# "Wenn aus Trauer ein Garten wächst" mit Anja

An episode of [Dieser eine Moment – Der Podcast mit Philipp Fleiter](https://invisiblenetwork.ai/podcast/1754096105), 4 Oct 2026, 1 h 30 min.

Audio: https://ais.audiorella.com/podcasts/1806-dieser-eine-moment-der-podcast-mit-philipp-fleiter/255274-aus-trauer-ein-garten-mit-anja.mp3?v=2&awCollectionId=julephosting_69aaf1da6ba1a&awEpisodeId=255274

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## Transcript

[0:00] Hallo und herzlich willkommen zu einer neuen Folge dieser Eine Moment.
[0:04] Bevor wir starten, erstmal eine Inhaltswarnung. In dieser Folge geht es um Suizid
[0:10] und konkret auch um den Suizid von Jugendlichen.
[0:13] Wenn ihr merkt, dass euch dieses Thema gerade zu sehr belastet,
[0:16] dann passt bitte gut auf euch auf und entscheidet selbst, ob ihr diese Folge
[0:21] hören möchtet oder nicht.
[0:24] Dort in dem Gespräch hat er dann das erste Mal gesagt, also dass er nicht mehr
[0:28] leben möchte. Und da war mir klar, wie gravierend es um ihn steht,
[0:32] aber in dem Moment, wenn man das hört, ich habe nur gesagt, aber warum?
[0:36] Was ist denn los? Und ich habe es nicht verstanden. Also wenn das eigene Kind
[0:39] sagt, es möchte nicht mehr leben, man kann das nicht beschreiben.
[0:43] Ich bin angefangen zu weinen, er hat geweint und man ist so hilflos.
[0:51] Manchmal sind es nur ganz kurze Momente, die ein Leben komplett verändern können.
[0:57] Ein Augenblick, eine Entscheidung, ein Ereignis, ein Wimpernschlag und danach ist alles anders.
[1:06] Ich bin Philipp Leiter und ich treffe in diesem Podcast Menschen,
[1:09] um mit ihnen genau über diesen einen Moment zu sprechen, der ihr Leben für immer verändert hat.
[1:16] Mein heutiger Gast ist Anja. Sie hat etwas erlebt, das ich mir nicht mal vorstellen
[1:22] kann. Sie hat erlebt, wie es ist, sein Kind an Suizid zu verlieren.
[1:26] Nicht einmal, sondern zweimal.
[1:29] Und trotzdem sitzt sie heute hier und ist bereit, offen darüber zu sprechen.
[1:34] Nicht, weil diese Geschichte leicht zu erzählen ist, sondern weil psychische
[1:38] Erkrankungen und Suizid immer noch Themen sind, über die viel zu oft geschwiegen wird.
[1:45] Anja, schön, dass du da bist erstmal. Ja, danke, dass ich hier sein darf.
[1:49] Lass uns rein starten in den Moment, über den ich heute mit dir sprechen möchte.
[1:55] Der passiert in der Nacht auf den 25. November 2018.
[2:00] Du schläfst, als dich plötzlich die Türklingel weckt.
[2:05] Was denkst du in diesem Moment, wo es mitten in der Nacht klingelt?
[2:08] Also ich habe das Klingeln sofort wahrgenommen und wusste sofort,
[2:13] es ist irgendwas Schlimmes, weil nachts klingelt es nicht.
[2:18] Zu der Zeit hat halt auch noch mein Mann zu Hause gewohnt und wir sind beide
[2:22] halt an die Tür gelaufen und haben die Tür aufgemacht.
[2:27] Und dann hat die Polizei da gestanden und es war ein älterer Polizist und ein
[2:33] jüngerer und direkt dahinter haben zwei Seelsorger gestanden,
[2:37] das habe ich gleich gesehen und...
[2:40] In dem Moment war klar, es ist was Schlimmes passiert und mir war auch gleich
[2:45] klar, dass es was mit Tom ist. Und weil sein Bruder war zu der Zeit in Schweden
[2:50] zum Studium und die Schwester hat im Bett gelegen, genau. Ja, okay.
[2:56] Weißt du noch, was da mit dir passiert, als du da diese fremden Menschen siehst,
[3:01] die da vor der Tür stehen? Also wie reagierst du, was sagst du?
[3:05] Ich meine, ich hätte gesagt, ich will das nicht hören. Wir sind erst irgendwie
[3:09] von einem Verkehrsunfall ausgegangen, keine Ahnung warum.
[3:12] Also dieses Suizid war so weit weg für mich, also da habe ich überhaupt nicht
[3:17] dran gedacht. Ich habe gedacht, irgendwie ein Verkehrsunfall.
[3:21] Und dann sind wir irgendwann halt reingegangen und haben uns hier an den Esstisch gesetzt.
[3:27] Und dann haben die uns halt gesagt, was passiert ist. Und ich weiß gar nicht
[3:34] mehr richtig, wie. Also ich war, ich habe auch nicht geweint oder so.
[3:39] Also es kann sein, dass ich einmal geschrien habe an der Haustür.
[3:42] Aber ansonsten habe ich das alles aufgenommen. Und ich weiß noch,
[3:46] dass ich aufgestanden bin und habe gesagt, ich muss die Tür bei meiner Tochter
[3:50] zuziehen, dass die das nicht alles mitkriegt.
[3:52] Und habe dann aber gesehen, dass Felina schon wach ist und sich unter ihrer
[3:58] Bettdecke versteckt hatte und gesagt hat, bitte Mama, Tom soll nicht tot sein.
[4:04] Aber krass, dass du in der Situation noch so gedacht hast, es ist ja immer interessant
[4:10] in solchen Schocksituationen, zu was der menschliche Körper oder der Geist in
[4:14] der Lage ist, dass du direkt gedacht hast, okay, ich muss,
[4:17] sie davor schützen, dass sie das mitbekommt, dass das noch so in dir drin ist.
[4:21] Also das wundert mich jetzt heute auch, also ich habe insgesamt würde ich sagen,
[4:27] super funktioniert, würde man heute sagen, ich habe es geschafft.
[4:32] Eine Bestattung zu organisieren, eine Beerdigung zu organisieren und weiß heute
[4:36] nicht, wie ich das alles geschafft habe.
[4:38] Also im Nachgang denkt man, wie geht das? Oder wenn mir jemand das erzählt hatte
[4:44] von sich selber irgendwie, dass so etwas passiert ist, dann hätte ich wahrscheinlich
[4:48] gesagt, ich könnte gar nichts mehr.
[4:51] Und das Gegenteil war der Fall. Also ich habe wirklich funktioniert.
[4:55] Ja, wir kommen später nochmal dazu, warum dieses reine Funktionieren auch gar
[4:59] nicht immer so gut ist, aber vielleicht um zu verstehen, wie es zu diesem Punkt
[5:03] kommt, müssen wir ein paar Schritte zurückgehen.
[5:06] Du hast jetzt erstmal zu dem Zeitpunkt von außen betrachteten schönes Familienleben,
[5:11] du bist verheiratet, du hast ein Haus, du hast drei Kinder, erzähl uns ein bisschen davon.
[5:16] Also ich habe eigentlich ein stinknormales Leben gehabt, würde ich jetzt sagen,
[5:19] halt verheiratet seit etlichen Jahren und seit 94 irgendwie und drei Kinder halt.
[5:28] Ja, ich würde jetzt nicht sagen ein Sonnenscheinleben, aber ein gutes Leben.
[5:33] Zwar mit Krankheiten behaftet, also ich habe irgendwann 2013 meine kompetenten
[5:37] Haare verloren und habe eine schwere Augenerkrankung, aber es sind alles so
[5:42] Dinge, mit denen man irgendwie leben kann und wo es auch irgendwie immer weitergeht.
[5:47] Also klar, der Haarverlust war damals für mich ziemlich schlimm.
[5:52] Und da habe ich auch lange mit mir gehadert. Das ist 2013 passiert.
[5:56] Und ich weiß, dass mein verstorbener Sohn immer gesagt hat, Mama,
[6:00] scheiß was drauf, was die Leute sagen im Dorf. Wir kommen ja halt vom Dorf.
[6:04] Und genau, da ist sowas. Eine Frau, die keine Haare hat, natürlich.
[6:09] Oh Gott, was ist da los? Und die Leute denken sofort an eine schwere Krankheit.
[6:15] Ja und das hat mir im Nachhinein nach Toms Tod geholfen,
[6:19] dass ich wirklich in den Sommer nach Toms Tod mich das erste Mal öffentlich
[6:24] ohne Mütze und Perücke gezeigt habe für Tom und weil er immer gesagt hat,
[6:28] Mama mach das und sollen sie alle reden.
[6:32] Ja, dieses Leben kenne ich natürlich auch, du kommst ja bei mir aus der Ecke,
[6:35] Schloss Holte Stukenbrock glaube ich. Also wirklich nebenan sozusagen.
[6:40] Also war so eine eigene Familie mit Kindern schon immer das,
[6:44] was du dir so für dein Leben vorgestellt hast?
[6:47] Ja, ich glaube schon. Also das war so, ich meine, meine Eltern haben es uns
[6:51] natürlich auch so vorgelebt.
[6:53] Genau, ich habe selber zwei Geschwister und zwei Brüder, die jünger sind als ich.
[6:58] Und also für mich war irgendwie immer klar, ja, relativ früh heiraten und ja,
[7:05] eine Familie, ein Haus war immer ein Traum und so ist es dann auch gekommen.
[7:09] Wie ist denn so euer typischer Alltag oder dein typischer Alltag als Mama mit
[7:14] drei Kindern? Ich kann mir vorstellen, da ist auch einiges zu tun,
[7:17] die Kinder sind ja unterschiedlichen Alters, zwei Jungs, ein Mädchen,
[7:21] da gibt es irgendwie immer was zu tun, oder?
[7:23] Auf jeden Fall, also ich habe zu der Zeit Teilzeit gearbeitet und mein Mann
[7:27] Vollzeit, ich bin technische Zeichnerin gelernt, habe im Büro gearbeitet,
[7:31] lange auch in der Firma meines Vaters und,
[7:36] man hat dann so nachmittags so seine Sachen, also der Große hat Fußball gespielt,
[7:41] war da sehr engagiert und so.
[7:43] Der Nick, der Bruder der Jüngere, der hat Leichtathletik gemacht.
[7:47] Und meine Tochter Felina, die hat Kunsttouren gemacht im Bielefeld.
[7:51] Und natürlich fährt man die Kinder dann auch.
[7:55] Also man hat am Wochenende Wettkämpfe und man ist so total eingebunden in diesem
[8:00] Familienleben und auch alles, was Schule betrifft.
[8:03] Ja, das typische Mama-Taxi, wie man sich das so vorstellt. Genau,
[8:07] die Jungs konnten dann später irgendwann selber fahren, dadurch,
[8:09] dass ein großer Altersunterschied da ist.
[8:12] Also Felina und Tom sind acht Jahre auseinander und der konnte tatsächlich in
[8:17] der Grundschule sie dann schon mit dem Auto abholen.
[8:19] Und das war natürlich für sie, mein Bruder holt mich von der Grundschule mit
[8:23] dem Auto ab. Und das fand sie immer ganz toll, wenn sie gesagt hat,
[8:28] die Mädchen haben alle geguckt und gefragt, wer das ist. Und dann habe ich gesagt, mein großer Bruder.
[8:33] Und irgendwann fängt es dann aber an, dass du dir Sorgen machst um deinen ältesten
[8:39] Sohn Tom. Da ist er so, glaube ich, 17, 18 rum.
[8:43] Erzähl uns mal, was ist Tom denn so für ein Typ? Also Tom war ein typischer
[8:47] Sunnyboy, würde ich sagen.
[8:49] Also ein Mensch, der immer gut drauf war, viel gelacht hat, einen tollen Freundeskreis
[8:57] hatte schon von klein auf durch seinen Fußball.
[9:00] Er hat in Sende Fußball gespielt, schon seit der, ich meine,
[9:03] seit der F-Jugend und hatte da so einen festen Freundeskreis.
[9:08] Später hat sich das so ein bisschen differenziert. Da sind teilweise die Jungs
[9:11] auf andere Schulen gegangen, aber trotzdem sind sie befreundet geblieben.
[9:15] Und eigentlich ein sportbegeisterter junger Mann.
[9:19] Schnelle Autos hat er geliebt. Also er hat für die Marke Porsche geschwärmt und für alte Autos.
[9:27] Er hat selber so einen ganz alten BMW gefahren und von außen gesehen ein lebenslustiger
[9:33] Mensch. und wo man nie denken würde, dass es dem zwischendurch nicht gut geht.
[9:39] Du hast gerade gesagt, von außen betrachtet.
[9:43] Ging es ihm da schon nicht so gut innen drin?
[9:47] Was ist denn das, wo du das erste Mal so ein bisschen beunruhigt bist als Mama?
[9:51] Also Tom ist gerne feiern gegangen mit seinen Kumpels, was auch völlig normal
[9:55] ist. Und Fußballer können ordentlich feiern. Und bei uns im Ort kennst du ja auch Pollerns.
[10:02] Und die Mamas haben halt Angst um die Kinder und sind immer froh,
[10:06] wenn sie dann morgens wieder im Bett liegen.
[10:08] Und ums Abitur rum wurde das schon immer schlimmer mit diesen Feiern,
[10:13] diese Abi-Vorfeiern und viel mit Alkohol.
[10:17] Und ich habe dann halt irgendwann so den Punkt gehabt, wo ich gedacht habe,
[10:21] ist das vielleicht ein bisschen zu viel und geht das in die richtige Richtung.
[10:27] Aber man wird ja, naja Gott, die sind jung, wird dann gesagt und haben wir doch alle gemacht.
[10:32] Aber ich habe halt gesehen, dass es Tom oft die Tage danach überhaupt nicht
[10:36] gut ging. Also, dass er da nicht viel gesprochen hat. Er hat viel im Bett gelegen.
[10:42] Also, natürlich ist er ganz normal weiter zur Arbeit gegangen,
[10:45] aber ich habe immer gedacht, also, dieser Alkohol, der verändert irgendwas mit ihm.
[10:49] Du bist dann irgendwann sogar in eine Beratungsstelle, glaube ich,
[10:52] gegangen, weil du dir so große Sorgen machst.
[10:56] Kannst du denn mit Tom darüber sprechen oder macht er dazu?
[11:00] Also natürlich haben wir darüber gesprochen, wir hatten auch ein sehr gutes
[11:05] Verhältnis und der hat immer gesagt, ach Mama, mach dir doch nicht so einen
[11:08] Kopf, wegen dem bisschen Alkohol und ist doch immer alles gut und natürlich,
[11:14] man streitet sich und sagt dann, kannst du nicht versuchen, heute mal nicht
[11:18] ganz so viel zu trinken und Mensch, und wenn du Montag wieder arbeiten musst und so.
[11:23] Also diese Veränderung, die das mit ihm gemacht hat, wo er irgendwie immer trauriger
[11:27] wurde und immer mehr im Bett gelegen hat und da kam ich irgendwann dann gar
[11:31] nicht mehr gut an ihn ran.
[11:33] Also er hat immer gesagt, das ist alles in Ordnung, aber als Mama spürt man
[11:37] ja, wenn irgendwas nicht in Ordnung ist.
[11:40] Das ist dann, glaube ich, dein Bruder, der es schafft, so ein bisschen zu Tom
[11:43] vorzudringen und dass Tom dann auch sagt, okay,
[11:47] ich gehe jetzt mit Mama mal zum Arzt und er will dann aber unbedingt,
[11:51] dass du mit in den Behandlungsraum gehst und bei dem Gespräch dabei bist,
[11:55] was ja nicht selbstverständlich ist, weil da ist er ja schon über 18.
[11:58] Genau, da ist er gerade 18 geworden, das war direkt nach dem Abitur.
[12:01] Und was sagt oder offenbart Tom dann beim Hausarzt?
[12:06] Also wir waren erst beim Hausarzt und da äußert er schon das erste Mal,
[12:11] dass es ihm also ganz, ganz schlecht geht und dass er eigentlich nicht mehr will.
[12:15] Also so habe ich es in Erinnerung und der Hausarzt hat super reagiert und hat
[12:21] gesagt, okay, wir gucken jetzt, das war möglichst schnell einen Termin beim
[12:25] Psychologen bekommen und hat dann für uns telefoniert.
[12:29] Und wir hatten dann wirklich die Möglichkeit, am nächsten Tag schon zum Psychologen
[12:33] zu kommen. Und auch dort wollte Tom, dass ich mit reinkomme.
[12:36] Und dort in dem Gespräch hat er dann das erste Mal gesagt, dass er nicht mehr leben möchte.
[12:43] Und da war mir klar, wie gravierend es um ihn steht. Aber in dem Moment,
[12:48] wenn man das hört, ich habe nur gesagt, aber warum?
[12:52] Was ist denn los? Und ich habe es nicht verstanden. Also wenn das eigene Kind
[12:56] sagt, es möchte nicht mehr leben, das ist, man kann das nicht beschreiben,
[12:59] also ich bin angefangen zu weinen, er hat geweint und man ist so hilflos.
[13:04] Ja, also ich kann mir vorstellen, das ist somit das Schlimmste,
[13:08] was Eltern von ihrem Kind hören können, dieser Satz, ich möchte nicht mehr leben.
[13:14] Kannst du versuchen zu beschreiben, was so in deinem Kopf vorgeht?
[13:17] Ich kann mir vorstellen, dass das für dich auch eine sehr große Überraschung
[13:20] war, weil so hast du ihn ja gar nicht wahrgenommen in der Beschreibung, oder?
[13:23] Nein, also ich habe schon gemerkt, dass es ihm schlecht geht.
[13:28] Und ich habe halt gedacht, ja gut, jetzt gehen wir zum Psychologen.
[13:31] Und so nach dem Motto, der wird es schon richten, der wird schon irgendwie genau,
[13:34] wie es für alle körperlichen Erkrankungen eine Lösung gibt, gibt es dann auch,
[13:39] eventuell dafür einen Weg.
[13:42] Und genau das war der Hintergrund. Und ich war erst mal erleichtert,
[13:46] dass wir diesen Weg geschafft haben, da zum Arzt und dass er bereit war, er geht da mit mir hin.
[13:52] Ja und dann geht es ja auch seinen Weg, also Tom bekommt Medikamente verschrieben,
[13:56] er beginnt mit einer Therapie, also man versucht ihm zu helfen,
[14:01] was passiert dann mit ihm?
[14:03] Also er nimmt die Medikamente oder ich glaube, dass er die Medikamente nimmt
[14:08] und natürlich erwartet man dann irgendwie so eine Besserung,
[14:11] also dass es ihm irgendwann besser geht.
[14:13] Und das war irgendwie nie wirklich der Fall, dass es so richtig besser wurde.
[14:19] Und dann bin ich irgendwann mal bei ihm im Zimmer gewesen und man spricht darüber
[14:24] und dann wollte ich die Mülltonne mit runternehmen.
[14:26] Und dann habe ich halt gesehen, dass er diese Tabletten alle da reingeworfen
[14:31] hat. Also die Einzelnen, die er immer nehmen musste, die lagen alle einzeln in der Mülltonne.
[14:36] Und da habe ich gesagt, ich sage, aber warum nimmst du die nicht?
[14:38] Ja, weil der Scheiß sowieso nicht hilft, dass das in meinem Kopf aufhört.
[14:41] Das hat er damals gesagt.
[14:44] Und man ist verzweifelt. Ich sage, wir müssen ja eine Lösung finden, dass es irgendwie...
[14:49] Irgendwie weitergeht und dann haben wir halt gemeinsam beschlossen,
[14:53] okay, dann nimmst du die morgens in der Küche, bevor du zur Arbeit fährst und,
[14:57] ich warte, bis du sie genommen hast.
[14:59] Gefühlt ein bisschen wie beim Kleinkind, aber war für mich dann in dem Moment
[15:04] die Lösung und er war da auch mit einverstanden und dann haben wir das halt,
[15:08] die nächsten Monate so gemacht, also dass er die Medikamente dann hier unten
[15:12] in der Küche genommen hat vor mir.
[15:14] Gibt es aus dieser Zeit Momente, die dir besonders in Erinnerung geblieben sind?
[15:20] Ich denke an die eine Situation mit seinen Kumpels, wo die ihn nachts nach Hause
[15:24] bringen, was du im Vorgespräch erzählt hast. Also vielleicht magst du davon
[15:27] mal ein bisschen erzählen. Das war halt wieder, ich kann gar nicht mehr im Nachhinein
[15:31] sagen, die waren halt feiern, also er mit seinen drei besten Kumpels.
[15:37] Und dann hat es irgendwann nachts halt auch geschält und Tom war am Weinen und,
[15:42] die waren völlig hilflos. Also die konnten da gar nicht mit umgehen und konnten
[15:46] die Situation überhaupt nicht einschätzen.
[15:49] Und dann habe ich nur zu den Jungs gesagt, ich sage, ich gucke nach ihm und,
[15:52] er wird morgen mal mit euch sprechen.
[15:54] Und dann habe ich am nächsten Morgen das Gespräch halt mit Tom gesucht.
[15:58] Ich sage, es ist vielleicht gut, wenn deine besten Freunde wissen,
[16:04] was mit dir los ist, dass du eine Depression hast und der Alkohol,
[16:09] der hat dann halt solche Dinge mit ihm gemacht, also dass er dann auf einmal geweint hat,
[16:15] und die Jungs, die konnten es nicht einstufen, also was da jetzt wirklich gerade passiert.
[16:20] Und ja, und dann hat er, also da war ich natürlich nicht bei,
[16:24] aber er wird dann mit seinen Freunden gesprochen haben.
[16:27] Also die drei besten Freunde wussten von der Depression dann.
[16:31] Das war für mich eine Erleichterung. Das kann ich mir vorstellen,
[16:34] weil es ist das alleine mit sich auszumachen ist.
[16:38] Ja ganz, ganz furchtbar eigentlich, aber das ist ja auch ein gutes Stichwort,
[16:42] was du gerade gesagt hast mit
[16:44] darüber sprechen, also wie geht ihr denn als Familie nach außen damit um,
[16:48] ist das etwas, wo ihr auch mit anderen darüber sprechen könnt,
[16:51] wo das Umfeld irgendwie Bescheid weiß oder so?
[16:55] Nein, also fast gar nicht. Also klar, die engste Familie wusste es,
[16:59] aber mit anderen drüber sprechen, ich weiß, dass ich, ich war damals im Laufferein und ich habe es
[17:04] mal beim Laufen einer Lauffreundin erzählt ein bisschen, dass es Tom nicht gut
[17:08] geht, aber es war irgendwie so schambehaftet.
[17:11] Also genau, warum ist das jetzt bei uns und nach außen ist doch alles so toll
[17:15] bei uns und der ist doch immer so gut drauf. Also für mich war irgendwie so,
[17:21] wie erkläre ich den Leuten, dass es ganz anders ist.
[17:25] Das war irgendwie so das Schlimmste. Und ich bin heute froh,
[17:28] dass ich gelernt habe, offen damit umzugehen.
[17:31] Aber damals habe ich immer so gedacht, also wenn das Kind in Therapie ist und
[17:36] depressiv ist, es müsste eine Rundumbetreuung geben für die Eltern auch.
[17:40] Und dass alle mit involviert werden. Wie gehe ich mit diesem Kind um,
[17:44] wenn es diese schlimmen Phasen hat? Und genau das hat gefehlt.
[17:48] Also ich hatte keinen Umgang damit. Also das war für mich alles neu.
[17:52] Den kann man ja auch eigentlich nicht haben, weil das erklärt einem ja vorher
[17:55] keiner. Und ich glaube, das große, große Problem ist, dass Depressionen so wahnsinnig
[18:00] schambehaftet immer noch sind.
[18:02] Und dass das eine Krankheit ist, wo immer von außen mitschwingt, stell dich nicht so an.
[18:06] Weißt du, wenn ich mein Bein gebrochen habe, dann sagen alle,
[18:08] oh Gott, du Armer, tut's denn weh?
[18:10] Und wenn ich sage, ich hab Depressionen und ich weiß das, weil ich da selber
[18:13] durch bin, sagen die Leute, ja mein Gott, mach mal länger Urlaub,
[18:16] dann geht's dir schon wieder besser.
[18:17] Das ist ganz schlimm und das ist eben diese Scham, die da mitschwingt,
[18:23] aber es scheint ja dann Tom irgendwann besser zu gehen, also er beginnt eine
[18:27] Ausbildung, hat eine Freundin, auch einen geregelten Alltag.
[18:30] Wie hast du dich da als Mama gefühlt?
[18:33] Also man fühlt sich irgendwie sicherer, genau. Also er ging zur Therapie und
[18:38] ich glaube, er kam auch mit der Therapeutin sehr gut klar.
[18:41] Also er hat nicht viel davon erzählt, aber ich glaube, er kam mit ihr klar.
[18:44] Und sonst wäre er da ja nicht immer weiter hingegangen. Und dann ging es irgendwann
[18:49] darum, dass er eine Berufsunfähigkeitsversicherung bekommt.
[18:55] Kann man sich ja vorstellen, es ist sehr problematisch, wenn man eine Depression hat.
[18:59] Sobald man die Schwelle einmal beim Psychologen übertreten hat und die Karte
[19:04] ist eingezogen, dann hat sich das erledigt.
[19:07] Dann bekommt man keine Berufsunfähigkeitsversicherung mehr. Und aufgrund dessen
[19:10] haben wir dann, die Therapie war beendet.
[19:12] Er muss irgendwie so knapp zwei Jahre Therapie gemacht haben.
[19:15] Und dann hat er nicht nur von der Therapeutin, sondern auch von dem behandelnden
[19:21] Psychologen eine Gesundheitsschreibung bekommen quasi.
[19:24] Und da drin, dass er gesund ist und dass er jetzt eine Berufsunfähigkeitversicherung
[19:30] abschließen kann. Wo man denkt, wie schön, es ist alles überstanden,
[19:35] jetzt geht es sozusagen aufwärts.
[19:37] Ich würde gerne nochmal kurz über dein jüngstes Kind sprechen,
[19:42] über deine Tochter Felina.
[19:43] Die hattest du ja gerade schon kurz erwähnt, die ist acht Jahre jünger als Tom
[19:46] und die beiden scheinen, so wie du das erzählt hast, ein ganz besonderes Verhältnis zu haben.
[19:51] Ja, die haben sich geliebt. Also es war irgendwie, Tom hat sie von Anfang an
[19:57] auf Händen getragen und alle drei hatten ein tolles Verhältnis.
[20:01] Natürlich gab es auch, als Kinder
[20:03] haben die sich gekloppt, das ist völlig normal und gerade die Jungs.
[20:08] Aber nachher war es irgendwie so, gerade zu dem Zeitpunkt, als der Nick nach
[20:13] Schweden ging und Tom halt in dieser Phase war mit der Depression,
[20:17] also es war so schön zu sehen, wie die drei, die sind zusammen in den Trampolinenpark gefahren.
[20:24] Ob es jetzt McDonalds war oder so. Also der hat die vom Training abgeholt aus Bielefeld, der Tom.
[20:30] Und ja, ist einfach ein schönes Verhältnis gewesen. Oder wenn die,
[20:34] die haben manchmal, also Tom hat mit seinen Kumpels hier Uno gespielt und Felina
[20:38] war immer dabei. Und genau, die hatten immer viel Spaß miteinander.
[20:43] Also ein richtig schönes Verhältnis. Also so stellt man sich einen großen Bruder,
[20:48] glaube ich, vor. Ja, so einen großen Bruder wünscht man sich,
[20:51] glaube ich. Im November 2018 geht es Tom dann wieder schlechter.
[20:57] Woran merkst du das? Erstmal noch gar nicht so.
[21:01] Erstmal ist alles noch ganz normal. Dann gibt es eine Weihnachtsfeier.
[21:05] Das ist der Freitag, das ist dann der 23.
[21:09] November. Es gab eine Weihnachtsfeier von der Firma, wo er gearbeitet hat.
[21:14] Und alles ganz normal. Er ist da hingegangen.
[21:18] Am nächsten Morgen natürlich wieder Land und er konnte nicht aufstehen.
[21:21] Und ich weiß, dass ich an dem Tag mit Felina in die Stadt fahren wollte.
[21:24] Und ich habe immer relativ früh die Weihnachtsgeschenk-Ahle besorgt.
[21:28] Und Tom bekam schon als Kind immer ein FC Bayern München Trikot.
[21:33] Zu Weihnachten und zum Geburtstag. Und ich bin mit Felina dann in die Stadt
[21:38] gefahren. Und ich weiß, ich kann
[21:39] mich erinnern, dass ich seine Französischlehrerin noch getroffen habe.
[21:45] Aber die mochten sich sehr gerne. Und dann hat sie noch gesagt,
[21:48] grüßen Sie den Tom bitte ganz lieb von mir. Und dann hatte ich Tom noch einmal
[21:52] geschrieben und gefragt, welches Trikot es denn nun sein soll,
[21:55] weil es gab wieder irgendwie ein Auswärtstrikot und ein Heimspieltrikot,
[21:59] keine Ahnung, ich habe da keinen Plan von.
[22:01] Und er hat mir dann auch nur ganz kurz geantwortet, das und das sollte es sein.
[22:05] Und ja, und dann habe ich das gekauft und wir sind nach Hause,
[22:09] da kann ich mich noch dran erinnern und...
[22:12] Und dass seine Freundin mir mehrmals geschrieben hatte, was denn mit dem Tom
[22:16] los sei. Der wollte eigentlich noch kommen. Die lebte in Norddeutschland.
[22:20] Und ich habe nur gesagt, der war gestern Abend feiern. Ich weiß nicht, ob der heute noch kommt.
[22:24] Und dann bin ich einmal hochgegangen zu ihm und habe zu ihm gesagt,
[22:28] ich sage, schreibt der Christine doch wenigstens mal einmal gerade,
[22:31] dass sie Bescheid weiß, dass du eventuell heute nicht mehr kommst.
[22:33] Und ja, ja, mache ich gleich.
[22:36] Soweit alles erstmal im Rahmen. Er war schlecht drauf, das habe ich gemerkt.
[22:41] Und dann ist er noch einmal bei seinem Kumpel gewesen. Also ja,
[22:45] die haben, glaube ich, zusammen eine geraucht. Und im Nachgang habe ich dann
[22:49] halt gehört, dass der Freund ihn nach Hause bringen sollte. Er wollte gar nicht
[22:53] mit dem Fahrrad nach Hause fahren.
[22:55] Der war komisch drauf, hat er im Nachgang zu mir gesagt.
[22:58] Und er hat ihn dann nach Hause gebracht. Und ich weiß, an dem Tag,
[23:02] an dem Samstag, da hatte ich mit meiner Mama in der Küche gestanden,
[23:05] habe noch gesehen, wie er wiederkam.
[23:07] Der winkte einmal durchs Fenster und ist dann wieder nach oben gegangen.
[23:11] Und dann bin ich irgendwann späten Nachmittag oder frühen Abend zu ihm nochmal
[23:15] hochgegangen und habe gesagt, du, wir wollen gleich Pizza bestellen,
[23:19] möchtest du auch eine Pizza haben?
[23:20] Nee, nee, für mich braucht er nicht mitbestellen. Ich wollte gleich noch zu dem und dem.
[23:26] Der ging freitags in eine Technikerschule, samstags in eine Technikerschule.
[23:29] Und dadurch, dass er jetzt getrunken hatte, war das natürlich nicht möglich an dem Tag.
[23:35] Und hat gesagt, nee, ich wollte mit dem den Stoff nachholen und genau,
[23:39] da fahre ich jetzt gleich hin.
[23:41] Habe ich mir überhaupt nichts mehr. Und dann war auch irgendwann das Auto weg.
[23:44] Also genau, das Auto war nicht mehr da und er war vermeintlich zu seinem Kumpel
[23:50] gefahren. Und das war das Letzte, was ich von Tom gehört habe.
[23:55] Das heißt, das Letzte, was du
[23:56] mit ihm besprochen hast, war eine Pizzabestellung sozusagen. Ganz genau.
[24:01] Das ist nämlich das Wochenende, an dem Tom sein Leben beendet.
[24:04] Da sind wir jetzt wieder am Anfang, worüber wir gesprochen haben.
[24:08] Die Polizei steht bei dir vor der Tür, überbringt ihr diese Nachricht oder euch
[24:11] diese Nachricht und du musst dann auch mit deiner Tochter darüber sprechen,
[24:16] weil die hat es nämlich mitbekommen sozusagen.
[24:19] Also du wolltest es eigentlich verhindern, dass sie es mitbekommt.
[24:21] Da waren wir eben, wolltest die Tür zumachen, hast dann aber gemerkt,
[24:25] sie liegt da und ist wach.
[24:27] Also hat sie direkt auch gehört, was die Polizisten gesagt haben oder hast du es ihr dann gesagt?
[24:31] Sie hat es gehört, glaube ich, sie wusste es schon, weil sie gesagt hat, ist Tom tot.
[24:35] Und ich weiß gar nicht, ich habe sie in den Arm genommen, dann habe ich sie
[24:39] mit ins Wohnzimmer getragen, habe sie bei mir aus dem Schoß genommen und ich
[24:43] weiß dann gar nicht mehr genau, es war so ein Durcheinander irgendwie.
[24:46] Sie hat geweint, ich habe sie getröstet, aber ich hatte die Nachricht selber
[24:51] gerade erst gekriegt. Man steht so neben sich, man kann sich das nicht vorstellen.
[24:56] Und ich weiß dann, dass ich irgendwann gesagt habe, ich möchte,
[24:58] dass Mama und Papa kommen. und.
[25:02] Und dann hat der eine Polizist noch gesagt, sind ihre Eltern in der Lage,
[25:05] Auto zu fahren? Ich sage, ja, das schaffen die, die wohnen nur drei Minuten
[25:08] von hier. Und dann haben wir meine Eltern noch angerufen, dass sie kommen.
[25:11] Und ich meine Schwiegereltern auch.
[25:14] Die kamen dann irgendwann alle und die waren dann alle hier im Wohnzimmer.
[25:17] Und es war ein Geweine und eine Fassungslosigkeit.
[25:22] Also man kann das nicht beschreiben. Also es war irgendwie so unwirklich,
[25:26] so unwirklich die Situation. Und an was ich mich noch gut erinnern kann,
[25:31] war, dass ich immer ständig gesagt habe, wann wird es endlich hell?
[25:35] Wann wird es endlich hell? Ich will, dass es hell wird und dann ist alles wieder
[25:39] gut. Also so war für mich. Und dann machen wir die Jalousien hoch.
[25:42] Ich habe dann irgendwann die Jalousien auch hochgemacht. Natürlich war es noch nicht hell.
[25:47] Einfach, ja, dass ich ausgucke und das Auto steht da und es ist alles wieder gut.
[25:54] Und das Auto stand auch da, das haben wir irgendwann dann gesehen,
[25:57] dass das Auto da steht. Und er hat im Prinzip das Auto, er ist nochmal wiedergekommen
[26:03] und hat das Auto hier abgestellt und ist von hier losgegangen.
[26:07] Das heißt, es ist wie ein Albtraum, wo man hofft, dass man irgendwie aufwacht
[26:11] und es ist gar nichts passiert so für dich. Also diese Fassungslosigkeit ist
[26:15] wahrscheinlich so das Gefühl. Ich habe immer gesagt, bitte nicht,
[26:18] bitte nicht. Aber warum?
[26:23] Und ich habe auch ein paar Mal gesagt, ich will das nicht hören.
[26:26] Und genau, also ein Albtraum.
[26:30] Das heißt, du musst ja erstmal mit dir selbst kämpfen, das überhaupt zu verstehen,
[26:34] aber gleichzeitig musst du es eben auch deinen Kindern sagen.
[26:37] Also dein anderer Sohn Nick, das hattest du ja gerade schon gesagt,
[26:39] der ist anderthalb Jahre jünger als Tom und ist zu dem Zeitpunkt für sein Studium in Schweden.
[26:44] Das heißt, du musst den dann am nächsten Morgen anrufen und dem mitteilen,
[26:49] dass sein Bruder tot ist. Also wie macht man das?
[26:53] Ich weiß es nicht. Ich war total im Funktionsmodus.
[26:57] Ich habe dann nur irgendwann gesagt, ich möchte nicht, dass er das über irgendjemanden
[27:01] erfährt, weil man weiß es selber auf dem Dorf, wie schnell sowas rumgeht.
[27:06] Und dann habe ich Nick halt morgens, ich denke mal, es war so halb sechs,
[27:10] sechs, habe ich ihn in Schweden angerufen und er hat abgenommen,
[27:15] hat gleich gesagt, ist irgendwas mit Tom und Tom.
[27:21] Ich habe dann zu Nick immer gesagt, geh mal zu deiner WG-Kollegin rüber.
[27:25] Wir waren vorher schon einmal in Schweden gewesen und kannten ein paar von den WG-Mitgliedern.
[27:33] Das war die, die mir in Erinnerung geblieben war. Ich wollte halt nicht,
[27:36] dass er alleine ist in dem Moment, wenn ich ihm die Nachricht überbringe.
[27:40] Und dann habe ich halt mit meinem schlechten Englisch, was ich habe,
[27:43] ich habe dann zu Nick gesagt, gibt der Elli mal gerade das Telefon und habe
[27:47] ihr dann gesagt, was passiert ist und dass sie Nick halten soll und ja,
[27:55] und dann musste ich ihm das sagen.
[27:59] Ich glaube, was Schlimmeres gibt
[28:00] es nicht. Ein Kind eine Nachricht zu überbringen, dass der Bruder tot ist.
[28:06] Und man kann selber nicht da sein. Und es hätte keine andere Möglichkeit gegeben.
[28:12] Ich konnte ja nicht dahin fliegen. Und das gehört mit zu den schlimmsten Dingen,
[28:17] die ich erledigen musste.
[28:18] Ich glaube, das kann sich jeder vorstellen, der Kinder hat oder irgendwie Menschen
[28:22] hat, die er liebt. Dass das so ungefähr die schrecklichste Botschaft ist,
[28:27] die man jemandem überbringen kann.
[28:29] Du hast gesagt, du warst sehr im Funktionsmodus, weil es gibt ja auch viel zu
[28:34] tun dann nach so einem Tod, was man eben alles erledigen muss.
[28:38] Wie bist du denn selber mit deiner Trauer und deinem Verlust umgegangen oder
[28:41] konntest du damit überhaupt umgehen oder musstest du jetzt erstmal funktionieren
[28:45] für den Rest der Familie?
[28:47] Ich würde sagen, ich habe nur funktioniert, nichts anderes. Ich habe nur funktioniert.
[28:51] Es müssen so viele Dinge auch auf Ämtern geklärt werden, wenn ein Mensch stirbt.
[28:55] Das war mir alles gar nicht klar. Ich bin doch in meinem ganzen Leben noch nicht,
[29:00] mit einem Bestatter überhaupt in Kontakt gewesen. Und überhaupt diese ganzen
[29:04] organisatorischen Dinge. Also ich habe funktioniert. Und das würde ich sagen,
[29:08] hat auch alles gut geklappt.
[29:10] Freitags ist die Beerdigung von Tom gewesen. Ich bin montags wieder arbeiten
[29:14] gegangen. Und das hört sich jetzt vielleicht für viele Menschen,
[29:19] weiß ich nicht, total unglaublich an, wie kann die Arbeiten gegangen sein.
[29:22] Aber ich glaube, ich brauchte für mich irgendwie diese Struktur im Alltag und
[29:28] auch für meine Tochter, dass sie sieht, es geht irgendwie weiter.
[29:32] Oder sie musste wieder in die Schule. Ja, ich habe mir keine Zeit genommen zu trauern.
[29:36] Ich habe keine Auszeit genommen. Aber in dem Moment war es das Richtige für mich.
[29:40] Also dieses Weiterfunktionieren und irgendwie das, was noch da ist,
[29:44] irgendwie halbwegs aufrecht zu erhalten.
[29:48] Das ist ja das, was ich jetzt schon ganz oft gesagt habe und was ich so auch
[29:52] gelernt habe von dem Umgang mit Angehörigen. Es gibt keine...
[29:57] Kein richtiges Trauern, das gibt es nicht, das ist für jeden unterschiedlich
[30:01] und für manche ist es eben Weiterarbeiten und für andere ist es drei Wochen
[30:04] lang mit niemandem reden, aber
[30:06] in dem Fall war es ja nun auch so, du hattest ja gar keine andere Möglichkeit,
[30:09] du hast ja auch noch andere Kinder, um die du dich kümmern musst,
[30:11] du hast ja ein Leben, was irgendwie aufrechterhalten werden muss.
[30:14] Ich habe gelesen, dass du es auch eine Zeit lang wirklich gar nicht glauben
[30:18] konntest, dass du der Kriminalpolizei gesagt hast, wieso, ich habe doch gar
[30:22] keine Beweise, dass das wirklich jetzt mein Kind war, was da gestorben ist.
[30:25] Die Geschichte dazu ist, der Bestatter, bei dem Tom war.
[30:31] Den habe ich gefragt, ob ich von ihm Abschied nehmen kann.
[30:34] Und da hat er gleich verneint, nein, auf gar keinen Fall behalten,
[30:37] sondern so in Erinnerung.
[30:39] Und er hat mir nicht die Möglichkeit gegeben. Ich habe dann auch nicht mehr nachgefragt.
[30:42] Und ich weiß, dass in der Familie auch behalten, lieber so in Erinnerung.
[30:48] Aber ich weiß, dass dieser Drang ganz groß war, ihn zu sehen.
[30:51] Und ich habe diese Möglichkeit nicht bekommen. Und dann weiß ich,
[30:53] dass Tom schon beerdigt war.
[30:55] Und dass ich zweimal danach noch bei der Kripo, Ich habe ja dann diese ganzen
[31:00] Telefonnummern bekommen von den.
[31:03] Beamten, die das bearbeiten und dass ich zweimal dort angerufen habe und wissen
[31:09] wollte, aber dass es doch eigentlich keinen richtigen Beweis gibt, dass es mein Kind war.
[31:13] Also ich habe zwar das Portemonnaie übergeben bekommen, das Handy haben sie
[31:18] nicht gefunden, aber für mich war das irgendwie kein Beweis.
[31:23] Wer weiß, wie es da hingekommen ist. Und ich habe dann immer gedacht,
[31:27] vielleicht ist der ja auch ins Ausland abgehauen. Der wollte das vielleicht
[31:30] hier nicht mehr. Und ich habe mir irgendwelche Geschichten zurechtgelegt.
[31:34] Hauptsache, er ist nicht tot. Der Strohhalm, an dem man sich klammert,
[31:37] wie man das so schön sagt. Genau.
[31:39] Es muss doch jetzt irgendeinen geben, der jetzt mal sagt, da ist ein Irrtum
[31:43] und wir haben uns vertan. Und ich habe ganz oft auf dem Friedhof gestanden.
[31:49] Und ich muss da Stunden verbracht haben. Ich weiß, dass mein Ex-Mann manchmal
[31:52] gefragt hat, wo warst du so lange?
[31:55] Und es gab erst so ein Übergangskreuz auf dem Friedhof, bis der Grabstein kam.
[32:01] Und ich habe immer wieder den Namen von Tom gelesen und das Geburtsdatum, das Todesdatum.
[32:09] Und ich habe da immer gesagt, nein.
[32:13] Nein, das kann nicht sein, dass er nicht mehr da ist. Ja, und.
[32:21] Dieser Zustand hat ziemlich lange gedauert. Ich hätte jetzt gesagt,
[32:24] so bestimmt acht Monate, wo das wirklich gar nicht bei mir angekommen ist.
[32:30] Du hast gerade schon gesagt, dein Ex-Mann. Also im ersten Jahr nach Toms Tod
[32:36] kommt dann noch dazu, dass deine Ehe auseinanderbricht.
[32:40] Magst du vielleicht ein bisschen davon erzählen, in dieser Extremsituation,
[32:45] das hat glaube ich auch schon viele Beziehungen zerstört, sowas?
[32:50] Ich glaube einfach, dass wir ganz unterschiedlich getrauert haben.
[32:54] Also er ist auch direkt wieder arbeiten gegangen und hat so seine Dinge gemacht
[32:59] und ich habe meine Dinge gemacht.
[33:00] Es wurde kaum noch über irgendwas gesprochen. Also klar nur organisatorische
[33:06] Sachen, aber ich weiß im Nachhinein, dass ich mich oft allein gefühlt habe damit.
[33:12] Ja, und irgendwann ist es dann...
[33:15] War dann die Entscheidung, okay, das funktioniert so nicht und das ist für alle
[33:19] und für das Familienleben besser.
[33:22] Das heißt, da kommt dann nach diesem einschrecklichen Verlust der nächste Verlust,
[33:29] der Verlust deiner Ehe, was ja immer auch dein Traum war, dieses Familienleben zu haben.
[33:33] Aber wenn ich das richtig in Erinnerung habe, findest du so in dieser Zeit so
[33:37] eine Art Ventil für deine Trauer, nämlich deine Gartenarbeit.
[33:41] Also das ist ja auch eine ganz interessante Geschichte, wie du da hingekommen bist?
[33:46] Also ich glaube, ich war schon immer ziemlich gartenaffin. Also ich war immer
[33:51] total gern im Garten und bin dann halt dreimal in Traumakliniken auch gewesen.
[33:58] Und da gab es immer so eine Übung. Also man macht ja dann so Entspannungsübungen
[34:02] und so. Und es gab eine Übung, die hieß der Innere Garten.
[34:06] Und das war meine Lieblingsübung irgendwie. Ich habe tatsächlich nebenan,
[34:11] gibt es ein leeres Grundstück neben meinem Haus Und ich habe mir dann immer
[34:16] gut in Bildern vorstellen können, was daraus entstehen kann.
[34:20] Und dieser Moment immer, diese halbe Stunde, die wir diesen inneren Garten da
[34:24] praktiziert haben in der Klinik, das war für mich immer die totale Entspannung.
[34:29] Und ja, und dann bin ich irgendwann angefangen, habe einfach mal ein Beet ausgehoben
[34:34] und mit Omas alten Spaten.
[34:37] Und so nahm das dann seinen Lauf über die nächsten Jahre, dass ich das immer
[34:42] mehr erweitert habe. und jetzt mache ich halt mit einem Kleingewerbe einen kleinen
[34:47] Schnittblumenanbau, genau.
[34:49] Kannst du erzählen, was dir dieses in der Erde buddeln gibt?
[34:54] Weil es scheint dir ja wirklich zu helfen, auch mit all dem umzugehen,
[34:58] was in deinem Leben passiert ist.
[35:00] Es erdet. Im wahrsten Sinne des Wortes, ja. Genau, es erdet.
[35:04] Man kann die Wut rauslassen, wenn man mit den Spatenlöchern buddelt und man
[35:09] sieht, dass man was erschaffen kann.
[35:11] Also was aus so einem Stück Erde mit ein paar Blumensamen entstehen kann.
[35:15] Also ich glaube auch dieses Entstehen und für mich war auch immer ganz wichtig,
[35:20] dass ich das alles alleine mache.
[35:21] Und für mich, also das war die Zeit, wo ich irgendwie zur Ruhe kam,
[35:25] wenn ich da auf dem Acker gewühlt habe vor mich hin.
[35:28] Und genauso wie die Spaziergänge, die ich stundenlang alleine im Wald mit meinem
[35:33] Hund gemacht habe. Ich musste wieder sowas wie Achtsamkeit, das gab es für mich
[35:37] nicht mehr. Also ich habe nichts mehr wahrgenommen.
[35:40] Für mich war alles irgendwie nur noch schwarz-weiß und ich habe durch die Klinik
[35:44] gelernt, halt wieder auf Geräusche zu hören und einen Vogelswitscher mal wahrzunehmen.
[35:52] Und das habe ich wirklich so, wie ich es da gelernt habe, auch immer angewendet und,
[35:58] ja, und so sind dann lange Spaziergänge mit meinem Hund entstanden und das jetzt
[36:03] heute manchmal so ein bisschen wieder in den Hintergrund tritt.
[36:05] Also was ich vielleicht öfters mal wieder machen sollte oder mehr praktizieren
[36:10] sollte, das merke ich dann gerade in Phasen, wenn es mir nicht gut geht.
[36:15] Aber ich habe unheimlich davon profitiert, von der Natur und von meinem Garten.
[36:21] Jetzt ist ja diese Geschichte, wo man denken würde, wie viel Schlimmes kann
[36:25] einer einzelnen Person passieren in deinem Fall, leider ja noch nicht vorbei.
[36:31] Also es klang, finde ich jetzt schon so ein bisschen an, deine Tochter Felina,
[36:35] die ja ein enges Verhältnis zu Tom hatte, die hat es in der Schule auch nicht
[36:38] immer so ganz leicht gehabt, oder?
[36:41] Ganz genau, also die ist halt irgendwann auf die gleiche Schule gegangen,
[36:45] auf das gleiche Gymnasium wie Tom und da war Tom natürlich schon runter von
[36:49] der Schule, aber irgendwie war es klar, der Bruder oder beide Brüder sind auch
[36:53] da hingegangen, da geht sie auch hin und.
[36:56] Und es fing eigentlich schon in der fünften Klasse an, also dass es oft schwierig war mit den Mädchen.
[37:01] Also Mädchen können ja ziemlich grausam sein, also mit den Jungs war es irgendwie
[37:05] gar kein Problem, aber mit den Mädchen war es tatsächlich schwierig.
[37:08] Und ich muss sagen, Felina ist so ein ganz herzliches Liebesmädchen gewesen
[37:15] und oft sind es ja die Menschen, die dann so in diese Opferrolle fallen.
[37:21] Also dass sie die fertig machen und solange Tom noch lebte, war das immer so,
[37:26] wir haben darüber gesprochen und es wurde auch immer wieder auf Elternsprechtagen
[37:29] darüber gesprochen und Tom war dann so jemand, ach, sollen wir da hinfahren
[37:34] und ihr vor Schienbein treten.
[37:36] Also er machte das dann auf seine Art und Weise und ich habe dann nur gesagt,
[37:40] das ist ja eine tolle Lösung, aber sie lachte dann und dann ging es erst wieder
[37:44] und mit dem Zeitpunkt, wo Tom dann gestorben ist, war halt dieser Tom abends nicht mehr da am Tisch,
[37:51] der solche Sachen sagen konnte und ich weiß, dass sie montags wieder in die
[37:55] Schule gegangen wird, es stand gleich eine Mathearbeit an.
[38:00] Da hat sie eine 6 geschrieben und die wurde genauso bewertet wie bei jedem anderen auch.
[38:06] Und ich habe mich so hilflos gefühlt. Also ich bin ja auch an der Schule gewesen
[38:11] und habe gesagt, das und das ist passiert. Und habe ein Auge auf Felina und,
[38:15] ich habe mich allein gelassen gefühlt.
[38:18] Nur, dass ich das gerade richtig verstehe. Die hat in der Woche nach dem Tod
[38:22] ihres Bruders, der ihre engste Bezugsperson war, eine Mathearbeit schreiben müssen.
[38:27] Tom ist freitags beerdigt worden, dann war der Samstag und ich weiß,
[38:32] dass den Sonntag, da habe ich sogar noch gesagt, ich sage, du schreibst doch
[38:35] die Mathearbeit und guck da nochmal in die Bücher und ja,
[38:40] also irgendwie, so wie immer halt, es muss ja irgendwie weitergehen und für
[38:46] mich war irgendwie so, dass diese Mathearbeit dann auch so bewertet worden ist.
[38:51] Ja, und dann wurde das halt quasi immer schlimmer, dass die Mädchen teilweise
[38:55] nicht mit ihr zur Schule fahren wollten. Und sie wurde immer ruhiger,
[39:00] hat immer weniger gesprochen.
[39:03] Sie hat teilweise wie so ein Tremor entwickelt. Also sie hatte extremes Händezittern.
[39:10] Und dass sie teilweise gar keinen Stift halten konnte. Und wir haben dann versucht,
[39:13] erstmal alles neurologisch abzuklären mit einer Gehirnschrift und so weiter.
[39:19] Und es war dann eigentlich relativ schnell klar, dass es wahrscheinlich von
[39:22] der Psyche kommt und dann haben wir irgendwann relativ schnell schon,
[39:25] Tom ist im November verstorben und ich glaube im Februar habe ich dann schon
[39:29] die Entscheidung getroffen mit ihr zusammen, dass sie die Schule wechselt.
[39:34] Also dass sie einmal raus komplett da rauskommt in eine andere Schule,
[39:37] in einen anderen Ort, wo keiner von dieser Geschichte Bescheid weiß und,
[39:42] Und das haben wir dann in Angriff genommen. Also ich bin da mit ihr vorstellig
[39:45] geworden an dem anderen Gymnasium. Und ja, und der hat dann halt gesagt,
[39:50] es gibt halt schon eine Warteliste, aber wir werden das besprechen.
[39:55] Und der hat sich dann drei Tage später gemeldet, der Direktor,
[39:57] und hat gesagt, ihre Tochter bekommt einen Platz.
[39:59] Und das war für mich so, also Feline hat, ich weiß noch, dass sie sich so gefreut
[40:03] hat und dass sie gesagt hat, aber Mama, schlimmer kann es ja jetzt auch nicht mehr werden.
[40:07] Ich sage mal, auf gar keinen Fall, es geht jetzt bergauf und genau,
[40:11] wenn du dann im Sommer auf die andere Schule kommst und es gab dann noch eine
[40:15] Klassenfahrt, an der sie gar nicht teilgenommen hat, weil,
[40:18] vorher ging es noch einmal um Zimmeraufteilung und dann hat irgendein Mädchen
[40:23] zu ihr gesagt, dich will doch sowieso keiner auf dem Zimmer haben und.
[40:28] Und das war dann irgendwie für mich so, wo sie mir das zu Hause erzählt hat.
[40:33] Ich sage, Felina, du fährst da nicht mit auf die Klassenfahrt,
[40:35] du bleibst einfach zu Hause, wir gehen zum Arzt, lassen dich krankschreiben.
[40:39] Und genau so haben wir es dann auch gemacht, wir haben sie krankschreiben lassen.
[40:43] Und sie ist dann montags nochmal in der Schule gewesen nach dieser Klassenfahrt
[40:48] und hat mich dann gleich in der großen Pause angerufen und hat gesagt,
[40:52] dass wieder irgendjemand was gesagt hat.
[40:54] Und es gab dann noch einen Elternsprechtag mit der Klassenlehrerin und dann
[40:59] hatte die mich halt angesprochen, sie hätte gehört, dass wir Felina eventuell
[41:03] an eine andere Schule geht.
[41:04] Und da habe ich gesagt, ja, ich sage, weil sich halt hier überhaupt nichts ändert.
[41:09] Und es hat einmal ein Gespräch gegeben mit allen Mädchen, wo alle Mädchen halt
[41:14] zusammengerufen wurden und mit einer Sozialarbeiterin von der Schule.
[41:20] Es hat sich nichts geändert danach, also überhaupt nicht. Also im Gegenteil,
[41:23] also Felina hatte ganz doll Angst vor diesem Tag, weil ich irgendwann zu der
[41:28] Lehrerin gesagt habe, es muss sich was ändern und ich bitte sie darum,
[41:31] dass jetzt wirklich was passiert.
[41:33] Und dann hat es halt dieses Gespräch mit den Mädels gegeben und Felina war an
[41:38] dem Tag aber nicht in der Schule, also wir haben sie freistellen lassen und
[41:43] ja, im Endeffekt hat es das alles noch schlimmer gemacht.
[41:46] Also dass dann quasi das Kind, was ist, schon fertig gemacht wird,
[41:51] hat es dann noch mal schwerer gehabt und irgendwann ist man dann an so einem Punkt, wo man sagt.
[41:57] Ja, es geht jetzt nicht mehr anders. Also es muss jetzt geändert werden.
[42:00] Und dann hat sie halt zur 11.
[42:04] Klasse hin, hat sie halt zur Oberstufe hin, hat sie dann halt das Gymnasium gewechselt.
[42:09] Und diese körperlichen Symptome, von denen du erzählt hast, also dieses Zittern,
[42:13] da bist du ja auch von Therapeut zu Therapeut am Anfang gelaufen.
[42:17] Und ich glaube, dann gibt es so eine Therapie für sie. Und du hast schon das
[42:21] Gefühl, dass das anschlägt und dass es ihr ein bisschen besser geht dadurch, oder?
[42:24] Sie hat eine Therapie gemacht, ganz normal bei einem Kinder- und Jugendpsychologen.
[42:30] Also man spricht ja jetzt mit diesem Therapeuten auch nicht ständig darüber,
[42:33] wie ist jetzt gerade die Lage bei Felina und so weiter.
[42:36] Und da, für mich gab es irgendwie so den Punkt, wo sie dann ihren Freund kennengelernt
[42:41] hat auf der neuen Schule. Das war für mich so ein Wendepunkt,
[42:44] also dass ich merkte, okay, die nehmen wir am Leben teil, die will auf Partys gehen.
[42:50] Und das war irgendwie richtig schön zu sehen.
[42:53] Also sie hatte dann auch auf der Schule gleich Anschluss gefunden.
[42:57] Also man kann das gar nicht beschreiben. Also die ist da aufgenommen worden
[43:00] mit offenen Armen und war da sofort integriert und ist auf Partys eingeladen worden.
[43:06] Und das war für mich so eine Erleichterung zu sehen, okay, das haben wir jetzt
[43:10] absolut richtig gemacht. So schwer dieser Gang war, sie da von der Schule runterzunehmen.
[43:15] Es ist ja für so ein 15-jähriges Kind nicht ganz einfach, die Schule zu wechseln.
[43:19] Und wir hatten das Gefühl, es geht bergauf.
[43:23] Ja, aber dabei bleibt es leider nicht.
[43:26] Fast, ja, so knapp zwei Jahre nach Toms Tod im September 2020.
[43:31] Ein Jahr und zehn Monate später, ja.
[43:33] Klingelt es wieder mitten in der Nacht? Nein, es hat nicht geklingelt.
[43:39] Mein Sohn, der oben seine Wohnung hat, der ist angerufen worden von Felinas Freund.
[43:46] Und der Mathis hatte dem Nick geschrieben.
[43:51] Oder angerufen und hat gesagt, die Felina hat so was Komisches geschrieben und
[43:56] kannst du mal bitte gucken, ob die in ihrem Zimmer ist.
[44:00] Ja, dort war sie natürlich nicht. Und dann ist Nick runtergekommen und hat gesagt,
[44:03] Mama, die Felina ist nicht da und die Haustür steht auf.
[44:08] Dann weiß ich noch, dass Nick sich ganz schnell angezogen hat,
[44:10] sagt er, ich fahre zum Friedhof.
[44:12] Und da ist sie manchmal abends hingefahren, aber eigentlich hat sie mich immer gefragt.
[44:17] Wenn sie ganz doll traurig war, dann hat sie immer gefragt, kann ich noch mit Inlinern kurz zu Tom?
[44:23] Und dann hat sie sich da halt abends manchmal hingesetzt. Und ich habe dann
[44:28] immer gesagt, aber dann sieh zu, dass du nicht so lange bleibst und komm mal
[44:32] so in einer halben Stunde wieder.
[44:35] Aber sie hat es halt vorher immer gesagt. Aber in dem Moment haben wir gedacht,
[44:40] okay, die ist vielleicht auf dem Friedhof. Und dann ist Nick zum Friedhof gefahren.
[44:46] Und in dem Moment, ich stand irgendwie draußen, genau, ich war mit Nick noch
[44:51] vor die Tür gegangen und dann habe ich irgendwann Rettungswagen gehört und die
[44:55] fuhren genau in die Richtung, wo Tom sich das Leben genommen hat.
[44:59] Und in dem Moment war mir klar, Felina ist tot.
[45:04] Das war, ich weiß nicht, ob man als Mutter sowas spürt.
[45:09] Also ich habe es gespürt, die ist tot. Ich weiß dann, dass ich die Feuerwehr angerufen habe.
[45:16] Also auch total nüchtern sage ich jetzt mal. Ich habe die Feuerwehr angerufen
[45:20] und habe gesagt, ich brauche Hilfe.
[45:22] Ich wohne da und da. Bitte schickt mir jemanden.
[45:26] Meine Tochter ist nicht zu Hause. Und mein Sohn hat sich vor knapp zwei Jahren
[45:32] das Leben genommen. Und die Rettungswagen fahren alle in die Richtung.
[45:35] Sie soll mir bitte Hilfe schicken.
[45:38] Und ist dann Hilfe gekommen? Ja. Mit der Nachricht, die du nicht hören wolltest wahrscheinlich?
[45:43] Die kam erst später, die Nachricht. Also mein Sohn ist von da dann halt zur,
[45:49] Unfallstelle gefahren.
[45:52] Mein Vater ist dann auch irgendwann dorthin gefahren. Die sind alle im Rettungswagen
[45:55] betreut worden. Und ich kann es schlecht einschätzen, vielleicht noch mal zwei
[45:59] Stunden gedauert. Also mittlerweile war bei uns das Haus auch voll mit Feuerwehr, Polizei.
[46:06] Und die Freunde von Felina waren hier, die beste Freundin und ihr Freund.
[46:11] Die waren nachts gekommen.
[46:12] Mein Bruder mit seiner Frau war da.
[46:16] Und irgendwann habe ich dann gesehen, wir saßen bei Felina oben im Zimmer.
[46:19] Und dann kam ein Polizist rein mit ihrem Handy und der hat dann die Kinder gefragt,
[46:25] ob das Felinas Handy wäre.
[46:27] Es war ein Foto von ihrer besten Freundin hinten mit dem Handy und und dann
[46:32] hat der eine Polizist ist dann zu mir hingekommen und hat gesagt, wir müssen Ihnen,
[46:39] sagen, dass Ihre Tochter leider verstorben ist. In dem Moment ich weiß nicht,
[46:46] ich habe auf Felinas Bett gesessen, ich bin vom Bett runtergerutscht und habe
[46:49] nur gesagt, ich schaffe das nicht nochmal.
[46:53] Ich schaffe es nicht.
[46:57] Das ist viel mehr, glaube ich,
[47:00] als ein Mensch einfach schaffen kann eigentlich, was dir passiert ist.
[47:06] Wie alt ist Felina geworden, 15 oder 16? 16.
[47:11] Also das, ich glaube, es gibt keine Worte, um das irgendwie,
[47:17] die trösten können. Ich will einfach nur sagen, es tut mir so unfassbar leid,
[47:21] was du erleben musstest.
[47:23] Wie gesagt, ich finde gar keine Worte dafür.
[47:25] Kannst du beschreiben, irgendwie in Worte fassen, was jetzt dieser zweite Suizid
[47:32] eines deiner Kinder mit dir macht? Weil einmal ist schrecklich,
[47:35] ist furchtbar, ist unfassbar. Und dann passiert dir das auch noch ein zweites Mal.
[47:42] Ich bin wieder im Funktionsmodus. Ja, total.
[47:47] Ich weiß noch in der Nacht die Seelsorge. Ich habe dann irgendwann gefragt,
[47:52] wo wird meine Tochter hingebracht, zu welchem Bestatter und dann haben die halt
[47:55] gesagt zu dem und dem und das war der Bestatter, zu dem Tom auch damals gebracht
[47:59] wurde der mir nicht die Möglichkeit gegeben hat, mich zu verabschieden da habe
[48:03] ich gesagt, ich möchte, dass sie da heute Nacht noch weggeholt wird,
[48:06] ich möchte, dass sie nach Verl gebracht wird und,
[48:11] den Bestatter kannte ich mittlerweile im Nachbarort durch den Grabstein aussuchen
[48:16] und der war sehr empathisch und dann haben die gesagt, ich muss mich um nichts
[48:20] kümmern Die werden sich kümmern, dass Felina da heute Nacht noch hingebracht wird.
[48:24] Und ich habe wieder funktioniert.
[48:28] Ich weiß, dass ich morgens noch organisiert habe. Das Auto von meinem Sohn stand
[48:32] dann halt noch an der Unfallstelle.
[48:34] Da habe ich beim Nachbarn geklingelt und gesagt, könnt ihr das Auto da wegholen?
[48:38] Und so und so. Felina ist heute Nacht verstorben.
[48:43] Ich bin mit dem Hund ganz normal eine Runde gegangen und also so,
[48:48] als wenn es nicht war, wer hat dann irgendwann meine Freundin angerufen und die ist dann gekommen.
[48:57] Und dann habe ich nach und nach, wie so ein Roboter, meine Freundin alle angerufen.
[49:02] Und ich kann es auch nicht erklären, warum ich so reagiert habe.
[49:06] Ich habe funktioniert. Und nach Felinas Beerdigung bin ich tatsächlich,
[49:11] also ich bin 14 Tage da zu Hause gewesen.
[49:14] Also bis zur Beerdigung und dann nochmal fünf Arbeitstage und bin dann montags
[49:18] wieder arbeiten gegangen, wie gewohnt.
[49:21] Jetzt kommt ja noch dazu, wenn wir uns erinnern, 2020 Corona-Zeit,
[49:27] das heißt der Tod deiner Tochter fällt genau in diese Zeit, das ist ja auch
[49:30] nochmal erschwerend gewesen, oder? Eine Katastrophe, ja.
[49:34] Eine Katastrophe. Also erstmal die Beerdigung. Wir hatten ein Glück,
[49:38] den Bestatter, der alles möglich gemacht hat und es war eine große Beerdigung und
[49:43] es war mir auch ganz, ganz wichtig, dass ganz viele von Felina Abschied nehmen
[49:47] können, dass jeder den Raum bekommt, sich von ihr zu verabschieden.
[49:50] Und es gab zwei Termine beim Bestatter, wo sie sich alle nochmal von Felina
[49:55] verabschieden konnten am geschlossenen Sarg. Und es war halt alles total schwierig.
[50:02] Und dann ist diese Beerdigung.
[50:05] Wo noch mal diese Massen auf dem Friedhof sind.
[50:12] Ich kann mich an die Beerdigung erinnern, ja, weil ich zu dem Zeitpunkt kein
[50:17] Medikament bekommen habe.
[50:18] Bei Tom auf der Beerdigung hatte ich ein Medikament bekommen und ich habe bewusst
[50:22] mich dagegen entschieden, weil ich mich lange Zeit nicht an die Beerdigung von Tom erinnern konnte.
[50:26] Also habe ich bei Felina kein Medikament bekommen. Und,
[50:31] es gab danach noch ein Kaffeetrinken bei uns hier zu Hause, weil es öffentlich
[50:36] halt nicht möglich war wegen Corona und dann sind wir abends alle auseinandergegangen,
[50:41] und danach war Totenstille, nichts, also man konnte sich nicht treffen,
[50:47] es gab kaum Kontakte, jeder war so mit dem Thema Corona total beschäftigt und.
[50:55] Corona war für mich so nebensächlich, das ist so an mir vorbeigerauscht in der
[50:59] Zeit, weil ich ganz andere Dinge hatte im Kopf.
[51:03] Und für die Menschheit gab es nur dieses Corona und diese Zeit halt,
[51:08] die man danach hat, also dass Menschen auch zu Besuch kommen und mit einem trauern,
[51:13] die haben wir in der Form bei Felina nicht gehabt und das war sehr, sehr schwer.
[51:19] Das kann ich mir vorstellen. Ich war auf einer einzigen Beerdigung in der Zeit, das war ganz traurig.
[51:24] Ich glaube, wir durften fünf Leute sein oder so. Allein das ist ja schon so,
[51:28] schlimm und fühlt sich jetzt so wahnsinnig weit entfernt an.
[51:32] Aber das fiel mir jetzt gerade noch ein. Und eine Frage verstehe ich bitte nicht
[51:36] falsch, aber ich habe bei den Gesprächen, die ich bis jetzt geführt habe mit
[51:39] Menschen, also Angehörigen von Leuten, die sich suizidiert haben,
[51:42] viele von denen haben mir erzählt, dass sie den Gedanken hatten,
[51:45] hätte ich was tun können.
[51:47] Also hast du dir in dieser Zeit der Trauer und des Schmerzes auch Vorwürfe gemacht?
[51:54] Ja, total. Also ich glaube, das hat Jahre gedauert, das aufzuarbeiten.
[52:00] Also für mich war irgendwie immer, ich habe versagt als Mutter,
[52:05] ich habe irgendwas falsch gemacht und ich hätte Zeichen erkennen müssen.
[52:12] Ich habe es bei Tom nicht erkannt oder dass es so kritisch ist und wie kann
[52:18] es sein, dass ich es bei Felina wieder nicht erkannt habe.
[52:22] Aber dieser Tag, an dem Felina sich das Leben genommen hat, war so normal.
[52:27] Wie ein Tag nur sein kann. Wir waren morgens noch beim Fotografen gewesen.
[52:32] Ein Führerscheinfoto sollte für sie gemacht werden. Die wäre montags mit Führerschein angefangen.
[52:37] Und genau, wir sind beim Fotografen gewesen, haben Fotos gemacht,
[52:42] unter anderem ihrem Hund fotografiert. Und sie wollte unbedingt ein Foto in
[52:47] der Küche haben von ihrem Hund, von dem Snoopy.
[52:50] Als Ersatz für mein hässliches Kaffeebild, hat sie immer gesagt,
[52:53] was so seit Jahrzehnten hängt.
[52:55] Und ja, der Tag war ganz normal. Ich weiß, dass ich nachmittags Rasen gemäht habe.
[53:00] Und dann kam ihr Freund noch mit dem Moped vorbeigefahren. Und wir haben dann
[53:03] abends noch mit dem Freund und ihr gegessen.
[53:06] Und es war alles so normal. Also es hat nichts darauf hingewiesen,
[53:12] dass irgendwas nicht in Ordnung sein könnte.
[53:14] Und im Nachgang habe ich halt auch von dem Freund gehört, dass die sich sogar
[53:18] verabredet hatten, für die Woche danach in die Stadt zu fahren.
[53:21] Und man macht sich Vorwürfe, dass man nicht irgendwie zwischen den Zeilen irgendetwas,
[53:25] nicht erkannt hat oder gesehen hat.
[53:27] Aber ich hoffe, du weißt mittlerweile, dass du nichts hättest tun können,
[53:32] weil wenn Menschen, so ist es ja leider, Suizid begehen wollen,
[53:35] dann ist sozusagen der Zug auf den Gleisen und ist auch nicht mehr aufzuhalten.
[53:40] Also selbst wenn du was gemerkt hättest, hättest du wahrscheinlich es nicht
[53:43] verhindern können, muss man ja ehrlicherweise sagen.
[53:46] Aber ich verstehe das total, weil diese Gedanken wird sich ja jeder machen.
[53:50] Du hast jetzt gerade wieder viel von Funktionieren gesprochen nach Felinas Tod.
[53:55] Irgendwann ist dann aber der Punkt erreicht, wo du nicht mehr funktionieren
[53:59] kannst. Ich glaube, das ist bei der Arbeit dann irgendwann, oder?
[54:02] Also ich habe dann halt meine Stunden immer weiter aufgestockt.
[54:07] Irgendwie muss ja auch alles bezahlt werden. Genau, das Leben muss weitergehen.
[54:10] Jetzt als Alleinerziehend und der Sohn noch im Studium. Und meine Eltern,
[54:15] die haben mich natürlich immer unterstützt, die waren jederzeit da.
[54:18] Und ja, aber ich habe dann, war dann irgendwann, wie kann ich das beschreiben,
[54:22] wie in so einem Robotermodus. Ich habe halt keine Nacht geschlafen.
[54:27] Wir haben alles an Medikamenten, glaube ich, ausprobiert, was es gibt mit Schlafmitteln.
[54:32] Ich habe keine Nacht geschlafen. Meistens war es dann so drei Nächte,
[54:36] die ich überhaupt nicht geschlafen hatte.
[54:38] Die nächste Nacht war dann wie so ein komatöser Schlaf, dass ich dann gar nicht klarkam morgens.
[54:45] So habe ich mich dann halt jeden Morgen ins Auto gesetzt. Ich bin um Viertel
[54:49] nach fünf immer aufgestanden, um sieben bin ich angefangen zu arbeiten.
[54:54] Morgens musste ich immer mit dem Hund eine Runde gehen, der musste ja nun auch
[54:57] versorgt werden, der durfte aber ein Glück mit zur Arbeit.
[54:59] Ja, und dann habe ich einmal morgens mal jemanden total die Vorfahrt genommen
[55:05] und habe das gar nicht richtig realisiert.
[55:08] Ich weiß noch, dass eine Freundin von mir war zufällig hinter mir und hat mir
[55:12] dann geschrieben, das war so knapp und hast du nicht geschlafen?
[55:17] Und ich weiß noch, wie böse ich reagiert habe, also ihr noch geschrieben habt,
[55:21] weil du so eine tolle Autofahrerin bist oder was.
[55:24] Und ich habe mich angegriffen gefühlt. Also ich war einfach,
[55:27] ich bin auf ein Zahnfleisch gegangen.
[55:29] Also es ging nichts mehr. Ich habe tatsächlich bis dato dann immer funktioniert.
[55:34] Es hat auch bei der Arbeit keine groben Fehler gegeben oder so.
[55:37] Und irgendwann war dann bei mir die Batterie so leer.
[55:41] Ich weiß, dass ich mich einmal übergeben musste bei der Arbeit.
[55:45] Dann bin ich in Tränen ausgebrochen, ohne irgendwie erfindlichen Grund.
[55:51] Und teilweise auch so schlimm dann, dass meine Eltern dann angerufen haben,
[55:56] dass die mich abgeholt haben und mich dann auch gleich zu meinem Psychologen gefahren haben.
[56:02] Und es war vorher schon immer die Sprache davon wegen einer Berentung.
[56:07] Und ich hatte da auch schon alles Mögliche in den Wege geleitet.
[56:12] Ja, und dann hat der quasi irgendwann dann gesagt, ich glaube, es ist gut.
[56:18] Wenn wir sie jetzt mal für einen Moment hier aus dem Verkehr ziehen und dass sie zur Ruhe kommen.
[56:24] Und dann bin ich quasi krankgeschrieben worden und war dann bis zur Berentung,
[56:30] bis das durch war, dann zu Hause.
[56:34] Und ich für mich kann jetzt sagen, ich war dann erst zwei Jahre berentet.
[56:38] Und diese zwei Jahre, die haben nicht ausgereicht, um...
[56:45] Wieder zur Ruhe zu kommen und wieder lernen zu schlafen und ja,
[56:50] überhaupt wieder im Leben klar zu kommen. Ich konnte endlich trauern,
[56:53] ich konnte viel mit meinem Hund unternehmen.
[56:56] Die Zeit war dann irgendwo da, aber sie hat nicht ausgereicht,
[56:59] diese zwei Jahre. Und ich bin dann nochmal für drei Jahre weiter berentet worden.
[57:04] Und das ist der derzeitige Stand auch. Und ich glaube für mich einfach,
[57:10] dass dieses einen ganz normalen Job, morgens zur Arbeit gehen,
[57:14] dass das für mich nie wieder möglich sein wird.
[57:16] Also so eine Trauer, die erschöpft total.
[57:20] Du bist, glaube ich, auch in einer Klinik gewesen, wenn ich das richtig gelesen
[57:24] habe, dann in der Zeit. Genau, ich war dreimal in einer Traumaklinik,
[57:29] jeweils für drei Monate ungefähr.
[57:32] Also ich glaube, was Besseres konnte mir nicht passieren. Ich habe da schon
[57:35] ambulante Therapie gemacht.
[57:38] Aber irgendwann ist man da auch an einem Punkt, wo man sagt,
[57:40] okay, wir kommen da jetzt so nicht weiter, vielleicht muss da irgendwie was Intensiveres her.
[57:46] Und dann haben wir uns halt entschieden, dass ich in eine Traumaklinik gehe.
[57:50] Und ich hatte damals das Glück, dass ich relativ schnell einen Platz bekommen habe.
[57:55] Ich glaube schon so nach vier Monaten und normalerweise wartet man anderthalb Jahre und länger.
[58:01] Und ich glaube, das war nochmal so ein Wendepunkt. Und also genau,
[58:04] ich glaube, ich würde sagen heute, wenn ich das nicht gemacht hätte,
[58:08] ich weiß nicht, wie es dann jetzt heute um mich stehen würde.
[58:12] Also ich glaube, die Erwartungshaltung von außen war irgendwann so da,
[58:16] das muss doch jetzt mal irgendwann besser werden.
[58:19] Aber nichts wurde besser, es wurde irgendwie alles nur noch schlimmer.
[58:23] Und diese Klinik, das war das Erste, was mir richtig geholfen hat.
[58:30] Einen Menschen zu verlieren, der einem nahesteht, gehört wahrscheinlich zu den
[58:34] schmerzhaftesten Erfahrungen überhaupt.
[58:36] Trauer ist dabei erstmal keine Krankheit, sondern eine ganz normale Reaktion auf einen Verlust.
[58:42] Aber nicht jeder Verlust lässt sich gleich verarbeiten. Besonders plötzliche
[58:46] und traumatische Todesfälle können neben der Trauer auch eine posttraumatische
[58:51] Belastungsstörung, kurz PTBS, auslösen.
[58:54] Auch Anja berichtet ja, dass Fachleute bei ihr eine PTBS diagnostiziert haben.
[58:59] Trauer und Trauma können dann gleichzeitig existieren.
[59:04] Bei einer PTBS verarbeitet unser Gehirn die Erinnerung an ein extremes Ereignis
[59:08] anders als normale Erinnerungen.
[59:10] Bestimmte Geräusche, Gerüche, Orte oder Situationen können plötzlich wieder
[59:15] genau die Gefühle und sogar körperliche Reaktionen auslösen,
[59:19] die während des ursprünglichen Ereignisses da waren. Man spricht dann von Triggern.
[59:23] Ein Klingeln an der Tür ist für die meisten von uns einfach nur ein Klingeln an der Tür.
[59:28] Bei jemandem, der genau in so einem Moment eine traumatische Nachricht bekommen
[59:32] hat wie Anja, kann der Körper dann sofort wieder in Alarmbereitschaft gehen.
[59:37] Trauer hat ganz viele Ausprägungen und gerade nach einem Suizid kommen häufig
[59:42] auch noch Schuldgefühle, Scham und viele unbeantwortete Fragen auch von außen hinzu.
[59:49] Das Thema ist gesellschaftlich noch immer stark stigmatisiert.
[59:53] Spezialisierte Therapien, Traumakliniken
[59:56] oder Trauergruppen können deshalb wichtige Unterstützung bieten.
[1:00:00] Für Anja war der Besuch in einer solchen Klinik genau der richtige Weg,
[1:00:03] um kleine Schritte vorwärts zu machen.
[1:00:06] Trauer zu verarbeiten bedeutet dabei aber nicht, den Menschen irgendwann zu
[1:00:09] vergessen oder darüber hinweg zu kommen. Also was für eine Scheiß-Formulierung schon allein.
[1:00:14] Es geht vielmehr darum, einen Weg zu finden, mit dem Verlust weiterzuleben,
[1:00:19] ohne dass er jeden Moment des eigenen Lebens bestimmt.
[1:00:24] Du hast die Diagnose dann bekommen, wenig überraschend muss man ja sagen,
[1:00:27] dass du schwere Depressionen hast
[1:00:29] und eben auch eine PTBS, also eine posttraumatische Belastungsstörung.
[1:00:33] Aber in dieser Klinik ist es das erste Mal, dass du nicht funktionieren musst,
[1:00:36] sondern dass du dich um dich selbst kümmern kannst, um deine Gefühle,
[1:00:40] um das, was mit Anja los ist.
[1:00:42] Was macht das mit dir? Es ist mir eine ganz große Last genommen worden, wo ich dann war.
[1:00:47] Für mich war diese drei Monate, ich war wie in so einer geschützten Bubble und
[1:00:52] ich muss sagen, ich habe das tagesstationär gemacht.
[1:00:54] Das heißt, ich habe bewusst entschieden, ich möchte abends zu Hause bei meinem
[1:00:58] Hund und bei meinem Sohn sein und würde das auch immer wieder so machen.
[1:01:02] Ich habe das dreimal so gemacht und ich glaube, das war auch gut.
[1:01:06] Aber diese Unterstützung, die ich da bekommen habe und dieses Verständnis,
[1:01:09] dass man mir zugehört hat und egal, ob man die ganze Zeit in der Therapiestunde
[1:01:15] geweint hat, also es war immer Verständnis da.
[1:01:18] Und ich glaube auch die Tatsache, dass in einer Traumaklinik ganz viele Menschen
[1:01:23] sind, die oft ein ganz schweres Schicksal tragen.
[1:01:26] Also dieses zu sehen, ich bin nicht alleine damit, ganz vielfältige Schicksale.
[1:01:31] Also ich habe jetzt da nie jemanden kennengelernt, wo sich auch die Kinder das Leben genommen haben.
[1:01:35] Aber andere Schicksale und ich glaube, sowas schweißt zusammen.
[1:01:40] Ich habe heute noch Kontakte zu verschiedensten Leuten, die ich da kennengelernt
[1:01:44] habe und das war für mich der absolute Wendepunkt.
[1:01:48] Das ist sehr, sehr, sehr schön zu hören, dass dir da auch geholfen wurde und
[1:01:52] dass du ein bisschen dann auch zu dir gefunden hast.
[1:01:55] Du hast gesagt, Verständnis war das, was dir so wahnsinnig viel bedeutet hat.
[1:01:59] In deinem Umfeld gab es dieses Verständnis aber nicht immer.
[1:02:02] Also wir haben es gerade schon so ein bisschen angeschnitten,
[1:02:04] als es darum ging, dass du gesagt hast, ich will jetzt hier eine Berentung beantragen.
[1:02:07] Da haben jetzt nicht alle gesagt, Mensch Anja, das ist eine super Idee, mach das mal, oder?
[1:02:11] Ich glaube, für die Leute ist es einfacher zu denken, wenn die arbeiten geht,
[1:02:15] das wird ihr schon gut tun. Und das hat doch jetzt die letzten Jahre auch funktioniert.
[1:02:19] Und den Leuten dann zu erklären, okay, jetzt geht es irgendwie in Richtung Berentung.
[1:02:24] Aber ich habe immer gedacht, das funktioniert doch so gut bei dir.
[1:02:27] Und warum denn jetzt auf einmal?
[1:02:29] Und ich habe irgendwann aber auch durch die Therapie gelernt,
[1:02:31] ich muss diese Dinge nicht alle erklären.
[1:02:34] Also es muss nur für mich passen. Aber der Mensch ist halt so,
[1:02:38] er versucht immer alles zu erklären, warum etwas so ist. Und manchmal reicht
[1:02:42] ein Nein, ist ein kompletter Satz. Und ich möchte da jetzt nicht drüber sprechen.
[1:02:48] Und das habe ich halt alles durch diese Therapie gelernt. Also die haben mich
[1:02:52] komplett auf links gezogen, würde ich sagen.
[1:02:54] Also genau, alles das, was man früher so,
[1:02:58] ja, es gibt ja so Glaubenssätze, die man auch aus der Kindheit hat und so,
[1:03:04] sowas tut man nicht und das gehört
[1:03:05] sich nicht und so und da bin ich jetzt tatsächlich ganz anders unterwegs.
[1:03:10] Was hat dir denn in dieser Zeit, also auch vor allem direkt jetzt nach dem Tod
[1:03:15] deiner beiden Kinder und dann, als es irgendwie in die Klinik ging und so,
[1:03:19] überhaupt die Kraft gegeben, weiterzumachen?
[1:03:21] Ich meine, du hättest ja auch aufgeben können und sagen können,
[1:03:24] wofür lebe ich jetzt eigentlich noch? Aber du hattest ja was,
[1:03:27] wofür sich das alles gelohnt hat.
[1:03:29] Ich glaube, dass es in erster Linie mein Sohn war, der mich auf jeden Fall brauchte.
[1:03:38] Aber auch meine Eltern. Die haben beide ihre Enkelkinder verloren.
[1:03:44] Und es war nicht immer einfach in der Trauer, auch mit denen,
[1:03:46] weil jeder halt so unterschiedlich trauert.
[1:03:48] Aber ich glaube, es war für mich klar irgendwie immer, also natürlich hatte
[1:03:53] ich zwischendurch, das ist auch heute zwischendurch noch, schwere suizidale Gedanken, gerade in,
[1:04:00] schweren, tiefen, depressiven Phasen, wo ich dann,
[1:04:04] auch im Bett liege und nicht gut rauskomme.
[1:04:08] Aber mir hilft es dann immer zu sagen, okay, also ich weiß jetzt auch aus dieser
[1:04:13] Phase, ich komme da irgendwann wieder raus und am nächsten Tag sieht das Ganze
[1:04:17] wieder anders aus für mich.
[1:04:18] Und ich glaube, wenn man in so einer dauerhaften depressiven Phase ist,
[1:04:22] man kann sich nicht vorstellen, dass es mal wieder anders werden kann.
[1:04:26] Und das habe ich halt jetzt auch durch die Klinik gelernt, dass ich dann,
[1:04:30] okay, ich rufe mir das ins Gedächtnis.
[1:04:33] Ich weiß, dass es wieder anders werden kann. Im Moment kann ich es mir nicht
[1:04:36] vorstellen, aber es wird wieder anders.
[1:04:40] Und ich muss für Nick da sein. Und ich glaube, dieses Funktionieren.
[1:04:46] Das war, glaube ich, für mich das Allerwichtigste.
[1:04:49] Ich muss funktionieren und es darf nicht sein, dass ich jetzt auch noch mir
[1:04:53] das Leben nehme. Und wie soll das alles weitergehen dann?
[1:04:57] Ich glaube, ein ganz großes Problem an diesem Ganzen, Also neben dem,
[1:05:02] dass es sowieso furchtbar und schmerzhaft ist, ist ja auch wirklich dieses Stigma.
[1:05:06] Also Suizid ist unglaublich stigmatisiert in der Gesellschaft leider immer noch.
[1:05:10] Und vor allem, wenn Kinder sich das Leben nehmen, ist es ja noch heftiger.
[1:05:16] Und es gibt auch Erwartungen, die an dich dann gestellt werden als Mutter.
[1:05:21] Einerseits bitte schnell wieder funktionieren, aber wahrscheinlich andererseits
[1:05:24] auch, warum lacht die denn jetzt gerade? Warum ist die gerade fröhlich?
[1:05:27] Ja, genau. Hast du das auch erlebt?
[1:05:31] Also was so ganz schlimme Erlebnisse für mich waren, sei es jetzt im Supermarkt
[1:05:37] oder so, dass Leute, die mich vom Weiten erkannt haben, dann aber zack in den
[1:05:42] nächsten Gang gefahren sind, nur nicht, um auf mich zu treffen.
[1:05:45] Und solche Begegnungen haben so sehr verletzt oder auch auf dem Dorf.
[1:05:52] Jeder kennt jeden und dann wird die Straßenseite gewechselt.
[1:05:55] Und ich glaube, die Leute wissen in dem Moment gar nicht, was den betroffenen Menschen damit antun.
[1:06:00] Also dann fühlt man sich noch schuldiger.
[1:06:04] Und ja, genau, also dieses, ich hätte mir gewünscht, dass die Leute,
[1:06:10] es muss niemand mit mir darüber sprechen, aber ich hätte mir manchmal gewünscht,
[1:06:13] ein einfaches Hallo und vielleicht ein stilles in den Arm nehmen,
[1:06:17] das hätte manchmal gereicht.
[1:06:18] Und es gab natürlich auch ganz, ganz viele positive Sachen, also dass viele
[1:06:23] Freundinnen sehr um mich bemüht waren und es gab eine Freundin,
[1:06:27] die immer wieder Essen vor die Tür gestellt hat und das sind halt solche Dinge,
[1:06:33] die nach dem Tod von einem Kind irgendwie gar nicht möglich sind,
[1:06:37] also man kocht nicht, also das ist das Unwichtigste überhaupt und.
[1:06:42] Man isst nur noch Mist, sage ich mal und genau, und dann freut man sich,
[1:06:46] wenn da so ein Eintopf vor der Tür steht oder ein schöner, wesfälischer Pickard.
[1:06:52] Das waren so die Dinge, wo ich heute immer noch lächeln muss,
[1:06:54] wenn sie dann mit Edding dann Smiley drauf gemalt hat und lasst es euch schmecken.
[1:06:59] Und da bin ich ganz dankbar für, dass es diese Menschen halt auch gab.
[1:07:03] Also ohne viel Worte einfach machen. Und am schlimmsten ist dieses,
[1:07:09] sag Bescheid, wenn du Hilfe brauchst. Oder melde dich, wenn du Hilfe brauchst.
[1:07:14] Kein Mensch, der trauert, meldet sich und sagt, kannst du mal eben das und das. Das macht niemand.
[1:07:20] Und ich glaube, da hätte ich mir manchmal gewünscht, einfach komm einfach vorbei
[1:07:24] und sag, komm, gib mir deinen Wäschekorb.
[1:07:28] Oder komm, ich schneide die Hecke oder meh dir den Rasen oder wie auch immer.
[1:07:32] Oder einfach, ich packe dich ein und wir gehen eine Runde spazieren. So ein bisschen, ne?
[1:07:36] So, genau, genau. Und natürlich durch Corona war das dann bei Felina auch wieder schwierig. Und ja.
[1:07:43] Es gibt ja noch was, was dir, haben wir ja kurz schon eben drüber gesprochen,
[1:07:46] was dir wahnsinnig viel Kraft gegeben hat, deine Gartenarbeit.
[1:07:49] Also du hast ja angefangen sozusagen mit einem Beet, weil du irgendwie Blumen
[1:07:53] für Toms Grab pflanzen wolltest.
[1:07:55] Wie groß ist denn dein Garten, dein Traumgarten, den du dir vorgestellt hast inzwischen?
[1:08:01] Ja, mittlerweile, ich glaube, das sind so ungefähr 800, 900 Quadratmeter,
[1:08:05] die jetzt mit Schnittblumen bepflanzt sind. Und ich bin in einer Slow-Flow-Bewegung.
[1:08:12] Ich weiß nicht, ob die das was sagt.
[1:08:15] Das sind halt alles, sage ich mal, Flower-Farmerinnen, die nachhaltig Blumen anbauen.
[1:08:22] Das ist so ein Zusammenschluss aus Österreich, Deutschland und der Schweiz.
[1:08:27] Und wir haben kein Bio-Label, aber wir verpflichten uns halt,
[1:08:30] die Blumen natürlich anzubauen, nur mit Kompost zu düngen oder ohne Pestizide, ohne Chemie.
[1:08:37] Und das hat mich total begeistert irgendwie und dass das auch so funktioniert.
[1:08:43] Und dann bin ich letztes Jahr im Herbst auf einem Treffen gewesen von der Slowflower-Bewegung.
[1:08:47] Und danach war irgendwie klar, okay, du kannst da ja was draus machen,
[1:08:52] du hast da jetzt schon so viel angebaut.
[1:08:54] Also privat habe ich dann ab und zu schon Blumen mal an Freunde und so weitergegeben.
[1:08:59] Und ja, und dann habe ich halt zwischen Weihnachten und Neujahr habe ich mir dann den Kopf gesetzt.
[1:09:04] Ich habe schon immer gerne Arpen gemocht, also diese italienischen Dreiräderingen,
[1:09:09] genau, die in den italienischen Gassen herumdüsen.
[1:09:12] Und dann habe ich beschlossen, so eine Arpe. Ich möchte so eine APA haben,
[1:09:16] da werden Blumen drauf foliert oder drauf lackiert und dann fahre ich damit auf den Markt.
[1:09:21] Und ja, und dann ist aus dieser Spinnerei wirklich dann zack,
[1:09:26] zack hintereinander ernst geworden.
[1:09:27] Ich habe dann meinem Vater irgendwie Anfang Januar gesagt, du,
[1:09:31] ich sage, ich habe eine Ape gefunden im Internet, die steht in Bonn,
[1:09:34] können wir da hinfahren?
[1:09:35] Und dann sind wir da halt bei Schnee hingefahren und er hat gesagt,
[1:09:39] was willst du mit diesem Schwottding?
[1:09:41] Und es musste das sein. Und ich habe sie dann auch gekauft und ja,
[1:09:47] und habe dann auch direkt im Januar ein Kleingewerbe angemeldet.
[1:09:50] Und dann ging das alles so nach und nach.
[1:09:54] Die Ape ist foliert worden, da sind Blümchen draufgekommen. Ich musste mir einen
[1:09:57] Namen ausdenken für mein Gewerbe. Ich nenne mich Ackerblümchen bei Gartenenne.
[1:10:05] Und stehe seitdem halt auf dem Markt.
[1:10:08] Ich stehe auf dem Wochenmarkt in Schloss Holte, jeden Freitagnachmittag und,
[1:10:12] verkaufe dort meine selbstgebundenen, selbst ausgesäten und großgezogenen Blümchen.
[1:10:19] Das ist großartig. Und erst wollte ich das gar nicht. Also erst war die Idee,
[1:10:22] ich stelle meine API irgendwo hin und sie stand erst vor dem Geschäft von einer
[1:10:26] Freundin und die Leute mussten dann drinnen bezahlen quasi bei ihr.
[1:10:30] Und ich wollte mit all dem nichts zu tun haben, weil man mich halt kennt im Ort und...
[1:10:36] Ja, und das lief aber dann nicht so gut. Und dann habe ich irgendwann bei der
[1:10:39] Stadt Schlossholter angerufen und gefragt, wie sieht das aus mit Blumen auf
[1:10:43] dem Marktplatz? Ja, nee, haben wir nicht mehr und stellen sie sich gerne hin.
[1:10:46] Ja, und da musste ich natürlich dann dabei stehen. Da konnte ich die Appe nicht einfach so hinstellen.
[1:10:52] Und dann habe ich halt über die Sommermonate jetzt gemerkt, wie gut mir das
[1:10:55] tut, mit diesen Leuten ins Gespräch zu kommen, den Leuten auch meine Begeisterung
[1:11:01] so mitzugeben von den Blumen und dieser nachhaltige Blumenanbau.
[1:11:05] Also ich glaube, viele wissen oder machen sich gar keinen Kopf darüber.
[1:11:09] Also klar, Bio wird gegessen, aber wieso? Blume kann doch gespritzt sein,
[1:11:13] steht doch nur auf dem Tisch. Essen war doch nicht.
[1:11:16] Und ich glaube, das den Leuten so auch zu vermitteln.
[1:11:19] Und ich glaube, meine Freude daran, die merken die Leute halt auch einfach,
[1:11:24] dass ich so total dahinter stehe. Und ja, und jetzt ist es mittlerweile so,
[1:11:29] dass ich mich wirklich auf diesen Freitag richtig freue immer.
[1:11:33] Das ist ganz toll. Es ist halt nur ein Nachmittag.
[1:11:37] Drei Stunden, die ich da stehe. Aber da freue ich mich dann die ganze Woche
[1:11:42] drauf. Und mittlerweile hat sich das so irgendwie entwickelt.
[1:11:45] Meine Eltern besuchen mich dann auch immer da. Oder mein Bruder war schon ein paar Mal da.
[1:11:49] Und Freundinnen kommen. Und dann gehen die zusammen in Eis. Und die trägt noch
[1:11:53] einen Kaffee, bringen mir auch einen Kaffee anstand. Und es ist irgendwie zu
[1:11:57] so einem schönen Treffpunkt geworden irgendwie.
[1:12:00] Ja, und ihr könnt das jetzt nicht sehen.
[1:12:03] Aber Anja strahlt, wenn sie das erzählt. Die Augen blitzen, ein breites Lächeln
[1:12:07] im Gesicht, das finde ich so, so toll, dass du was für dich gefunden hast,
[1:12:11] was dir Kraft und Freude gibt.
[1:12:13] Lass uns mal auch über deine Familie noch ein bisschen sprechen.
[1:12:16] Also Nick haben wir schon angesprochen, dein Sohn, der ist jetzt glaube ich Ende 20.
[1:12:20] Wie geht es dem denn heute? Der Nick war im Bachelor in einem Auslandssemester
[1:12:26] in Schweden, wo sein Bruder verstorben ist.
[1:12:29] Im Master hat er dann seine Schwester verloren.
[1:12:32] Im Anschluss hat er direkt den Doktor gemacht und arbeitet jetzt tatsächlich
[1:12:36] auch schon seit einem Jahr als Doktor.
[1:12:39] Den holt das Ganze jetzt ein. Der hat zwischendurch auch immer mal wieder Therapie gemacht.
[1:12:43] Aber ich merke jetzt halt, oder er merkt auch, dass er das Ganze nie richtig
[1:12:48] verarbeitet hat und holt ihn ein, genau.
[1:12:52] Also das, was immer meine Vermutung war, was bei ihm mit Sicherheit auch irgendwann
[1:12:57] kommen wird und das ist jetzt der Fall. Und er ist jetzt halt auch wieder aktuell
[1:13:03] wieder in ambulanter Therapie und...
[1:13:06] Und zieht jetzt in der Erwägung, auch in die Klinik zu gehen.
[1:13:09] Und das ist für mich wieder so ein Punkt, wo ich total erleichtert bin,
[1:13:13] wo mir auch so ein bisschen die Last genommen wird, dass ich das als Mutter
[1:13:18] alles alleine tragen muss.
[1:13:19] Und das funktioniert nur mit viel Gesprächen und einander zuhören und denjenigen
[1:13:28] auch so lassen, wie er ist.
[1:13:29] Und wenn er nicht will, dann will er nicht. und da hilft es auch nicht,
[1:13:32] wenn ich ihm gut zurede als Mama. Und weil ich für mich selber auch gemerkt
[1:13:36] habe, ich musste ja selber auch an den Punkt kommen, der hätte mir von außen
[1:13:40] keiner geholfen, wenn er gesagt hätte, du musst aber jetzt Therapie machen.
[1:13:44] Das hätte mir nicht geholfen und ich hätte es auch nicht gemacht.
[1:13:46] Also man muss selber an den Punkt kommen, wo man sagt, okay,
[1:13:49] ich brauche jetzt wirklich intensivere Hilfe. Und da sind wir jetzt im Moment
[1:13:52] auf einem insgesamt guten Weg, glaube ich.
[1:13:56] Dass auch Nick da seine Hilfe bekommt, die er braucht. und weil er ist halt
[1:14:01] noch so jung und ich wünsche mir nichts sehnlicher als er, dass er noch ein
[1:14:06] gutes Leben haben wird, trotz seines Schicksals.
[1:14:09] Da bin ich überzeugt davon, ehrlich gesagt, wenn ich so höre,
[1:14:13] wie du über ihn sprichst und wie stolz du bist.
[1:14:15] Und das ist, glaube ich, das Allerwichtigste und das Allerschwerste ist es,
[1:14:18] sich einzugestehen, dass man Hilfe braucht und dann danach wird alles einfacher.
[1:14:22] Das ist schon der höchste Berg, über den man klettern muss.
[1:14:26] Was ich ganz spannend finde, du hast inzwischen herausgefunden,
[1:14:29] dass eben Suizid und Depressionen in deiner Familie auch kein Einzelfall sind.
[1:14:35] Also das ist vorher schon passiert, ne?
[1:14:37] Meine Oma, der Papa von meiner Oma, der hat sich auch das Leben genommen, genau, und.
[1:14:45] Und meine Oma, die ist jetzt vor drei Jahren verstorben und die war,
[1:14:52] also ich kann mich erinnern, dass sie immer Depressionen hatte.
[1:14:55] Aber das wurde halt auch alles, man sprach da nicht so drüber.
[1:14:58] Da war Oma halt nicht gut drauf. Wir wussten alle, dass sie zum Psychologen ging.
[1:15:04] Aber wir haben das auch nicht weiter hinterfragt. Also ja, es war halt so.
[1:15:09] Und im Nachhinein, ich weiß auch, dass wir Oma damals die Wahrheit gar nicht
[1:15:14] gesagt haben, was mit Tom passiert ist. Also wir haben immer gesagt,
[1:15:17] es war ein Unfall, um sie nicht zu belasten. Und sie war schon ziemlich alt.
[1:15:23] Und irgendwann ist es durch, ja, wo sie dann im Pflegeheim war,
[1:15:28] da ist es dann irgendwann durch eine Pflegerin rausgekommen,
[1:15:33] die hat mich dann darauf angesprochen,
[1:15:35] dass meine Kinder sich das Leben genommen haben. Und ich sage, wie kommen Sie?
[1:15:40] Ja, von meiner Oma. Und sie hat es immer gewusst. Wahnsinn.
[1:15:45] Obwohl wir es nicht ausgesprochen haben vor ihr.
[1:15:48] Und das war auch irgendwie so. Und als meine Oma dann verstorben ist,
[1:15:53] 2023, also es zeichnete sich ab, dass sie stirbt.
[1:16:00] Und für mich war ganz wichtig, dass ich dabei sein kann, wenn sie stirbt.
[1:16:05] Und weil ich nie diesen Abschied von einem Menschen bei meinen Kindern habe ich es nicht gehabt.
[1:16:12] Felina, die durfte ich zwar noch sehen, aber das dabei sein und Menschen noch
[1:16:16] begleiten, im Arm halten.
[1:16:20] Und die Möglichkeit habe ich bei meiner Oma bekommen. Ich war bis zum Schluss
[1:16:23] bei ihr, bis sie eingeschlafen ist und das hat sich richtig dann angefühlt.
[1:16:28] Also Oma war alt, sie hat ein langes Leben hinter sich gehabt und...
[1:16:34] Und da habe ich auch nie wieder, also das war eine ganz andere Form von Trauer,
[1:16:38] also das kann man gar nicht beschreiben, also eine ganz andere Form von Trauer,
[1:16:42] aber es hat sich total richtig angefühlt, dass ich bis zum Schluss mit Nick
[1:16:46] bei ihr war und wir ihre Hand gehalten haben,
[1:16:49] und ihr auch immer wieder gesagt haben, du darfst gehen, Oma.
[1:16:52] Und wir haben ihr noch das Kuscheltier von Felina mitgebracht und haben gesagt,
[1:16:56] wenn du da oben ankommst, bring Felina den kleinen Oggi mit.
[1:17:01] Und das war immer ihr Kuscheltier, was sie immer dabei hatte.
[1:17:04] Und das kannte Oma schon von klein auf. Und das haben wir Oma mitgegeben, dass es Felina bringt.
[1:17:10] Ich hoffe, die sehen sich da oben. Das wäre schön. Das hoffe ich auch.
[1:17:15] Oma passt jetzt auf die beiden auf. Genau das. Aber diese Erkenntnis,
[1:17:19] dass das ein Stück weit in der Familie sozusagen liegt, was hat das mit dir gemacht?
[1:17:24] Das ist ja auch so eine Art Erklärungsansatz. Das ist ja wie eine,
[1:17:27] keine Ahnung, eine Disposition für Krebs oder so. Es ist schon da.
[1:17:31] Ja, genau. Ich weiß nicht, ob es wirkliche Studien darüber gibt.
[1:17:35] Also wir haben das nur immer angeschnitten in der Klinik.
[1:17:38] Aber es kommt halt oft gehäuft in Familien vor.
[1:17:41] Und das halt so wie der Krebs halt oder andere Erkrankungen,
[1:17:46] die sich wiederholen in Familien, dass das halt bei Depressionen auch so sein kann.
[1:17:49] Und natürlich denkt man darüber nach und warum haben es jetzt gerade meine Kinder
[1:17:55] gekriegt und jetzt bin ich selber getroffen und mein noch lebender Sohn halt auch.
[1:17:59] Und also man macht sich schon Gedanken darüber, was zieht das weiter für Kreise.
[1:18:08] Wenn Depressionen oder Suizide in einer Familie über mehrere Generationen vorkommen,
[1:18:12] stellt sich schnell die Frage, kann sowas eigentlich vererbt werden?
[1:18:17] Die kurze Antwort ist ein klares Jein. Also ganz so einfach ist es nicht.
[1:18:22] Bei Depressionen weiß die Wissenschaft inzwischen, dass auch unsere Gene eine Rolle spielen.
[1:18:27] Es gibt allerdings nicht das eine Depressionsgen. Stattdessen sind ganz viele
[1:18:32] unterschiedliche genetische Faktoren beteiligt.
[1:18:34] Und die können dann gemeinsam beeinflussen, wie anfällig jemand für eine Erkrankung ist.
[1:18:40] Ob daraus aber tatsächlich eine Depression entsteht, hängt zusätzlich von vielen
[1:18:44] anderen Dingen ab, zum Beispiel von belastenden Lebensereignissen,
[1:18:48] Beziehungen oder dem sozialen Umfeld der einzelnen Personen.
[1:18:52] Auch Suizide treten in manchen Familien häufiger auf als in anderen.
[1:18:56] Das bedeutet aber nicht, dass eine Veranlagung zum Suizid direkt vererbt wird.
[1:19:01] Vielmehr können bestimmte psychische Erkrankungen, Persönlichkeitsmerkmale oder
[1:19:05] die Art, wie Menschen auf Stress reagieren, teilweise genetisch mitbedingt sein
[1:19:10] und damit auch das Risiko erhöhen.
[1:19:12] Und Familien teilen natürlich nicht nur Gene, sondern auch Erfahrungen.
[1:19:17] Wenn Depressionen oder Suizidalität innerhalb einer Familie häufiger vorkommen,
[1:19:22] spricht man deshalb eher von einer familiären Häufung als von einer direkten Vererbung.
[1:19:28] Man könnte also sagen, ein erhöhtes Risiko, kein vorherbestimmtes Schicksal.
[1:19:33] Gerade deshalb kann es wichtig sein, die eigene Familiengeschichte zu kennen,
[1:19:37] Warnzeichen ernst zu nehmen und sich früh Unterstützung zu suchen.
[1:19:43] Dadurch, dass ich mir habe helfen lassen und allen vorgemacht habe,
[1:19:47] es gibt Hilfe dafür, genau wie für jede körperliche Erkrankung.
[1:19:52] Ich glaube, damit habe ich den Leuten gezeigt, auch alle anderen,
[1:19:56] ihr dürft euch helfen lassen und das ist kein Tabuthema und das kommt,
[1:20:01] immer wieder in Familien vor, genau wie eine Krebserkrankung,
[1:20:05] über die ja jeder sprechen kann, nur über eine psychische Erkrankung halt nicht.
[1:20:10] Und ich glaube einfach dadurch, dass ich bereit war, mir helfen zu lassen,
[1:20:16] dass ich da den anderen Leuten es einfacher gemacht habe, auch darüber zu sprechen.
[1:20:22] Also es ist immer so interessant, dass immer mal wieder Leute auf mich zukommen.
[1:20:26] Ich hatte gestern tatsächlich noch ein Erlebnis beim Psychologen vor der Tür,
[1:20:30] da habe ich eine Frau getroffen, die ich auch kenne persönlich.
[1:20:35] Und die nahm mich dann in den Arm. Es ist so schön, dich zu sehen.
[1:20:38] Und dann hat sie irgendwann gesagt, ich folge dir auf Instagram.
[1:20:41] Und ich finde es einfach nur toll, was du machst mit deinen Blumen.
[1:20:44] Und dann hat sie zu mir gesagt, Anja, bei mir hat sich 2014 mein Bruder das Leben genommen.
[1:20:51] Und dann ist man erst mal wieder so...
[1:20:55] So viele, so viele in meinem Umkreis und in meinem Umfeld und wo ich es nicht
[1:21:00] gewusst habe und wo nicht drüber gesprochen wurde.
[1:21:03] Und es ist irgendwie so schön dann, wenn sich die Leute einem anvertrauen und
[1:21:08] sagen, du, bei mir ist das damals auch gewesen und wir haben gar nicht drüber
[1:21:12] gesprochen und du machst alles gut, so wie du es machst. Du bist ein Vorbild, Anja.
[1:21:18] Ich weiß nicht, ob dir das bewusst ist, aber du bist ein Vorbild für andere Menschen.
[1:21:21] Das kann sein, zumindest ein bisschen. Ja, was man tun kann,
[1:21:25] indem man so ist, wie man ist und über seine Geschichte spricht oder jetzt gerade
[1:21:28] du über deine Geschichte sprichst,
[1:21:30] glaube ich schon, dass das vielen Leuten einfach hilft und das ist was ganz
[1:21:33] Tolles, das ist das Tollste, was man aus dieser schlimmen Situation,
[1:21:36] glaube ich, machen kann.
[1:21:37] Mich würde interessieren, wie es dir heute geht, also an welchem Punkt bist
[1:21:41] du jetzt gerade? Also ich würde sagen, ich bin an einem Punkt,
[1:21:45] wo es immer noch deutliche Tiefs gibt. Also ich merke das halt gerade,
[1:21:50] wenn ich unter Stress stehe.
[1:21:52] Das reicht schon. Ich hatte jetzt am Wochenende Wochenmarkt und zusätzlich noch
[1:21:56] einen Markt auf einem Biohof.
[1:21:58] Und da merke ich halt, ich komme total an meine Grenzen und weiß dann manchmal
[1:22:02] nicht mehr, wo oben und unten ist. Und dann kippt die Stimmung auch ganz schnell,
[1:22:08] und dann bin ich völlig überfordert und dann geht auf einmal nichts mehr.
[1:22:12] Und ich muss für mich halt überdenken, wie geht das im nächsten Jahr weiter.
[1:22:17] Wahrscheinlich wird es nur noch den Markt geben und nichts anderes drumherum,
[1:22:20] weil das reicht für mein Leben, dass ich diese drei Stunden da freitags auf
[1:22:25] dem Markt stehe und die restliche Zeit werde ich versuchen, mich um mich zu kümmern und,
[1:22:31] dass meine Seele irgendwann ganz rein wird.
[1:22:34] Es werden Namen zurückbleiben, aber dass es ein vernünftiges Leben wird und
[1:22:38] im Moment ist es so, ich traue mich wieder Sachen zu, also die vorher halt gar nicht da waren, also ...
[1:22:45] Ich gehe immer noch ganz wenig in der Öffentlichkeit. Das heißt,
[1:22:48] auf irgendwelche Feiern oder auch Veranstaltungen fällt mir immer noch schwer.
[1:22:54] Aber ich komme so langsam wieder ein bisschen aus meinem Schneckenhaus raus
[1:22:57] und werde jetzt morgen tatsächlich in den Urlaub fliegen.
[1:23:02] Da muss ich komplett aus meiner Komfortzone raus. Die Frau habe ich auf Instagram
[1:23:06] kennengelernt und die hat mich zu sich nach Kroatien eingeladen.
[1:23:09] Und genau, da fliege ich mit meiner Freundin hin.
[1:23:12] Hätte ich früher im Leben nicht gemacht, hätte ich gesagt, Wer weiß, was die mit mir vorhat.
[1:23:17] Und ich glaube, ich kann mittlerweile, habe ich so ein Gefühl dafür,
[1:23:20] für Stimmungen bekommen bei Menschen und wie Menschen so drauf sind.
[1:23:24] Und bei ihr hatte ich gleich so ein Ja-Gefühl und habe gedacht, ich mache das.
[1:23:29] Ich mache das und was soll mir schon passieren?
[1:23:33] Also wenn sie jemanden umbringen wollte, dann kann sie das einfacher haben.
[1:23:35] Dann muss sie nicht jemanden aus Deutschland einfliegen lassen. Das stimmt natürlich.
[1:23:39] Aber du hast gerade Instagram gerade angesprochen. Also du hast ja diesen Instagram-Account,
[1:23:44] wo du eigentlich nur so über deine Pflanzen berichtest. Aber du hast dann auch
[1:23:47] angefangen, über deine Kinder zu sprechen.
[1:23:50] Also zum Beispiel jetzt im September anlässlich des Welttags der Suizidprävention.
[1:23:55] Warum bist du diesen Schritt gegangen? Du hättest ja auch einfach in Anführungsstrichen
[1:23:58] nur die Blumentante bleiben können.
[1:24:00] Ich glaube einfach, weil ich den Leuten zeigen sollte, dass es nicht so einfach
[1:24:04] aus dem Nichts entstanden ist.
[1:24:06] Also da gibt es Hintergründe für und was bei mir immer alles so toll und so
[1:24:10] bunt aussieht, das ist so gar nicht. Weil Instagram, man guckt da auf so einen
[1:24:16] Account und denkt, boah, die hat ein tolles Leben und das ist ja schön und idyllisch.
[1:24:21] Und ich glaube, ich wollte den Leuten zeigen, dass es halt auch da einen Hintergrund
[1:24:26] für gibt, also wie ich da hingekommen bin.
[1:24:28] Und ich habe so viele private Nachrichten dann bekommen, die mir geschrieben
[1:24:34] haben, wo sich entweder das Kind auch das Leben genommen hat oder auch viele
[1:24:39] junge Leute, die mir geschrieben haben.
[1:24:42] Dass sich der Bruder das Leben oder die Schwester das Leben genommen hat und
[1:24:46] mich dann gefragt haben, wo gibt es Hilfe und in welcher Klinik warst du?
[1:24:49] Und da habe ich gar nicht mit gerechnet, mit so einer Reaktion,
[1:24:53] also dass da solche Sachen auf mich zukommen.
[1:24:57] Aber ich habe gemerkt, wie schön das für mich ist, auch zu sagen,
[1:24:59] okay, ihr könnt euch da und dahin wenden, ihr könnt in die Klinik gehen.
[1:25:07] Genau, also einfach Informationen weiterzugeben. Und wenn ich nur einem irgendwie...
[1:25:13] Da ein bisschen helfen kann, dann habe ich alles richtig gemacht, würde ich sagen.
[1:25:17] Also ich hätte mir jetzt keinen schöneren Schlusssatz ausdenken können von dem,
[1:25:22] was du gerade gesagt hast. Aber wir sind noch nicht ganz am Schluss.
[1:25:25] Du kennst den Podcast, du weißt, es gibt am Ende immer die zwei Fragen,
[1:25:28] die ich all meinen Gästen stelle.
[1:25:30] Die erste Frage, wenn du heute auf diesen einen Moment zurückblickst,
[1:25:34] also der, als du nachts die Tür aufmachst und die Polizisten siehst,
[1:25:39] welches Gefühl löst das in dir aus?
[1:25:41] Immer noch eine ganz tiefe Traurigkeit, wenn ich darauf zurückblicke,
[1:25:48] was vorher mein Leben war und was es jetzt ist.
[1:25:51] Aber auch ganz, ganz viel Stolz, dass ich bis hierher gekommen bin und dass
[1:25:57] ich noch da bin, dass ich noch lebe,
[1:26:01] und dass ich mein Leben halbwegs auf die Reihe kriege und auch wieder zwischendurch
[1:26:07] ganz viele glückliche Momente habe und was ich mir vor Jahren nicht hätte vorstellen können.
[1:26:13] Also genau, die glücklichen Momente überwiegen manchmal sogar an manchen Tagen.
[1:26:19] Und das ist einfach schön.
[1:26:21] Das ist ein wahnsinnig toller Satz und du kannst unglaublich stolz auf dich
[1:26:26] sein, unglaublich stolz.
[1:26:28] Zweite Frage, wie war das für dich heute mit mir über diese,
[1:26:35] deine Lebensgeschichte zu sprechen?
[1:26:37] Ich glaube, man spürt ja relativ schnell, also ich hatte schon mal eine ähnliche
[1:26:41] Anfrage und hatte gleich so ein Gefühl, nee, möchte ich nicht.
[1:26:46] Und als mich deine Kollegin angeschrieben hat auf Instagram,
[1:26:49] habe ich gleich gedacht, ja, mache ich.
[1:26:52] Ich hatte gleich ein gutes Gefühl dabei, habe natürlich in eurem Podcast dann
[1:26:55] auch reingehört und habe mir gleich erst mal zwei Folgen angehört.
[1:26:58] Und für mich muss dann immer so alles rundherum auch passen.
[1:27:02] Also, dass das nicht irgendein Quatsch ist und dass da irgendwie so ein Thema
[1:27:07] nachher noch zerrissen wird und so eine Sensationslust noch entsteht irgendwie bei den Leuten.
[1:27:14] Da hören wir mal rein oder jetzt hören wir mal, was da wirklich passiert ist.
[1:27:17] Sondern es soll irgendwie...
[1:27:20] Authentisch sein, aber auch irgendwie so einen wissenschaftlichen Hintergrund halt haben.
[1:27:26] Genau, und da hatte ich bei euch gleich ein richtig gutes Gefühl und habe nicht einmal geschwankt.
[1:27:31] Ich habe zwar mit meinem Psychologen gestern noch darüber gesprochen und er
[1:27:35] sagte auch, ja, Sie müssen abwägen, aber im Grunde genommen machen Sie das,
[1:27:40] was Sie fühlen und deshalb bin ich den Weg gegangen.
[1:27:44] Das heißt aber, dein Gefühl hat dich nicht getäuscht, hoffentlich? Auf gar keinen Fall.
[1:27:50] Das freut mich sehr. Anja, man kann gar nichts eigentlich sagen über diese Geschichte,
[1:27:56] über dein Leben, weil es so unfassbar, im wahrsten Sinne des Wortes ist es schwer zu fassen.
[1:28:01] Aber trotzdem finde ich ganz toll, wie viel Mut du auch anderen Leuten machst
[1:28:06] und das ist ganz, ganz wichtig und dafür und für deine Zeit und für dein Vertrauen danke ich dir sehr.
[1:28:11] Ja, ich danke dir auch, Philipp. Danke, dass ich da sein durfte.
[1:28:19] Ich glaube, ihr habt diesem Gespräch angehört, wie schwer dieses Thema ist und
[1:28:24] ich weiß auch gar nicht, ob man nach einer Geschichte wie der von Anja überhaupt
[1:28:27] die richtigen Worte finden kann.
[1:28:29] Umso dankbarer bin ich dafür, dass sie heute so offen über Tom,
[1:28:33] Felina und alles andere gesprochen hat, was danach passiert ist.
[1:28:37] In zwei Wochen habe ich hier jemanden zu Gast, den ihr vielleicht kennen könntet,
[1:28:41] vor allem die Millennials unter euch.
[1:28:43] Wer Crow-Fan war oder ist, der hat bestimmt auch schon mal Psycho Dino gesehen, seinen Tour-DJ.
[1:28:49] Der heißt eigentlich Markus und ist so ungefähr 2011, 2012 zusammen mit dem
[1:28:54] Rapper Crow bekannt geworden.
[1:28:56] Was damals niemand weiß, Markus hat mit psychischen Problemen zu kämpfen und
[1:29:01] dass er es auf die größten Bühnen Deutschlands geschafft hat,
[1:29:04] ist wirklich alles andere als selbstverständlich.
[1:29:07] In der nächsten Woche geht es um Angst, um Ruhm und um das Gefühl,
[1:29:10] ständig zu glauben, dass das eigene Leben gleich vorbei ist.
[1:29:14] Ich freue mich, wenn ihr wieder dabei seid und ihr wisst ja,
[1:29:17] wie ihr mir helfen könnt in der Zwischenzeit. Erzählt euren Freundinnen und
[1:29:19] Freunden von diesem Podcast, lasst gerne ein Abo da und natürlich auch eine
[1:29:23] Bewertung, falls ihr das nicht schon längst gemacht habt. Dankeschön. Tschüss.
[1:29:32] Das einem Moment. Der Podcast mit Philipp Fleiter ist eine Produktion von Philipp Fleiter und WeMind.
[1:29:39] Redaktion Philipp Fleiter, Laila Keuthage und WeMind. Sounddesign und Schnitt Marius für mich.

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