# "Familiengeheimnisse - die Suche nach meiner Schwester" mit Raphael Schneider

An episode of [Dieser eine Moment – Der Podcast mit Philipp Fleiter](https://invisiblenetwork.ai/podcast/1754096105), 16 Nov 2025, 1 h 22 min.

Audio: https://ais.audiorella.com/podcasts/1806-dieser-eine-moment-der-podcast-mit-philipp-fleiter/237086-familiengeheimnisse-die-suche-nach-meiner-schwester-mit-raphael-schneider.mp3?v=2&awCollectionId=julephosting_69aaf1da6ba1a&awEpisodeId=237086

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## Transcript

[0:00] Mein Vater saß in seinem Arbeitszimmer, in seinem Atelier in unserem Haus,
[0:04] hat geweint und hat nach seiner Tochter gerufen.
[0:08] Und dann ist meine Schwester zu ihm und sie war total irritiert,
[0:13] weil sie dachte ja, naja, sie ist ja die Tochter.
[0:17] Und dann hat mein Vater sich ihr anvertraut. Und dann ist meine Schwester zu
[0:21] meiner Mutter und meiner Mutter ist damals das Bügeleisen aus der Hand gefallen.
[0:31] Manchmal sind es nur ganz kurze Momente, die ein Leben komplett verändern können.
[0:36] Ein Augenblick, eine Entscheidung, ein Ereignis, ein Wimpernschlag und danach ist alles anders.
[0:45] Ich bin Philipp Fleiter und ich treffe in diesem Podcast Menschen,
[0:48] um mit Ihnen genau über diesen einen Moment zu sprechen, der Ihr Leben für immer verändert hat.
[0:55] Hallo und herzlich willkommen zu einer neuen Folge von Dieser eine Moment.
[0:59] Und ich spreche heute mit Raphael Schneider.
[1:01] Raphael ist Mitte 50 und Schauspieler. Vielleicht kennt ihr ihn noch als Andi Lehmann aus GZSZ.
[1:08] Und er war viele, viele Jahre lang einem großen Familiengeheimnis auf der Spur.
[1:13] Das ist eine wirklich unglaublich spannende Geschichte, weil ich glaube,
[1:17] dass es solche Geheimnisse in ganz vielen Familien gibt.
[1:20] Und ich glaube auch, dass wir oft total unterschätzen, was solche Geheimnisse
[1:25] mit uns und unserer gesamten Familie machen.
[1:28] Raphael wird heute mit mir über eine Suche sprechen, die sein Leben verändert hat.
[1:34] Und diese Suche beginnt mit diesem einen Moment.
[1:38] Raphael, der Moment, über den ich heute mit dir sprechen möchte, passiert im Mai 2007.
[1:45] Du sitzt mit deinem damaligen Lebensgefährten im Garten, als dein Handy klingelt. Dein Bruder ist dran.
[1:52] Was sagt er dir? Mein Bruder hat gesagt, er ist ein Mensch,
[1:58] Du glaubst nicht, was wir gefunden haben. Und in diesem Moment wusste ich sofort,
[2:02] was er meint, weil wir zu diesem Zeitpunkt die Wohnung einer verstorbenen Tante aufgelöst haben.
[2:11] Und ein Familiengeheimnis auf der Spur sind und ich zu meinem Bruder gesagt
[2:16] habe, guck doch mal, ob du in dem Nachlass von Tante Lisa noch irgendetwas findest,
[2:22] weil sie war damals Zeitzeugin.
[2:25] Und mein Bruder hat wirklich alle Unterlagen durchgeguckt, alle Ordner,
[2:28] aber es war nichts zu finden.
[2:32] Und dann habe ich gesagt, okay, da müssen wir wohl akzeptieren,
[2:35] dass die gute Tante das Familiengeheimnis mit ins Grab genommen hat.
[2:39] Es klingt so ein bisschen wie der Anfang von der Drei-Frage-Zeichen-Folge,
[2:44] auch so mit der Truhe und so, da kommen wir ja jetzt gleich zu.
[2:48] Also was hat dir denn dein Bruder erzählt, was er da gefunden hat?
[2:53] Mein Bruder hat eine Kladde gefunden mit Unterlagen, in der die Geburtsurkunde
[3:00] meiner Schwester, einer Schwester, von der wir wussten, dass es sie gibt,
[3:06] aber wir keine Belege hatten,
[3:09] das war die Geburtsurkunde.
[3:11] Es war die Anerkennung der Vaterschaft durch meinen Vater.
[3:14] Es war Korrespondenz meiner Großeltern, die versucht haben, meine Schwester
[3:19] zu bekommen, weil mein Vater mit seiner damaligen Lebensgefährtin nicht verheiratet war.
[3:25] Wir reden hier von 1951. Das war zu der Zeit auch recht skandalös und unkonventionell.
[3:33] Und es war, auf einmal war es wie eine Erleuchtung und wir hatten auf einmal
[3:39] den Beweis für diesen rosa Elefanten,
[3:43] der in unserem, also in meinem Leben die ganze Zeit anwesend war und jetzt auf
[3:48] einmal wussten wir, es gab ihn wirklich oder es gibt ihn wirklich.
[3:52] Und dazu kommen wir jetzt, nämlich zu diesem Familiengeheimnis,
[3:55] was wir gerade schon kurz angesprochen haben.
[3:57] Da müssen wir vielleicht ein bisschen in die Vergangenheit reisen.
[4:00] Du bist 1970 geboren, wächst in Dortmund auf als Nesthäkchen mit vier älteren Geschwistern.
[4:07] Wie ist denn deine Kindheit? Wie erinnerst du dich daran?
[4:11] Also erst einmal bin ich relativ gut behütet in einem Einfamilienhaus im Grünen,
[4:17] in einem Vorrat von Dortmund groß geworden.
[4:19] Ja, mit vier älteren Geschwistern, zwei Schwestern, zwei Brüdern.
[4:23] Als Nesthäkchen, glaube ich, auch nicht mehr so ganz geplant gewesen.
[4:26] Und wie das ist in so einer großen Familie mit allen Drum und Dran,
[4:31] Streitigkeiten, Freude, großen Familienfeiern.
[4:35] Und ich kann mich wirklich daran erinnern, dass meine frühe Kindheit sehr, sehr glücklich war.
[4:39] Und trotzdem gab es irgendwann so einen Knacks, als ich dann älter wurde.
[4:49] Bekam ich immer mehr mit, wie unglücklich mein Vater ist, was er auch für Probleme
[4:54] hatte und ich das Gefühl auch hatte, er war gar nicht immer so wirklich bei uns.
[5:01] Er ist Maler gewesen und Kunsterzieher,
[5:06] hatte ein Atelier in Frankreich, ist sowieso sehr, sehr viel in Frankreich gewesen
[5:11] und wenn er aus Frankreich zurückkam, war er oft sehr, sehr traurig,
[5:18] hat sich eingeschlossen,
[5:20] hat sich auch betrunken, Alkohol war
[5:23] auch ein großes Problem und diese Familienidylle bekam immer mehr Risse.
[5:31] Du hast gerade schon gesagt, dein Vater ist Künstler, aber auch Kunstlehrer.
[5:35] Wie würdest du ihn als Person beschreiben?
[5:38] Also sehr unkonventionell. Ich bin in einem sehr bunten Haushalt groß geworden.
[5:42] Da bin ich auch bis heute sehr dankbar, sehr tolerant.
[5:48] Unser ganzes Haus hing voll mit größtenteils seinen Werken, seinen Bildern,
[5:54] aber er hat auch Kunst gesammelt.
[5:55] Er hat auch afrikanische, asiatische Kunst gesammelt. Somit hatten wir großen
[6:02] Einblick auch in fremde Kulturen.
[6:03] Mein Vater hat auch Menschen jeglicher Herkunft gemalt und geliebt und so sind wir auch groß geworden.
[6:14] Also ich weiß, dass wenn ich Besuch hatte von Freunden von der Schule,
[6:19] waren alle eher immer so großartig.
[6:21] Ja, fast geschockt, wie das bei uns aussieht. Also es war so ein bisschen so eine Villa Kunterbunt.
[6:26] Unser Garten war auch sehr wild und ja, es war schön, aber für mich war es auch
[6:31] normal. Stimmt, du kennst es ja nur so zu dem Zeitpunkt, also nicht so das konventionelle
[6:37] spießige Vorstattleben, wie man das in Deutschland sonst so kennt.
[6:41] Ich glaube, als du 16 bist, trennen sich deine Eltern, also dann führen die
[6:45] Probleme, die dein Vater hat, dann irgendwann auch zur Trennung.
[6:48] Wie würdest du ab da so euer Familienleben beschreiben? Also das fing eigentlich
[6:55] schon so um 1980 an, dass es immer schwieriger wurde zwischen meinen Eltern.
[7:02] Dazu muss ich auch sagen, dass mein Vater wissentlich zumindest zu der Zeit
[7:07] mindestens eine Geliebte hatte.
[7:11] Ich glaube sowieso, dass er so eine Art Doppelleben geführt hat,
[7:16] hatte sein Leben in Frankreich, wo er sein Atelier hatte und er hatte aber auch
[7:21] sein Leben in Dortmund mit der Familie und ich,
[7:24] bin mir sogar sicher, dass ihm beides unheimlich wichtig war aber auch da ist
[7:28] er immer so zwischen diesen Welten gesprungen.
[7:31] Meine Mutter hat es sehr sehr lange irgendwie toleriert ich konnte nicht mehr mit ihr,
[7:39] darüber reden, ich konnte mit ihr sowieso nicht mehr über gewisse Themen reden,
[7:43] weil sie dann doch relativ früh an Alzheimer erkrankt ist.
[7:47] Ich habe auch immer so gedacht, sie
[7:49] hat sich so ein bisschen aus dem Leben geschlichen durch diese Krankheit.
[7:53] Also es war, seitdem ich so zehn Jahre alt war, bekam meine Kindheit wirklich
[7:58] einen Riss. Wurde es schwierig.
[8:00] Wir wussten zum Teil auch nicht, wo mein Vater ist.
[8:03] Jetzt im Nachhinein weiß ich, wo er war oder vermute, wo er war. Aber damals halt nicht.
[8:09] Nein, weil ich, gut, es gab natürlich zu der Zeit auch noch keine Handys, kein Internet.
[8:16] Ich weiß noch, wenn meine Eltern telefoniert haben, dann musste mein Vater aus
[8:20] irgendeiner Post in Frankreich telefonieren, musste ein Gespräch aufgebaut werden.
[8:26] Meine Mutter hat ihm Geld an irgendwelche Banken überwiesen.
[8:29] Aber so war das halt damals. Aber wenn mein Vater dann aus Frankreich zurückkam.
[8:35] Hat er immer schöne Geschenke mitgebracht.
[8:37] Er reiste immer mit einem riesigen Koffer, der war fast leer und zurückkam er immer mit Schätzen.
[8:44] Also für sich immer irgendwelche Kunstgegenstände, Antiquitäten,
[8:49] aber auch Geschenke für uns Kinder, französische Lebensmittel,
[8:53] die man hier damals noch gar nicht so bekommen hat. Also mein Vater hat mir
[8:56] Postkarten geschrieben, da konnte ich noch überhaupt nicht lesen.
[8:59] Und er hat auch immer so kleine Cartoons da drauf gemalt, immer aus Frankreich.
[9:03] Von daher ist das für mich jetzt ein Beleg, zu sehen, wo er wann war.
[9:09] Und natürlich war das zu dem Zeitpunkt, war er in Frankreich.
[9:13] Aber warum er da war, war mir zu diesem Zeitpunkt natürlich noch nicht bewusst.
[9:18] Also es klingt aber schon so, als ob so Geheimnisse und nicht über Dinge sprechen,
[9:24] auch euer Familienleben geprägt haben zu der Zeit.
[9:28] Absolut. Und das ist natürlich rückblickend etwas sehr Trauriges oder Schlimmes.
[9:36] Aber das ist generell so, dass Geheimnisse sehr, sehr viel kaputt machen können.
[9:45] Ich habe mal so einen schönen Spruch gelesen und der ist eigentlich so mein Leitmotiv.
[9:51] Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar. Das ist von Ingeborg Bachmann.
[9:56] Und ich finde diesen Satz so toll.
[9:59] Ja, wirklich wahrhaftig, weil wenn jemand mit einer Wahrheit nicht umgehen kann
[10:04] oder wir müssen versuchen mit einer Wahrheit umzugehen, nur dann haben wir eine Chance.
[10:08] Ja, ich denke gerade darüber nach, weil das kann man ja auch auf ganz viele
[10:12] andere Sachen anwenden, gar nicht mal unbedingt auf Familiengeheimnisse,
[10:15] aber zum Beispiel bei mir war es so, als ich mich geoutet habe mit 16,
[10:18] dass natürlich die Reaktionen nicht immer so doll waren, wie man sich das vielleicht gewünscht hätte.
[10:23] Aber auf der anderen Seite räumt es auch deinen Freundes- und Bekanntenkreis
[10:27] ein bisschen auf, weil du weißt, die Leute, die damit nicht umgehen können,
[10:30] die sind dann halt nicht deine Freunde.
[10:33] Genau, also dann ist man selber auch im Klaren.
[10:37] Und lustig ist, ich habe mich ja auch mit 19 geoutet.
[10:42] Und ich habe meiner Mutter damals einen Brief geschrieben und habe ihr geschrieben,
[10:46] ich bin immer noch der gleiche, immer noch derselbe Mensch, nur du hast jetzt
[10:52] eine Information mehr über mich.
[10:55] Das ändert eigentlich nicht so viel. Genau, das ist aber die Wahrheit gewesen.
[10:59] Und wie du gerade schon gesagt hast, manchmal ist es dann im Nachhinein zu spät,
[11:03] über gewisse Wahrheiten zu sprechen, mit deiner Mutter zumindest.
[11:06] Wir kommen da gleich auch noch mal ein bisschen länger drauf.
[11:09] Es gibt ja so ein Thema, das in deiner Kindheit und Jugend auch immer so wie
[11:13] aufploppt, könnte man sagen.
[11:15] Das ist deine mysteriöse Halbschwester.
[11:19] Wann hast du das erste Mal von ihr gehört? Das kann ich gar nicht mehr so genau
[11:24] sagen, weil ich habe das Gefühl, dass sie irgendwie immer für mich existent war.
[11:33] Weil genau ich wusste, dass diese Frage kommt.
[11:36] Ich habe mit einer meiner Schwestern darüber gesprochen, die ist acht Jahre älter.
[11:41] Also wir müssen mal überlegen, ich glaube, das war so Anfang der 70er,
[11:45] da war ich ja noch ganz klein und meine Schwester hat mir jetzt nochmal erzählt, es war so,
[11:52] mein Vater saß in seinem Arbeitszimmer, in seinem Atelier in unserem Haus, hat geweint.
[11:58] Und hat nach seiner Tochter gerufen. Und dann ist meine Schwester zu ihm.
[12:06] Und sie war total irritiert, weil sie dachte ja, naja, sie ist ja die Tochter.
[12:12] Und dann hat mein Vater sich ihr anvertraut. Und dann ist meine Schwester zu meiner Mutter.
[12:20] Und meiner Mutter ist damals das Bügeleisen aus der Hand gefallen.
[12:24] Und da war so ein bisschen erstmal die Katze aus dem Sack.
[12:29] Oder dieser rosa Elefant war auf einmal wirklich da, aber es wurde trotzdem nicht darüber geredet.
[12:36] Meine Mutter hatte da irgendwie rumgestottert und wohl auch so Sachen gesagt,
[12:43] ja, wer weiß, ob das überhaupt stimmt und dein Vater fantasiert und damit war
[12:49] für sie das Thema gegessen.
[12:50] Das heißt, die war so ein bisschen wie ein Geist, der so drüber geschwebt ist
[12:54] über dem Familienleben und keiner wusste so richtig was über sie.
[12:57] Ja, meine Mutter wusste das.
[13:00] Und das hat sie hinterher, also wenn ich mit meiner Mutter, als ich noch mit
[13:02] meiner Mutter darüber reden konnte.
[13:05] Das Einzige, was sie eigentlich über meine Schwester gesagt hat,
[13:08] war, also mein Vater war gut elf Jahre älter als meine Mutter. Ähm...
[13:15] Hatte schon ein ziemlich bewegtes Leben. Meine Mutter kam aus ganz wohlbehütetem
[13:20] Elternhaus, ist also quasi erst nach der Hochzeit mit meinem Vater von zu Hause
[13:25] ausgezogen, ganz klassisch früher.
[13:28] Und sie hat immer gesagt zu mir, naja, es war ja klar, wenn ich einen so viel
[13:32] älteren Mann heirate, dann hat er einiges im Gepäck.
[13:37] Sie hat das so ein bisschen so abgetan. Aber was er im Gepäck hatte,
[13:41] darüber wollte sie nicht reden.
[13:43] Und was ich heute einfach nicht verstehe oder mich so unglaublich traurig macht,
[13:48] dass diese Geschichte, die mein Vater im Gepäck hatte, ja eigentlich nichts
[13:53] Schlimmes war. Er hat ja nichts verbrochen.
[13:56] Er war wieder straffällig.
[13:59] Ja, er hatte einfach schon ein Kind mit einer anderen Frau. Genau,
[14:05] was heute wahrscheinlich nicht so ein Problem war, aber es waren vielleicht
[14:08] auch andere Zeiten, das muss man da auch nochmal an der Stelle, glaube ich, betonen.
[14:12] Ihr habt gewusst, da gibt es jemand, aber nicht mehr eigentlich.
[14:17] Ihr hattet einen Namen, hast du gerade gesagt, ne? Ja, dass sie Barbara hieß,
[14:23] das kam dann irgendwann raus und dass die Mutter von Barbara kurz nach der Geburt gestorben ist.
[14:30] Und das war halt auch der Grund, warum mein Vater das Kind nicht behalten konnte,
[14:36] weil die beiden damals nicht verheiratet waren.
[14:39] Und mein Vater hat kurz nach der Geburt von unserer Schwester Barbara,
[14:43] nach der Beerdigung seiner Partnerin, einen kompletten mentalen wie körperlichen
[14:49] Zusammenbruch bekommen.
[14:50] Er hat sich betrunken.
[14:53] Ist zurück in seine Studentenbude nach Karlsruhe gefahren und hat diese Studentenbude
[14:59] komplett zerlegt im Alkoholrausch, ist nackt auf die Straße gerannt.
[15:05] Das haben wir alles rausgefunden, das ist alles belegt und ist dann natürlich
[15:09] seine Zimmerwirtin, hat die Polizei und den Krankenwagen gerufen.
[15:12] Mein Vater ist dann eingewiesen worden in eine psychiatrische Klinik.
[15:18] Vielleicht gehen wir nochmal zwei Schritte zurück, nämlich wie die beiden sich
[15:21] kennengelernt haben. Und das hast du ja, glaube ich, dann erst erfahren,
[15:24] als deine Eltern sich getrennt hatten.
[15:26] Da hat dein Vater dann ein bisschen mehr erzählt.
[15:29] Also was hast du denn erfahren über Barbara und ihre Mutter,
[15:32] wie die beiden sich kennengelernt haben? Also dein Vater und Barbaras Mutter.
[15:35] Mein Vater hat in Karlsruhe an der Kunstakademie Kunst studiert und die Mutter von Barbara auch.
[15:41] Sie war ein Kommiliton, sie war auch Künstlerin, sie war zehn Jahre älter als mein Vater.
[15:49] Sie war evangelisch und mein Vater war katholisch. Und das war auch ein Grund,
[15:53] warum die beiden nicht heiraten konnten, so ohne weiteres.
[15:56] Das kann man sich heute alles überhaupt nicht mehr vorstellen.
[16:00] Aber sie haben ja ein ziemliches Bohemleben geführt an dieser Kunstakademie.
[16:04] Mein Vater hat dann auch mit seinen Eltern gebrochen, weil die überhaupt nicht
[16:08] einverstanden waren mit dieser Beziehung.
[16:09] Aber sie haben zu ihrer Liebe gestanden und wollten heiraten,
[16:14] nachdem mein Vater mit dem Studium fertig ist.
[16:17] Sie ist dann allerdings schwanger geworden, haben sich auch sehr auf das Kind
[16:21] gefreut. Sie hatten auch eine kleine Wohnung zusammen in Bad Bergzabern.
[16:26] Das ist ein Ort in der Südpfalz.
[16:28] Nicht weit von Karlsruhe und dann stirbt Gertrud Mayer Fröhlich leider kurz
[16:36] nach der Geburt des gemeinsamen Kindes.
[16:39] Wahnsinn, du hast es gerade schon gesagt, Barbara wird geboren und leider läuft
[16:43] die Geburt nicht so, wie man sich das wünschen würde.
[16:45] Es passiert was richtig Schlimmes, Barbaras Mutter verstirbt wenige Stunden
[16:50] nach der Geburt. Was wusstet ihr denn über Barbara, das Baby?
[16:55] Nur wahrscheinlich, dass sie irgendwie adoptiert wurde, glaube ich, oder?
[16:59] Nur, dass sie halt, dass die Mutter Künstlerin auch war.
[17:03] Und was wir allerdings auch wussten, dass Barbara adoptiert wurde und dass Barbaras Adoptivmutter,
[17:10] das war die Schwester ihrer Mutter, mit einem Franzosen verheiratet war und
[17:15] dass sie irgendwann nach Frankreich gegangen sind. Also, dass Barbara in...
[17:21] Südfrankreich aufgewachsen ist. Du bist dann irgendwann zu Hause ausgezogen,
[17:26] hast eine Schauspielausbildung gemacht in Hamburg und bist dann von 1995 bis
[17:30] 2000, glaube ich, Andi Lehmann gewesen bei GZSZ.
[17:34] Da kennt dich vielleicht der eine oder die andere noch her.
[17:37] Wie präsent ist denn deine Halbschwester in dieser Zeit für dich?
[17:41] Ehrlich gesagt, in dieser Zeit war sie nicht sehr präsent, obwohl irgendwie
[17:47] flackerte dieses Thema schon immer mal wieder auf.
[17:51] Wenn ich bei meinem Vater war und es war immer, wenn mein Vater traurig war,
[17:56] so ein bisschen in so einer leicht depressiven Stimmung, kam er immer so ganz
[18:00] kurz auf Barbara zu sprechen, aber er konnte nie darüber reden.
[18:03] Er hat das Thema dann immer wieder sofort fallen lassen.
[18:05] Und da hatte ich aber die Idee, weil ich dachte, okay, ich bin ja jetzt ein
[18:09] bisschen prominent, vielleicht kann ich mit meiner Prominenz irgendwas erreichen.
[18:13] Und ein Freund von mir hat damals an Margarete Schreinemakers geschrieben.
[18:18] Ich selber wollte es nicht machen.
[18:22] Da hat es besser, wenn das jemand anderes macht.
[18:24] Es gab doch damals diese Talkshow. Ja, die Älteren erinnern sich.
[18:28] Schreinemakers Live oder so hieß das, glaube ich. Und das war ja so eine Sendung,
[18:31] die war ja eigentlich genial, weil es ging so um alles.
[18:35] Das wurde ja kein Thema ausgelassen. Und zum Beispiel wurden auch in dieser
[18:39] Sendung manchmal Menschen zusammengeführt oder Menschen gesucht.
[18:42] Ja, und der hatten wir damals geschrieben.
[18:44] Mit dem wenigen Wissen, was wir hatten, das ich nach meiner Schwester suche,
[18:49] aber haben nie eine Antwort bekommen.
[18:51] Aber einmal gab es noch diesen Versuch. Und dann muss ich schon sagen,
[18:56] hat sich, ich war so mit meinem Leben beschäftigt. Das war so eine wahnsinnig
[19:00] intensive Zeit und auch glückliche Zeit.
[19:04] Da habe ich mich so ein bisschen mehr um mich gekümmert und dieser rosa Elefant,
[19:08] der war ein bisschen kleiner geworden, der spielte in dem in dieser Zeit nicht so wirklich eine Rolle.
[19:13] Über diese wahnsinnig intensive Zeit werden wir später auch noch sprechen,
[19:17] im Bonusteil dieser Folge, aber kann ich natürlich verstehen,
[19:21] man baut sich sein eigenes Leben auf, man ist mit sich selbst auch ein bisschen
[19:24] beschäftigt, das war ja wie du schon gesagt hast auch eine total verrückte Zeit,
[19:28] aber im Sommer 2000 stirbt er dein Vater, Friedrich.
[19:33] Was macht das mit dir? Das war eine heftige Zeit, weil ich kurz vorher auch
[19:38] bei Gute Zeiten, Schlechte Zeiten aufgehört habe.
[19:42] Und eigentlich wollte ich was Neues.
[19:46] Das war so eine Aufbruchszeit, aber gleichzeitig war ich natürlich traurig und hatte so viele Pläne.
[19:52] Und dann stirbt mein Vater und ich muss schon sagen, wir hatten ein sehr,
[19:56] sehr enges Verhältnis. Ich habe mich auch schon damals um seine Kunst gekümmert,
[20:01] habe einige Ausstellungen organisiert, auch in Berlin.
[20:04] Und dann stirbt mein Vater und das hat so ein bisschen meine Pläne durcheinander gebracht.
[20:09] Und da kam, da fing es natürlich an, dass dieses Thema...
[20:15] Barbara wieder zutage kam. Auch auf eine ganz interessante Art,
[20:20] denn die Schwester deines Vaters, also deine Tante, gründet eine Stiftung in
[20:24] seinem Namen und da gibt es eine Art Begleitheft zu dieser Stiftung,
[20:29] in dem es um das Leben deines Vaters geht und da taucht dann auf einmal wieder der Name Barbara auf.
[20:34] Was löst das in dir aus? Durch dieses kleine Buch, was meine Tante in Auftrag
[20:39] gegeben hat, wie du sagst, kam auf einmal die Geschichte wieder so aufs Tableau
[20:44] und ich war eigentlich eher so, ach ja, stimmt,
[20:48] da war doch noch was und wie spannend. Und wir haben dann meine Tante gefragt.
[20:53] Die wollte aber, obwohl sie das in diesem Buch hat schreiben lassen,
[20:56] wollte sie auch nicht so viel mehr darüber reden.
[21:00] Und wir haben sie gefragt, gibt es noch Unterlagen dazu?
[21:03] Weil sie war damals dabei. Als mein Vater im Krankenhaus war,
[21:07] hatten und sich quasi ja auch nicht um Barbara hätte eh kümmern können,
[21:11] hatten meine Großeltern und meine Tante versucht, Barbara zu bekommen,
[21:16] zu adoptieren. Und mussten ja auch...
[21:19] Sich um alles kümmern, was die Wohnung auflösen, erstmal von meinem Vater.
[21:24] Er war vier Monate in der Klinik. Also sie war wirklich ganz nah an dieser Geschichte.
[21:30] Aber sie hat immer gesagt, ich weiß nichts, es gibt nichts, ich habe alles weggeschmissen.
[21:35] Also auch sie fand dieses Thema, es war ein Makel in dem Lebenslauf meines Vaters.
[21:44] Und meine Tante hat meinen Vater eigentlich immer auf den Thron gesetzt.
[21:47] Er war immer der kleine Prinz in der Familie und wurde angehimmelt von meiner
[21:53] Tante, von meiner Großmutter, weil er so unheimlich talentiert war und so charismatisch.
[21:59] Aber das passte irgendwie in dieser Familie nicht ins Bild, was ich überhaupt
[22:03] nicht nachvollziehen kann.
[22:05] Deswegen, das wäre jetzt meine Frage gewesen, sie weiß ja definitiv was,
[22:09] aber sie erzählt es euch nicht.
[22:11] Also warum erzählt sie es euch nicht? Weil jetzt ist es ja auch egal,
[22:14] dein Vater ist tot zu dem Zeitpunkt.
[22:16] Man würde ja niemandem mehr wehtun, in Anführungsstrichen, wenn man darüber
[22:19] redet. Na, sie war wahrscheinlich einfach auch gefangen in ihren Konventionen.
[22:24] Sie war nur zwei Jahre jünger als mein Vater.
[22:28] Auch meine Tante durfte nicht den Mann heiraten, den sie wollte,
[22:32] weil er auch nicht dem standesgemäß war, weil er zweimal geschieden war.
[22:37] Also ja, also da hatten meine Großeltern einen sehr, sehr großen Einfluss auf
[22:42] ihre Kinder und es ist sehr traurig.
[22:46] Aber durch dieses kleine Bucklet hatten wir doch noch wieder einige Informationen.
[22:52] Und wir wussten ja dann doch, auch wenn meine Tante nichts erzählt hat, dass es irgendwas gibt.
[22:59] Ja, geben muss, ne? Genau. Wobei man sagen muss, es hat ja dann nochmal sieben
[23:04] Jahre gedauert, bis ihr mehr Infos bekommt.
[23:07] Deine Tante stirbt 2007 und da sie keine Kinder hat, lösen deine Geschwister und du das Haus auf.
[23:12] Und ihr hofft natürlich so ein bisschen, dass sie irgendwas findet über Barbara,
[23:15] obwohl da eure Tante ja gesagt hat, nein, da gibt es nichts mehr.
[23:18] Aber wenn ich das richtig verstanden habe, habt ihr erstmal nichts gefunden.
[23:22] Ich habe das nicht geglaubt, dass es da nichts gibt und deswegen war ich auch
[23:26] so ein bisschen hartnäckig und habe meinen Bruder, der Jurist ist und sehr korrekt,
[23:30] gesagt, bitte guck jeden Ordner durch, ob du irgendwas findest.
[23:35] Aber es war wirklich nichts zu finden und deswegen habe ich dann irgendwann
[23:40] beschlossen, ja okay, dann müssen wir das jetzt auch akzeptieren,
[23:45] dann soll das jetzt so sein. Aber da sind wir jetzt wieder beim Anfang.
[23:50] Es gibt dieses alte Möbelstück, das dich nicht loslässt.
[23:55] Kannst du dir mal beschreiben, was das ist für ein Möbelstück? Also meine Tante hatte,
[24:00] zu ihrer Wohnung gehörte so eine Mansarde, so ein Mansadenzimmer,
[24:04] das war ein bisschen separat und das hatte sie ganz nett eingerichtet,
[24:08] so als kleines Gästezimmer und dort stand eine alte Kommode mit so einer Marmorplatte,
[24:14] das waren so Waschtische.
[24:16] Ich glaube diese Kommode war auch noch von meinen Großeltern,
[24:19] die war nicht besonders kostbar, aber ich wusste zum Beispiel auch in dieser
[24:22] Kommode waren immer so Familienfotos und so Andenken und so alte Schätze.
[24:29] Und als es darum ging, diese Mansarde jetzt leer zu räumen,
[24:33] Stand natürlich die Frage, was machen wir mit dieser Kommode?
[24:37] Mein Bruder meinte, naja, die wird auf den Sperrmüll geschmissen.
[24:40] Ich hätte sie gerne gehabt, aber dieses schwere Ding dann nach Berlin zu transportieren.
[24:44] Und ich habe wirklich mit Engelzungen auf meinen Bruder eingeredet.
[24:49] Bitte nimm du die Kommode. Und er war, glaube ich, so genervt.
[24:53] Er hat gesagt, na gut, dann nehme ich die und tue da mein Werkzeug rein.
[24:57] Dann kommt sie in den Keller.
[24:59] Gut, wir hatten dann so einen Entrümpelungsservice. Für die restlichen Möbel
[25:04] und die haben dann auch diese Kommode zu meinem Bruder gebracht und dann fand
[25:07] er die doch ganz schön und hat sie gesagt,
[25:11] dann soll sie doch in sein Arbeitszimmer und er hatte zu der Zeit auch eine
[25:16] Altbauwohnung mit so hohen Türschwellen und dann sind diese zwei kräftigen jungen
[25:20] Männer mit dieser Kommode,
[25:22] die sind da so über diese Türschwelle gestolpert und dann bricht die Marmorplatte ab.
[25:27] Und unter der Marmorplatte befindet sich die Kladde mit den ganzen Unterlagen von meiner Schwester.
[25:34] Das ist so ein Wahnsinn. Ich habe es, glaube ich, ganz am Anfang schon gesagt,
[25:38] es ist wie so eine Drei-Frage-Zeichen-Folge, das Geheimnis der Kommode.
[25:43] Also diese versteckten Unterlagen rutschen dann da raus, die da wahrscheinlich jahrelang drin lagen.
[25:50] Was sind das für Unterlagen, die ihr da findet in dieser Kladde?
[25:53] Also da war die Geburtsurkunde von Barbara. Da war die Sterbeurkunde ihrer Mutter,
[25:58] Gertrud Meyer-Fröhlich.
[26:00] Aber für mich noch das Allerwichtigste war eine Urkunde, dass mein Vater die
[26:07] Vaterschaft auch anerkannt hat.
[26:10] Es waren auch noch Briefe von der Gertrud an meinen Vater.
[26:15] Und es war die Korrespondenz meines Großvaters sowohl mit dem Jugendamt als
[26:22] auch mit dem Krankenhaus, wo sie versucht haben, Barbara zu bekommen und auch gebeten haben,
[26:29] meinem Vater nichts davon zu erzählen, dass Barbara vielleicht,
[26:33] Dass er sie vielleicht nicht haben kann. Und mein Großvater war ein höherer
[26:38] Postbeamter, sehr korrekt. Der hat immer einen Durchschlag gemacht.
[26:42] Also somit hatten wir, so machte man
[26:46] das früher, mit so einem ganz dünnen Seidenpapier, mit Schreibmaschine.
[26:50] Somit hatten wir sowohl die Anschreiben als auch die Antworten.
[26:53] Und das zog sich über mehrere Wochen.
[26:57] Und alleine diese Korrespondenz liest sich wie so ein kleiner,
[27:01] ja, wie so ein Krimi oder wie so eine, es ist eine hochemotionale Geschichte.
[27:06] Außerdem sind auch noch Briefe meines Vaters, die er an seine Eltern geschrieben
[27:10] hat, aus dem Krankenhaus. die belegen, dass mein Vater Barbara als Baby gesehen hat.
[27:17] Weil sie war unweit seines Krankenhauses auch in einem Kinderkrankenhaus untergebracht,
[27:24] bis klar war, was mit ihr passiert. Und er hat sie besucht.
[27:29] Und das ist so berührend, weil er dann schreibt, ich muss schnell wieder gesund
[27:32] werden für die kleine Barbara.
[27:34] Ich habe sie heute besucht. Sie ist ein kleiner Schreihals.
[27:37] Und all das...
[27:40] War für uns jetzt auch wirklich der Beweis, dass dieser rosa Elefant existent
[27:46] ist, weil uns auch oft suggeriert wurde, also auch von meiner Tante und auch
[27:50] von meiner Mutter, ja, ja, ob das überhaupt stimmt.
[27:54] Also wie so ein Fantasiegespinst von deinem Vater, der halt psychisch nicht
[27:58] ganz gesund war, dass der sich das vielleicht nur eingebildet hat oder so.
[28:01] Ja, und ob er wirklich der Vater war und also es wurde da auch manchmal nicht
[28:07] so gut über diese Frau gesprochen, weil sie ja eine Künstlerin war.
[28:10] Sie hat ja mit meinem Vater nicht verheiratet zusammengelebt.
[28:13] Also ja, es wurde auch über meinen Vater nicht gut gesprochen von vielen Menschen.
[28:19] Da habe ich sehr, sehr traurige oder Dinge auch erfahren müssen,
[28:24] wo ich natürlich weiß, dass es der Zeit geschuldet ist. Aber wenn du so etwas
[28:28] über deinen Vaterhaus hörst, ist es auch nicht schön.
[28:32] Vor allem, weil ihr ein enges Verhältnis hattet, hast du ja gesagt.
[28:35] Genau, und weil ich ja natürlich mitbekommen habe, wie sehr er darunter leidet.
[28:39] Ja, und jetzt hast du diese ganzen Belege, der rosa Elefant existiert.
[28:46] Jetzt kann man das nicht mehr wegreden, den hat es gegeben, den gibt es.
[28:49] Was war denn so deine Reaktion da drauf? Hat das dich motiviert,
[28:54] jetzt erst richtig mit der Suche loszulegen oder wie war das?
[28:57] Und also in dem Moment, also dieser eine Moment, wo ich im Garten saß mit meinem
[29:01] Freund, meinem Bruder anrief und sagte, du glaubst nicht, was passiert ist und
[29:06] ich sofort wusste, was passiert ist,
[29:09] war voller Freude, weil ich jetzt wusste, okay, wir haben was und jetzt legen
[29:16] wir los, weil wir wussten ja, dass die Spur nach Frankreich geht.
[29:19] Und da habe ich noch mit meinen Geschwistern so rumgesponnen und gesagt,
[29:22] ja, und wenn wir die jetzt finden, dann machen wir den nächsten Sommerurlaub,
[29:26] sitzen wir alle bei Barbara auf der Terrasse in Südfrankreich und es war so
[29:30] eine große Freude und ein Aufbruch.
[29:33] Eigentlich nur positiv. Das ist also praktisch der richtige,
[29:37] ja die Initialzündung für diese Suche.
[29:40] Du bist entschlossen, deine Halbschwester zu finden.
[29:42] Ich glaube, sie müsste so 56 Jahre sein zu dem Zeitpunkt. Genau, sie ist 1951 geboren.
[29:49] Dann war sie damals 56, genau. Ungefähr so alt, wie ich jetzt bin.
[29:54] Ah, okay. Ja, siehst du, da schließt sich der Kreis so ein bisschen.
[29:58] Warum möchtest du Barbara so gerne kennenlernen? Man könnte auch sagen,
[30:01] das ist Vergangenheit. Das hat mit mir nichts zu tun. Ich habe die ganze Zeit ohne sie gelebt.
[30:06] Ja, aber wir haben ja die ganze Zeit mit ihr gelebt. Stimmt.
[30:10] Und jetzt wollten wir auch wissen, wer ist denn dieser Geist?
[30:15] Wer ist dieser Mensch, der eigentlich immer da war und auf der anderen Seite doch nicht da war?
[30:22] Und der unser Leben viel mehr beeinflusst hat, als wir zu dem Zeitpunkt es gewusst haben.
[30:31] Und deswegen war diese suche auch so unglaublich wichtig und was natürlich auch
[30:36] dazu kam war neugierde ich war neugierig wer ist diese person und habe es ja
[30:43] nur nur positiv gesehen dachte wow da gibt es noch jemand in der familie das
[30:48] ist unsere schwester und ich möchte gerne wissen wie die ist.
[30:53] Dass es in einer Familie eines oder mehrere Geheimnisse gibt,
[30:57] haben bestimmt viele von euch schon erlebt.
[30:59] Da kann man im Prinzip grob in drei Kategorien unterscheiden.
[31:03] Konventionelle Geheimnisse sind recht alltäglich und eher trivial.
[31:07] Da wird zum Beispiel über peinliche Erlebnisse, persönliche Vorlieben oder geplante
[31:11] Überraschungen geschwiegen.
[31:13] Das hat in der Regel keine schädlichen Auswirkungen für Familienmitglieder oder
[31:17] kann sogar schützen, wenn dadurch zum Beispiel die eigene Intimsphäre gewahrt
[31:21] wird. Aber es gibt noch andere Kategorien.
[31:24] Da wäre noch zum Beispiel das Regelverstoßgeheimnis.
[31:28] Ich habe entgegen familiärer oder gesellschaftlicher Normen gehandelt.
[31:33] Zum Beispiel, indem ich Drogen genommen, Schulden gemacht oder die Schule abgebrochen habe.
[31:38] So ein Familiengeheimnis kann langfristig das Vertrauen innerhalb der Familie
[31:41] schwächen und richtig Teil der Familienidentität werden.
[31:45] So nach dem Motto, darüber reden wir nicht. Noch belastender sind sogenannte Tabu-Geheimnisse.
[31:51] Es ist etwas passiert, das kulturell oder moralisch heikel ist,
[31:55] zum Beispiel ein Missbrauch, Gewalt, für manche aber vielleicht auch eine uneheliche
[31:59] Geburt oder eine Adoption, von der niemand wissen soll.
[32:02] Solche Tabu-Geheimnisse sind in der Psychologie am meisten verbunden mit emotionaler
[32:07] Distanz in Familien, mit Misstrauen und vermeidender Kommunikation.
[32:12] Raphael, so erzählt, wird ja ganz deutlich, wie belastend dieses Familiengeheimnis
[32:17] für ihn ist und dass er unbedingt wissen will, wer seine Schwester ist.
[32:21] Und das ist ja auch total logisch. Die Wissenschaft hat nämlich gezeigt,
[32:24] wenn Familien über zentrale Ereignisse schweigen, entsteht eine Lücke in der Selbstnarration.
[32:31] Das kann psychisch sehr belastend sein, muss es aber nicht. Was aber fast immer
[32:36] passiert, wir werden neugierig.
[32:38] Wer bin ich im Kontext dieser verschwiegenen Geschichte?
[32:42] Das Wissen über die eigene Familiengeschichte kann außerdem ein Gefühl der Zugehörigkeit
[32:46] und damit psychisches Wohlbefinden fördern.
[32:49] Familiengeschichten kann man sich also ein bisschen wie Brücken zwischen Vergangenheit,
[32:54] Gegenwart und Zukunft vorstellen.
[32:56] Sie helfen uns, das eigene Leben in einem größeren Zusammenhang zu stellen.
[33:00] Große Familiengeheimnisse oder das Nicht-Erzählen können dagegen zu Unsicherheit,
[33:06] Misstrauen innerhalb der Familie und emotionaler Belastung führen.
[33:12] Ja, und dann setzt du dich ans Telefon und recherchierst erstmal zu Barbaras
[33:16] Mutter, zu Gertrud Mayer Fröhlich, weil den Namen hattest du ja jetzt damals dann ganz definitiv.
[33:21] Was konntest du über sie herausfinden? Das Gute war, dass Barbaras Mutter halt
[33:25] auch, wie man heute sagt, eine Person des öffentlichen Lebens war.
[33:29] Sie war Künstlerin, auch bildende Künstlerin.
[33:32] Von daher war mir klar, Malerinnen oder Maler hinterlassen ja immer Spuren.
[33:37] Da muss es ja noch was geben. Und tatsächlich gab es sehr viel.
[33:41] Es gibt in Bad Berg-Zabern ein kleines Museum, wo auch Bilder von Gertrud Mayer-Fröhlich hängen.
[33:47] Und dadurch habe ich noch einige Menschen kennenlernen können,
[33:51] die sie kannten und die auch meinen Vater kannten und diese Geschichte.
[33:55] Und dann bin ich mit meinen Geschwistern, mit zwei meiner Geschwistern,
[33:59] ja relativ schnell nach Bad Bergzabern gefahren und wir haben Zeitzeugen befragt.
[34:03] Und so, es war wie so ein Puzzle, es kam immer mehr ein Teil dazu.
[34:07] Am Anfang hatte ich das Gefühl, dieses Puzzle, das wird jetzt zusammengeführt,
[34:13] aber irgendwann, je mehr wir gefragt haben und je mehr Antworten wir bekommen
[34:18] haben, umso mehr Fragen kamen dazu.
[34:22] Also nicht, wie du es dir eigentlich gewünscht hättest, viele Antworten zu finden,
[34:25] sondern du hast eigentlich noch mehr Fragen gefunden.
[34:27] Ja, aber Barbara bekam auf einmal auch ein Gesicht, weil wir Fotos bekommen
[34:32] haben von ihr durch Verwandte, durch ihren Cousin.
[34:36] Von anderen Menschen und das fühle ich bis heute. Auf einmal wurde Barbara lebendig.
[34:43] Das klingt vielleicht verrückt, aber ich habe irgendwie, natürlich ist es ja
[34:51] nur eine Person durch die Bilder und Briefe, die ich bekommen habe von ihr.
[34:56] Die ich in meinem Kopf mir ausgemalt habe. Aber irgendwie wurde dieser Geist immer reeller.
[35:05] Was ist denn das, was du über den Geist, der jetzt kein Geist mehr ist,
[35:09] so erfahren hast? Was konntest du über Barbara rausfinden?
[35:13] Dass sie sehr lebensfroh war, wahnsinnig hübsch.
[35:17] Das Erstaunliche auch, dass sie meiner Großmutter sehr ähnlich sieht, was auch ganz süß war.
[35:23] Ich finde, sie sieht mir auch als Kind sehr ähnlich. Ich habe dann auch mal
[35:26] so Kinderfotos von uns nebeneinander gestellt, so eine Collage gemacht und da
[35:29] bekam ich dann auch von einer Zeitzeugin ein Bild zugeschickt.
[35:35] Barbara, so drei Jahre alt. Zu der Zeit hat sie in Amerika gelebt mit ihren
[35:39] Adoptiveltern, weil der Adoptivvater Diplomat war.
[35:43] Und auf der Rückseite steht, Barbara 1994 in der Villa San Rafael.
[35:51] Und da habe ich auch wieder gedacht, das ist doch verrückt, oder?
[35:54] Das waren alles so kleine Hinweise, wo ich dachte, okay, das kann jetzt kein
[35:59] Zufall sein und ja, und so fügte sich eins zum anderen und dann bin ich,
[36:05] Im November 2007 mit meinem damaligen Partner sind wir nach Südfrankreich gefahren,
[36:11] weil ich sagte, okay, dann fahren wir jetzt dahin.
[36:14] Wir haben allerdings vorher schon, also wir haben nichts unversucht gelassen.
[36:19] Mein Bruder, wie gesagt, ist Jurist.
[36:21] Wir haben, kennt sich unheimlich gut aus, wir haben erstmal die Botschaften
[36:25] angeschrieben, die deutsche Botschaft, die französische Botschaft,
[36:28] das Rote Kreuz, die Heilsarmee.
[36:31] Wir haben einen privaten Suchdienst beauftragt, aber es war nichts oder fast
[36:38] nichts rauszubekommen.
[36:40] Und selbst da haben alle Menschen gesagt, das ist ungewöhnlich.
[36:45] Ja, jeder hinterlässt ja irgendwie Spuren normalerweise. Genau,
[36:48] wir haben nichts rausgefunden und dann bin ich mit meinem Freund damals nach
[36:51] Nizza gefahren, das war im November.
[36:54] Eine ziemlich trübe Zeit ehrlich gesagt und ich hatte dann die Idee dort zu einer Zeitung zu gehen.
[37:02] Die Tante meines Freundes war Dolmetscherin, die hatte vorher so einen kleinen Text vorformuliert.
[37:08] Und wir sind da zu einer Zeitung, wir haben das abgegeben, wir haben ein paar Fotos abgegeben.
[37:13] Ich hatte aber das Gefühl, dass sie gar nicht so begeistert sind.
[37:16] Und irgendwann, bevor ich überhaupt das mitbekommen habe, erschien tatsächlich
[37:21] im Dezember des gleichen Jahres dort ein Artikel.
[37:25] Ich weiß noch, der erste Satz war, schöner deutscher Schauspieler suchte nach seiner Schwester.
[37:32] Gibt ja schlimmere Zuschreibungen. Na ja, oder?
[37:36] Das geht doch wohl. Das fand ich auch. Und dann kam wirklich ein Stein ins Rollen
[37:42] und es sind sehr, sehr viele mysteriöse Dinge passiert.
[37:45] Es kommt ein Stein ins Rollen, denn jemand meldet sich bei dir,
[37:51] ein Psychiater, wenn ich das richtig in Erinnerung habe. Ja,
[37:55] in diesem Zeitungsartikel war meine Handynummer angegeben und meine E-Mail-Adresse.
[38:00] Und über die E-Mail-Adresse bekam nur eine ganz kurze Nachricht.
[38:05] Von einem Arzt, der schrieb, ich kenne Barbara, sie ist allerdings verschwunden.
[38:14] Also mehr hat er gar nicht geschrieben. Wow. Sie können mich anrufen.
[38:19] Ich habe nur gedacht, verschwunden, was heißt denn verschwunden?
[38:22] Ja, und dann hat die Tante meines Freundes, die gedolmetscht hat, dort angerufen.
[38:30] Und er hat nur so viel gesagt, dass es Barbara nicht gut ging.
[38:35] Sie war bei ihm in Behandlung, auch in psychologischer Behandlung und sie ist 26.
[38:40] Oder 27. November, meine ich, 1990 spurlos verschwunden.
[38:47] Das ist so Wahnsinn. Du hast jetzt so lange gesucht und dann bist du wieder in der Sackgasse.
[38:53] Genau und das war für mich, ich konnte das gar nicht glauben,
[38:57] aber es war trotzdem für mich klar gut, das heißt für mich nicht das Ende der Suche.
[39:03] Also ich wollte vor allem sie weiterhin finden, aber ich wollte natürlich dann
[39:08] auch mehr über sie und über diesen Vorfall herausfinden.
[39:14] Und ich wusste allerdings, ich hatte vorher auch von einem Kontakt von dem Cousin
[39:19] von Barbara einen Brief bekommen, den letzten Brief von ihr,
[39:24] in dem sie schrieb, dass es ihr nicht gut geht, dass sie große Probleme hat,
[39:28] dass sie sich vom Vater ihres Kindes getrennt hat, weil er gewalttätig war und so.
[39:34] Einen Sohn hat. Also wussten wir, okay, sie hat auch noch ein Kind.
[39:38] Also die Geschichte geht noch weiter.
[39:42] Und dann war für mich klar, gut, sie ist verschwunden. Ich suche nach ihr,
[39:46] aber parallel suche ich jetzt auch nach ihrem Kind.
[39:49] Also die Suche wurde ausgeweitet quasi. Als ob du nicht schon genug zu suchen
[39:54] gehabt hättest zu dem Zeitpunkt. Kommt da noch ein Kind dazu?
[39:57] Was hat dir der Psychiater denn noch erzählt, dass Barbara es eben sehr schlecht
[40:01] ging, glaube ich, ne? Also er hat anfangs gar nicht so viel erzählt.
[40:06] Kurze Zeit später, so drei, vier Monate, meldete er sich wieder und sagte,
[40:12] er ist in Berlin auf einem Kongress. Wenn ich möchte, können wir uns treffen.
[40:17] Das habe ich natürlich gemacht. Er hat auch ein paar Unterlagen mitgebracht.
[40:20] Ich glaube, dieser Mann wollte auch wissen, mit wem er es zu tun hat und ob
[40:24] ich vertrauenswürdig bin.
[40:26] Ich habe auch die ganze Zeit gedacht, naja, darf er mir das denn überhaupt alles
[40:31] sagen? Ja, das wäre jetzt auch meine Frage gewesen, ja.
[40:33] Und ich möchte natürlich auch niemanden in Schwierigkeiten bringen,
[40:37] aber er hat sich wohl mit Kollegen und von fachlicher Seite beraten lassen.
[40:44] Tatsächlich ist es wohl so, es ging ja um Leben und Tod.
[40:48] Barbara ist verschwunden. Barbara wurde polizeilich gesucht.
[40:52] Sie war auch vorher bei ihm noch in Behandlung.
[40:54] Ich glaube, das lässt diese Schweigepflicht auch aufweichen.
[40:58] Und er hatte auch natürlich mit allem gerechnet, aber nicht damit,
[41:03] dass auf einmal in der Zeitung, es war für ihn ja auch ein Cold Case.
[41:07] Das ehrlich gesagt weiß ich bis heute nicht, ob er so einen Fall schon mal hatte.
[41:12] Und hatte vielleicht auch gehofft.
[41:15] Wiederum durch mich an Informationen über Barbara zu kommen.
[41:20] Und dann habe ich mich mit diesem
[41:21] Mann getroffen und da hat er mir einiges erzählt. Es ging ihr nicht gut.
[41:26] Sie hatte auch mentale Probleme.
[41:30] Das Leben mit ihren Adoptiveltern war wohl nicht besonders glücklich,
[41:34] so wie ich es herausgefunden habe.
[41:35] Sie hatte kein gutes Verhältnis zu ihrer Adoptivmutter und das ist das Schlimme,
[41:39] was ich dann herausgefunden habe.
[41:40] Ihre Adoptivmutter hat ihr gesagt, ihr leiblicher Vater ist geisteskrank,
[41:48] wow ich glaube das macht was mit einem also ich denke auch Barbara wird irgendwann
[41:53] nach ihrem Vater gefragt haben,
[41:57] und ich weiß ja auch, dass mein Vater nach Barbara gesucht hat dafür gibt es auch Belege,
[42:03] und ich weiß auch, dass mein Vater in Südfrankreich war um sich mit Barbara
[42:09] zu treffen, aber ihre Adoptivmutter das verhindert hat Also dafür gibt es wirklich
[42:15] Zeugenaussagen von Menschen, die ich getroffen habe.
[42:17] Und ich vermute auch warum, weil dann wäre auch diese ganze Lüge natürlich aufgeflogen.
[42:23] Und da sind wir wieder bei Lebenslügen und Geheimnissen, nur auf der anderen Seite sozusagen.
[42:29] Das war ja die Schwester von Barbaras Mutter, die sie dann aufgenommen hat und
[42:34] die eben den Kontakt zu deinem Vater unterbunden hat.
[42:36] Genau, weil ich kann es mir nur so erklären, dass da vielleicht auch so auch
[42:42] Menschen werden vielleicht wie Besitz behandelt.
[42:46] Also vielleicht hatte sie auch Angst, dass mein Vater ihr Barbara wegnehmen könnte.
[42:53] Oder da Ansprüche stellt, was ich wirklich nicht glaube, aber ich weiß es nicht.
[43:00] Aber es ist in dieser Geschichte sehr, sehr viel,
[43:05] nicht nur nichts gesagt worden, sondern auch dann viel gelogen worden,
[43:12] was anderen, in dem Fall meiner Schwester und dann irgendwann auch ihrem Sohn,
[43:17] sehr geschadet hat. Wir fassen mal kurz zusammen an der Stelle.
[43:21] Barbara ist glaube ich 39, als sie verschwindet.
[43:24] Sie hat ein schlechtes Verhältnis zu ihrer Adoptivmutter, hat einen gewalttätigen
[43:28] Partner, ist gerade Selbstmutter geworden und hat im Hinterkopf,
[43:34] mein Vater war geisteskrank, vielleicht bin ich es auch.
[43:37] Weil sie war in psychiatrischer Behandlung wegen Depressionen.
[43:41] Wie wir alle wissen, ist das kein Vergehen. Nein, aber leider damals vielleicht anders als heute.
[43:48] Damals schon, also da wurde mit mentaler Gesundheit auch noch anders umgegangen.
[43:51] Und wie gesagt, zu dem Zeitpunkt ist sie 39, es geht ihr nicht gut.
[43:55] Was weißt du denn über die Umstände von Barbaras Verschwinden?
[43:57] Also sie ist und was auch wieder ein bisschen mich berührt hat während meiner
[44:03] Recherche, sie, mein Vater hat ja als Kunsterzieher gearbeitet,
[44:08] auf Lehramt dann noch studiert und aber auch Erdkunde noch unterrichtet und
[44:14] Barbara war auch Lehrerin und auch sie hat Erdkunde unterrichtet.
[44:17] Das habe ich auch noch rausgefunden.
[44:19] Sie hat allerdings die letzten Jahre vor ihrem Verschwinden wohl nicht mehr arbeiten können.
[44:25] Ihr kleiner Sohn war auch zum Zeitpunkt ihres Verschwindens schon bei einer Pflegefamilie.
[44:31] Sie hat ihn aber regelmäßig besucht und hat auch dafür gekämpft, ihn zurückzubekommen.
[44:37] Das wurde aber mehrere Male abgelehnt vom Jugendamt. Ich glaube,
[44:40] das war für sie auch eine große Belastung.
[44:41] Ich stelle mir das schlimm vor für eine Mutter ihr Kind,
[44:46] Zu sehen und sich jedes Mal von ihm verabschieden zu müssen,
[44:50] weil andere meinen, sie ist nicht in der Lage, sich um ihr Kind zu kümmern.
[44:55] Ob dem so war, ist nicht in meinem Ermessen, das zu beurteilen.
[45:00] Sie hat eine neue kleine Wohnung bekommen. Sie war laut Aussagen des Arztes
[45:08] auf einem sehr guten Weg, hat eine neue Therapie begonnen.
[45:13] War auch in einer Art Aufbruchsstimmung, wollte gesund werden,
[45:18] um ihr Kind zu bekommen und war dann am 26.
[45:23] November 1990 mit Freunden am Strand von Nizza feiern.
[45:30] Und ist von dort verschwunden. Sie ist wohl spazieren gegangen noch alleine,
[45:37] und da verliert sich jede Spur. Wahnsinn.
[45:42] Und natürlich, es gibt vier Möglichkeiten.
[45:49] Entweder hat sie sich das Leben genommen,
[45:54] Sie hatte einen Unfall, sie wurde ermordet oder sie ist untergetaucht.
[46:04] Am Anfang, muss ich sagen, war eigentlich immer so auch meine Hoffnung,
[46:08] dass ich dachte, naja, sie ist vielleicht untergetaucht.
[46:12] Es gab auch tatsächlich Hinweise oder so manchmal so komische Spuren, die da gelegt wurden.
[46:22] Aber je länger ich natürlich nichts mehr von ihr gehört habe oder über sie rausgefunden
[46:27] habe, umso, es ist immer noch so eine Resthoffnung, aber die Wahrscheinlichkeit ist sehr, sehr gering.
[46:33] Und für mich war diese Erkenntnis, dass sie verschwunden ist,
[46:37] so schlimm, weil ich natürlich bei meiner Suche, da hast du schon so Gedanken
[46:44] am Anfang, ja, ob sie überhaupt noch lebt.
[46:47] Aber sie hätte ja durch einen Verkehrsunfall ums Leben gekommen sein können
[46:54] oder an Krebs gestorben oder was auch immer.
[46:56] Aber so etwas, das ist eigentlich, ja, ich habe an alles gedacht, aber nicht an sowas.
[47:06] Und du hast ja das Ganze auch ein bisschen verknüpft mit der Hoffnung,
[47:10] das hast du ja gerade erzählt, ihr sitzt da schön in Südfrankreich bei Barbara
[47:14] auf der Terrasse als ganze Familie, verbringt euren Urlaub da,
[47:17] hast so viel Energie in diese Suche gesteckt und stellst dann fest, die Spur endet.
[47:23] Die Spur ist kalt, kälter, als sie nur sein kann.
[47:27] Das muss ja ein ganz schöner Schlag gewesen sein.
[47:31] Und ich habe auch versucht, noch mehr dann über sie rauszufinden.
[47:34] Ich habe auch noch Dinge über sie rausgefunden und auch.
[47:38] Komischerweise am Anfang hatte ich das Gefühl, ich kriege so wahnsinnig viele
[47:42] Informationen und dieses Bild, das verfestigt sich und auf einmal renne ich nur noch gegen Wände.
[47:51] Ich habe in Frankreich, bin ich größtenteils auf Ablehnung gestoßen.
[47:55] Also wir haben zum Beispiel dann rausgefunden, wo sie gelebt hat.
[47:58] Sie hatte da ein Zimmer zur Untermiete. Wir haben die Vermieter kontaktiert,
[48:03] weil ich gedacht habe, naja, es muss doch irgendetwas geben.
[48:07] Wer hat denn ihren Nachlass? Selbst wenn sie nicht viel hatte,
[48:10] aber sie muss ja irgendwelche persönlichen Gegenstände gehabt haben.
[48:13] Wo ist das? Wir haben nichts rausgefunden.
[48:16] Also hätte es Barbara nicht gegeben. Ich habe auch keine Menschen gefunden aus ihrem Umfeld.
[48:23] Du kannst mir glauben, wir haben alles versucht. Wir haben auch sehr,
[48:25] sehr viel Geld investiert in diese Suche.
[48:29] Irgendwann bin ich da auch an meine Grenzen gestoßen. Wir haben Anwälte sowohl
[48:35] in Frankreich als auch in Deutschland, die sich mit Frankreich auskannten,
[48:40] sie haben keine Antwort bekommen.
[48:43] Befreundete Dolmetscherinnen, die ich kennengelernt habe, die hat so unglaublich geholfen.
[48:50] Es kamen fast nie Antworten. Wir bekamen irgendwann die Nachricht,
[48:55] dass Barbara dann, das war sogar 2008, also für tot erklärt wurde.
[49:02] Das heißt in Frankreich für abwesend. Was ich ehrlich gesagt auch etwas...
[49:09] Netter finde.
[49:13] Weil sie einfach nicht auffindbar war. Damit wurde ihre Akte auch geschlossen.
[49:17] Wir haben auch versucht, über die Polizei etwas rauszufinden.
[49:21] Unmöglich. Das wollte ich gerade fragen. Es muss ja Ermittlungen gegeben haben.
[49:24] Wenn jemand an so einem Strandtag einfach verschwindet, da sagt ja nicht die
[49:27] Polizei, jo, alles klar.
[49:29] Sondern da muss ja irgendwie ermittelt worden sein. Ja, aber ich weiß nicht, was gemacht worden ist.
[49:33] Und da habe ich auch nichts rausgefunden. Und da muss ich sagen,
[49:37] habe ich auch irgendwann aufgegeben, Weil es war mir unmöglich.
[49:41] Ich spreche leider auch kein Französisch. Ich war dann auch immer sehr auf andere angewiesen.
[49:45] Mir haben, muss ich aber auch fairerweise sagen, so viele Menschen geholfen, auch unentgeltlich.
[49:52] Und natürlich ist das immer noch so eine Sache.
[49:55] Wo ich denke, ich würde so gerne mal in solche Akten schauen.
[49:59] Ich weiß gar nicht, ob das möglich wäre.
[50:01] Wir haben auch sogar, ich bin befreundet mit jemandem, der bei Aktenzeichen XY arbeitet.
[50:07] Die waren auch sehr, sehr interessiert an diesem Fall.
[50:10] Die wollten das tatsächlich machen, aber die selbst die, die müssen ja mit den
[50:16] Behörden der jeweiligen Länder zusammenarbeiten und die Franzosen arbeiten nicht
[50:21] mit den deutschen Behörden zusammen.
[50:24] Deswegen habe ich gesagt, wir können es nicht machen. Wir kriegen keine Hilfe aus Frankreich.
[50:31] Aber du hast jetzt gerade gesagt, du hast so viel Zeit investiert,
[50:35] so viel Gefühl, auch Geld natürlich.
[50:37] Und dann kommst du an den Punkt, wo es nicht weitergeht.
[50:41] Ja, und ich habe wirklich auch manchmal gedacht, warum machst du das eigentlich?
[50:47] Weil ich kriege nur so traurige Nachrichten.
[50:50] Also es war ja nach dieser anfänglichen Euphorie, wurde es eigentlich immer trauriger.
[50:56] Und dann dachte ich mir, kannst du das aushalten? In der Zwischenzeit ist auch
[50:59] meine Beziehung zerbrochen.
[51:01] Also auch das kam alles so zusammen. Wir haben uns auch damals,
[51:06] kam wenig Verständnis von Seiten meines Partners.
[51:11] Obwohl er damals mit mir auch nach Nizza gefahren ist.
[51:14] Er hat, also wir haben uns richtig gestritten deswegen, weil er war überhaupt
[51:17] nicht einverstanden mit dieser Suche.
[51:20] Dazu muss ich allerdings sagen, dass er auch adoptiert war also er hatte ein
[51:25] bisschen ähnlichen Background, ich glaube ich habe vielleicht in ihm da auch
[51:28] ein bisschen was angetriggert.
[51:31] Und er hat mich wirklich was sehr gemeines zu mir gesagt er hat zu mir gesagt,
[51:36] was glaubst du eigentlich wer du bist meinst du du bist der Stellvertreter deines Vaters,
[51:43] das hat mich sehr sehr verletzt heute denke ich ein bisschen anders darüber
[51:48] nach also ich fühle mich natürlich ich nicht so und das bin ich auch nicht. Aber,
[51:54] Und ich frage mich schon manchmal, warum hat mein Vater aufgehört zu suchen?
[51:58] Warum hat er Barbara nicht gefunden?
[52:00] Eigentlich hätte er sie finden können. Ja, er war näher dran,
[52:04] als du es dann später sein konntest.
[52:07] Aber hast du denn das Gefühl, dass du was wieder gut machen könntest mit deiner
[52:13] Suche, was deinem Vater vielleicht nicht gelungen ist oder vielleicht etwas zu Ende führen,
[52:18] was jemand anderes nicht zu Ende führen konnte? Das wäre natürlich schön.
[52:23] Ich habe über diese private Suchagentur, da wurde man auch psychologisch betreut,
[52:28] das fand ich ganz großartig.
[52:30] Ich habe mit dieser Psychologin gesprochen, weil ich ihr auch gesagt habe,
[52:33] naja, wenn ich Barbara oder ihren Sohn finde, dann konfrontiere ich die ja mit
[52:40] Tatsachen, die sie nicht wussten, darf ich das überhaupt?
[52:44] Stimmt. Weil diese Tatsache wird deren Leben derart verändern. Darf ich das?
[52:50] Und sie hat gesagt, für einen Menschen ist es eigentlich nichts Schöneres,
[52:55] als gesucht zu werden und gewollt zu werden.
[52:59] Und auch das habe ich in Frankreich von Menschen, die Barbara kannten,
[53:02] von den wenigen, die ich dort getroffen habe, außer den Psychiater.
[53:06] Die haben alle die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen und gesagt,
[53:09] wenn Barbara das gewusst hätte, wäre es nicht so weit gekommen.
[53:14] Dann wäre sie nicht so unglücklich gewesen.
[53:17] Du hast ja dann zum einen festgestellt, dass deine Schwester verschwunden ist,
[53:21] aber du hast eben auch rausgefunden, dass deine Schwester einen Sohn hat, also du einen Neffen.
[53:25] Was weißt du denn am Anfang über diesen Sohn, den sie ja auch da schon weggegeben
[53:30] hat, als sie verschwunden ist oder der weggenommen wurde? Also ich wusste dann,
[53:33] dass er auch in einer Pflegefamilie groß geworden ist und von dieser dann adoptiert wurde.
[53:39] Ich habe dann auch relativ schnell einen Namen rausgefunden.
[53:44] Allerdings war das Problem...
[53:46] Der Name war falsch geschrieben, der Nachname. Von daher habe ich noch relativ
[53:51] lange nach einem völlig anderen Menschen gesucht und ehrlich gesagt weiß ich
[53:58] nicht mehr genau, wie wir dann darauf kamen, dass der Name doch richtig war.
[54:01] Ich glaube, meiner bekannten Freundin, die auch bei dieser Suchagentur erst
[54:07] gearbeitet hat, die hat eine Geburtsurkunde ausfindig gemacht.
[54:10] Und da war dann die richtige Schreibweise drauf, weil wir über das Geburtsdatum gegangen sind.
[54:16] Ja, und so konnten wir dann Kontakt herstellen.
[54:20] Florent heißt der Neffe und der ja auch adoptiert wurde, haben wir auch wieder
[54:26] so eine interessante Wiederholung oder Parallele.
[54:29] Du nimmst Kontakt zu ihm auf, wie reagiert Florent denn darauf?
[54:34] Also ich bekam irgendwann einen
[54:36] Brief, der war freundlich, aber es schien nicht so großes Interesse an.
[54:46] So, das war der erste Kontakt. Das war auch sehr ernüchternd.
[54:53] Und ich bin dann allerdings nochmal, also ich war ja einige Male in Nizza und
[55:00] zu der Adresse gefahren, die ich hatte.
[55:04] Dort wohnte die Familie aber nicht mehr.
[55:08] Und dann habe ich da wirklich so ein bisschen wie bei Julia Leischig,
[55:12] habe ich dann über die neuen Besitzer, die haben mir dann den Immobilienmakler
[55:16] genannt, ich habe ihn dann zu dem Immobilienmakler, habe denen gesagt,
[55:20] ich brauche die Adresse, das haben sie natürlich nicht rausgegeben,
[55:22] habe denen meine Telefonnummer hinterlassen.
[55:24] Und irgendwann kam ein Anruf,
[55:29] aber es waren wirklich immer Wochen, Monate dazwischen und mein Mittelsmann
[55:34] war in der Zwischenzeit dieser Psychiater geworden, mit dem ich mich auch angefreundet habe,
[55:41] der mir sehr geholfen hat, aber der immer nur das gemacht hat,
[55:44] was ich ihm gesagt habe, also von sich aus,
[55:47] ich glaube, er weiß viel mehr, als er mir gesagt hat und auch das wieder so
[55:51] ein Moment, Ich war im Auto und habe verbotenerweise ohne Freisprechanlage bin
[55:56] ich ans Telefon gegangen.
[55:57] Ist verjährt. Ist verjährt, ja.
[56:00] Ich glaube, da gab es schon Freisprechanlagen.
[56:03] Ich war auch auf dem Weg nach Dortmund und er sagte nur, deine Hartnäckigkeit wurde belohnt.
[56:11] Florent hat mich angerufen, er möchte dich treffen.
[56:15] Und das war für mich das erste Mal, das allererste Mal in dieser Geschichte,
[56:20] wo ich dachte, wow, jetzt platzt der Knoten auf.
[56:23] Jetzt gibt es das Happy End, was
[56:25] du dir eigentlich schon die ganze Zeit wünschst. Das gab es leider nicht.
[56:29] Ja, ihr trefft euch, du fährst nach Nizza, du wartest auf ihn.
[56:34] Wie läuft das Treffen ab? Also er hat im Vorfeld schon gesagt, er hat wenig Geld.
[56:40] Er kommt nur nach Nizza, wenn ich ihm alles bezahle. Das war für mich aber überhaupt gar kein Problem.
[56:45] Er sagte, er wohnte zu der Zeit in Turin. Warum, wusste ich nicht.
[56:51] Und ich habe auf ihn gewartet am Bahnhof und ich wusste ja auch nicht, wie er aussieht.
[56:58] Ich hatte kein Foto, gar nichts. Er hat nur gesagt, er hat einen Bart und so
[57:03] eine Rastafari-Mütze auf. Daran würde ich ihn erkennen.
[57:06] Und dann kam ein junger Mann, betrunken.
[57:11] Ich glaube auch, dass er irgendwelche Drogen genommen hat. Also dieses Treffen war so traurig.
[57:19] Muss ich sagen, also er war es war auch keine Freude, es war es war eine große
[57:24] Anspannung zwischen uns, es war,
[57:27] ich war ein bisschen schockiert er konnte mit mir überhaupt nichts anfangen
[57:32] wir sind dann was essen gegangen,
[57:34] das war auch okay ich habe ihm Fotos von seiner Mutter gezeigt er wusste sehr
[57:38] wenig über seine Mutter er wusste sowieso sehr wenig über diese Geschichte ich
[57:43] habe also natürlich immer jemand dabei gehabt, der übersetzt,
[57:47] ihm etwas zu erzählen.
[57:48] Ich habe ihm Fotos von seiner Mutter gezeigt. Er fing dann an,
[57:53] ganz furchtbar zu weinen.
[57:56] Er hat nur gesagt, also auf Französisch übersetzt, wie so etwas wie,
[58:00] Mama, du bist so wunderschön.
[58:03] Also er war so berührt dann auf einmal, dass ich auch da Angst bekommen habe, kann er das verkraften?
[58:11] Und ich war auch erstaunt, dass er so wenig wusste über seine Mutter.
[58:15] Und dann kam der Satz, ich dachte, meine Mutter ist geisteskrank.
[58:20] Schon wieder. Genau, genau das Gleiche. Und er kam in mir eine so eine Wut,
[58:27] sage ich dir ganz ehrlich.
[58:28] Ich dachte, ich bin im falschen Film.
[58:31] Weil das ist ja das, was Barbaras Adoptiveltern über deinen Vater erzählt haben,
[58:38] also über ihren Vater ja auch.
[58:40] Und das Gleiche wiederholt sich dann bei Barbaras Sohn.
[58:43] Das ist ja der Wahnsinn. Und auch Florent wirkte auf mich wie eine verlorene
[58:49] Seele, wie jemand, der überhaupt keinen Halt hat,
[58:52] der auch keine, also wohl sehr einfache Zeit hatte mit seinen Adoptiveltern,
[58:58] da war sicherlich auch nicht alles schlimm und schlecht, aber er fühlte sich
[59:03] dort nicht, es war nicht sein Zuhause.
[59:06] Und ich glaube, das ist das Wichtige und ja und dann haben wir uns am nächsten
[59:12] Tag nochmal getroffen aber ich konnte eigentlich keine Verbindung zu ihm aufbauen.
[59:20] Und auf einmal sagte er, wir müssen in Italien anrufen.
[59:25] Dann sind wir in der Telefonzelle, weil sein Handy kaputt war.
[59:28] Und dann haben wir in Italien angerufen.
[59:31] Also ich wusste überhaupt nicht, was er von mir will, sage ich dir ganz ehrlich.
[59:34] Und dann hatten wir da eine Frau im Apparat und dann stellte sich heraus,
[59:36] ja, das ist die Mutter von meinem Kind.
[59:38] Also er hatte auch einen Sohn, relativ klein noch, also ein halbes Jahr zu dem Zeitpunkt, Enea.
[59:45] Und das fand ich dann auch wieder schön. also in dieser ganzen Tragik dachte,
[59:49] naja, irgendwie geht das Leben weiter und die Geschichte geht weiter und dann
[59:53] haben wir uns verabschiedet und das war's,
[59:56] und ich dachte jetzt ist es das Ende, ich werde nie wieder was von diesem jungen Mann hören und,
[1:00:02] ich hatte ihm zwar meine Nummer gegeben und dann wiederum.
[1:00:06] Ein paar Monate später bekomme ich über Facebook eine Nachricht und ich bin
[1:00:12] überhaupt froh, dass ich die gelesen habe, weil wenn man ja mit Menschen in
[1:00:15] Social Media nicht befreundet ist, verlinkt ist,
[1:00:19] landen diese Nachrichten ja erstmal in so einem Spam-Ordner von einer Frau aus
[1:00:23] Italien, die mir sagt, ja, ich bin Anita, ich bin die Mutter von Enea,
[1:00:29] die Partnerin von Florent.
[1:00:31] So, und dann ging wieder alles ganz schnell.
[1:00:35] Ich habe den Kontakt zu ihr hergestellt. Sie hat ein bisschen was geschrieben,
[1:00:38] auch wie schwierig ihr Leben ist, wie schwierig es auch mit Florent ist.
[1:00:41] Und ich habe mich dann, glaube ich, eine Woche später ins Flugzeug gesetzt und
[1:00:45] bin nach Turin geflogen.
[1:00:46] Wahnsinn, um deinen Großneffen kennenzulernen.
[1:00:51] In der ist da, glaube ich, zwei ungefähr, als du dahin fliegst.
[1:00:54] Ja, genau, so anderthalb, zwei, also noch relativ klein.
[1:00:57] Wie läuft denn so ein Kennenlernen ab von jemandem, den du noch vorher nie gesehen
[1:01:02] hast und wo du weißt, es ist Verwandtschaft von dir. Ist ja auch seltsam, ne?
[1:01:05] Also das war dann in dieser doch mittlerweile sehr langen Suche.
[1:01:08] Wir reden ja jetzt schon von gut zehn Jahren. Das war 2017.
[1:01:13] Der erste Moment, wo ich Glücksgefühle hatte.
[1:01:18] Wo ich das Gefühl hatte, es passiert was Wunderbares.
[1:01:23] Und zwar holt mich dann Anita mit dem Kleinen vom Bahnhof ab.
[1:01:28] Und mir kommt so ein kleiner Junge entgegen, total niedlich und nimmt meine Hand.
[1:01:35] Und das war für mich, ja, einer der schönsten Momente meines Lebens, weil ich so dachte.
[1:01:43] Irgendwie, natürlich ist es in dem Sinne kein Happy End, weil es so,
[1:01:48] diese ganze Geschichte so traurig drumherum ist, aber da ist so ein unschuldiger Junge,
[1:01:54] irgendwie und der ist, da ist das Leben, das Leben geht weiter Barbara kann
[1:01:59] ich nicht finden ich weiß nicht was mit ihr ist, lebt sie noch Florent,
[1:02:04] Ist in dem Moment auch leider irgendwie verloren.
[1:02:08] Und dann kommt dieser kleine Junge. Und ich habe dann ein paar wirklich sehr
[1:02:13] emotionale Tage in Turin gehabt.
[1:02:15] Da kam dann noch eine andere Person ins Spiel, eine Cousine von Anita, die übersetzt hat.
[1:02:20] Und wir haben sehr viel Zeit miteinander verbracht. Ich habe denen überhaupt
[1:02:23] erstmal die ganze Geschichte erzählt.
[1:02:26] Sie haben das verstanden und das war auch so wichtig für sie,
[1:02:29] auch etwas über Florent rauszufinden. Weil die Beziehung mit Florent war auch sehr, sehr schwierig.
[1:02:35] Und sie waren wirklich glücklich, dass ich gekommen bin.
[1:02:38] Also da hatte ich wirklich das Gefühl, ich bin willkommen und ich löse da etwas
[1:02:43] auf, dadurch, dass ich erzähle, was passiert ist.
[1:02:48] Und da machte auf einmal meine Suche auch Sinn, weil ich zwischendurch so damit
[1:02:54] gehadert habe, ob ich das überhaupt weitermachen soll.
[1:02:57] Warum machst du das eigentlich? Wie viel kannst du ertragen und wofür machst du das?
[1:03:01] Und da wusste ich, jetzt weiß ich, wofür ich das mache. Auch wenn ich Barbara
[1:03:05] nicht finden konnte und wenn ich vielleicht Florent nicht helfen kann und ich
[1:03:09] habe es wirklich versucht, das muss ich dazu sagen,
[1:03:12] kann ich dem kleinen Jungen helfen und das tue ich bis heute.
[1:03:15] Ich versuche da so oft wie möglich hinzufahren.
[1:03:18] Entweder treffen wir uns in Nizza oder ich fahre nach Turin und dieser kleine
[1:03:23] Junge hat auch in meinen Augen die größte Chance, diese Kette zu durchbrechen,
[1:03:27] weil er eine liebevolle Mutter hat.
[1:03:29] Auch sie, das ganze Umfeld ist auch natürlich nicht einfach,
[1:03:32] weil er auch ohne Vater groß wird.
[1:03:35] Wir wissen manchmal nicht, wo Florent ist. Florent meldet sich ab und an.
[1:03:39] Es ist aber immer problembehaftet. Aber dieser kleine Junge wächst in einem
[1:03:43] harmonischen Umfeld auf, weiß, dass er geliebt wird und sie wissen jetzt auch,
[1:03:51] und ich glaube, das ist das Wichtige,
[1:03:53] warum Dinge so sind, wie sie sind.
[1:03:55] Weil weder mein Vater hat vorsätzlich gehandelt noch Barbara.
[1:04:02] Es ist nicht immer alles, es soll nicht alles eine Entschuldigung sein,
[1:04:05] aber es vielleicht als Erklärung.
[1:04:08] Wie ist denn dein Verhältnis zu Enea und Anita heute? Ja, sehr herzlich und
[1:04:13] sehr schön. Ich wünschte, ich könnte noch mehr machen, könnte noch öfter hinfahren.
[1:04:17] Sie waren auch noch nie in Deutschland. Ich will mal gucken,
[1:04:19] dass wir das mal irgendwann hinbekommen, dass sie hierher kommen.
[1:04:24] Aber die letzten Jahre bin ich mindestens einmal im Jahr dorthin gefahren und
[1:04:29] wir verbringen Zeit zusammen. Jetzt war ich im Sommer wieder,
[1:04:31] jetzt im August, September in Nizza und bin von dort nach Turin gefahren.
[1:04:36] Und das ist einfach schön. Und auch diese Reisen jetzt nach Nizza sind auf einmal etwas Schönes.
[1:04:44] Das auch erst so seit zwei, drei Jahren. Davor, da habe ich immer gedacht,
[1:04:48] ich bin an einem der schönsten Orte der Welt und trotzdem ist dieser Ort in so eine Trauer gehüllt.
[1:04:54] Weil egal, was ich da rausgefunden habe, es war immer nur traurig.
[1:04:59] Es ist der Ort auch, wo deine Schwester verschwunden ist. Genau,
[1:05:02] und das ist mir schon auch immer bewusst.
[1:05:04] Also wenn ich da an den Strand gehe, ich kann das schon genießen,
[1:05:07] es ist einfach wunderschön.
[1:05:08] Aber ich weiß, okay, hier ist Barbara verschwunden.
[1:05:13] Was ist hier passiert? Warum? Und ich muss sagen, dass ich bis heute vieles nicht verstehen kann.
[1:05:21] Und mich damit abzufinden, dass ich auf...
[1:05:25] Viele Fragen keine Antwort bekommen werde, fällt mir schwer.
[1:05:29] Und ich würde schon gerne noch was rausfinden.
[1:05:32] Und was ich aber auch immer so denke, ich habe Barbara nicht gefunden,
[1:05:36] aber ich habe durch die Suche nach ihr so viele wunderbare Menschen kennengelernt.
[1:05:43] Jetzt nicht nur Anita und Enea, sondern auch all diese Menschen, die mir geholfen haben.
[1:05:47] Den Cousin von Barbara, mit dem ich bis heute sehr eng befreundet bin, mit seinem Mann.
[1:05:52] Ich habe die Cousine von Anita, die immer übersetzt, andere,
[1:05:57] es sind so viele, den Psychiater, mit dem ich auch mittlerweile befreundet bin,
[1:06:02] wo ich so denke, das ist so verrückt, weil manchmal denke ich so,
[1:06:04] ja, ob Barbara das mitbekommt oder wenn sie das wüsste, wie wäre das für sie?
[1:06:10] All das, was du auf dem Weg auch erlebt hast, ne, und ich fand gerade so schön,
[1:06:15] was du gesagt hast, diesen Kreislauf zu durchbrechen aus Schmerz und Lebenslügen
[1:06:20] und all dem und dass Ener jetzt auch wirklich die Chance hat,
[1:06:23] ein gutes Leben zu haben,
[1:06:25] ohne den Ballast, der da ja schon seit Generationen durch die Familie getragen wird.
[1:06:30] Was würdest du denn sagen, wie ist dein Verhältnis zu Florent heute?
[1:06:35] Leider ist es gar nicht existent, weil wir nicht wissen, wo er ist.
[1:06:42] Es gibt immer so Phasen, er hat sich vor zwei, drei Jahren bei mir gemeldet
[1:06:45] und gesagt, er will kommen.
[1:06:47] Und dann habe ich gesagt, ja, dann komm. Ich war mir klar, das wird nicht einfach,
[1:06:51] weil er ein Suchtproblem hat, wo ich mich auch frage, schaffe ich das?
[1:06:56] Aber ich würde die Herausforderung annehmen. Aber er lässt sich auch nicht helfen.
[1:07:00] Und das ist das große Problem.
[1:07:02] Auch nicht von Menschen aus seinem direkten Umfeld.
[1:07:05] Und ja, auch da denke ich mal, bin ich verantwortlich dafür, aber das bin ich nicht.
[1:07:12] Aber ich kann mir vorstellen, dass es nach, oder ich kann es mir auch vorstellen,
[1:07:17] dass ich diese Gedanken an deiner Stelle hätte, weil natürlich spielst du im
[1:07:20] Kopf so durch, wäre das mit Barbara anders gewesen,
[1:07:23] wäre es mit deinem Vater anders gewesen, also das ist ja alles so hätte,
[1:07:27] hätte, hätte Kette, aber du hast dafür ja keine Verantwortung.
[1:07:30] Nein, und davon muss ich mich natürlich freimachen, dass es am Ende doch nicht mein Leben ist.
[1:07:35] Und da kommen wir dann wieder auf diesen Spruch von meinem damaligen Partner,
[1:07:40] ich bin nicht der Stellvertreter meines Vaters.
[1:07:43] Das kann und will ich auch nicht sein. und ich bin da schon auch in etwas reingeraten.
[1:07:49] Was ich mir ja so gar nicht ausgemalt habe, aber trotzdem habe ich weitergemacht
[1:07:54] und da bin ich auch ein bisschen stolz drauf, dass ich nicht aufgehört habe
[1:07:58] und aufgegeben habe, als es schwierig wurde.
[1:08:00] Jeder andere hätte vielleicht gesagt, ach Gott, nee, dann noch so eine schreckliche
[1:08:03] Nachricht, naja gut, dann ist sie halt verschollen, ja, was soll's,
[1:08:07] ne, lass gut sein, nein, ich habe weitergemacht und auch wenn es unangenehm
[1:08:11] war und so oft so traurig.
[1:08:14] Jetzt bin ich auch ein bisschen durch die schönen Momente belohnt,
[1:08:19] und ich hoffe du kannst auch ein bisschen milder mit dir selbst sein dadurch
[1:08:24] auf jeden Fall und ich habe auch so viel über meine Familie erfahren warum sie
[1:08:28] so war wie sie war ich habe den Frieden mit meinem Vater gemacht,
[1:08:34] Auch mit meiner Mutter. Und das kann ich nicht mehr ändern.
[1:08:38] Es ist ein bisschen traurig, dass ich heute würde ich sie auch ganz anders damit
[1:08:44] konfrontieren. Aber damals war ich 20.
[1:08:46] Als 20-Jähriger erstens hätte ich mich nicht getraut.
[1:08:51] Und zweitens hatte ich andere Dinge im Kopf, die dann für mein Leben wichtiger waren.
[1:08:56] Und am Ende habe ich trotzdem jetzt doch einiges erreicht.
[1:09:01] Und ja, es ist gut so wie es jetzt ist.
[1:09:05] Würdest du sagen, dass deine Suche, diese lange Suche nach Barbara,
[1:09:09] eigentlich ein Lebensthema von dir, wenn man mal ehrlich ist,
[1:09:11] weil es sich ja schon so lange durch dein Leben zieht, würdest du sagen,
[1:09:14] diese Suche hat ein Ende gefunden?
[1:09:18] Das frage ich mich oft, aber in dem Moment zum Beispiel, wo ich ja jetzt mit
[1:09:21] dir wieder darüber spreche, ist es ja wieder so unglaublich präsent.
[1:09:26] Ich glaube, diese Suche, also die Suche an sich hat ein Ende,
[1:09:31] aber dieses Thema, das ist so ein großes Thema, geworden, das wird immer ein Thema sein.
[1:09:36] Ich habe das auch, weil ich so oft, während ich davon erzählt habe,
[1:09:42] haben so viele Menschen gesagt, mein Gott, das ist ja filmreif. Total.
[1:09:46] Und ich habe mit einem befreundeten Drehbuchautor natürlich auch ein Treatment geschrieben.
[1:09:53] Und mal gucken, wer weiß, vielleicht hat jemand den Mut, es zu verfilmen.
[1:09:58] Es ist ja nur eine sehr komplexe Geschichte, aber wir haben da was Nettes zusammengeschrieben.
[1:10:02] Ich drücke auf jeden Fall die Daumen, den Film würde ich mir definitiv anschauen.
[1:10:07] Was denkst du denn jetzt mit dem, was du heute weißt, was mit Barbara passiert ist?
[1:10:12] Das hängt ein bisschen immer von meiner Tagesverfassung ab. Also was ich nicht
[1:10:17] glaube, ist, dass sie sich das Leben genommen hat.
[1:10:20] Ich glaube am ehesten, dass sie verunglückt ist.
[1:10:23] Aber auf der anderen Seite denke ich mir, wenn sie, es müsste doch irgendwann
[1:10:28] taucht immer ein Körper auf. Ja.
[1:10:32] Und ich weiß es nicht, Philipp. Und jetzt kommt nochmal eine Spinnerei,
[1:10:37] aber ich habe mir vorher gesagt,
[1:10:39] dass ich auch meinen Freund mir die Tarotkarten gelegt habe und ich habe auch
[1:10:44] zweimal ein Medium besucht und die haben damals, das ist jetzt natürlich auch
[1:10:48] schon wieder ein paar Jahre her, beide gesagt, dass sie noch lebt und dass sie in Spanien lebt.
[1:10:53] Und ich habe diese Spur allerdings dann doch nicht verfolgt,
[1:10:57] weil ich gedacht habe, das schaffe ich einfach nicht.
[1:10:58] Ich kann nicht so ins Blaue jetzt noch in Spanien recherchieren.
[1:11:02] Ich habe es jetzt einfach mal so stehen lassen.
[1:11:05] Vielleicht ist es ja auch ein schöner Gedanke, dass sie in Spanien irgendwo
[1:11:09] in der Sonne sitzt und hoffentlich mit sich selbst im Reinen ist. Das hoffe ich auch.
[1:11:13] Würdest du sagen, auch das ist ja jetzt wieder so eine Nachbetrachtung,
[1:11:17] aber hat in Näher deiner Suche einen gewissen Sinn auch gegeben,
[1:11:20] dass du ihn gefunden hast? auch wenn das natürlich vorher nicht eingepreist war?
[1:11:24] Absolut. Aber dadurch wurde diese Suche jetzt auf einmal, oder diese Begegnung
[1:11:32] mit INEA hat so eine Eigendynamik entwickelt. Und das ist total schön.
[1:11:37] Wir hatten zum Beispiel bei meinem letzten Besuch und auch schon das Jahr davor,
[1:11:41] es war ein völlig normales, nettes,
[1:11:46] liebevolles Zusammenkommen. Wie bei einer Familie, bei Herzensmenschen.
[1:11:53] Und es ging nicht um Barbara.
[1:11:56] Verstehst du? Also es war, und da habe ich gedacht, ich bin,
[1:12:00] irgendwo sind wir da jetzt angekommen.
[1:12:02] Natürlich ist auch dort Barbara präsent, weil ich habe Anita Fotos von Barbara
[1:12:08] gegeben und sie hängen jetzt in dem Haus.
[1:12:11] Sie hat ein kleines Häuschen am Rand von Turin. Total liebevoll und zauberhaft
[1:12:15] und ich habe auch ihr ein kleines Bild, ein Selbstporträt, was mein Vater von
[1:12:20] sich gemalt hat, geschenkt. Auch das hängt dort.
[1:12:23] Aber auf einmal bekommt, glaube ich, die Vergangenheit auch ein Gesicht.
[1:12:30] Sie wissen, wo sie herkommen. In ihr weiß, hat eine Geschichte.
[1:12:35] Ich glaube, das ist doch auch wichtig, oder? Total.
[1:12:38] Die Wurzeln. Die Wurzeln, genau.
[1:12:41] Und da, glaube ich, deswegen alleine hat sich die Suche gelohnt,
[1:12:48] klingt so ein bisschen doof, aber
[1:12:49] hat es Sinn gemacht und wie es sich weiterentwickelt. Er ist jetzt elf.
[1:12:56] Wird ein junger Teenager, ich überlasse es ihm.
[1:13:01] Wie er den Kontakt möchte, ob er Kontakt möchte. Die letzten Jahre war immer
[1:13:05] wahnsinnig anhänglich. Es war richtig berührend und schön.
[1:13:09] Richtig, richtig toll. In dieser Traurigkeit doch was Schönes gefunden zu haben.
[1:13:13] Du hast gerade gesagt, filmreif, Drehbuch, Treatment und so.
[1:13:16] Ich sehe das alles vor mir.
[1:13:18] Hättest du die Suche nach Barbara gestartet, wenn du gewusst hättest,
[1:13:22] was da alles auf dich zukommt, auch an Aufwand und auch an Schmerz?
[1:13:26] Ja, das ist eine schwierige Frage, ehrlich gesagt. Ich weiß es nicht. Vielleicht nicht.
[1:13:33] Ich würde gerne noch wissen, fällt mir an der Stelle so ein,
[1:13:36] wenn du sie jetzt gefunden hättest, also wenn deine Suche erfolgreich gewesen
[1:13:39] wäre, wenn du jetzt vor Barbara stehen würdest, was würdest du ihr denn gerne sagen?
[1:13:43] Ich würde ihr sagen, dass sie geliebt wurde und dass sie gewollt war und dass
[1:13:50] man nach ihr gesucht hat.
[1:13:51] Weil ich glaube, das, was ich durch meine Recherche herausgefunden habe,
[1:13:56] und das war auch ihr großes Trauma, dass sie immer das Gefühl hatte,
[1:14:02] nicht gewollt gewesen zu sein.
[1:14:04] Und eigentlich war es ganz anders. Es war genau das Gegenteil.
[1:14:09] Hat sich denn dein Blick auf deinen Vater auch durch diese Suche nach Barbara verändert? Total.
[1:14:15] Also ich habe natürlich als Kind für seine Stimmungsschwankungen überhaupt kein
[1:14:21] Verständnis gehabt, weil es war natürlich auch schlimm.
[1:14:24] Ich war da ehrlich gesagt immer auf der Seite meiner Mutter.
[1:14:29] Das sehe ich heute anders. Also ich will da überhaupt nicht.
[1:14:32] Ich liebe meine Mutter und ich habe auch zu ihr ein gutes Verhältnis gehabt.
[1:14:35] Ich glaube, meine Mutter war auch völlig überfordert mit dieser Situation und hilflos.
[1:14:40] Aber für mich war immer mein Vater der Dumme, also der der der Familie Schaden
[1:14:45] zugefügt hat durch sein Verhalten.
[1:14:48] Und jetzt verstehe ich warum und ich würde ihm, ja, ich kann ihn heute nicht
[1:14:52] mehr in den Arm nehmen und sagen, alles ist gut, ich fühle mit dir,
[1:14:56] ich kann deinen Schmerz verstehen.
[1:14:58] Das ist, glaube ich, natürlich dann auch schwierig für so ein kleines Kind.
[1:15:04] Ja, das hat natürlich auch was mit mir gemacht und war auch nicht gut von meinem
[1:15:08] Vater, das muss man ganz knallhart sagen, aber wie so viele Eltern ihren Kindern
[1:15:13] vielleicht auch vieles zumuten.
[1:15:14] Ja, aber wir sind ja auch so wie wir sind wegen all der Verletzungen,
[1:15:19] die wir auch in uns tragen.
[1:15:21] Jetzt nicht als Entschuldigung gemeint, sondern das macht ja auch einen Teil
[1:15:24] von dem aus, dass wir daraus wachsen können.
[1:15:30] Ich finde, irgendwann fragt man sich an dieser Stelle, was wäre gewesen,
[1:15:33] wenn Raphaels Vater einfach offen darüber gesprochen hätte, was ihm damals passiert
[1:15:37] ist, statt dieses große Geheimnis mit sich herumzutragen.
[1:15:40] Der Tod seiner Freundin, der Mutter von Barbara, scheint für ihn eine traumatische
[1:15:45] Erfahrung gewesen zu sein.
[1:15:46] Und statt dieses Erlebnis aufzuarbeiten und offen damit umzugehen,
[1:15:50] wurde es ganz tief versteckt und zwar wortwörtlich in dieser alten Kommode,
[1:15:55] wo es für immer verschlossen bleiben sollte.
[1:15:57] Raphaels Vater griff zu Alkohol und hatte nach Raphaels Erzählung offenbar Zeit
[1:16:01] seines Lebens mit seiner Geschichte zu kämpfen.
[1:16:05] Aus der Psychologie weiß man, ein Trauma zu verarbeiten ist nicht nur für die
[1:16:09] betroffene Person selbst wichtig, denn ein Trauma kann tatsächlich weitergetragen
[1:16:14] werden in die nächsten Generationen einer Familie.
[1:16:17] Man spricht deshalb auch von einem transgenerationalen Trauma,
[1:16:21] wenn traumatische Erfahrungen von Eltern oder Großeltern psychische Probleme
[1:16:25] bei deren Kindern oder Enkelkindern auslösen.
[1:16:28] Wichtig ist hierbei, dass nicht das Trauma an sich, sondern die fehlende Verarbeitung
[1:16:32] für psychische Belastung in der Nachfolgegeneration sorgen kann.
[1:16:36] Das hat man erstmals nach dem Zweiten Weltkrieg bei Holocaust-Überlebenden beobachtet.
[1:16:41] Auffällige Symptome gab es nämlich nicht nur bei den Überlebenden,
[1:16:45] also bei denjenigen, die das Grauen selbst aus nächster Nähe erlebt haben,
[1:16:49] sondern auch später bei deren Kindern, die nach dem Krieg geboren wurden.
[1:16:53] Ähnlich wie die Eltern litten sie unter Albträumen, waren ängstlich,
[1:16:57] hatten soziale Schwierigkeiten und hatten Sorge, dass das Kriegstrauma sich wiederholen könnte.
[1:17:03] Wir wissen natürlich nicht, ob es in Raphaels Familie bzw.
[1:17:06] Bei den Nachkommen seines Vaters ein transgenerationales Trauma gibt, aber die,
[1:17:11] Gedanke kann ja auch für viele andere spannend sein.
[1:17:15] Ein transgenerationales Trauma ist nämlich nicht ausweglos.
[1:17:18] Wenn Betroffene die Traumakontexte verstehen, kann das zur Neubewertung zu mehr
[1:17:24] Empathie und besserer psychischer Integration beitragen.
[1:17:28] Wissen kann also eine Rolle bei der Verarbeitung spielen und auch dazu führen,
[1:17:32] dass wir zum Beispiel Eltern gegenüber weniger feindselig sind.
[1:17:35] Und das hat ja auch Raphael gerade erzählt.
[1:17:38] Als er verstanden hat, was seinem Vater geschehen ist, konnte das seine Erklärung
[1:17:43] und Deutung des Vaterverhaltens verändern.
[1:17:46] Daraus entsteht dann mehr Empathie, Verständnis und eine Möglichkeit,
[1:17:51] eigenes Erleben neu zu interpretieren.
[1:17:55] Du kennst ja den Podcast, das heißt du weißt, dass ich am Ende immer zwei Fragen stelle.
[1:18:00] Wenn du heute auf diesen einen Moment zurückblinkst, als dein Telefon klingelt
[1:18:05] und dein Bruder ist dran, welches Gefühl löst das in dir aus?
[1:18:09] Dieser Moment löst ein total warmes Gefühl aus. Es war ein warmer, schöner Tag im Garten.
[1:18:16] Ich war damals in einer vermeintlich glücklichen Beziehung.
[1:18:21] In einem schönen Haus, voller Vorfreude und Euphorie und ja,
[1:18:29] das war ein schöner Moment.
[1:18:31] Was daraus geworden ist, das hätte ich ja zu dem Zeitpunkt, habe ich das nicht
[1:18:34] gewusst und zum Glück wusste ich es auch nicht.
[1:18:37] Ja, das ist wie so oft im Leben, ist es manchmal gut, dass wir nicht in die
[1:18:42] Zukunft blicken können.
[1:18:43] Wie war es für dich heute mit mir über diesen einen Moment und alles,
[1:18:47] was danach kam und was davor war zu sprechen? Also es war ein sehr angenehmes Gespräch.
[1:18:52] Ich freue mich wirklich sehr, dass ihr euch und du dir die Zeit nimmst,
[1:18:56] mit mir darüber zu sprechen.
[1:18:58] Natürlich läuft jetzt durch dieses Gespräch nochmal so ein Film in mir ab und
[1:19:03] dieses Thema ist ja nur so komplex und ich denke mal, mein Gott,
[1:19:07] ich hätte dir gerne das noch erzählt und das noch.
[1:19:09] Das geht natürlich nicht, aber ich glaube, der Kern der Geschichte,
[1:19:13] den haben wir hoffentlich eingefangen.
[1:19:15] Und vielleicht kann man dadurch auch Menschen Mut machen, nicht aufzugeben,
[1:19:19] auch Dinge zu hinterfragen und vor allem nicht Lebenslügen mit sich rumzuschleppen.
[1:19:26] Also ein bisschen so eine Moral der Geschichte, da wäre ich sehr,
[1:19:30] sehr dankbar, weil auch in meinem Umfeld, muss ich sagen, oder jeder kennt das
[1:19:34] wahrscheinlich. Absolut.
[1:19:37] Leute, seid ehrlich miteinander. Auch wenn, wie gesagt, die Wahrheit ist dem
[1:19:42] Menschen zumutbar, manchmal die Wahrheit im ersten Moment wehtun kann.
[1:19:46] Ich glaube, am Ende ist es sehr befreiend.
[1:19:49] Ich danke dir sehr für dieses Gespräch. Also mich hat das bei mir auch nochmal
[1:19:54] ganz neue Perspektiven eröffnet.
[1:19:57] Vielen, vielen Dank. Ich danke dir für deine Ehrlichkeit und für deine Zeit.
[1:20:04] Ich habe es eben im Gespräch ja schon mal erwähnt, es gibt in der Podimo-App
[1:20:08] für Mitglieder noch einen Bonus-Teil.
[1:20:10] Da spreche ich mit Raphael ein bisschen mehr über sein Leben abseits der Suche
[1:20:14] nach Barbara, sein Leben als Schauspieler, als GZS-Star und über sein spätes
[1:20:20] Coming-out als homosexueller Mann.
[1:20:22] Ich freue mich sehr, wenn ihr auch da reinhört.
[1:20:27] In zwei Wochen gibt es eine neue Folge von dieser einen Moment und da werde
[1:20:31] ich mit Friederike sprechen. Es geht um ein Thema, das erstmal vielleicht ein
[1:20:36] bisschen sperrig klingt, Vollmachtsmissbrauch.
[1:20:39] Was würdet ihr tun, wenn euer Vater krank wird und ihr plötzlich nichts mehr
[1:20:44] von ihm hört oder seht, weil seine Lebensgefährtin den Kontakt verbietet und
[1:20:48] sämtliche Entscheidungsmacht über sein Leben hat?
[1:20:52] Frederikes Fall ist wirklich unglaublich und wir sprechen darüber in der nächsten Folge.
[1:20:57] Die hört ihr wie immer kostenlos zuerst in der Podimo App, ganz ohne Anmeldung.
[1:21:02] Also da könnt ihr es jetzt schon hören oder zwei Wochen später dann überall, wo es Podcasts gibt.
[1:21:10] Dieser eine Moment, der Podcast mit Philipp Fleiter, ist eine Produktion von
[1:21:16] Philipp Fleiter und WeMind im Auftrag von Podimo.
[1:21:19] Redaktion Philipp Fleiter-Lagentur. Bei Lacoithage und WeMind.
[1:21:23] Sounddesign und Schnitt Marius Fuchtmann für WeMind.

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