10] Und habe, während ich durchs Wasser gegangen bin, immer wieder zu ihm gerufen,
[16:12] bleib stehen, ich komme, ich bin da, ich bin nicht weg, ich komme und bin also
[16:17] wieder zurück und habe ihn geholt und habe ihn dann auf meine Schultern gesetzt
[16:20] und nur zu ihm gesagt, du hältst dich fest, egal was passiert, du lässt mich nicht los.
[16:24] Und dann sind wir da nochmal durchgewatschelt.
[16:26] Und der hat ja wahrscheinlich in dem Alter gar nicht wirklich verstanden,
[16:29] was da gerade passiert. Der muss ja auch furchtbare Angst gehabt haben, oder?
[16:32] Er ist dann zusammengebrochen, als wir im Auto saßen. Ja.
[16:36] Dann hat er angefangen zu zittern und zu weinen und war dann,
[16:39] ich glaube, zwei Stunden hat er kein Wort gesprochen.
[16:42] Das heißt aber, du hast es geschafft, auch wenn du selber nicht so genau weißt,
[16:47] wie, wann setzt denn die Erinnerung bei dir wieder ein, als er bei dem Auto
[16:50] dann ankommt von dem Mann von deiner Freundin?
[16:52] Na, als wir tatsächlich bei denen zu Hause waren. Also es ist,
[16:55] wir sind dann, es ist eine Strecke von zwei bis drei Minuten gewesen maximal
[17:00] bis zu denen. und als wir dann bei denen zu Hause waren,
[17:04] hat man dann so ein bisschen in die Ferne blicken können und realisieren können,
[17:08] was da eigentlich gerade wirklich passiert.
[17:12] Oder realisieren ist wahrscheinlich falsch. Realisiert hat man es wahrscheinlich
[17:14] erst viel, viel später. Aber man hat sehen können, was es dann doch für Ausmaße annimmt.
[17:18] Was konntest du denn von da aus sehen? Weil das Haus ist ja nur ein paar hundert
[17:21] Meter weiter, liegt aber eben höher. Das heißt, ihr habt dann wahrscheinlich
[17:24] einen besseren Ausblick auf den Ort.
[17:25] Also was konntet ihr von da aus sehen?
[17:29] Jede Menge Wasser. Jede Menge Wasser, wo kein Wasser hingehört.
[17:33] Und sonst tatsächlich eigentlich nicht viel, weil es war natürlich relativ spät.
[17:37] Es war schon relativ dunkel.
[17:40] Viel schlimmer waren eigentlich die Sachen, die man gehört hat,
[17:44] als die, die man gesehen hat.
[17:46] Also es war, dann kam die Nacht, es wurde dunkel und man konnte nicht mehr viel
[17:51] sehen, außer das Wasser rauschen, was man gehört hat.
[17:55] Und dann kam die Nacht. Man muss vielleicht erklären, dass der Wasserstand,
[17:59] an dem ihr sozusagen die Wohnung verlassen habt, dass das noch lange nicht der
[18:02] Höchststand war, der wird glaube ich so gegen halb eins erst in der Nacht erreicht.
[18:07] Was habt ihr dann in dieser Nacht gemacht?
[18:09] Weil ich kann mir vorstellen, an Schlafen ist da nicht zu denken in den ersten Stunden.
[18:13] Wir haben tatsächlich erstmal in der Wohnung gesessen und überlegt,
[18:17] wie wir das Ganze jetzt managen.
[18:18] Wir waren also drei Erwachsene und drei Kinder im Alter zwischen anderthalb und knapp drei.
[18:25] Also wir hatten keinen Strom mehr, wir hatten kein Licht mehr,
[18:28] wir hatten kein fließendes Wasser mehr. Wir mussten also gucken,
[18:31] wie wir den Kleinen mit einer Milchflasche versorgen.
[18:35] Wir mussten gucken, wie wir die zwei Großen in Anführungszeichen versorgen,
[18:39] was wir denen jetzt zu essen machen, wie wir überhaupt die nächsten Tage weitermachen.
[18:45] Und sind dann tatsächlich nachts noch bei Nachbarn in die Wohnungen rein und
[18:49] haben versucht, die Wohnungen möglichst weit leer zu räumen,
[18:52] damit da einfach möglichst viel gerettet werden kann.
[18:55] Und ich glaube, ihr habt auch auf dem Balkon gestanden zwischendurch und habt
[18:58] geschaut, was da so passiert und du hast gerade schon gesagt,
[19:02] sehen konnte man nicht viel, aber hören konnte man Dinge und das war für dich besonders schlimm.
[19:07] Vielleicht kannst du mal erzählen, was habt ihr gehört?
[19:11] Also wir hatten die Wohnung leer geräumt und sind dann wieder bei den Freunden
[19:16] in die Wohnung rein und die sind halt irgendwann ins Bett gegangen und für mich
[19:19] war aber an Schlaf überhaupt nicht zu denken, weil ich auch einfach sehr unruhig
[19:23] war und sehr viel Angst hatte und sehr unsicher war.
[19:26] Und ich bin dann raus auf den Balkon gegangen und man hat einfach ganz viele Sachen gehört.
[19:31] Also es sind Gastanks an Brücken explodiert.
[19:34] Man hat das Wasserrauschen gehört. Man hat gehört, dass irgendwas durchs Wasser
[19:38] treibt, irgendwas Großes, was ständig irgendwo aufschlägt.
[19:42] Naja, und dann waren in der ersten Nacht die Bundeswehrsoldaten da, die ersten.
[19:46] Und die sind tatsächlich vorm Balkon stehen geblieben, Als hätten sie mich gesehen,
[19:52] wahrgenommen. Ich weiß es nicht, ob es Zufall war.
[19:54] Und der eine hat halt gesagt, dass er gerade aus Afghanistan kommt und es da
[19:59] nicht halb so schlimm war, wie es sich jetzt hier gerade zeigt.
[20:03] Boah, wenn man überlegt, er kommt aus dem Krieg, ne? Das ist Wahnsinn.
[20:07] Ja. Du hast, also nimm uns vielleicht noch mal ein bisschen mit in diese Geräuschkulisse.
[20:12] Also du hast dieses rauschende Wasser von Ferne, irgendwelche Explosionen,
[20:16] die man vielleicht zu dem Zeitpunkt noch gar nicht richtig zuordnen kann.
[20:20] Hast du auch Menschen gehört?
[20:21] Hast du Hilfe-Ufo oder sowas gehört? Ja, die halbe Nacht durch.
[20:25] Wir haben Menschen gehört, die in Bäumen fest hingen und um Hilfe geschrien
[20:30] haben. Wir haben Menschen gehört, die auf Dächern saßen und um Hilfe geschrien haben.
[20:34] Wir haben Menschen in Autos vorbeischwimmen sehen.
[20:38] Ich weiß es noch, wo der eine Papa nur gerufen hat, holt doch wenigstens die Kinder raus.
[20:42] Und man konnte aber nicht, also selbst wenn man es versucht hätte, es gab einfach...
[20:51] Es gab einfach keine Chance, da irgendwie zu helfen. Das heißt,
[20:56] man muss hilflos mit ansehen, wie da Menschen sterben vor den eigenen Augen. Ja.
[21:03] Das ist ein schreckliches Gefühl, oder? Ja, ist es.
[21:06] Ja. Zumal man einfach selber auch das Gefühl hat, wenn man gewarnt worden wäre,
[21:12] hätte sehr viel eventuell verhindert werden können.
[21:17] Und es ist ja wahrscheinlich auch so, dass es viel im Kopf auch passiert,
[21:22] also du hörst Menschen schreien und dann ist auf einmal still und du kannst
[21:27] dir vorstellen, was in dem Moment gerade passiert ist, also dir ist wahrscheinlich
[21:30] zu dem Zeitpunkt schon bewusst,
[21:32] dass da Leute sterben, oder? Nein, nein. Ah, okay.
[21:36] Nein, also zu dem Zeitpunkt habe ich das, ich würde fast behaupten, verdrängt.
[21:42] Und ich habe es tatsächlich einfach auch nicht wahrgenommen.
[21:44] Also die Leute haben geschrien, man hat es gehört, es wurde irgendwann ruhig.
[21:47] Aber ich glaube, innerlich hat man so ein bisschen darauf gehofft,
[21:50] naja, irgendwie haben sie es halt doch geschafft.
[21:51] Irgendwie sind sie halt von diesem Baum runter und haben es einfach geschafft,
[21:56] da einen Ausweg zu finden.
[21:58] Ja, ist ja klar, man hat ja einen Schutzmechanismus eingebaut,
[22:01] um mit solchen Situationen umgehen zu können.
[22:04] Dann kommt irgendwann doch, was man ja oft in solchen Situationen gar nicht
[22:08] für möglich hat, der nächste Tag.
[22:10] Die Sonne geht auf, die Nacht ist vorbei, ihr könnt wieder was sehen.
[22:14] Welches Bild von Dernau siehst du? Ein Schlachtfeld.
[22:19] Also es war wirklich ein Trümmerhaufen. Wir haben alles gesehen.
[22:24] Es standen große, dicke Frachtcontainer mitten im Ort.
[22:29] Es waren Garagendächer, die mitten in den Weinreben lagen.
[22:34] Es stand alles noch unter Wasser.
[22:37] Es war einfach eine Katastrophe. Wir haben, wie gesagt, morgens Leute auf Dächern
[22:42] sitzen sehen und haben die Feuerwehr informiert, dass da Leute sitzen.
[22:45] Und die Feuerwehr hat geantwortet, ja, das wissen wir, aber wir kommen nicht hin.
[22:51] So habe ich es mir vorgestellt, in einem Kriegsgebiet zu leben.
[22:55] Das heißt aber auch, das Wasser ist immer noch nicht weg. Da ist immer noch
[22:58] Wasser. Es ist nicht mehr so hoch, wie es in der Nacht war, aber es ist immer noch da.
[23:02] Wonach riecht es denn in so einem Katastrophenfall?
[23:07] Nach allen ekligen Gerüchen, die man sich so vorstellen kann.
[23:10] Also es riecht nach Urin, es riecht nach Fäkalien, es riecht nach Benzin, es riecht nach Gas.
[23:16] Es war ein ganz, ganz schlimmer Geruch. Und ihr seid dann immer noch in dieser
[23:22] Wohnung, aus der ihr aber auch gar nicht rauskommt.
[23:25] Und dann kommt noch dazu, ihr seid auch abgeschnitten von der Außenwelt, glaube ich, oder?
[23:29] Genau, also wir konnten weder aus dem Ort raus. Es gab halt die Zufahrtsstraße,
[23:34] die war noch unter Wasser. Es gab also erst mal kein Entkommen.
[23:38] Ja, und Handynetz hatten wir natürlich auch keins zu dem Zeitpunkt.
[23:41] Und auch kein Festnetz, glaube ich, oder?
[23:44] Nein, gar nichts. Also kein Wasser, kein Strom, kein Telefon,
[23:48] kein Internet, nichts. Wir konnten uns auch nicht auf dem Laufenden halten über Nachrichten.
[23:53] Man hat natürlich versucht, nachts den Handyakku ein bisschen zu schonen.
[23:56] Aber dadurch, dass man natürlich den ganzen Vortag schon das Handy gebraucht
[24:00] hat und dann auch abends natürlich Leute informiert hat von wegen,
[24:02] ey, mir geht's gut, Ich verlasse die Wohnung, ich gehe da und da hin,
[24:06] hat der Akku die Nacht natürlich auch nicht überlebt.
[24:09] Genau in diese Situation habe ich mir jetzt gerade reingedacht,
[24:11] ich habe keinen Strom mehr und ich muss jetzt möglichst vielen Leuten Bescheid
[24:15] sagen, eigentlich müsste ich den Akku schonen, also so genau wie im Film eigentlich, oder? Ja.
[24:22] Das heißt aber auch, dadurch, dass ihr ja nichts mitbekommen habt,
[24:25] dass ihr gar nicht wusstet, wie groß über diese ganze Katastrophe berichtet wurde.
[24:30] Es war ja nicht nur national, sondern auch international ein riesiges Thema.
[24:34] Auf einmal hat ganz Europa über das Ahrtal gesprochen.
[24:37] Überhaupt nicht. Also wir hatten überhaupt keine Ahnung, was da berichtet wird.
[24:41] Wir wussten auch gar nicht, dass berichtet wird. Also für uns war das in dem
[24:44] Moment so ein bisschen das Gefühl, naja, komm, das kleine Örtchen Dernau hat
[24:48] es halt getroffen. Das interessiert eh keinen.
[24:51] Man wusste ja auch selber gar nicht, dass es nicht nur der noch war,
[24:54] was es getroffen hat, sondern dass es einfach ein viel größeres Ding war,
[24:57] was da gerade wirklich passiert ist.
[24:59] Das heißt aber, ihr wisst auch oder zu dem Zeitpunkt wisst ihr auch nicht,
[25:02] dass es Todesopfer gegeben hat und wie viele es überhaupt gegeben hat? Überhaupt nicht, nein.
[25:08] An dieser Stelle möchte ich mal kurz klarstellen, über welches Ausmaß wir hier reden.
[25:14] Mitte Juli 2021 fegt Tiefdruckgebiet Bernd über Europa und es kommt in verschiedenen
[25:20] Teilen Deutschlands zu extremen Unwettern.
[25:23] Am schlimmsten ist es in Nordrhein-Westfalen und in Rheinland-Pfalz.
[25:27] In der Nacht vom 14. auf den 15.
[25:30] Juli sind in Teilen beider Bundesländer innerhalb von 24 Stunden bis zu 150
[25:36] Liter Regen pro Quadratmeter gefallen.
[25:38] Das ist mehr als normalerweise im gesamten Juli fällt.
[25:42] Dieser Starkregen hat zu extremen Hochwassern und Sturzfluten geführt und die
[25:46] Menschen in den entsprechenden Regionen wurden komplett unvorbereitet davon getroffen.
[25:52] Viele von ihnen sind nicht mehr rechtzeitig aus ihren Häusern,
[25:55] Wohnungen oder Autos gekommen und deshalb sind auch so viele Menschen gestorben.
[25:59] Allein in Deutschland mindestens 180 Menschen, 135 allein in Rheinland-Pfalz
[26:05] und die allermeisten davon im Landkreis Ahrweiler, wo auch Christina ist.
[26:10] 9.000 Häuser sind dort zerstört oder stark beschädigt worden.
[26:15] Die Flut hat Bahnstrecken, Straßen, Brücken, Mobilfunkmasten und vielerorts
[26:21] auch Gas-, Strom- und Wasserversorgung mitgerissen.
[26:24] Der Gesamtschaden durch das Hochwasser im Rheinland-Pfalz wird inzwischen auf
[26:28] 15 Milliarden Euro geschätzt.
[26:31] Die Betroffenen, die diese furchtbare Nacht überlebt haben, waren nicht nur
[26:36] zum Teil schwer traumatisiert oder auch verletzt. Sie waren auch erst mal komplett
[26:40] abgeschnitten von der Außenwelt.
[26:44] Konntest du denn deinem Mann in Moskau Bescheid sagen, dass es euch gut geht?
[26:49] Nein, das haben wir tatsächlich erst am Freitagmorgen geschafft.
[26:53] Ach, okay. Und du hast ihn angerufen oder wie muss ich mir das vorstellen?
[26:58] Naja, wir sind, also wir konnten freitags, war die Zufahrtsstraße wieder so
[27:02] weit frei, dass wir die Wohnung verlassen konnten.
[27:03] Und wir sind dann den Berg hochgefahren, weil wir natürlich unten im Tal auch
[27:08] kein Netz hatten und haben dann auf diesem Fünf-Minuten-Weg versucht,
[27:13] die Handys möglichst zu laden, um dann halt einfach alle einmal kurz zu informieren.
[27:17] Und ich habe meinen Mann dann tatsächlich freitags erreicht,
[27:20] freitagsmorgens und habe ihm also gesagt, pass auf, uns geht's gut,
[27:24] wir sind bei Freunden, ich habe keinen Akku, ich habe auch nicht viel Zeit zu
[27:27] reden, wir leben, alles gut.
[27:30] Und wie hat der reagiert? Oder musstest du schon auflegen, weil der Akku leer war?
[27:33] Ich musste quasi direkt wieder auflegen. Oh Gott. Er hat nur noch zu mir gesagt,
[27:37] ich komme morgen, ich habe einen Flieger für morgen, ich komme morgen nach Hause.
[27:41] War das ein erleichterndes Gefühl zu dem Zeitpunkt, ihm das sagen zu können oder nicht so? Nein.
[27:46] Also es war natürlich erleichternd, ihn wissen zu lassen, dass es uns gut geht,
[27:49] dass wir das da heraus geschafft haben.
[27:52] Aber gleichzeitig schwang halt auch die Angst direkt mit, weil sich jemand,
[27:57] der einem wichtig ist, in so eine Gefahr begibt.
[28:01] Also wir wussten immer noch nicht, wie es weitergeht. Wir wussten nicht, kommt noch was nach.
[28:05] Das Ahrtal war freitags ja quasi auch schon überfüllt von freiwilligen Helfern.
[28:10] Und man wusste einfach nicht, wenn da jetzt noch jemand reinkommt,
[28:14] was passiert eigentlich die nächsten Stunden.
[28:18] Du hast gerade die Menschen schon angesprochen. Also wie geht es denn den Leuten, die du da triffst?
[28:24] Also ein paar, man tauscht sich ja irgendwie auch aus, Nachbarn,
[28:28] was sind so die ersten Eindrücke von anderen, die du da sammelst?
[28:31] Also ich würde sagen, die Einheimischen waren alle tatsächlich sehr gefasst.
[28:36] Ich glaube, das war auch so ein bisschen dem Schock geschuldet.
[28:38] Es ging halt den Donnerstag direkt los mit, wir müssen aufräumen,
[28:42] wir müssen die Wohnungen leer machen, wir müssen den Dreck aus den Häusern rauskriegen,
[28:46] wir müssen die Sachen wegschmeißen.
[28:48] Also es war direkt dran gedacht, aufzuräumen und alles wieder möglichst schnell
[28:52] in Ordnung zu bringen, möglichst wieder bewohnbar zu machen.
[28:56] Und viele der freiwilligen Helfer, die kamen, die sind, glaube ich,
[29:02] sehr blauäugig da rangegangen, was ich auch total nachvollziehen kann,
[29:06] aber viele standen halt dann auch in Dernau und waren erstmal von diesem Ausmaß
[29:10] tatsächlich sehr überwältigt.
[29:12] Aber es ist schon so, dass du das als positiv erlebst, dass da so viele Leute
[29:16] hingekommen sind, oder wie?
[29:18] Wie würdest du es beschreiben? Teils, teils. Also es ist natürlich immer schön,
[29:21] wenn es Leute gibt, die einem helfen wollen und einem auch mit so alltäglichen
[29:25] Sachen wie Wasser und Brot über die Runden helfen und was mitbringen.
[29:29] Ich würde behaupten, es war einfach zu viel. Also das Ahrtal ist einfach kein
[29:35] riesengroßer Platz, wo irgendwie hunderttausend Leute mal eben einfach so Platz
[29:40] finden, um aufzuräumen.
[29:41] Und es waren sehr, sehr viele Leute, die da einfach vielleicht sich auch gegenseitig
[29:46] auf den Füßen standen die ersten Tage.
[29:49] Ja, ich kann mich nämlich daran erinnern, dass ich auch diesen Gedanken habe,
[29:51] als ich diese Bilder gesehen habe, ich muss da irgendwie hin,
[29:53] man muss doch da irgendwie was tun, man kann doch die Leute nicht alleine lassen
[29:56] und aber da schon die ersten Meldungen reinkamen, wo es dann hieß,
[30:00] bitte kommt hier nicht hin, wir wollen hier keine Katastrophentouristen haben,
[30:03] weil die gab es ja eben auch, die nur zum Gaffen dahin gekommen sind.
[30:08] Hast du sowas auch erlebt? Nee, Gott sei Dank nicht.
[30:11] Also wir haben viel mit Plünderern zu tun gehabt dann, aber diese Gaffer,
[30:17] die jetzt wirklich da standen und irgendwie Fotos von uns oder von Häusern gemacht
[30:20] haben, was Gott sei Dank ist an uns vorbeigegangen.
[30:23] Naja, aber Plünderer ist ja nicht weniger eklig, wenn man sich das mal vorstellt,
[30:26] also dass man so eine Situation ausnutzt.
[30:28] Vielleicht kannst du mal erzählen, wie du das erlebt hast. Also sind da nachts
[30:32] Leute gekommen und haben versucht, die Wohnung leer zu räumen oder wie war das? Ja, das wäre schön.
[30:36] Also die waren so dreist und sind tatsächlich tagsüber rumgelaufen.
[30:39] Also ich weiß, es gab einen Vater, der hat mit dem Besen da gestanden und die
[30:43] Sachen aus seinem Haus rausgefegt.
[30:45] Und die Plünderer sind halt auf diese, ja, Fäkalien, Schlammbedeckten Möbel
[30:51] drauf losgestürmt und haben geguckt, ob es irgendwas gibt, was sie mitnehmen können.
[30:55] Und er stand halt da und hat gesagt, Leute, ich habe gerade alles verloren.
[30:58] Kann ich vielleicht selber erst mal gucken, ob ich irgendwelche Kinderfotos
[31:00] oder irgendwas behalten möchte, bevor ihr anfangt?
[31:03] Das ist ja Wahnsinn.
[31:06] Was habt ihr denn in der Zwischenzeit dann gemacht, als dein Mann noch nicht da war?
[31:11] Tatsächlich nicht viel. Wir haben
[31:13] versucht für die Kinder den Alltag ein bisschen aufrecht zu erhalten.
[31:16] Wir haben versucht zu uns in die Wohnung zurückzukommen und einfach zu gucken.
[31:21] Ich hatte ein total ungutes Gefühl. Ich musste also für mich wissen,
[31:25] was ist mit unserer Wohnung, was ist mit den Möbeln, die noch drin sind.
[31:28] Kann ich die weiter gebrauchen oder was ist überhaupt passiert?
[31:33] Also ich bin dann den Donnerstag tatsächlich
[31:35] nochmal durch das Wasser durchgewatschelt und in die Wohnung rein.
[31:39] Aber ansonsten haben wir tatsächlich nicht viel gemacht, sondern einfach nur
[31:42] versucht, das Ganze zu verstehen, zu verarbeiten, zu überleben.
[31:46] Wie ist das Gefühl, als du in die Wohnung zurückkommst, die du ja im Prinzip
[31:51] in letzter Minute überhaupt erst hast verlassen können, wenige Stunden vorher? Schrecklich.
[31:56] Es hat sich nicht mehr nach zu Hause angefühlt.
[31:58] Also ich bin in Sandalen aus unserem Haus rausgeflüchtet und bin in diesen Sandalen
[32:07] auch wieder quasi zurückgegangen und habe sie aber mittendrin ausgezogen,
[32:10] weil ich einfach immer wieder im Schlamm stecken geblieben bin.
[32:15] Und irgendwann standen halt Menschen auf der Straße, die zu mir gesagt haben,
[32:18] hey, du kannst ja nicht barfuß rumlaufen, du weißt nicht, auf was du trittst,
[32:22] du weißt nicht, was da gerade in dem Schlamm liegt, du musst die Schuhe anziehen
[32:25] und ich bin dann in diesen Schuhen durch den Schlamm weiter in die Wohnung rein.
[32:31] Das Treppenhaus war bis zur letzten Stufe mit Schlamm bedeckt,
[32:35] es war also wirklich die letzte Stufe, die unsere Wohnung gerettet hat.
[32:38] Unsere Wohnung ist trocken geblieben aber es fühlte sich alles fremd an,
[32:43] also es war es hat alles gestunken die ganzen Möbel haben nach Benzin gestunken nach Gas gestunken.
[32:52] Es hat sich einfach alles sehr merkwürdig angefühlt. Aber krass dann auch in
[32:56] deinem Fall, wie knapp das war, dass das Wasser halt genau bis zur letzten Stufe,
[33:00] also ein paar Zentimeter höher und es wäre dann auch in eure Wohnung gekommen.
[33:05] Ja. Aber vom Gefühle ändert das eigentlich für dich nichts, höre ich so ein bisschen aus.
[33:10] Ob da jetzt Schlamm dran klebt oder so, aber es war nicht mehr deine Wohnung,
[33:13] nicht mehr dein Zuhause.
[33:14] Genau, ja. Du hast erzählt, dass auch dein Auto nach der Flut nicht mehr da
[33:20] ist, wo du es geparkt hattest und dass du es erst ein paar Tage später wieder findest.
[33:25] Vielleicht kannst du mal erzählen, wo du es wiedergefunden hast.
[33:28] Ja, mitten in den Weinreben.
[33:30] Also ich habe tatsächlich bis zum 16., also bis zu dem Freitag gedacht,
[33:35] dass mein Auto noch da steht, wo ich es geparkt habe.
[33:37] Ich war da felsenfest davon überzeugt, dass dieses Auto genau da steht.
[33:41] Naja und den Freitagmorgen waren wir halt mit den Kindern draußen und haben
[33:45] versucht auf der Straße ein bisschen zu spielen und irgendwer rief,
[33:48] hey hier steht ein Auto mitten in den Weinreben, mitten im braunen Dach und
[33:52] mir war klar, ja das ist wohl meins.
[33:57] Du erzählst das jetzt so ein bisschen humorvoll, aber die Vorstellung ist ja
[34:00] krass, das zeigt ja auch was für eine Kraft diese Wassermassen gehabt haben, oder?
[34:05] Ja, es war auch absolut nicht, also jetzt im Nachhinein finde ich es amüsant,
[34:09] wo ich das Auto wiedergefunden habe,
[34:11] aber zu dem Zeitpunkt war es für mich eine absolute Katastrophe,
[34:14] für mich war das Auto ja lebensnotwendig, ich brauchte es um zum Job zu fahren,
[34:18] ich brauchte es um den Kleinen in den Kindergarten zu fahren,
[34:20] ich habe bis dahin auch nicht begriffen, dass ich die nächsten 14 Tage nicht
[34:24] mehr arbeiten gehen kann.
[34:27] Also es war für mich immer noch dieser Gedankengang, ich muss den Kleinen morgen
[34:31] in den Kindergarten bringen und auch du musst morgen wieder arbeiten.
[34:34] Das wäre jetzt gerade meine Frage gewesen, weil das klingt so,
[34:37] als ob in deinem Kopf noch das ganz normale Programm noch, das muss ich dann
[34:40] morgen oder muss ich noch da, muss ich noch einkaufen und so.
[34:42] Also dann war das so eigentlich erst der Moment, wo du realisiert hast,
[34:47] Moment, hier gibt es kein Normal mehr.
[34:48] Mein normales Leben ist vorbei.
[34:51] Was ist das für ein Gefühl, wenn man von heute auf morgen die Normalität verliert,
[34:58] wenn ich es so ausdrücken kann?
[34:59] Ich glaube, das war der Moment, in dem in mir sehr viel kaputt gegangen ist.
[35:03] Zum einen, weil ich alleine dadurch musste, weil mein Mann nicht da war,
[35:07] wo er natürlich nichts für konnte.
[35:09] Und zum anderen, weil ich halt meine komplette Routine verloren habe.
[35:13] Ich wusste nicht, was passiert morgen, was mache ich morgen und wie gehe ich
[35:19] einkaufen, wie du schon sagst.
[35:20] Ich meine, ich brauche ein Auto, also ich muss irgendwo hinfahren und ich komme
[35:23] noch nicht mal aus dem Ahrtal weg ohne unser Auto.
[35:27] Das war schon sehr viel und ich glaube, das hat auch sehr viel in mir kaputt gemacht.
[35:33] Du hast es gerade angesprochen, du bist allein mehr oder weniger auf dich gestellt,
[35:37] weil dein Mann eben noch unterwegs ist.
[35:39] Und ich glaube, der kommt dann am Samstag an, also am dritten Tag nach dieser furchtbaren Nacht.
[35:44] Wie war euer Wiedersehen? Also wie ist das Gefühl, ihn wieder an der Seite zu
[35:48] haben? Es war eine Katastrophe.
[35:51] Das hätte ich jetzt nicht erwartet. Es war eine Katastrophe.
[35:54] Ich habe ihm Nachrichten geschrieben dann an dem Freitag, als wir dann auf diesem
[35:58] Berg waren, habe nur gesagt, wenn du kommst, geh bitte am Flughafen alles einkaufen,
[36:02] was du irgendwo kaufen kannst, an Lebensmittel, Brot, Dosen, Suppen, Wasser.
[36:07] Wir brauchen einen Gaskocher, wir brauchen Gaskartuschen. Wir kommen hier überhaupt nicht mehr zurecht.
[36:13] Und er kam an und hatte tatsächlich Gott sei Dank den Kofferraum mit allem voll,
[36:18] was man irgendwie brauchte.
[36:19] Also ich glaube, er hatte 20 Pakete Brot gekauft und er hatte ein Kochfeld gekauft,
[36:23] er hatte Gaskartuschen gekauft.
[36:24] Und ich glaube, wir hatten dann, weiß ich nicht, eine Viertelstunde vielleicht zusammen.
[36:29] Und dann sind die Leute panisch die Weinreben hochgelaufen.
[36:35] Wir haben uns dann, zu dem Zeitpunkt waren wir quasi mit drei Erwachsenen,
[36:39] also mein Mann, die Freundin und ich und drei Kindern.
[36:41] Ihr Mann war bei seiner Familie zum Aufräumen und wir haben uns dann jeder ein
[36:46] Kind geschnappt und eine Tüte, die wir halt tragen konnten mit Lebensmitteln
[36:50] und sind mit die Weinreben hochgelaufen.
[36:52] Und als wir dann oben waren, haben wir gefragt, warum wir gerade eigentlich
[36:56] wegrennen, also was genau passiert ist.
[37:00] Naja und dann hat man halt zu uns gesagt, dass angeblich der Staudamm gebrochen
[37:03] wäre und die nächste große Flutwelle unterwegs ist. Ach so, okay.
[37:08] Also ihr seid erstmal nur mitgerannt, wie aus Reflex, weil alle rennen.
[37:13] Und was ist dann passiert? Ja, nichts. Wir saßen zwei Stunden auf diesem Berg
[37:17] und haben gewartet, dass diese große Flutwelle kommt.
[37:21] Bis dann die mehr oder weniger erlösende Nachricht kam und man gesagt hat,
[37:26] Leute, das war alles absoluter Fehlalarm.
[37:29] Das waren anscheinend die Plünderer, die in der Zeit nochmal in die Häuser gegangen
[37:33] sind. und die Häuser, die jetzt leer waren, noch mal ein bisschen durchsucht
[37:37] haben. Das ist ja krass. Ja.
[37:40] Boah, und vor allen Dingen, wie retraumatisierend eigentlich.
[37:43] Ihr habt ja noch gar nicht verarbeitet und dann kommt gefühlt die nächste Katastrophe,
[37:48] wo dann alles wieder hochkommt.
[37:50] Wow, das war mir echt nicht bewusst. Und wir haben uns noch gewundert,
[37:53] wir saßen auf diesem Berg und haben uns gewundert, warum die Feuerwehr da unten
[37:56] bleibt, warum die Helfer da unten bleiben, also wie kann man denn so verrückt
[37:59] sein und wenn man sowas weiß, jetzt da unten weiter aufräumen, also ich meine,
[38:03] es war allen klar, dass wenn dieser Staudamm wirklich gebrochen wäre,
[38:06] dann wäre Dernau nochmal deutlich schlimmer dran gewesen,
[38:10] wo wir alle gedacht haben, naja, aber da brauchst du nicht mehr aufräumen, das ist vorbei dann.
[38:14] Okay, dann verstehe ich, warum das Wiedersehen mit deinem Mann jetzt nicht ganz
[38:18] so war, wie du es dir vielleicht vorgestellt hattest.
[38:21] Wie ist das denn für ihn? Weil er hat das ja wahrscheinlich auch in den Medien
[38:25] verfolgt, was man gesehen hat in den sozialen Medien, in den Nachrichten und so weiter.
[38:30] Aber jetzt ist er real da. Er ist aus allen Wolken gefallen.
[38:33] Also ich habe ihm, wie gesagt, Nachrichten geschrieben und ich habe ihm gesagt,
[38:36] stell dich aufs Schlimmste ein und lass dir gesagt sein, es wird schlimmer.
[38:41] Und mein Mann war beruflich auch schon in vielen Krisengebieten und er hat auch
[38:45] zu mir gesagt, naja, ich habe schon andere Sachen gesehen als ein Hochwasser
[38:48] und als er ankam, konnte man ihm deutlich anmerken,
[38:51] dass ihm die Gesichtszüge entglitten sind und dass er deutlich Farbe verloren
[38:55] hat und auch er war davon sehr geschockt.
[38:57] Also war es schlimmer, als es aussieht sozusagen in den Medien.
[39:02] Es ist ja diese besondere Situation, dass ihr eigentlich schon auf dem Absprung
[39:06] seid, als diese Flutkatastrophe das Ahrtal trifft.
[39:09] Also ihr seid dann, glaube ich, noch ein paar Tage vor Ort, packt damit an,
[39:13] versucht irgendwie mitzuhelfen beim Aufräumen und dann zieht ihr wie geplant nach Russland um.
[39:19] Und das ist was, was ich mir fast gar nicht vorstellen kann,
[39:22] weil das ja so eine Ausnahmesituation ist und dann irgendwie die Heimat nicht
[39:28] mehr so ist, wie sie war, vielleicht auch nie wieder sein wird.
[39:31] Und dann geht ihr plötzlich in einen ganz neuen Lebensabschnitt an einen ganz
[39:35] anderen Ort. das ist ja irgendwie völlig surreal eigentlich, oder?
[39:38] Ich habe mich sehr darauf gefreut, weil es für mich tatsächlich dann auch wirklich
[39:43] ein Abschied und ein Abschluss war.
[39:46] Aber es war schon schwierig, weil wir natürlich auch unsere Möbel und Sachen
[39:51] nicht selber packen konnten. Also ich wusste nicht, was kann man aus dieser
[39:55] Wohnung überhaupt noch retten.
[39:56] Dadurch, dass unten der ganze Weinkeller überflutet war, wusste ich nicht,
[40:00] kann man überhaupt noch in die Wohnung rein?
[40:02] Ist das Ganze überhaupt noch sicher oder ist das Ganze einsturzgefährdet?
[40:06] Gehen die Möbelpacker noch in die Wohnung oder sagen die vielleicht auch selber,
[40:09] nee, ist uns doch zu heikel?
[40:11] Was kommt überhaupt noch mit? Also wir sind quasi, ich glaube,
[40:14] mit zwei Koffern nach Moskau ausgewandert quasi.
[40:17] Das wäre jetzt mal eine Frage gewesen. Das heißt, ihr habt eigentlich fast gar
[40:19] nichts mitgenommen außer Kleidung? Nein, also wir haben tatsächlich nichts dabei gehabt.
[40:23] Der Kleine hatte sich noch seinen Kindergartenrucksack voll Spielzeug gepackt und das war es dann.
[40:28] Und sowas wie persönliche Erinnerungsstücke und so, konntet ihr das wenigstens mitnehmen? Nein.
[40:33] Ich hatte tatsächlich die wichtigsten Papiere, sowas wie Geburtsurkunden,
[40:37] Heiratsurkunden, das hatte ich im Koffer drin, das hatte ich also schon mitgenommen.
[40:41] Aber so Fotos oder gebastelte, gemalte Sachen von dem Kleinen,
[40:45] wo man dann vielleicht so ein bisschen dran hängt oder irgendwelche Bilder,
[40:47] die an der Wand hängen, nein, gar nicht.
[40:50] Das heißt, habt ihr die denn mittlerweile wieder? Ja.
[40:53] Okay, gut. Gott sei Dank. Das habe ich nämlich in ganz vielen Interviews gelesen,
[40:57] dass das Opfer dieser Flutkatastrophe gesagt haben,
[41:00] das Schlimmste ist jetzt gar nicht mal unbedingt, dass das Auto weg ist oder
[41:03] so, sondern sowas wie Fotos, die Fotos von der Oma, die nicht mehr lebt und
[41:07] diese ganzen Sachen, die dann einfach unwiederbringlich verloren sind und das
[41:11] war ja dann bei euch glücklicherweise nicht so.
[41:13] Also bei uns waren es keine Fotos, aber ich sage mal so diese ganzen Baby-Anzieh-Sachen
[41:19] von dem Kleinen, das ist alles weg.
[41:21] Also ich habe es alles nochmal wieder gesehen, aber es war natürlich alles voller
[41:24] Schlamm, voller Fäkalien, voller Benzin, voller Gas.
[41:27] Es hat alles gestunken und man wollte es auch nicht mehr haben.
[41:31] Also mittlerweile ist es gut, dass es weg ist, aber es tat zu dem Zeitpunkt sehr weh.
[41:37] Wie ist es denn dann auf einmal in Russland zu sein, in so einem ganz anderen
[41:40] Land, andere Sprache, andere Stadt? Alles anders. Das ist ja auch wild.
[41:45] Es war die ersten Tage für mich sehr anstrengend, weil ich, glaube ich,
[41:49] erst da so richtig zur Ruhe gekommen bin.
[41:52] Man wusste also, okay, wir sind raus aus diesem Land.
[41:55] Land, was quasi dein Leben irgendwie dann doch jetzt sehr beeinflusst hat.
[42:00] Wir sind in einem ganz anderen Land. Die Anfangszeit war sehr schwierig.
[42:04] Auch das Russisch lernen war sehr kompliziert.
[42:07] Ich finde, Russisch ist eine unheimlich schwierige Sprache zu lernen.
[42:11] Man konnte sich nicht verständigen, weil in Moskau kaum Englisch gesprochen wird.
[42:15] Und der Kleine war sehr traumatisiert. Also das war eine sehr,
[42:19] sehr anstrengende Zeit.
[42:20] Wie hat sich das bei ihm geäußert, diese Traumatisierung? Er hat um sich geschlagen,
[42:25] er hat mich gebissen, er hat mich gekratzt, er hat mich getreten,
[42:29] er wollte plötzlich nicht mehr mit mir alleine sein, er hatte Angst,
[42:33] wenn er baden gehen sollte.
[42:36] Er hat mich als die böse Mama bezeichnet. Naja, er hat das halt alles mit mir
[42:42] in Verbindung gebracht, was auch verständlich ist.
[42:45] Und ich habe auch mit einem Psychologen da mal drüber gesprochen.
[42:49] Also es macht wohl auch alles psychologischen Sinn.
[42:52] Aber zu dem Zeitpunkt war es für mich sehr schwer zu ertragen,
[42:54] dass ich für ihn die Schuldige bin.
[42:58] Ja klar, ich meine rational ist das vielleicht nachvollziehbar,
[43:00] aber in dem Herzen einer Mama sieht das natürlich ganz anders aus.
[43:03] Weil das ist ja das Letzte, was man von seinem Kind eigentlich erwartet.
[43:07] Du hast im Vorgespräch gesagt, dass du erst in Russland, als du zur Ruhe gekommen
[43:12] bist, gemerkt hast, was da eigentlich passiert ist.
[43:16] Kommt dieses Realisieren, kommt das so schleichend oder gibt es da einen bestimmten Auslöser für?
[43:21] Ich glaube, es gab einen bestimmten Auslöser. Wir haben auf einem Compound gewohnt
[43:26] und wir hatten auf diesem Compound tatsächlich ein Schwimmbad.
[43:30] Und ich habe damals für mich entschieden, wenn ich nicht mehr arbeiten gehen
[43:34] kann im Ausland, muss ich für mich einen anderen Ausgleich finden.
[43:37] Und ich wollte mit dem Sport wieder ein bisschen mehr anfangen und habe also
[43:41] entschieden, okay, ich gehe jetzt ins Schwimmbad und gehe eine Runde schwimmen.
[43:44] Und als ich dann in diesem Wasser war, hat es genau fünf Minuten gedauert,
[43:47] bis ich dieses Wasser panisch verlassen habe.
[43:51] Also so panisch, dass ich mir wirklich die Schienbeine am Beckenrand aufgerissen habe.
[43:55] Und ich aus diesem Wasser raus musste, weil ich einfach ein Flashback hatte.
[43:59] Weil ich einfach wieder gedacht habe, jetzt stehst du wieder im Wasser und das
[44:02] Ganze passiert wieder. Und das, obwohl man eigentlich weiß, es ist ein Swimmingpool,
[44:06] es kann nichts passieren.
[44:08] Also der Auslöser war das Gefühl, Wasser auf deiner Haut wahrscheinlich. Genau, ja.
[44:15] Wenn ein schlimme Erinnerungen einfach nicht loslassen, spricht man in der Psychologie
[44:20] von Stress- und Trauma-Folgestörungen.
[44:23] Dazu zählt zum Beispiel auch die PTBS, die posttraumatische Belastungsstörung.
[44:28] Bei einer PTBS lassen bestimmte Ereignisse die Betroffenen noch Monate später nicht los.
[44:34] Auslöser muss jetzt kein Einsatz im Krieg sein, sondern solche Symptome können
[44:39] genauso gut nach Katastrophen, Gewalterfahrung, sexuellem Missbrauch oder schweren Unfällen auftreten.
[44:45] Aber auch nach Mobbing, Stalking, nach einer Trennung oder durch emotionale Vernachlässigung.
[44:52] Ein harmloser Auslöser reicht manchmal schon und plötzlich ist das Erlebte wieder da.
[44:57] Ein Knall, der Geruch von Rauch oder, wie bei Christina, das Geräusch von Regen
[45:02] oder der Geruch von Benzin.
[45:04] Solche Flashbacks fühlen sich so real an, als wäre der oder die Betroffene wieder
[45:09] in der Situation, die eigentlich Wochen oder Monate zurückliegt.
[45:13] Die Symptome bei einer PDBS sind in drei Kategorien aufgeteilt.
[45:18] Zur ersten Kategorie gehören ungewollte Erinnerungen, Flashbacks und Albträume.
[45:23] Zur zweiten zählen Vermeidungsstrategien. Betroffene versuchen Gedanken,
[45:27] Orte oder Personen, die an das Trauma erinnern könnten, bewusst zu meiden.
[45:31] Die dritte Kategorie sind anhaltende Gefühle von Bedrohung oder erhöhter Wachsamkeit.
[45:37] Das kann sich äußern durch Reizbarkeit, durch Schlafstörung,
[45:41] Konzentrationsprobleme oder eine starke Schreckreaktion.
[45:44] Bei der Diagnose ist eins besonders wichtig.
[45:48] Nur wenn Symptome aus allen drei Kategorien auftreten und nur wenn diese den
[45:53] Alltag erheblich belasten, spricht man wirklich von einer PDBS.
[45:57] Bei einem Projekt vom Bundesministerium für Bildung und Forschung wurden 516
[46:02] Haushalte aus dem Landkreis Ahrweiler zu ihrem mentalen Wohlbefinden.
[46:07] Dabei kam heraus, dass mehr als 40 Prozent der Befragten ein Jahr nach der Flut
[46:12] noch immer stark oder sehr stark von der Katastrophe belastet waren.
[46:17] Und 28 Prozent der Teilnehmenden zeigten Anzeichen einer posttraumatischen Belastungsstörung,
[46:23] also mehr als jeder oder jede Vierte.
[46:27] Das heißt, du hast es eben auch schon gesagt, in dir ist was kaputt gegangen.
[46:31] Woran merkst du, dass da was kaputt gegangen ist? Also außer jetzt an so einer
[46:36] Swimmingpool-Situation.
[46:37] Also gibt es noch andere Situationen, wo du merkst, okay, irgendwas ist hier
[46:41] noch nicht ganz wieder in Ordnung?
[46:43] Ja, bis heute. Also mir fällt es bis heute tatsächlich schwer,
[46:46] unser Auto selbstständig zu tanken.
[46:48] Ich kann diesen Benzingeruch ganz, ganz schlecht mittlerweile ertragen.
[46:53] Benzingeruch? Ja, weil es danach gerochen hat am nächsten Tag.
[46:56] In dieser Anfangszeit, was macht das dann mit dir, wenn es zum Beispiel regnet?
[47:01] Ich habe die Anfangszeit immer nach einem Fluchtweg gesucht.
[47:05] Ich habe immer überlegt, wie komme ich möglichst schnell, möglichst weit nach oben?
[47:09] Wie komme ich möglichst schnell aus der Situation raus?
[47:11] Das heißt, ein kleines bisschen Regen hat gereicht, um dieses Notfallprogramm
[47:15] dann abzuspielen. Genau.
[47:17] Wahnsinn. Also ich habe mir auf dem Compound die Feuerleitern,
[47:22] die ja eigentlich dafür gedacht sind, um die Wohnungen zu verlassen,
[47:25] ganz oft ausgemalt, wie ich sie andersrum hochlaufe.
[47:28] Was ist das denn zum Beispiel für ein Gefühl, was in dir hochkommt?
[47:32] Ich will, dass man sich das einfach noch ein bisschen besser vorstellen kann,
[47:34] weil glücklicherweise die meisten Leute von sowas nicht betroffen sind.
[47:37] Was ist das für ein Gefühl, wenn du zum Beispiel unter der Dusche stehst?
[47:40] Das ist ja auch Wasser auf der Haut. Ist das was, was du dann gut ertragen kannst
[47:42] oder auch eher nicht so? Nee, also ich musste mich wirklich die ersten Wochen zum Duschen zwingen.
[47:48] Also es war, ich wusste, du musst, es geht nicht anders, du kannst hier nicht
[47:52] drei Wochen rumlaufen ohne zu duschen.
[47:55] Aber es war für mich innerlich ein ganz, ganz schwerer Kampf.
[48:01] Und diese Duschvorgänge haben auch, glaube ich, nie länger als fünf Minuten gedauert.
[48:06] Also das war wirklich so, wie man das halt seinen Kindern früher immer gesagt hat.
[48:10] Stell dich drunter, seif dich ein, dusch dich ab und geh wieder raus. Ja.
[48:14] Genauso waren die ersten Wochen bei mir.
[48:17] Und das, was dann passiert, sind das dann Bilder, die man vor den Augen hat?
[48:21] Oder ist das so eine Körperreaktion, die einfach abläuft, ohne dass man da wirklich Kontrolle drüber hat?
[48:26] Für mich war es Panik. Also für mich war es einfach dieses Gefühl von Wasser
[48:30] um mich rum, hat einfach eine Panik in mir ausgelöst. Und ich musste da raus.
[48:34] Ich musste aus dieser Situation von Wasser an mir, um mich einfach weg.
[48:39] Du hast gerade schon gesagt, dein Sohn hat dir gegenüber dann teilweise sehr
[48:42] abweisend reagiert, weil das mit dir in Verbindung gebracht hat.
[48:46] Hat er auch so reagiert auf Wasser zum Beispiel wie du? Die erste Zeit war es
[48:50] für ihn auch schwierig, wobei ich glaube, dass er sich da deutlich schneller gefangen hat als ich.
[48:55] Also er hat es ganz oft gesagt, auch ich glaube jetzt vor einem Jahr noch ungefähr.
[49:00] Als es wieder viel geregnet hat, dass er gesagt hat, Mama, müssen wir nochmal
[49:03] raus oder ist alles okay?
[49:06] Also es hängt ihm auch noch nach, wobei ich glaube, dass er es mittlerweile
[49:10] deutlich besser versteht und auch verkraftet hat.
[49:14] Wie würdest du sagen, dass du heute mit diesen Sachen umgehst,
[49:18] also mit diesen Momenten, die Angst in dir auslösen? Hat sich da schon was getan?
[49:23] Kannst du damit besser umgehen als direkt danach?
[49:26] Gott sei Dank ja. Also es ist, ich kann mittlerweile wieder alleine schwimmen
[49:30] gehen, ich kann wieder alleine ins Wasser. Es hat sich da deutlich gebessert.
[49:34] Das, was halt einfach für mich, glaube ich, immer ein Problem bleiben wird, ist das Tanken.
[49:39] Es ist einfach dieser Geruch, den man einfach nicht mehr rauskriegt.
[49:42] Jeder, der im Ahrtal war, der weiß, wovon ich rede.
[49:45] Es ist einfach dieser Geruch, der einfach bleibt. Aber alles andere,
[49:49] würde ich behaupten, geht es mir tatsächlich mittlerweile relativ gut.
[49:52] Und ich glaube auch, dass ich das mittlerweile sehr reflektiert betrachten kann.
[49:57] Ich glaube, es ist auch wichtig, da so detailliert drüber zu sprechen,
[50:01] weil ich mir vorstellen könnte, dass es Leute gibt, die das jetzt hier hören
[50:03] und denken, ja mein Gott,
[50:05] du hast doch noch Glück gehabt, du bist körperlich unversehrt,
[50:07] du hast finanziell nicht so einen riesigen Schaden davon getragen wie andere Leute.
[50:12] Und das stimmt ja auch, es gibt ja Leute, die viel, viel schlimmer es da getroffen
[50:16] hat, aber deine Geschichte zeigt ja auch ganz deutlich, wie heftig sich dieses
[50:21] Unwetter und dieses Hochwasser doch auf dein Leben ausgewirkt hat und bis heute auswirkt.
[50:26] Und umso schlimmer, und darüber müssen wir jetzt auch nochmal kurz sprechen,
[50:29] ist zu wissen, dass von politischer Seite einfach so wahnsinnig viel schief
[50:34] gegangen ist und dass man eben auch einiges hätte verhindern können.
[50:38] Du hast ja eben erzählt, dass du zu keinem Zeitpunkt dich erinnern kannst an
[50:43] eine Warnung von offizieller Seite. Dass irgendwer sagt, Leute,
[50:47] verlasst die Häuser, ihr habt noch eine Stunde Zeit oder wie auch immer.
[50:51] Was macht dieser Gedanke mit dir, dass da einfach nichts kam?
[50:55] Es macht mich sehr sauer, es macht mich sehr wütend, weil...
[50:59] Wenn ich das vorher gewusst hätte, hätte ich mit meinem Sohn Dernau direkt verlassen
[51:04] und wäre gar nicht mehr in die Wohnung reingegangen.
[51:06] Es sind so viele Leute in Kellern oder in Tiefgaragen ertrunken,
[51:11] weil sie einfach gedacht haben, sie haben noch Zeit, um irgendwie irgendwas
[51:14] in Sicherheit zu bringen.
[51:15] Und es wäre einfach ganz vielen Menschen sehr viel Leid erspart geblieben,
[51:22] wenn man einfach ein bisschen früher reagiert hätte und vielleicht auch den
[51:25] Katastrophenalarm jetzt im Nachhinein zu früh ausgerufen hätte.
[51:30] Gibt es ja bestimmte Personen, auf die du besonders wütend bist,
[51:34] wenn ich mal so direkt fragen darf?
[51:36] Ja, natürlich. Also ich meine, es war ja nun mal in aller Medien,
[51:39] dass der Landrat da in meinen Augen mit den größten Anteil dran trägt.
[51:46] Er hat es tatsächlich geschafft, sein Auto aus der Tiefgarage rauszufahren und
[51:49] Sicherheit zu bringen und es aber nicht für nötig gehalten, Leute einfach mal zu warnen.
[51:54] Das ist meine persönliche Meinung und das ist schon so ein Ding,
[51:57] wo ich denke, naja, man hat ganz klar Prioritäten gesetzt.
[52:00] Die Priorität war das Auto und der Rest musste halt einfach gucken, wie er klarkommt.
[52:07] Wetterexperten haben recht schnell nach der Flut gesagt, dass die Katastrophe
[52:10] schon lange vor dem eigentlichen Ereignis absehbar war.
[52:14] Es gibt ein europäisches Flutwarnsystem, kurz EFAS, und das hat bereits Tage
[52:21] vor der Flut gewarnt, dass in den betroffenen Gebieten sogenannte Flashflots,
[52:25] also Sturzflutwarnsysteme.
[52:28] Die Staatsanwaltschaft Koblenz hat zwei Jahre lang zur Ahrtalflut ermittelt,
[52:32] um die Frage von Schuld und Verantwortung zu klären.
[52:36] Im Fokus stand neben dem Leiter der Technischen Einsatzleitung auch der damalige
[52:40] Landrat von Kreis Ahrweiler, Jürgen Pföhler von der CDU.
[52:44] Über ihn hat Christina gerade gesprochen. Pföhler wurde vorgeworfen,
[52:48] dass er Maßnahmen für einen Katastrophenfall nicht ausreichend vorbereitet und
[52:53] viel zu spät den Alarm ausgerufen habe.
[52:56] Er selbst hat immer zurückgewiesen, in irgendeiner Form verantwortlich für mögliche Versäumnisse zu sein.
[53:02] Der Anfangsverdacht der Staatsanwaltschaft waren fahrlässige Tötung und fahrlässige
[53:07] Körperverletzung durch Unterlassung.
[53:09] Ein Jahr nach der Katastrophe wurde Jürgen Pföhler von einem Untersuchungsausschuss
[53:13] im Landtag von Rheinland-Pfalz vernommen.
[53:15] Er verweigerte die Aussage und entschuldigte sich nicht bei den Flutopfern.
[53:20] Vor diesem Untersuchungsausschuss kam heraus, dass er am Abend der Flut 13 Mal
[53:25] bei seiner Geliebten telefonierte.
[53:27] Auch die verweigerte vor dem Ausschuss die Aussage zum Aufenthaltsort von Föhler in der Flutnacht.
[53:34] 2024 kam die Staatsanwaltschaft Koblenz dann zu dem Ergebnis,
[53:38] dass Jürgen Föhler seiner Verantwortung überrascht.
[53:42] Fehler gemacht hat. Er hatte sich nämlich damals aus dem Katastrophenmanagement
[53:46] komplett herausgezogen und die ganze Verantwortung der technischen Einsatzleitung überlassen.
[53:51] Außerdem hätte er die Bevölkerung besser warnen müssen.
[53:55] Aber, und jetzt kommt das große Aber, das alles hat für eine strafrechtliche
[54:00] Verurteilung nicht ausgereicht.
[54:02] Ganz wesentlich dafür war, dass die Staatsanwaltschaft nicht nachweisen konnte,
[54:06] dass durch ein pflichtgemäßes korrektes Handeln von Pföhler auch wirklich Menschenleben
[54:10] hätten gerettet werden können und diesen Nachweis konnten sie nicht erbringen.
[54:15] Ehrlich gesagt ist es auch fast gar nicht möglich, so einen Nachweis zu erbringen.
[54:20] Pföhler wurde also nicht angeklagt. Dazu muss man vielleicht wissen,
[54:24] dass die Staatsanwaltschaft jemanden grundsätzlich nur dann anklagt,
[54:27] wenn sie zu der Überzeugung kommt, dass die Verurteilung eines Beschuldigten
[54:30] wahrscheinlicher ist als ein Freispruch.
[54:33] Für eine Verurteilung reicht es allerdings nicht aus, zu sagen,
[54:37] dass die Opfer möglicherweise hätten gerettet werden können,
[54:40] sondern man muss in jedem Einzelfall, bei jedem Einzelnen der 135 Todesopfer
[54:46] prüfen, ob diese Person, Zitat, mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit
[54:51] noch leben würde, wenn man korrekt gehandelt hätte.
[54:54] Das ist also sehr, sehr kompliziert und die Staatsanwaltschaft Koblenz ist zu
[54:58] dem Schluss gekommen, dass dieser Nachweis hier.
[55:03] Wenn du jetzt diesen Verantwortlichen, das ist ja nicht nur der Landrat,
[55:07] aber auch andere so, wenn du jetzt einen von denen mal treffen würdest,
[55:11] gäbe es irgendwas, was du der Person sagen wollen würdest?
[55:14] Nee, ich glaube, da ist Hopfen und Malz verloren und ich glaube,
[55:19] das wäre für mich nicht förderlich, wenn ich da mit jemandem drüber reden würde. Okay, verstehe.
[55:26] Gibt es denn etwas, was man aus deiner Sicht sozusagen aus dieser Katastrophe
[55:30] lernen kann, also was man besser machen kann, um es jetzt mal positiv zu formulieren,
[55:35] aus deiner Sicht von jemandem, der selbst betroffen war?
[55:38] Also es gab einen Moment, es gibt ja ganz viele Videos von dieser Flutkatastrophe
[55:44] im Internet und es gibt auch ganz viele Dokumentationen und die hat man sich
[55:47] natürlich alle angeguckt, ob das jetzt so gut war oder nicht,
[55:50] lassen wir mal so da stehen.
[55:52] Aber es gab zum Beispiel die Bürgermeisterin der Gemeinde Altena,
[55:57] die also damals im Krisenteam angerufen hat und gesagt hat, hier kommt was Großes
[56:01] auf uns zu, wir müssen reagieren.
[56:03] Und man im Krisenteam gesagt hat, naja, wir brauchen mehr Daten,
[56:07] sodass man da vielleicht auch
[56:08] einfach mal so einen Katastrophenalarm auch einfach mal früher ausruft.
[56:12] Ich weiß, das sagt sich sehr leicht, weil es natürlich auch einen immensen Ausmaß
[56:15] annimmt, aber gerade wenn man in so einer Nähe von so einem Fluss wohnt und
[56:21] man jetzt im Nachhinein weiß, was aus so einem kleinen Bächlein werden kann,
[56:27] halte ich das für durchaus legitim, wenn man den Leuten sagt,
[56:30] passt auf, verlasst eure Wohnung und man einfach drei Stunden später zurückrudert
[56:33] und sagt, okay, passt auf.
[56:35] Ihr könnt wieder zurück, es ist doch nicht so schlimm. Better safe than sorry,
[56:39] wie man so im Englischen sagt.
[56:41] Ich glaube, es wäre ganz vielen Menschen ganz viel Leid erspart geblieben.
[56:45] Und ich glaube auch, dass wir sehr viele Ersthelfer hätten retten können,
[56:52] wenn diese gar nicht erst ins Ahrtal gekommen wären.
[56:54] Ja, auch das ist ja so ein schreckliches Detail des Ganzen, dass da Menschen
[56:58] gekommen sind, um zu helfen, die dann ihr Leben gelassen haben.
[57:01] Weil diese Einsätze teilweise eben sehr unkoordiniert waren,
[57:05] ohne da jetzt irgendwen von den Helfern beschuldigen zu wollen.
[57:07] Aber das war ja einfach absolutes Chaos.
[57:10] Es gab ja leider auch sehr viele, die sich danach wirklich das Leben genommen
[57:13] haben, also die mit diesen Eindrücken dann doch nicht zurechtgekommen sind und
[57:16] dann einfach auch total überfordert waren mit der Situation.
[57:18] Ich finde es bei solchen Katastrophen oft so interessant, dass das einige Wochen,
[57:25] vielleicht auch Monate.
[57:27] Die Medien und die Diskussion bestimmt, dass sie total präsent sind und auch
[57:32] damit in den Köpfen der Menschen präsent sind, aber dann vergeht ein bisschen
[57:35] Zeit und irgendwie gerät das alles so in den Hintergrund.
[57:39] Ist das bei dir auch so das Gefühl bei der Ahrtal-Katastrophe,
[57:43] dass da heute gar nicht mehr so viel drüber gesprochen wird?
[57:45] Natürlich, klar. Ich glaube, das ist der Lauf der Dinge.
[57:48] Die Welt dreht sich weiter und das Schicksal eines Einzelnen spielt auf dieser
[57:55] Welt jetzt keine riesengroße Rolle, was natürlich nachvollziehbar ist,
[57:59] weil wir sind ganz schön viele.
[58:00] Es gibt immer wieder andere Themen oder andere Krisen, die passieren.
[58:03] Natürlich löst da die eine Krise die andere ab, aber es ist schon,
[58:06] ich glaube, für die Leute im Ahrtal ist es schon wichtig, dass man auch heute
[58:09] immer noch an die Leute denkt, weil sie jeden Tag kämpfen müssen,
[58:14] weil sie es noch nicht geschafft haben, alle Wohnungen wieder aufzubauen oder
[58:18] allen Müll zu beseitigen.
[58:21] Ich glaube, dass es für die Leute schon wichtig ist, dass man immer noch mal
[58:24] da ist im Ahrtal. Und an sie denkt oder über das Thema spricht.
[58:29] Glaubst du, dass du den 14. Juli 2021 irgendwann mal hinter dir lassen kannst? Nein.
[58:36] Nein, dieser Tag ist ein Teil von mir, der wird ein Teil von mir bleiben und
[58:41] das ist okay so, also der Tag hat aus mir das gemacht, was ich jetzt heute bin,
[58:47] positiv oder negativ, er hat mich geprägt und da werden noch ganz viele andere Tage folgen,
[58:55] hoffentlich schöne Tage, die so einen schlechten Tag ein Stück weit vielleicht
[59:02] aufwerten, Aber dieser Tag oder diese Nacht wird mich nie verlassen, nein.
[59:06] Du hast gerade gesagt, es hat dich positiv und negativ geprägt.
[59:10] Wenn man mit der negativen Seite anfängt, was würdest du sagen,
[59:13] ist das, was dich daran negativ geprägt hat? Also was bleibt an Negativen jetzt noch bei dir?
[59:19] Die Erfahrung, die man machen musste, die Angst, die immer irgendwo mitschwingt,
[59:24] dass vielleicht auch eine andere Katastrophe dich jederzeit einholen kann.
[59:29] Dass man einfach gelernt hat, wie endlich das Leben ist, wie schnell es einfach
[59:33] wirklich vorbei sein kann.
[59:35] Ich meine, bei uns im Ahrtal haben wirklich Sekunden über Leben und Tod entschieden.
[59:40] Entweder du hast es früh genug aus der Wohnung geschafft oder du warst halt
[59:42] eine Sekunde zu spät und es war halt vorbei.
[59:46] Und positiv. Ich habe das Leben, glaube ich, mehr zu schätzen gelernt.
[59:52] Und ich habe für mich meine Prioritäten neu geordnet. Also ich weiß mittlerweile,
[59:57] dass meine Arbeit oder die Anerkennung auf der Arbeit für mich nicht mehr das Wichtigste ist.
[1:00:04] Sondern, dass es da andere Menschen gibt, auf dessen Meinung ich viel mehr Wert legen sollte.
[1:00:09] Was würdest du sagen, wo sind jetzt im Moment deine Prioritäten in deinem Leben?
[1:00:13] Meine Prioritäten, es ist ganz klar meine Familie. Ja, dieser Abend hätte auch
[1:00:18] einfach ganz anders ausgehen können.
[1:00:20] Ich hätte im Worst Case wirklich nicht nur mein Leben verlieren können,
[1:00:24] sondern was noch viel schlimmer gewesen wäre, glaube ich, einfach mein Sohn.
[1:00:27] Er hätte daran zerbrechen können, ich hätte daran zerbrechen können.
[1:00:30] Und ich glaube einfach, dass die Prioritäten jetzt einfach die sind,
[1:00:34] dass man viel mehr das Leben genießt, dass man wirklich versucht,
[1:00:38] jeden Tag zu genießen und zufrieden.
[1:00:41] Sich seine Wünsche zu erfüllen. Also das, was ich gerade im Kopf habe,
[1:00:44] dass man einfach hingeht und versucht, das irgendwie möglich zu machen.
[1:00:47] Also liegt auch da im Schrecklichen wieder was Schönes eigentlich.
[1:00:51] So schlimm, wie es sich anhört, ja.
[1:00:53] Ja, aber das ist tatsächlich für mich so ein bisschen die Erkenntnis aus diesem
[1:00:56] Podcast, weil das ganz oft in den Gesprächen so am Ende dabei rauskommt,
[1:01:00] dass man aus den schlimmsten Dingen, was ja auch gut ist, was Positives ziehen kann.
[1:01:06] Du hast deinen Sohn gerade schon kurz angesprochen, er ist jetzt sechseinhalb.
[1:01:10] Glaubst du, dass der auch noch heute was mit sich rumschleppt?
[1:01:13] Oder ist es vielleicht für ein Kind auch einfacher, das zu verarbeiten?
[1:01:17] Ich glaube, dass es für ihn einfacher ist, weil er sehr viel nicht gesehen hat
[1:01:23] oder vielleicht nicht verstanden hat, was passiert ist.
[1:01:26] Aber man merkt in einzelnen Situationen schon noch, dass es irgendwo in ihm schlummert.
[1:01:31] Also man merkt, dass auch ihn diese Nacht wahrscheinlich nie verlassen wird.
[1:01:35] Ich hoffe noch, dass wenn noch mal zehn Jahre ins Land gehen,
[1:01:38] dass er dann da vielleicht ein bisschen besser auch das ablegen kann.
[1:01:42] Aber man merkt ihm das schon an, dass er da was mitgemacht hat.
[1:01:47] Ist ihm nur zu wünschen. Also kann ich unterschreiben, was du gerade gesagt hast.
[1:01:51] Was mich noch interessieren würde, wart ihr seit dem Hochwasser noch mal irgendwann in Dernau gewesen?
[1:01:57] Des Öfteren, genau. Wir sind im Heimaturlaub, wenn wir dann nach Deutschland
[1:02:00] gegangen sind, öfter mal durch Dernau gefahren.
[1:02:05] Und es war ein sehr beklemmendes Gefühl. Das wäre jetzt die Frage gewesen.
[1:02:09] Es sieht wahrscheinlich nicht mehr so aus wie das Dernau, was du in Erinnerung hast, oder?
[1:02:13] Also das letzte Mal in Dernau war ich jetzt vor knapp zwei Jahren,
[1:02:17] glaube ich, ist es jetzt her. Anderthalb, zwei Jahre.
[1:02:20] Nein, also die Menschen haben unheimlich viel gearbeitet. Die haben unheimlich viel geleistet.
[1:02:25] Die haben sich wirklich Mühe gegeben, viel wieder aufzubauen,
[1:02:28] viele Schäden zu beseitigen.
[1:02:30] Aber es ist einfach noch so viel zu tun. Es wird auch, glaube ich, nicht mehr...
[1:02:35] Das Dernau, wie es vorher war. Also ich glaube, es gibt wirklich noch ein Dernau
[1:02:39] vor der Flut und ein Dernau nach der Flut. Es ist einfach nicht mehr das Gleiche.
[1:02:44] Hast du noch Kontakt mit Menschen von da irgendwie?
[1:02:49] Nein, leider gar nicht mehr. Es ist leider komplett eingeschlafen.
[1:02:53] Jetzt ist es so, dass sich ein Kreis sozusagen wieder schließt,
[1:02:56] denn ihr zieht in wenigen Wochen zurück nach Deutschland, von Argentinien nach Deutschland.
[1:03:02] Freust du dich auf Deutschland? Ja, aber wir ziehen auch nicht mehr ins Ahrtal
[1:03:06] zurück, sondern wir gehen dann in den Niederrhein hoch, so ein bisschen weg,
[1:03:11] weil das auch eine Rolle für mich spielt, dass ich gesagt habe,
[1:03:13] ich möchte nicht mehr so nah am Wasser wohnen.
[1:03:16] Also das möchte ich einfach nicht mehr, nein. Aber so schlimm,
[1:03:20] dass ihr jetzt irgendwie in die Berge ziehen wolltet, war es dann noch nicht? Nein, nein.
[1:03:24] So schlimm ist es nicht. Aber ich brauche jetzt nicht mehr unbedingt so einen
[1:03:27] Fluss direkt vor der Haustür. Ja, okay.
[1:03:29] Also wenn ich es bei jemandem verstehen kann, dann bei dir. Worauf freust du
[1:03:33] dich besonders in Deutschland? Auf das Essen? Auf die Lebensmittel?
[1:03:38] Auf die gesamte Auswahl? Nein, man freut sich natürlich auf alles.
[1:03:43] Man freut sich auf die Freunde, man freut sich auf die gewohnte Umgebung,
[1:03:46] man freut sich auf die Sprache, die man wieder ohne Probleme sprechen kann,
[1:03:51] sich ohne Komplikationen verständigen zu können. Man freut sich schon drauf, ja.
[1:03:57] Was wünschst du dir denn jetzt für deine Zukunft, die ja jetzt wieder in Deutschland stattfinden wird?
[1:04:03] Gibt es da einen besonderen Wunsch, den du hast? Nee, tatsächlich nicht.
[1:04:06] Ich wünsche mir, dass es einfach das einzige große negative Erlebnis ist,
[1:04:10] was ich mitmachen musste.
[1:04:12] Ich hoffe, dass mir sowas in Zukunft erspart bleibt.
[1:04:15] Und wenn, dann gehe ich auch da wieder durch. Dann ist es so,
[1:04:19] dann muss man da halt wieder die Augen zumachen und die Faust in der Tasche,
[1:04:23] die Krone richten und weitergehen.
[1:04:25] Aber ansonsten freue ich mich drauf und ich lasse mich da jetzt erstmal überraschen, was passiert.
[1:04:30] Das ist, glaube ich, generell die beste Einstellung, die man haben kann im Leben,
[1:04:34] sich überraschen zu lassen.
[1:04:35] Was würdest du sagen, hast du über dich selbst gelernt?
[1:04:39] Dass ich viel stärker bin, als ich mir das selber zutraue. Ich habe gelernt,
[1:04:44] dass ich in so einer Situation tatsächlich sehr ruhig bleiben kann,
[1:04:49] was ich von mir nie erwartet hätte.
[1:04:51] Und dass ich für meinen Sohn tatsächlich auch das Schlimmste irgendwie überwältigen kann.
[1:04:58] Also ich habe immer gewusst, okay, es heißt Löwenmama.
[1:05:02] Nach dem weiß ich warum. Du bist eine Löwenmama. Ja, das glaube ich auch mittlerweile. Das ist so.
[1:05:10] Du kennst ja den Podcast schon ein bisschen, hörst den ja selber auch,
[1:05:13] deswegen weißt du wahrscheinlich, was jetzt am Ende des Gesprächs kommt,
[1:05:17] nämlich die zwei Abschlussfragen, die ich all meinen Gästen stelle.
[1:05:19] Wenn du heute auf diesen einen Moment zurückblickst, als du da die Tür aufmachst,
[1:05:24] welches Gefühl löst das in dir aus?
[1:05:28] Unsicherheit, Angst, Panik, man wusste nicht, was kommt.
[1:05:34] Und wie war das für dich heute, mit mir über diesen einen Moment zu sprechen
[1:05:40] und die Zeit zurückzugehen in diesen Moment der größten Angst und der größten Panik? Sehr angenehm.
[1:05:45] Du bist wirklich ein angenehmer Gesprächspartner, aber auch innerlich,
[1:05:50] glaube ich, sehr aufwühlend.
[1:05:52] Also ich merke schon, dass ich die ganze Zeit schwitzige Finger habe und es
[1:05:56] sehr viel in einem gemacht hat.
[1:05:58] Das kann ich mir vorstellen, deswegen bin ich dir sehr dankbar dafür,
[1:06:03] weil dieses Thema mich seit es damals passiert ist sehr beschäftigt hat,
[1:06:06] was mit den Menschen da passiert ist,
[1:06:08] mich sehr beschäftigt hat und deswegen fand ich es toll mit jemandem zu sprechen,
[1:06:14] der das aus erster Hand erlebt hat und der glücklicherweise es geschafft hat
[1:06:18] da durchzukommen. Danke.
[1:06:19] Deswegen vielen, vielen Dank, dass du dich gemeldet hast und danke für deine
[1:06:23] Zeit mit mir darüber zu sprechen. Sehr gerne, danke dir.
[1:06:27] Die Hochwasserkatastrophe im Ahrtal ist jetzt ziemlich genau vier Jahre her
[1:06:32] und doch beeinflusst sie das Leben von so vielen Menschen bis heute extrem.
[1:06:37] Manche haben geliebte Menschen für immer verloren, andere ihr Zuhause,
[1:06:40] ganz viele ihr Vertrauen und ihre Sicherheit, ihre Überzeugung,
[1:06:45] dass man in einem Land wie Deutschland früh genug gewarnt wird,
[1:06:48] bevor es zu einer Krise geht.
[1:06:51] Ich kann Christinas Wut darüber, dass das eben nicht passiert ist, absolut verstehen.
[1:06:56] Und ich bin mir sicher, dass viele, viele, viele, die diese furchtbare Nacht
[1:07:00] miterleben mussten, genauso darüber denken.
[1:07:04] In der nächsten Folge spreche ich hier mit Max Rinneberg.
[1:07:08] Max ist 17 Jahre alt, als er sein Gedächtnis verliert. Und zwar für immer.
[1:07:13] Das klingt jetzt wirklich wie der Crazy Plot einer Soap Opera,
[1:07:17] aber das ist die Lebenswirklichkeit von Max.
[1:07:21] Wie es dazu gekommen ist und was das für sein weiteres Leben bedeutet,
[1:07:25] darüber sprechen wir ganz ausführlich in der nächsten Folge von Dieser eine
[1:07:29] Moment. Bis dahin. Tschüss.
[1:07:36] Dieser eine Moment, der Podcast mit Philipp Fleiter, ist eine Produktion von
[1:07:41] Philipp Fleiter und WeMind im Auftrag von Podimo.
[1:07:45] Redaktion Philipp Fleiter, Leila Keuthage und WeMind. Sound,
[1:07:48] Design und Schnitt Marius Fuchtmann für WeMind.

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