# Abgrenzung von der Kernfamilie – wie kann mir das gelingen?

An episode of [Stahl aber herzlich – Der Psychotherapie-Podcast mit Stefanie Stahl](https://invisiblenetwork.ai/podcast/1545894332), 30 May 2026, 1 h 04 min.

Audio: https://ais.audiorella.com/podcasts/1748-stahl-aber-herzlich-der-psychotherapie-podcast-mit-stefanie-stahl/245091-new-episode.mp3?v=2&awCollectionId=julephosting_69524a4a854ad&awEpisodeId=245091

+++ Weitere Infos zu mir und meinen Werbepartnern findet ihr hier: https://linktr.ee/stahlaberherzlich.podcast +++ Frischt euer Englisch auf oder startet eine neue Sprache: Mit kurzen, spielerischen Lektionen passt Lernen in euren Alltag. Testet Super Duolingo jetzt einen Monat kostenlos: http://duolingo.com/stahl Lotta kämpft mit dem Gefühl, nie genug zu sein. Obwohl sie drei Kinder großzieht, ein Haus renoviert hat, im Ausland gelebt und nebenbei studiert hat, plagen sie ständig Schuldgefühle und der Drang, allen Erwartungen gerecht zu werden. Nach zwei Jahren in den USA, wo sie erstmals frei von familiären Ansprüchen war, fällt ihr die Rückkehr nach Deutschland schwer. Plötzlich ist sie wieder die große Schwester, die sich um alles kümmern soll. Doch Lotta erkennt: Das Problem liegt nicht im Außen, sondern tief in ihr. Schon als Kind wurde ihr zu viel Verantwortung übertragen, und diese Prägung ist zu ihrer eigenen inneren Stimme geworden. Sie opfert ihre Autonomie für die Bindung zu anderen, aus Angst, nicht mehr geliebt zu werden, wenn sie Erwartungen nicht erfüllt. Im Gespräch mit Steffi wird klar: Lotta fehlt das Urvertrauen, dass sie auch einfach für sich selbst liebenswert ist. Wie sie lernen kann, sich selbst zu priorisieren, ohne die Bindung zu verlieren, und warum das sogar ihre Beziehungen stärken könnte, zeigt Steffi ihr in dieser Folge. Dieser Podcast wird vermarktet von Julep Media: sales@julep.de Wir verarbeiten im Zusammenhang mit dem Angebot unserer Podcasts Daten. Wenn Sie der automatischen Übermittlung der Daten widersprechen wollen, melden Sie sich hier: datenschutz@julep.de

## Transcript

[0:00] Obwohl ich ja prinzipiell erstmal schon sehr, ich sag mal, geradlinig den Weg
[0:05] gegangen bin und obwohl bei mir im Leben viel los war und ich immer alles viel
[0:08] parallel hinbekommen habe, habe ich immer das Gefühl, es ist nicht genug, es könnte mehr sein.
[0:13] Du müsstest nochmal eine Schippe oben drauf machen und die Ansprüche,
[0:16] die ich eh schon an mich habe, die auch hoch sind, denen werde ich irgendwie
[0:19] nie gerecht und ich glaube, das kommt auch aus dieser Beziehung heraus.
[0:24] Hallo und herzlich willkommen bei Stahl, aber herzlich. Und heute ist die Lotta bei mir.
[0:30] Und Lotta hat das Problem, dass sie für zwei Jahre in den USA gelebt hat mit
[0:36] ihrem Mann und ihren Kindern oder die Kinder da auch zum Teil bekommen hat in den USA.
[0:42] Jetzt aber wieder zurückgekehrt ist mit ihrer Familie und wieder sehr viel Kontakt
[0:47] mit ihrer Kernfamilie hat. und sie fühlt überall Ansprüche und Erwartungen und
[0:53] kann sich ganz schlecht abgrenzen.
[0:57] Und wir schauen mal ganz, ganz tief hinter die Kulissen, was wirklich im tiefsten
[1:03] Inneren dahinter steckt, dass sie so schlecht Nein sagen kann.
[1:08] Und im Übrigen waren wir zu dritt heute im Studio, weil mein Hund Rippi war dabei.
[1:13] Und ja, wenn es mal ab und zu ein bisschen Mord oder irgendeinen Schlecken gibt
[1:18] oder was auch immer, dann wisst ihr, woher das kommt.
[1:21] Aber im Großen und Ganzen hat sie ganz lieb und ruhig da gelegen und uns beiden
[1:26] gut getan mit ihrer Präsenz.
[1:29] Hallo Lotta, herzlich willkommen bei mir, bei Stahl aber herzlich.
[1:33] Ja, hallo, schön, dass ich da sein kann. Ja, schieß einfach los.
[1:37] Was bewegt dich? Also ich bin vor einem halben Jahr ungefähr aus einem längeren
[1:41] Auslandsaufenthalt wieder zurückgekommen.
[1:44] In den letzten, ich würde sagen, fünf bis sechs Jahren ist viel passiert in
[1:48] meinem Leben. Ich habe drei Kinder bekommen.
[1:50] Ich habe mit meinem Mann ein Haus renoviert. Wir sind zwei Jahre im Ausland
[1:53] gewesen. Wo wart ihr denn? In Amerika. Cool, wo denn da? In Atlanta.
[1:57] Ah. Genau. Und ich habe nochmal angefangen zu studieren. Also es ist viel passiert.
[2:01] Und dann bin ich wiedergekommen vor einem halben Jahr und seitdem ist irgendwie
[2:05] nichts mehr so, wie es war.
[2:06] Warum seid ihr denn wiedergekommen? Das hatte berufliche Gründe.
[2:09] Das war von Anfang an so geplant, dass wir wiederkommen nach einer gewissen Zeit. Ah, okay.
[2:12] Also der Aufenthalter hatte auch berufliche Gründe von einem Mann oder so. Richtig, ja, genau.
[2:17] Ja, und wir sind zurückgekommen und ich habe das Gefühl, dass ich immer noch
[2:21] so ein bisschen mit dem Kopf feststecke.
[2:24] Also es fühlt sich für mich eigentlich noch nicht so an, als wäre ich wieder hier.
[2:29] Und es ist auch für mich ganz schwierig in Worte zu fassen, was mein eigentliches Problem ist.
[2:34] Ich habe das Gefühl, seitdem wir wieder da sind, dass ich so sehr von Problemen
[2:39] von außen, die eigentlich gar nicht meine Themen sind, beeinflusst werde,
[2:42] dass mich das total ins Negative zieht. Kannst du das konkret machen? Was ist außen?
[2:48] Also es sind vor allem so familiäre Themen von meiner Familie,
[2:52] von der Familie meines Partners. Die hier in Deutschland wohnt. Genau.
[2:54] Und die warst du sozusagen zwei Jahre los in Amerika. Genau.
[2:57] Also durch die räumliche Distanz, aber auch durch die Zeitverschiebung gab es
[3:01] da gar nicht diese zeitnahen Updates.
[3:03] Und seitdem ich wieder da bin, ist gefühlt, wird alles wieder auf mir abgeladen.
[3:08] Und es fällt mir zwar verbal überhaupt nicht schwer, mich abzugrenzen,
[3:12] aber emotional ist es für mich ein Auf und Ab. Und ich hänge da total fest und
[3:16] merke auch, dass ich mit meinen eigenen Themen, also dass meine Ressourcen eigentlich
[3:19] für alles drauf geht, was gar nicht meins ist.
[3:22] Lotta, hol uns doch mal ein bisschen rein in deine Welt. Also wohnt deine Familie
[3:27] in der Nähe? Was wollen sie von dir?
[3:29] Dass wir uns das so ein bisschen bildlich vorstellen können, worum es da geht.
[3:33] Also ich wohne mit meinem Mann und meinen Kindern ungefähr 20 Minuten von meinen Eltern entfernt.
[3:39] Und meine Geschwister wohnen alle ein bisschen verstreut.
[3:43] Aber auch irgendwie noch in der Nähe? Genau, so im Umkreis von,
[3:46] ja, ich würde sagen zwei Stunden. Okay. Ja, genau.
[3:50] Und ja, die Familie meines Partners wohnt etwas weiter weg. Das sind schon mehrere Stunden Fahrt.
[3:56] Aber auch da ist der Kontakt eigentlich immer wöchentlich vorhanden.
[4:00] Und ja, das ist eigentlich so das...
[4:03] Wir sehen meine Familie schon öfter, aber wir sind mit beiden Familien total gut verbunden.
[4:08] Sagst du jetzt gut verbunden, aber es scheint ja ein Problem zu geben.
[4:11] Was wollen die denn von dir, wo du so sehr deine Grenzen wagen musst?
[4:14] Also bei meiner Familie sind das vor allem Themen, die meine Geschwister angehen.
[4:18] Also ich bin die Älteste von fünf Kindern.
[4:21] Ich habe auch früh viel Verantwortung immer gehabt für meine kleineren Geschwister.
[4:24] Und ich habe das Gefühl, seitdem ich wieder da bin, dass ich wieder in dieser
[4:28] Kinderrolle bin. Also, dass ich wieder die große Schwester bin,
[4:30] die auch diese Themen der anderen Geschwister mit lösen soll.
[4:34] Meine Mutter mir natürlich dann auch viel erzählt, was gerade im Leben der anderen
[4:38] passiert ist und was jetzt da alles wieder schief läuft und wie wir denn da helfen können.
[4:42] Und ich merke aber, dass das alles gar nicht mehr meins ist und dass ich das auch nicht mehr möchte.
[4:48] Also, dass ich dieses Kümmern oder mich für meine, vor allem Brüder,
[4:51] ich habe drei Brüder, dass es mir zu viel ist.
[4:54] Dass ich mich jetzt um meine eigenen Kinder kümmern muss und nicht um meine
[4:57] Geschwister. Also in meiner inneren Welt wäre das jetzt total einfach.
[5:01] Ich würde mich da einfach raushalten und sagen, die sind ja erwachsen genug
[5:05] und die können sich auch woanders Hilfe suchen.
[5:08] Was macht es dir denn so schwer, dich gesund abzugrenzen? Also ich kann schon
[5:14] kommunizieren, damit hatte ich eigentlich noch nie ein Problem,
[5:16] dass ich sage, ach weißt du, lass die Themen bei dir und das ist gar nicht meins.
[5:22] Aber bei mir, und das ist auch in anderen Beziehungen so, kommt ganz schnell
[5:27] ein sehr schlechtes Gewissen, also dass ich mich abgrenze.
[5:30] Und das hängt bei mir total tief drin, dass ich das nicht loslassen kann und
[5:34] sagen kann, ist nicht meine Verantwortung.
[5:36] Also ich habe ein Problem mit Verantwortung und habe auch Erwartungen an mich selber von außen und.
[5:42] Ja, das hängt wirklich tief. Genau, also es ist wie so oft mal wieder eigentlich
[5:47] nur so ein inneres Problem. Ja.
[5:50] Dass du innerlich so Probleme hast mit der Abgrenzung. Sagen wir mal so,
[5:54] die Probleme bestehen eigentlich gar nicht so sehr im Außen,
[5:57] weil es ist ja ein gesunder Standpunkt zu sagen, meine Geschwister sind erwachsen,
[6:04] ich bin nicht verantwortlich.
[6:05] Also dass die eben gucken, wie sie ihre Lösungen finden. Zumal du hast ja selber
[6:09] drei Kinder, hast du erzählt und dein eigenes Leben.
[6:13] Es ist nur dieses Innere in dir, diese Schuldstimme, dieses Schuldgefühl, was da ist.
[6:21] Und was sagt denn dein Schuldgefühl, wenn du es ausformulieren müsstest oder
[6:26] würdest? Also vor allem, dass...
[6:29] Ich mehr dafür tun könnte, damit es den anderen besser geht.
[6:32] Ja, das ist so, glaube ich, das Größte. Also dieses, ich habe Schuld auch daran,
[6:38] dass ihre Lebenssituation nicht besser wird.
[6:41] Also du bist für ihre Lebenssituation verantwortlich. Ja. Warum?
[6:46] Was hast du gemacht? Also ich habe das Gefühl, dass ich vor allem so von meiner
[6:50] Mutter gespiegelt bekomme, ich könnte mehr für die anderen da sein.
[6:54] Und das bin ich aktuell nicht mehr. Warte mal, für die anderen Dasein ist was
[6:58] anderes als, ich habe Schuld, dass sie da in dieser Situation sind.
[7:03] Also ich empfinde das, ich weiß nicht, ob ich das Schuld nennen würde.
[7:06] Ich empfinde das eher als, ich frage dich einfach mal anders.
[7:12] Hast du etwas aktiv dazu beigetragen, dass es deinen Brüdern so geht, wie es ihnen geht? Nein.
[7:17] Okay, also da bist du schon mal ganz klar. Ja.
[7:21] So, jetzt kommt ein Anspruch von deiner Mutter.
[7:24] Ja. Du selbst hättest den gar nicht oder hättest du den auch?
[7:27] Oder wird der vor allen Dingen von deiner Mutter in dich hineingetragen?
[7:30] Ja, von meiner Mutter kommt das. Und die hat den Anspruch, dass du deine Brüder
[7:36] irgendwie aktiver unterstützt.
[7:39] Und diesen Anspruch kannst du schlecht abwehren.
[7:44] Würdest du sagen, dass das Kernproblem nicht zwischen dir und deinen Brüdern,
[7:48] sondern zwischen dir und deiner Mutter besteht? Ja.
[7:52] Also mit meinen Geschwistern habe ich eigentlich mit allen eine ganz gute Bindung,
[7:57] mit einem Bruder besonders gut.
[7:59] Und es ist auch so, wenn es da Themen gibt, dass die sich jederzeit bei mir
[8:03] melden können und dass wir dann auch drüber reden.
[8:05] Und ich da auch eine ehrliche Meinung sagen kann, das sage ich auch bei meiner
[8:08] Mutter. Also unterstützt du sie ja schon?
[8:11] In dem Rahmen, in dem ich sie unterstützen kann, ja. Aber ich bin nicht mehr
[8:14] bereit, über meine Grenze hinaus zu gehen und zu sagen, ich mache noch mehr
[8:17] und noch mehr, weil das kann ich aktuell nicht leisten. Muss sie ja auch nicht.
[8:21] Also eigentlich ist es ein Problem in deiner Beziehung zu deiner Mutter.
[8:27] Dann müssen wir da mal genauer hingucken, warum deine Mutter da so eine große Macht über dich hat.
[8:34] Und du das so wenig abschütteln kannst. Weißt du, es könnte dir ja auch irgendwie links vorbeigehen.
[8:40] Aber was ist es denn da mit einer Mutter? Fühlt sich die Beziehung zu ihr nicht so ganz sicher an?
[8:46] Oder kannst du mal versuchen zu ergründen, warum es dir so schwerfällt,
[8:53] dich gegen deine Mutter abzugrenzen? Also ich habe das Gefühl,
[8:56] dass ich als Tochter eine andere Stellung bei ihr habe als meine Brüder.
[9:00] Ich habe das Gefühl, dass sie die Söhne mehr oder überhaupt so ein bisschen
[9:06] glorifiziert, dass vieles entschuldigt wird, was gemacht wird und auch alles gerechtfertigt wird.
[9:11] Und bei mir die Haltung schon mal eine ganz andere ist. Und das ist bei meiner
[9:14] kleinen Schwester, so sehe ich das heute so, auch so ähnlich.
[9:19] Wir haben viele Jahre Altersunterschied und ich glaube, dass sich bei ihr einiges
[9:22] wiederholt, Was bei mir damals auch schon passiert ist, nur dass die Geschwisterstellung eine andere ist.
[9:27] Und ja, ich wie gesagt auch früh in die Verantwortung gezogen wurde,
[9:30] dass es auch von vornherein klar war, dass ich viele Aufgaben zu übernehmen
[9:33] habe, also haushaltstechnisch ganz viel, auch Verantwortung für meine Geschwister,
[9:39] die aus dem Kindergarten abholen,
[9:40] nachmittags betreuen, bis meine Mama abends von Arbeit gekommen ist.
[9:44] Da war schon auch immer...
[9:46] Eine große Last, die vor allem auf mir, und ich weiß nicht, ob es diese Tochterrolle
[9:50] ist oder ob es an dem ältesten Kind liegt, die auf mir lag.
[9:54] Da denke ich spontan und sage es einfach laut, die hätte vielleicht mal weniger
[9:58] Kinder bekommen sollen. Ja.
[10:02] Oder? Also irgendwie, das ist so eine Verschiebung von Verantwortung.
[10:06] Ich meine, es ist ja eigentlich die Verantwortung als Mutter zu gucken,
[10:11] dass man das irgendwie gemanagt bekommt. Und du hast ja sehr viel Verantwortung
[10:14] von Anfang an rübergeschoben bekommen, wie so eine Hilfsmutter sozusagen.
[10:19] Und da liegt ja auch schon eine Problematik drin.
[10:23] Ich frage mich dann ja immer so als Psychologin, also was du im Innersten glaubst,
[10:28] was du tun musst, um von deiner Mutter geliebt zu werden.
[10:33] Könntest du versuchen, das mal auszuformulieren?
[10:37] Also ist die Liebe, Mutterliebe für dich ein Geschenk, was einfach so da ist?
[10:41] Oder ist das irgendetwas, was du dir auch ein Stück weit erarbeiten musst?
[10:44] Also meine Eltern sind schon sehr supportend und ich habe auch das Gefühl,
[10:49] das ist wie ein Fels in der Brandung.
[10:51] Beide meiner Eltern, mein Vater noch ein Stück weit mehr.
[10:54] Meine Mutter versinkt halt viel in den Themen, wie gesagt, meiner Geschwister.
[10:58] Aber ich denke auch, dass sie von mir das Bild hat oder wenn man sie fragt,
[11:02] dann ist sie schon stolz auf mich oder sagt auch, das ist Wahnsinn,
[11:06] wie die ihr Leben meistert. Das habe ich schon das Gefühl.
[11:10] Aber meine Mutter war nie eine sehr warme und eine sehr herzliche Person.
[11:13] Also die ist schon sehr pragmatisch und ist auch immer ihren Weg gegangen,
[11:17] hat noch verschiedene Studienabschlüsse gemacht, obwohl sie Kinder hat,
[11:20] hat auch immer viel gearbeitet.
[11:21] Also ich will ihr das gar nicht so unterstellen, dass sie mich nicht geliebt hat.
[11:26] Ich glaube, sie hat das auf eine andere Art einfach gezeigt.
[11:29] Sie war da einfach so eine, ja, auf ihre Art herzlich. Und das ist sie auch immer noch.
[11:35] Aber ich glaube, die Anspruchshaltung an Menschen,
[11:38] Tochter oder Frau oder wie auch immer, ist einfach von Grund auf eine andere
[11:43] und das sehe ich so als großes Thema, dass an mich ganz andere Erwartungen gestellt
[11:47] werden und ich glaube nicht, dass das automatisch mit Liebe verknüpft ist oder
[11:51] nicht, sondern dass es vor allem so mit diesem,
[11:54] also ich fühle mich dadurch manchmal so, als hätte ich gar nicht das Recht,
[11:57] so zu leben, wie ich möchte oder als würde das nicht ganz passen.
[12:01] Obwohl ich ja prinzipiell erstmal schon sehr, ich sag mal, geradlinigen Weg
[12:06] gegangen bin und obwohl bei mir im Leben viel los war und ich immer alles viel
[12:09] parallel hinbekommen habe, habe ich immer das Gefühl, es ist nicht genug, es könnte mehr sein.
[12:14] Du müsstest nochmal eine Schippe oben drauf machen und die Ansprüche,
[12:17] die ich eh schon an mich habe, die auch hoch sind, denen werde ich irgendwie
[12:20] nie gerecht und ich glaube, das kommt auch aus dieser Beziehung heraus.
[12:24] Und zwar in doppelter Funktion.
[12:26] Einerseits durch die Ansprüche, die deine Mutter unmittelbar an dich gerichtet
[12:31] hat und andererseits in ihrer Vorbildfunktion.
[12:34] Weil sie hat ja dasselbe gemacht wie du. Hat noch studiert, hat aber fünf Kinder
[12:37] und du bist ja irgendwie ähnlich drauf, was du sagst.
[12:41] Da hast du mein Studium angefangen, hast drei Kinder, warst ein Haus.
[12:45] Also sie hat es dir ja auch vorgelebt. Also die Prägung sitzt sozusagen doppelt.
[12:54] Ja, die Lotta erzählt ja hier, wie sie im Grunde genommen schon in diesem Muster
[12:58] aufgewachsen ist, dass sie sehr viel Verantwortung übernommen hat und wohl auch
[13:02] übernehmen musste für ihre kleineren Geschwister.
[13:06] Und das ist natürlich eine ganz, ganz tiefe Prägung in ihr, da auch die Erwartungen
[13:11] zu erfüllen, die die Eltern an sie gestellt haben, sei es explizit oder implizit, und sich zu kümmern.
[13:18] Also sehr, sehr stark, zu stark in die Verantwortung zu gehen.
[13:23] Und das Interessante ist immer bei so Prägungen, dass sie derartig tief verinnerlicht
[13:27] werden, dass sie zur eigenen Stimme werden.
[13:29] Das heißt, in der Psychologie sprechen wir in diesem Zusammenhang auch von sogenannten Introjekten.
[13:35] Ein Introjekt ist sozusagen wie so ein kleiner Fremdkörper, den man verschluckt
[13:41] hat, den man aber schon so lange und früh verschluckt hat, dass man das Gefühl
[13:45] hat, das ist ein Teil meines Körpers, das gehört dazu.
[13:49] Das heißt, das sitzt so tief und wird so zugehörig erlebt, dass es inzwischen
[13:55] als eigene Stimme fungiert.
[13:57] Ich muss Erwartungen erfüllen, ich muss mich kümmern, ich darf nicht Nein sagen,
[14:02] ich darf nicht enttäuschen.
[14:03] Also diese eigenen Stimmen präsentieren sich ja auch oft in Formen dann von Glaubenssätzen.
[14:09] Und das ist genau der Vorgang, den die Lotta hier beschreibt.
[14:12] Sie hat die Botschaften ihrer Eltern, während sie aufgewachsen ist,
[14:16] so tief verinnerlicht, dass sie zu ihren eigenen geworden sind,
[14:20] beziehungsweise fühlt sie das so.
[14:22] Und das macht es natürlich für sie noch viel wahrer und noch viel überzeugender.
[14:31] Dieser Anspruch, der zunächst von außen kam und den du auch vorgelebt bekommen
[14:37] hast, ist jetzt zu deiner eigenen inneren Stimme geworden. Ja.
[14:43] Du hast das verinnerlicht. Ja, und dieser große Punkt, jetzt mal selber an mich
[14:47] zu denken, da habe ich das Gefühl, das steht mir gar nicht zu.
[14:51] Also ich bin da, um alle anderen Bedürfnisse zu erfüllen und mich sozusagen
[14:56] im Kreis zu drehen, um die Bedürfnisse meiner Geschwister, um die meiner Eltern,
[15:00] um meine eigenen Kinder, die ja eigentlich an allererster Stelle stehen.
[15:04] Und in der Zeit im Ausland war ich das erste Mal zwei Jahre lang frei von Erwartungen von außen.
[15:10] Also ich habe mich so frei gefühlt und ich glaube, das hat auch meinen kleinen
[15:14] Crashout verursacht, dass als
[15:15] ich wiederkam, sich eigentlich um mich drum herum nichts geändert hatte.
[15:19] Aber ich selber hatte ja jetzt nur mal erfahren, wie es ist,
[15:22] wenn ich mich nur um mich und meine Kinder kümmern muss und nicht um die Themen der anderen.
[15:26] Ja, du hattest plötzlich einen anderen Vergleichsmaßstab. Ja, total.
[15:29] Und ich kam aus dieser Welt wieder, wo ich ja auch, mich kannte ja keiner.
[15:34] Ich bin ja da hingegangen völlig frei und keiner wusste, das ist die große Schwester
[15:39] oder ne, also ich war völlig frei.
[15:41] Und deswegen hatte ich das Gefühl, es gab auch so wenig Erwartung von außen,
[15:45] also von sämtlichen Menschen.
[15:47] Und hier zurück, ja, fühlt es sich
[15:50] für mich an, ich bin so, die kleinsten Sachen sind mir gerade zu viel.
[15:55] Also weil ich innerlich, mein Kopf rotiert die ganze Zeit und ich versuche alles
[15:59] wieder hinzubekommen, aber eigentlich schaffe ich es gar nicht mehr.
[16:01] Ja, weil du dich ja chronisch selbst überforderst und stark mit einer alten
[16:06] Prägung identifiziert bist.
[16:08] Das ist ja der Punkt, du kannst die Prägung zwar reflektieren.
[16:13] Indem du klar erkennst, ja, das waren immer die Ansprüche, das wurde immer so
[16:18] an mich herangetragen, das wurde mir auch vorgelebt, aber du kannst diese Prägung
[16:25] innerlich nicht abschütteln.
[16:28] Wie wäre denn der Zielzustand, wenn du sie abschütteln könntest?
[16:34] Also meine Frage ist, wie würdest du fühlen und denken, wenn du frei von dieser Prägung wärst?
[16:41] Was wäre also im Grunde dein gesunder Zielzustand? Ich würde mich gerne selber priorisieren.
[16:48] Versuch es mal so richtig, nicht würde gerne, sondern versuch mal so zu formulieren.
[16:54] Ja, dann wäre es schon wichtig, dass, erzähl mal weiter.
[16:58] Also es wäre mir schon wichtig, dass ich erstmal schaue, dass es mir selber
[17:01] gut geht, bevor ich die Kapazitäten aufbringe und auch meine eigenen Ressourcen
[17:06] dafür aufbringe, mich um andere zu kümmern.
[17:08] Ich möchte gerne nicht diesen Druck verspüren, dass ich eine gewisse...
[17:16] Warte mal, der Druck kommt von außen, den kannst du nicht verändern.
[17:20] Den Druck von außen hast du keine Kontrolle, aber den Druck von innen.
[17:24] Also stell dir vor, du wärst frei, du hättest diese alte Prägung nicht.
[17:28] Wie wird sich das von innen anfühlen? Entspannt. Entspannt? Ja.
[17:32] Also da wären zwar Ansprüche von deiner Mutter, die kannst du jetzt nicht umprogrammieren.
[17:37] Aber wie würdest du innerlich mit diesen Ansprüchen umgehen,
[17:41] wenn du nicht identifiziert wirst?
[17:44] Vielleicht wäre es mir einfach egal. Ich könnte das einfach hinter mir lassen.
[17:49] Und ich weiß auch nicht, ob das immer nur die Ansprüche...
[17:57] Vielleicht ist es auch mein innerer Anspruch, den ich wirklich selber habe.
[18:01] Vielleicht ist es gar nicht unbedingt alles von meiner Mutter.
[18:04] Es gab auch Sachen, die sie nicht hinbekommen hat und die habe ich auch gesehen.
[18:08] Und es gab auch Probleme, mit denen ich auch als Kind stark immer,
[18:13] also ich habe das viel mitbekommen, wie meine Eltern sich auch darüber gestritten haben und so.
[18:17] Und wurde da vielleicht auch zu sehr involviert. Und jetzt habe ich vielleicht
[18:21] auch den inneren Anspruch, das selber doch nochmal anders zu machen.
[18:25] Oder vielleicht auch ein Stück weit besser.
[18:28] Also ich erlege mir da selber auch ein hohes Maß an Anspruch auf.
[18:33] Okay, dann verändern wir den jetzt mal gesund.
[18:36] Wie würdest du mit dir selbst reden, also innerlich jetzt, wenn du für dich
[18:43] in einem gewünschten guten Zustand bist?
[18:47] Also da, wo du ja hin willst. Also wenn du dein Ziel jetzt erreicht hättest
[18:51] an persönlicher Weiterentwicklung.
[18:54] Wie würdest du dann innerlich mit dir reden?
[18:57] Welche Ansprüche hättest du dann an dich unter denselben Umständen, wie sie heute bestehen?
[19:02] Mein Anspruch an mich selber wäre vor allem, dass ich ruhig bin,
[19:06] dass ich nicht so viel im Außen bin, sondern mich mehr auf meine eigenen Themen
[19:10] konzentriere und auch gelassener mit Sachen umgehe.
[19:14] Ja, das ist jetzt sehr so auf der Gefühlsebene formuliert. Ich würde es noch
[19:19] ein bisschen mehr auf der Ebene auch formulieren, wie du zu diesen Gefühlen kommst.
[19:24] Und das hat dann ja etwas damit zu tun, wie ich darf mir die Erlaubnis geben
[19:29] oder ich erteile mir die Erlaubnis, mich um meine Kinder zu kümmern und um mein Leben.
[19:35] Ich telefoniere gerne mal mit meinen Brüdern und das ist auch völlig okay für
[19:40] mich, denen mal Rat zu geben, aber die sind für ihr eigenes Leben verantwortlich.
[19:48] Und wenn die Mama sich das anders vorstellt, dann hat das was mit ihr zu tun und,
[19:53] Weil sie hat schon immer den Fehler gemacht, mir zu viel Verantwortung zu geben
[19:56] und sie setzt diesen Fehler fort.
[19:58] Aber dieser Fehler gehört nicht zu mir, den lasse ich bei ihr.
[20:03] Da kann ich innerlich sogar eine Glaswand runterziehen und dieses Programm bei
[20:07] ihr belassen. Das kommt so jetzt gar nicht bei mir an.
[20:12] Ich entscheide selbst, wo ich mich engagieren möchte und wo es für mich keinen Sinn macht.
[20:21] Beziehungsweise wo ich einfach nicht die inneren Kapazitäten und Ressourcen
[20:25] dafür habe, weil ich mit meinen Kindern, mit meinem Beruf, mit meiner Beziehung,
[20:31] mit meinem eigenen Leben schon ressourcenmäßig so weit ausgelastet bin.
[20:35] Was geht gerade in dir vor? Das fällt mir gerade schwer,
[20:39] weil ich halt, wie gesagt, innerlich dieses schlechte Gewissen habe und weil
[20:43] da so eine kleine Stimme auch in mir ist, die immer wieder sagt oder die mir
[20:49] eigentlich signalisiert, du kannst das nicht loslassen.
[20:53] Und das ist aber eine gewisse Form von Loslassen.
[20:56] Also diese Kernfamilie, aus der ich selber komme, loszulassen und die eigene
[21:01] Familie zu priorisieren oder auch wirklich so innerlich mich abzukappen und zu sagen,
[21:08] also nicht nur äußerlich zu sagen, das ist dein Thema oder kümmere dich selber drum,
[21:14] sondern auch innerlich so einen Abstand davon zu bekommen, das fällt mir unheimlich schwer.
[21:18] Ja, das ist ja genau das, wo du so stark identifiziert bist.
[21:22] Sodass du dir noch nicht mal vorstellen kannst.
[21:25] Anders zu fühlen und zu denken, so wie ich es eben formuliert habe.
[21:29] Also noch während ich rede und so den gesunden Gegenentwurf mache, wehrt sich alles in dir.
[21:38] Welchen versteckten positiven Nutzen hast du davon, wenn du in dich hineinfühlst,
[21:44] an dem alten Programm festzuhalten?
[21:47] Was bringt dir das? Was erhält dir das? Frieden.
[21:51] Mit wem? Mit wahrscheinlich ziemlich vielen Menschen.
[21:55] Also nicht nur mit meiner Familie, sondern es ist ja auch, wenn man so sich
[21:59] anpasst oder allen immer alles recht macht oder auch versucht,
[22:02] das so aufrechtzuerhalten, dann geht man ja prinzipiell auch einen Weg,
[22:07] wo man nicht so viel aneckt.
[22:09] Also ich kann schon auch anecken und ich kann schon auch mich äußern,
[22:13] aber es gibt immer so einen Punkt, wo ich auf Rückzug gehe und sage,
[22:16] okay, dann passe ich lieber an und das ist so, mach es einfach zum Wohle aller.
[22:26] Hier sind wir psychologisch gesehen an einer sehr spannenden Stelle,
[22:31] denn wir haben ja vier große psychologische Grundbedürfnisse,
[22:35] die uns von morgens bis abends unbewusst steuern.
[22:38] Das ist zum einen das Bedürfnis nach Bindung, von dem Lotta hier ja auch sehr viel spricht.
[22:44] Und dann haben wir das Grundbedürfnis nach Autonomie und Kontrolle,
[22:48] das heißt irgendwo auch Einfluss auf das eigene Leben nehmen zu dürfen.
[22:52] Das heißt, das Leben nach den eigenen Vorstellungen zu gestalten.
[22:56] Und genau hier ist die Lotta ja immer in der Klemme zwischen den beiden Grundbedürfnissen,
[23:01] zwischen Bindung und Autonomie,
[23:03] weil sie sehr viel Autonomie opfert, um eben in der Bindung zu bleiben und dafür
[23:08] auch ein Stück weit, und jetzt kommen wir zum nächsten Grundbedürfnis,
[23:12] ihren Selbstwert opfert.
[23:15] Denn solange sie innerlich daran glaubt, dass sie nur liebenswert ist unter
[23:19] der Bedingung, dass sie sich anpasst und dass sie Erwartungen erfüllt,
[23:23] hat das ja auch ganz viel mit ihrem Selbstwert zu tun.
[23:25] Weil anders formuliert heißt es ja, so wie ich bin, alleine nur da zu sein, das genügt eben nicht.
[23:32] Und das letzte Grundbedürfnis wird hier auch noch erfüllt. Sie umgeht damit Unlustgefühle.
[23:39] Das heißt, für sie fühlt es sich sicherer an und mehr nach Frieden an,
[23:44] wenn sie in ihrem alten Programm bleibt, eben Erwartungen zu erfüllen.
[23:50] Hier können wir sehr gut erkennen, dass man die Psyche bzw.
[23:56] Verhalten eigentlich nur richtig
[23:58] tief verstehen kann, wenn man alle vier Grundbedürfnisse im Auge behält.
[24:03] Das heißt, Lotta opfert ihr Grundbedürfnis nach Autonomie und Selbstbestimmung
[24:09] und ihren Selbstwert dafür, um in der Bindung zu bleiben.
[24:15] Die Bindung ist für sie die oberste Priorität, wie für viele Menschen.
[24:21] Und dafür opfert sie dann zwei ihrer Grundbedürfnisse, damit sie die Bindung
[24:26] zu anderen Menschen aufrechterhalten kann.
[24:29] Und das erklärt auch, warum es ihr so schwer fällt, von dem alten Programm loszulassen,
[24:33] weil es ihr eben auch ein Stück Kontrolle gibt, die Bindung aufrechtzuerhalten.
[24:39] Zumindest ist es das, was sie glaubt, dass sie das tun muss,
[24:44] was ja auch völligen Sinn macht, innerhalb ihrer eigenen Prägungslogik.
[24:48] Was ihr hier natürlich fehlt, ist das tiefe Vertrauen, dass die Leute auch in
[24:53] der Bindung mit ihr bleiben und sie trotzdem mögen, auch wenn sie nicht alle Erwartungen erfüllt.
[24:57] Da werden wir natürlich auch nochmal genauer hingucken.
[25:06] Das heißt, für deine persönlichen Beziehungen, also du beschützt deine Beziehung,
[25:13] indem du dich den Erwartungen anpasst.
[25:18] Ja, und das kommt auch, weil ich in meiner Kindheit viel erlebt habe,
[25:21] wie es ist, Kontakte abzubrechen.
[25:24] Also meine Mutter und meine Oma haben eine sehr schwierige Beziehung schon immer gehabt.
[25:28] Und solange ich Kind war, war das immer Kontaktabbruch, Kontaktaufnahme,
[25:33] schwere Enttäuschung, Kontaktabbruch.
[25:34] Auch das habe ich als Kind schon versucht, irgendwie zu regeln,
[25:38] dass meine Oma und meine Mutter Frieden haben.
[25:42] Ich habe auch immer den Kontakt zu meiner Oma versucht zu halten.
[25:44] Ich habe mir von dieser Seite natürlich auch viel angehört, wie schlimm meine Mutter ist.
[25:49] Bei meiner Mutter habe ich natürlich mir auch angehört, wie furchtbar das alles
[25:53] mit ihrer eigenen Mutter ist. Und dass sie sie nicht annehmen und lieben kann.
[25:58] Dass sie grenzüberschreitend ist und aktuell.
[26:02] Das heißt, du hast so vorgelebt bekommen, wie so eine schlechte Beziehung zwischen
[26:05] Mutter und Tochter laufen kann.
[26:08] Ja. Und ist das jetzt so, dass da so eine tiefe Angst in dir ist,
[26:12] es könnte mit dir und deiner Mutter auch so schlecht werden?
[26:15] Beziehungsweise dieser tiefe Wunsch da ist, deine Beziehung zu deiner Mutter
[26:19] besonders zu beschützen.
[26:22] Zu meinen beiden Eltern. Das hat nicht nur mit meiner Mutter,
[26:24] das ist vor allem auch mit meinem Vater. Zu meinen Eltern.
[26:27] Und du sagst, der Schutz funktioniert, indem ich Erwartungen erfülle.
[26:33] Und das hast du ja schon früh als Kind gelernt.
[26:36] Wenn ich will, dass du mich liebst oder wenn ich will, dass wir gut miteinander
[26:41] klarkommen, dann muss ich deine Erwartungen erfüllen.
[26:44] Und dafür opferst du was? Ja, auf mich selber zu hören.
[26:49] Du opferst deine Autonomie für die Bindung. Ja.
[26:52] Also du opferst eigentlich für die Bindung, um in der guten Bindung zu den Eltern
[26:57] zu bleiben, dein Leben nach deinen Vorstellungen zu gestalten.
[27:02] Und genau an dieser Kreuzung stehst du. Und da stehen unheimlich viele Menschen.
[27:09] Unheimlich viele. Weil im Grunde genommen geht es ja immer um dieselben Strukturen,
[27:13] Bindung oder Autonomie.
[27:15] Was bei mir halt die Frage aufwirft, also wir wissen, es ist eine alte Prägung.
[27:19] Du hast es so gelernt, ja? und dir fällt es schwer, dich von dieser Prägung abzugrenzen.
[27:27] Weil dann müsstest du nämlich etwas tun, was wieder die Bindung gefährdet.
[27:32] Wüsstest du, was das ist?
[27:34] Was du da tun müsstest, was ich gerade im Kopf habe? Das ist klar auszusprechen
[27:38] wahrscheinlich einfach, oder?
[27:39] Ja, vor allen Dingen, es geht sehr in die Richtung, was du sagst.
[27:43] Du müsstest ja innerlich mal sagen, das war scheiße.
[27:47] Ihr hättet mir nicht damals schon so viel Verantwortung aufdrücken müssen.
[27:52] Und ich habe jetzt das Problem, dass ich so ein blöder Erwartungserfüller geworden
[27:58] bin, weil ihr da auch Druck verströmt habt früher.
[28:03] Und das hättet ihr eigentlich nicht tun dürfen und ich weigere mich,
[28:07] das weiterhin zu tun. Also du bräuchtest ein bisschen Trennungsaggression.
[28:12] Also mein Problem ist, ich sehe das natürlich auch als Ressource,
[28:16] dass ich früh selbstständig war, dass ich viel konnte, was andere in meinem
[28:19] Alter nicht konnten. Und das hat mich ja auch irgendwie weit gebracht.
[28:21] Und ich habe ja auch immer wieder... Beschützt du gerade deine Eltern?
[28:25] Weiß ich nicht. Kann schon sein, ja.
[28:27] Also du gehst sofort auf ihre Seite. Das war ja nicht nur schlecht.
[28:31] Und da ist genau das Thema eigentlich, was wir hier beim Wickel haben.
[28:35] Und was so ein Kernthema ist. Kernthema, da draußen laufen Millionen,
[28:40] Milliarden von Menschen rum, die in der Struktur genau dasselbe Probleme haben.
[28:45] Diese Elternbindung. Also du opferst immer deine Bindung, jetzt auch in diesem
[28:49] Gespräch, deine Autonomie opferst du immer für die Bindung.
[28:53] Also ich sage, du brauchst eigentlich ein bisschen gesunde Trennungsaggression,
[28:57] um dich von dieser alten Prägung zu vermitteln.
[29:00] Zu verabschieden, um meinen Abstand zu ihr zu bekommen und sofort reflexartig
[29:05] geht das bei dir, stellst du dich vor deine Eltern.
[29:09] Wobei ich, wenn ich mit ihnen zusammen bin, schon so eine Art Wut in mir habe
[29:14] und dann auch mal schnell irgendwas sage, was mir danach vielleicht auch manchmal
[29:18] leid tut. Aber das habe ich schon.
[29:21] Ja, es ist nur nicht nachhaltig. Nee, das ist halt immer kurzfristig.
[29:24] Also bei jedem Gespräch kann man darauf warten, dass es sich so hoch geschaukelt
[29:28] hat, dass ich dann irgendwas sage, aber es bleibt dann dabei.
[29:32] Ja, ich möchte jetzt auch nicht missverstanden werden, weder von dir noch von
[29:37] unseren Hörern da draußen.
[29:39] Es geht ja jetzt nicht darum, wenn ich von Trennungsadgressionen spreche,
[29:43] dass du alles kreuz und klein schlagen sollst.
[29:45] Es geht auch noch nicht mal darum, dass du mit deinen Eltern jetzt unbedingt
[29:49] weniger Kontakt haben musst. Weil das ganze Äußere ist nicht das Problem,
[29:53] sondern diese innere Erlaubnis.
[29:56] Du brauchst die innere Erlaubnis, dass du dein Leben nach deinen eigenen Vorstellungen gestalten darfst.
[30:04] Und das Vertrauen, und das hast du nicht.
[30:08] Dass du trotzdem eine gute Beziehung mit deinen Eltern behalten kannst.
[30:12] Also dass du nicht aus der Bindung rausfliegst.
[30:15] Das ist ja deine tiefste Überzeugung. Wenn ich mir mein eigenes Ding mache,
[30:20] werde ich für die Tür gesetzt.
[30:22] Beziehungsweise ich fliege aus der Bindung raus. Ich verliere meine Eltern.
[30:25] Das ist zu bedrohlich. Und deswegen kannst du nicht von dem alten Programm loslassen.
[30:29] Weil das alte Programm, ich erfülle Erwartungen, gibt dir die Kontrolle über deine Beziehung.
[30:36] Solange ich das tue, bleiben alle bei mir. Und das ist auch dieses schlechte
[30:39] Gewissen, was ich ja permanent habe.
[30:42] Dieses, was ja immer wiederkommt bei sämtlichen, dieses Gewissen,
[30:49] du bist schon wieder rausgegangen aus dieser und bist schon wieder zu.
[30:58] Forsch gewesen zu.
[30:59] Ja, Schuldgefühle stellen sich ja immer dann ein, wenn man Normen übertreten
[31:05] hat, wenn man Beziehungen mit eigenem Verschulden gefährdet hat.
[31:09] Das ist ja alles drin in deinem inneren Prägungsuniversum, weil dein Prägungsuniversum
[31:16] ist ja, ich bin dafür verantwortlich, dass meine Beziehung zu euch gelingt.
[31:23] Also du warst schon als Kind, hast du dich verantwortlich dafür gefühlt,
[31:27] dass deine Beziehung zu deinen Eltern gelingt.
[31:31] Und wenn du dafür allein verantwortlich bist, dann kriegst du auch allein die
[31:34] Schuld, wenn du die Beziehung belastest. Ja.
[31:39] Und das ist deine tiefe Prägung, von der du ganz schlecht Abstand gewinnen kannst,
[31:45] weil sich ja die Katz leider in den Schwanz beißt.
[31:47] In dem Moment, wo du Abstand gewinnst, gibst du auch ein Stück Bindung auf.
[31:53] Ja, es ist für mich schon schwierig. Ich möchte natürlich auch für meine Kinder,
[31:59] dass die eine Oma und Opa haben.
[32:00] Und ich möchte auch nicht, dass die darunter leiden, so wie ich das früher als Kind musste.
[32:04] Also das wäre für mich so dieses Schlimmste, was passieren kann.
[32:07] Ich bin da in die Nähe gezogen. Warte mal, ich möchte dich hier sogar schon unterbrechen.
[32:12] Ich sehe eben, wie du das in deinem Bindungsuniversum, wie groß das alles ist.
[32:18] Das ist alles so unrealistisch groß, wie du das innerlich machst.
[32:23] Und das ist typisch für Menschen, die so dein Muster haben.
[32:27] Ich bin zu 100 Prozent verantwortlich. Ich muss meine Autonomie öffnen,
[32:31] um Erwartungen zu erfüllen.
[32:33] In meiner Vorstellung ist das überhaupt nicht so groß. Weißt du,
[32:38] was das in meiner Vorstellung ist?
[32:40] Also wenn es jetzt so ganz einfach wäre, atmest du einmal tief durch und sagst,
[32:44] stimmt dir eigentlich, was die Steffi da sagt?
[32:48] Stimmt, ist eine alte Prägung? Ich weiß das jetzt so nicht, aber ich will einfach
[32:53] nur mal den gesunden Gegenzustand.
[32:56] Ich musste eigentlich nicht die Erwartungen von Mama erfüllen.
[33:00] Ich musste aber auch nicht groß drüber reden.
[33:03] Ich meine, ich telefoniere ja mit meinen Brüdern und wenn sie dann wieder sagt
[33:07] so und so, dann kann ich sagen, nee Mama, das ist mir ein bisschen zu viel.
[33:12] Und dann vielleicht sie ein bisschen wieder vom Thema ablenken oder sagen,
[33:14] willst du noch ein Stück Kuchen oder was weiß ich. Und das war es eigentlich schon.
[33:18] Es geht doch letztlich nur um deine innere Haltung. Die muss doch überhaupt
[33:21] keine Riesenauswirkung auf das Miteinander haben.
[33:25] Aber dass es das in deiner Welt hat, zeigt eben, wie tief es in dir sitzt.
[33:30] Wenn ich nicht funktioniere, fliege ich aus der Bindung.
[33:34] Verstehst du meinen Gedanken? Ich glaube schon, ja. Was ich eben sagte? Ja.
[33:37] Das muss ja gar keine große Sache sein. Du musst dann nicht,
[33:39] Gott weiß, welche dramatischen Beziehungsbelastungen haben, nur weil du innerlich
[33:46] dir die Erlaubnis gibst,
[33:49] ey, die Zeiten sind jetzt mal vorbei. Also ich habe jetzt eine eigene Familie.
[33:54] Und ich kann diese Erwartungen und auch meine Erwartungen, du sagst ja,
[33:58] es sind auch viel meine inneren, dass du einfach mal sagst, ach,
[34:01] weißt du was, ich glaube, ganz viele Menschen mögen mich auch,
[34:05] wenn ich diesen Teil verändere.
[34:07] Aber im Grunde ist es ja nur ein Vertrauensschaden, den du hast.
[34:12] Du hast zu wenig gelernt, dass man dich mag oder liebt um deiner Selbstwillen.
[34:20] Also am Ende des Tages reden wir hier eigentlich nur über Vertrauen.
[34:24] Wenn du darauf vertrauen würdest, sagen würdest du, reicht doch,
[34:27] dass ich ich bin. Ja, auch wenn ich anecke, ne?
[34:30] Ich glaube, du würdest viel weniger anecken, weil du viel entspannter wärst.
[34:35] Das Anecken, kann ich ja gleich nochmal erzählen, woher das kommt.
[34:39] Du würdest viel weniger anecken.
[34:42] Oh, der Hund, der stimmt uns zu.
[34:45] So, auf jeden Fall, wenn du innerlich loslassen würdest und mehr darauf vertrauen
[34:49] könntest, Sowohl meine Eltern bleiben mir erhalten, als auch meine Freunde,
[34:53] als auch mein Ehemann und so weiter.
[34:55] Wenn ich mich mal ein bisschen entspanne und ein bisschen mehr nach mir gucke,
[35:00] innerlich den Anspruch loslasse, hier meine Brüder zu retten,
[35:04] beziehungsweise mir erlaube, den Anspruch meiner Mutter abzugrenzen.
[35:09] Ich glaube, da wird überhaupt nichts Schlimmes passieren, ehrlich gesagt.
[35:12] Die würden dich alle noch genauso lieb haben und es würde sich im Grunde gar nicht viel verändern.
[35:16] Was sich tatsächlich verändern würde, ist, dein Anecken.
[35:20] Das hast du ganz oft bei Menschen, die sich eigentlich schlecht abgrenzen können.
[35:26] Innerlich, so wie du. Und wenn sie sich äußerlich abgrenzen,
[35:29] es viel zu scharf tun. Und warum tun sie es viel zu scharf?
[35:33] Weil sie zehnmal Ja gesagt haben, obwohl sie Nein meinten. Und beim elften Mal
[35:38] explodieren sie. Und dann hauen sie einen raus.
[35:41] Ja, das bin ich ja. Genau. Ja, ich habe schon auch dann eine sehr starke Meinung
[35:46] zu den Themen und kann dann auch gar nicht hinterm Berg halten.
[35:49] Also das ist dann wie ein Vulkan, der völlig explodiert und dann aber alles
[35:53] auf den Tisch kommt. Genau.
[35:54] Und das ist ja auch nicht ganz fair. Ich sage immer, Wut schlägt Schuldgefühl.
[35:58] Du musst so wütend werden, dass die Wut einfach größer ist als die Schuld.
[36:03] Dann ballerst du mal richtig durch und dann steht die Schuld schon wieder hinten
[36:07] an und klopft wieder an der Tür, sobald die Wut verraucht ist.
[36:11] Aber wenn du dich lockerer, entspannter in den kleinen Dingen abgrenzen würdest.
[36:16] Das würde ja schon reichen, wenn du viele Sachen von deiner Mutter gar nicht
[36:21] so an dich herankommen lässt.
[36:23] Also wenn du einfach nur innerlich entspannter wärst und sagst,
[36:26] ja gut, sie mag das jetzt erwarten, aber sorry, das ist jetzt überhaupt nicht meine Baustelle.
[36:32] Wenn du das innerlich entspannt machen könntest.
[36:35] Aber ich glaube, das hat sich leider so übertragen, nicht nur auf meine Mutter,
[36:38] sondern auch alle möglichen Frauen in meinem näheren Umfeld.
[36:41] Das kann man auch auf meine Schwiegermutter beziehen, das kann man auch auf
[36:43] meine Oma beziehen. Das ist ein Streckmuster.
[36:45] Es sind immer die Frauen, mit denen ich dann auch irgendwie so ein Thema habe.
[36:51] Und wo ich das Gefühl habe, die übertragen ihre Erwartungen auf mich und ich
[36:55] nehme sie mir natürlich dann auch an.
[36:56] Und dann gibt es Situationen, wo ich dann sage, ich möchte das auch nicht mehr.
[37:01] Ich möchte diese Erwartungen nicht mehr und dann ziehe ich mich aber auch zurück.
[37:03] Ich würde sogar vermuten, dass du einige Erwartungen sogar hineinfantasierst
[37:08] oder viel größer machst, als sie sind.
[37:10] Das ist nämlich bei Menschen, die genau deinen Film am Laufen haben,
[37:14] genau diese Prägungen haben mit diesen Erwartungen.
[37:16] Die wittern Erwartungen oft, wo keine sind.
[37:19] Oder machen sie viel größer.
[37:22] Ich kenne so viele Leute, ich habe so viele Leute begleitet in meinen therapeutischen
[37:27] Sitzungen, die sich auf den Weg gemacht haben, ein bisschen mehr für sich einzutreten.
[37:31] Und alle waren überrascht, wie locker das Umfeld reagiert.
[37:35] Verstehst du? Wenn ich dich bitten würde, zum Kindergeburtstag noch einen Kuchen
[37:39] zu backen und du sagst, nee, sorry, ich schaffe das nicht, dann würde ich sagen, ja, okay, alles gut.
[37:47] Das wäre es. Und in deiner Welt ist es... Gibt es das gar nicht.
[37:50] Da würde ich niemals Nein sagen. Ich würde sagen, ich mache das ganze Buffet.
[37:54] Siehste. Das heißt, du machst die Erwartungen der anderen, bläst du wahnsinnig dramatisch auf.
[38:01] Ja, weil ich dann auch gefallen will natürlich. Ich möchte ja dann auch,
[38:04] dass diejenigen sagen, ja danke und wenn wir dich nicht hätten,
[38:08] das hast du richtig gut gemacht.
[38:09] Ja, das ist deine Art, Beziehungen zu kontrollieren.
[38:15] Das gibt dir die Sicherheit, die anderen mögen mich.
[38:19] Und dafür, dass die anderen mich mögen, muss ich abliefern. Ich muss liefern,
[38:24] ich muss liefern, ich muss liefern.
[38:25] Und dann kommst du ja in diesen Strudel, weil jetzt komme ich wieder aufs Vertrauen.
[38:30] Im Grunde genommen reden wir hier nur von Vertrauen.
[38:34] Also dieses Vertrauen, die mögen mich auch einfach mal so.
[38:38] Einfach nur, weil es mich gibt. Wie kommt dir der Gedanke vor?
[38:42] Versuch das mal so innerlich auch emotional an dich heranzulassen.
[38:49] Ich werde geliebt dafür, dass ich ich bin, dafür, dass es mich gibt.
[38:54] Das kommt noch nicht so richtig an.
[38:56] Also ich habe da, wie gesagt, so diese Performance im Kopf, die irgendwie aufrechterhalten werden muss.
[39:01] Und dieses alles gleichzeitig und überall. Und wenn ich das so komplett betrachte,
[39:05] dass es auch reicht, wenn ich nur da bin, ohne diesen ganzen Rest.
[39:10] Ja, vielleicht...
[39:13] Also da habe ich noch nie so richtig drüber nachgedacht. Glaub dir,
[39:17] das ist so ein völlig anderes Planetensystem, in dem wir gerade sind.
[39:21] Komplett anderes Universum, oder? Ja. Fast unvorstellbar. Total.
[39:25] Weißt du, wie sich dein Leben entspannen würde, wenn du so fühlen und denken würdest?
[39:29] Ich meine, das heißt ja nicht, dass du nichts machst. Du musst ja Dinge tun,
[39:32] die getan werden müssen.
[39:33] Aber das sitzt so in deiner DNA bis auf die Knochen.
[39:37] Ich muss Erwartungen erfüllen, um dabei sein zu dürfen, um geliebt zu werden.
[39:42] Und auch dieses hohe Level einfach zu halten, immer mit allem,
[39:45] sei das Erziehungsthemen, sei das, wie es zu Hause aussieht,
[39:49] wie Freundschaften gepflegt werden, wie das äußere Erscheinungsbild ist,
[39:52] solche Sachen, total, das kann man auf alles beziehen.
[39:56] Das hat nicht nur was mit dieser einen Bindung zu tun, sondern das ist mit ganz
[39:59] vielen Sachen so. Das ist ein Grundmuster.
[40:02] Also die Grundmuster, das ist so ein schönes Beispiel, das ist irgendwie so
[40:06] ein cooles Gespräch, weil ich glaube, da können sich so viele mit identifizieren.
[40:10] Weil im Grunde ist das Grundmuster, was man hat, das dringt ja in alle Lebensbereiche.
[40:16] So bist du gestrickt. Und was ja jetzt das wirklich Interessante ist,
[40:21] das ist ja nur ein Strickmuster.
[40:24] Verstehst du, es ist einfach nur eine Prägung. Du bist so geprägt worden.
[40:28] Durch die Konstellation in deiner Familie, durch auch innere Haltung in deiner Familie.
[40:34] Aber im grönen genommen ist das völlig willkürlich.
[40:38] Also wenn jetzt deine Eltern anders drauf gewesen wären, du hättest vielleicht
[40:41] nur einen Geschwister gehabt, wärst vielleicht sogar Einzelkind gewesen, egal.
[40:45] Aber du wärst immer noch auf jeden Fall dasselbe Kind gewesen oder die Umstände
[40:49] wären anders gewesen oder deine
[40:50] Eltern an ein paar Stellen ein bisschen reflektierter oder was auch immer.
[40:54] Und die hätten dir dieses Gefühl gegeben, ich werde dafür geliebt,
[40:58] dass ich einfach nur da bin, dann hättest du jetzt dieses Urvertrauen und du
[41:02] wärst immer noch dasselbe Kind gewesen.
[41:07] Das hat gar nichts mit dir zu tun. Du hast ein paar falsche Botschaften empfangen.
[41:11] Ja, und das ist jetzt auch als Erwachsene, mir fällt da so eine Situation ein.
[41:15] Ich habe letztens mich mit zwei Freundinnen getroffen, die ich wirklich nicht oft sehe.
[41:19] Und wir kennen uns schon viele Jahre, schon seit der Schulzeit.
[41:23] Und die haben dann was zu mir gesagt. Also die haben eigentlich mir ein großes Kompliment gegeben.
[41:28] Aber nicht für eine Leistung oder für irgendwas, sondern einfach so für mich als Person.
[41:33] Und ich war davon so schockiert und habe gedacht, das können die doch jetzt
[41:37] nicht über mich gesagt haben. Was haben die denn gesagt?
[41:39] Also erstmal, dass ich als Mutter und dass ich eine warme Person bin und wie
[41:43] ich mein Leben so gemacht habe und so diese, also einfach, dass sie mich total
[41:49] bewundern für die Person, die ich bin, im Grunde genommen.
[41:52] Und ich war damit total, ich habe gedacht, das meint ihr doch nicht ernst. Siehst du mal.
[41:57] Also hast du ein völlig im Räumen verqueres Selbstbild. und Selbstwertgefühl.
[42:03] Und ich habe das auch im Ausland von mir völlig fremden Personen gespiegelt
[42:07] bekommen, die mich ja gar nicht
[42:08] so tief kannten, wie mich diese zwei Freundinnen zum Beispiel kannten.
[42:12] Die mich wirklich nur aus, ich war da immer bei so einer Begegnungsgruppe und
[42:16] da waren auch Leute, die haben mir so Kompliment gegeben, wo ich mir dachte,
[42:20] die verwechseln mich. Die können das gar nicht über mich sagen.
[42:25] Das ist doch nicht, woher wollen, also die sprechen über jemand anderes.
[42:28] Das muss jemand anderes sein. Das fällt mir ganz schwer, Wenn ich darüber rede,
[42:31] was ich alles mache oder die letzten Jahre getan habe,
[42:35] dann fällt mir schon auf, das war eigentlich nicht schlecht,
[42:38] aber das fühlt sich nicht an wie mein Leben, aber das ist so weit weg,
[42:43] wenn das jemand von außen mir sagt oder Freunde mir sagen,
[42:46] ich weiß gar nicht, wie ich damit umgehen soll.
[42:51] Also es fühlt sich nicht so an, als wäre ich auch so gut und als würde ich das
[42:58] gut machen, sondern ich hechte, wie gesagt, diesem Anspruch hinterher oder diesen
[43:01] Erwartungen, aber sehe gar nicht selber oder habe gar nicht das Bewusstsein für mich selber,
[43:06] wie hoch eigentlich das, was ich gemacht habe, ist und dass es auch gut ist,
[43:10] dass es auch gut ist, wenn ich weniger mache und dass ich reiche so.
[43:13] Das war jetzt eine extrem anschauliche Beschreibung von jemandem,
[43:17] der in sich den Glaubenssatz trägt, ich genüge nicht. Ja, richtig.
[43:22] Das ist so, ja. Ingenüge dich, das hast du so verinnerlicht.
[43:28] Weißt du, das überstrahlt alles. Es ist scheißegal, was du machst. Ist egal.
[43:33] Es wird nie reichen. Ich genüge nicht, ist deine innere Überzeugung.
[43:36] Und deine Schutzstrategie ist, also muss ich alle Erwartungen erfüllen. Das ist dein Programm.
[43:42] Das ist dein Betriebssystem. Ich genüge nicht, ergo muss ich Erwartungen erfüllen.
[43:47] Punkt. Das ist eigentlich schon alles. Und damit erlaube ich mir selber,
[43:51] mich nicht hinzusetzen, immer diejenige zu sein, die alles macht drumherum, die alles plant.
[43:57] Also das ist wirklich für mich...
[44:02] So schwierig, einfach mal nichts zu tun, zu sein, da zu sein.
[44:07] Weil dann kommt ja wieder dieses Ich-genüge-nicht nach vorne.
[44:10] Das kannst du ja nur immer entmachten, indem du gegenan arbeitest. Ja.
[44:15] Und zwar bei allen. Also Liebe ist für dich einfach kein Geschenk.
[44:21] Nee. Darauf kannst du nicht vertrauen. Das ist etwas, was man sich erarbeiten
[44:25] muss, und zwar an allen Fronten. Ja, und da ist auch so was Tiefes in mir drin.
[44:30] Auch so eine Prägung, du kannst dich auf niemanden verlassen,
[44:33] du musst gucken, dass du alleine alles hinbekommst. Du musst eigenständig sein,
[44:37] du musst Geld verdienen für deine Kinder.
[44:38] Du darfst von niemandem abhängig sein, nur du vertraust auf dich selber allein.
[44:42] Und das ist eine unheimlich große Bürde, die ich da auch trage,
[44:45] weil in so einem Familiensystem, auch wenn man sich entscheidet, Kinder zu bekommen,
[44:48] ist es irgendwie, man ist ja in einer Familie, wenn man mit einer Partnerschaft
[44:52] auch länger zusammen ist, es ist ja ein Geben und Nehmen und jeder hat ja da
[44:55] seinen Teil und trägt dazu bei, dass es funktioniert.
[44:58] Und mein Anspruch an mich selber, du musst jetzt dieses Studium so schnell wie
[45:01] möglich fertig kriegen.
[45:02] Du musst Geld verdienen und zwar auch nicht nur ein bisschen,
[45:05] sondern du hast drei Kinder bekommen. Du hast dich aktiv dafür entschieden,
[45:07] eine große Familie zu wollen.
[45:09] Dieses Level, ich weiß gar nicht, wie ich das ausdrücken soll, aber es ist so...
[45:15] Es ist so hoch und ich kann mir nicht eingestehen, es ist auch in Ordnung,
[45:18] auf jemand anderen zu vertrauen.
[45:21] Und das wird schon gut werden und wir sind zusammen. Ich habe die Kinder nicht
[45:24] alleine, ich bin nicht alleinerziehend, sondern da gibt es einen Partner dazu,
[45:26] da gibt es einen guten Vater dazu.
[45:28] Und das ist in Ordnung, dass es gerade nicht so ist, dass ich hier 50-50 alles mit finanziere.
[45:34] Und dieses Geldthema ist bei mir auch immer groß. So dieses,
[45:37] was ich auch eingebläut bekommen habe.
[45:39] Guck zu, dass du alleine die Kinder groß kriegst. So im Fall der Fälle,
[45:44] du stehst alleine da oder so.
[45:45] Ich bin nicht mit alleinerziehenden Eltern aufgewachsen, aber trotzdem ist das
[45:48] für mich so ein Ding, dieses Unabhängigsein als Frau sich auch in einer gewissen
[45:53] Position wiederfinden zu können, dafür zu arbeiten, in Bildung zu investieren,
[45:57] dass man irgendwie das schafft.
[45:59] Ja, also das ist eine komplette Überforderung, weil auf der einen Seite tust
[46:05] du alles für die Bindung.
[46:07] Das haben wir eben sehr klar herausgearbeitet. Auf der anderen Seite ist eine
[46:11] zweite Schutzstrategie, außer Erwartungen erfüllen für die Bindung,
[46:14] ist ein Maximum an Autonomie, damit du unangreifbar bist.
[46:19] Also vertraue nur auf dich selbst. Und wieder haben wir das Thema,
[46:23] es fehlt einfach komplett an Vertrauen.
[46:25] Sowohl darin, dass andere Menschen dich mögen, einfach dafür,
[46:28] dass es dich gibt, als auch das
[46:30] Vertrauen darin, dass du dich auf andere Menschen mal verlassen kannst.
[46:34] Das heißt, was dir eigentlich fehlt, ist das klassische Urvertrauen.
[46:39] Das haben dir deine Eltern irgendwie nicht in die Wiege gelegt, leider.
[46:43] Weil das Urvertrauen ist ja dieses Grundgefühl, ich bin okay, so wie ich bin.
[46:49] Und da draußen gibt es Menschen, auf die ich mich verlassen kann.
[46:53] Das ist ja eigentlich die Formulierung von Urvertrauen.
[46:57] Und du hast beides eben negiert. A, darfst du nicht sein, wie du bist.
[47:01] Und zweitens kannst du dich nicht auf andere verlassen. Ja, also ich kann immer
[47:06] nur in einem gewissen Rahmen sein, wie ich bin, den ich mir vielleicht dann
[47:10] selber auferlege oder selber stecke.
[47:12] Kleines Kästchen, in dem du dich da bewegen kannst.
[47:15] Genau, und also dieses auf niemanden verlassen, das hat dann auch immer gleich so was Existenzielles.
[47:21] Also so eine kleine Existenzangst habe ich dann auch immer, die bräuchte ich
[47:25] gar nicht. Es ist jetzt nicht so, dass ich irgendwie finanziell Probleme habe oder so, gar nicht.
[47:29] Aber ich hechte da was hinterher und brauche dann auch immer so diese Kontrolle.
[47:34] Es befindet sich alles noch in so einem guten Rahmen. Ja, Kontrolle ist halt
[47:40] ein ganz wichtiger Selbstschutz für dich, weil du ja nicht vertrauen kannst.
[47:43] Und wenn ich vertrauen kann, brauchst du sehr viel Kontrolle.
[47:46] Und du übst Kontrolle aus über deine Beziehung, indem du versuchst,
[47:49] Erwartungen zu erfüllen. Du übst Kontrolle auf, indem du versuchst,
[47:53] maximal autonom auf der anderen Seite zu sein.
[47:56] Und das ist natürlich einfach dieses, das ist alles so das Gegenteil von Entspannung.
[48:01] Das ist alles immer nur Überlebenskampf.
[48:04] Ja, richtig. Aber...
[48:07] Sag doch mal, Lotta, ich finde, wir haben es ja jetzt wahnsinnig krass auf den
[48:12] Punkt gebracht, also wirklich auf die absolute Kernstruktur,
[48:16] worum es eigentlich geht, reduziert.
[48:19] Und das bewirkt ja oft, dass man so ein bisschen besseren Abstand bekommt oder
[48:23] irgendwas plötzlich klarer erkennen kann.
[48:26] Wie geht es dir denn jetzt gerade damit, mit dem, was ich dir zurückgespiegelt
[48:31] habe? Ich gehe jetzt gerade nicht mehr so hart mit mir ins Gericht,
[48:36] weil ich gerade merke, okay, das ist so ein tiefgreifendes Problem.
[48:40] Ich glaube, was mir geholfen hat, dass du gesagt hast, es ist viel innere Haltung.
[48:44] Und wenn ich das vielleicht für mich verändern kann, glaube ich,
[48:47] habe ich schon viel geschafft. Und ich glaube, dass zu erkennen,
[48:51] okay, dieses Vertrauensthema, da kann man ja auch dran arbeiten.
[48:55] Also ich glaube nicht, dass das jetzt Probleme sind, wo ich gar nicht selber
[48:58] irgendwie Herr drüber werde oder wo ich glaube, da kann ich trotzdem was machen.
[49:02] Und ich habe ja auch sichere Bindungspersonen in meinem Umfeld.
[49:05] Ich hangele mich jetzt nicht von Beziehung zu Beziehung, sondern es ist ja vieles auch gut.
[49:09] Und ich glaube, dass ich da einfach mal so Vertrauen auch testen kann oder lernen
[49:14] kann. Genau das ist meine Idee für dich.
[49:17] Also wichtig ist, dass du dich ertappst. Ich sage ja immer ertappen und umschalten.
[49:21] Du musst merken, wenn dein altes Programm anspringt, wenn dein Schattenkind
[49:26] sofort wieder sagt, ja mach das, mach das, mach das.
[49:29] Das musst du merken. Sonst sagst du reflexartig ja.
[49:32] Muss das merken, innehalten.
[49:35] Fragen, was will ich eigentlich wirklich? Kann ich das überhaupt leisten? Will ich das leisten?
[49:41] Und dann üb doch einfach mal, in kleineren Situationen Nein zu sagen.
[49:48] Zu sagen, tut mir leid. Und ich finde, man kann sich auch immer nett abgrenzen. Ich finde...
[49:55] Also viele empfehlen so, auch so Psychocoaches oder Psychologen diese Abgrenzung
[50:01] so zu machen, dass man einfach nur so Nein sagt und dass man sich nicht rechtfertigt.
[50:07] Ist nicht so mein Ansatz. Es geht nicht um Rechtfertigung, es geht darum,
[50:11] dem anderen auch so ein bisschen eine Brücke zu bauen, weil man muss den anderen
[50:15] ja auch nicht von Kopf stoßen.
[50:17] Einfach zu sagen, nee, tut mir leid, normalerweise gern, aber es wird mir einfach
[50:21] dieses Wochenende zu viel.
[50:24] Oder einfach mal zu sagen, geh nach Situationen, wenn eine Freundin oder deinem Mann was soll.
[50:29] Ehrlich gesagt, dazu habe ich jetzt nicht so eine Lust. Können wir nicht lieber machen.
[50:35] Üb das doch einfach mal. Und erlebe mal, welche Wirkung das in deinem Umfeld hat.
[50:43] Und du kannst das auch mit Ansage machen. Du kannst zum Beispiel einfach die
[50:46] Leute auch ins Boot holen und sagen, ich habe ein riesen Abgrenzungsproblem.
[50:50] Ich will das jetzt mal mehr versuchen. Deswegen sage ich euch das jetzt,
[50:54] damit ihr schon mal Bescheid wisst.
[50:56] Dann fällt es mir vielleicht auch ein bisschen leichter. Und dann mach es einfach mal.
[51:02] Ja, und vor allem dieses Auszuhalten wird für mich die größere Hürde.
[51:06] Dann nicht zurückzurudern und zu sagen, nee, komm, ich mach's doch.
[51:10] Also dieses, das zu sagen, ich glaube, das fällt mir gar nicht immer so schwer.
[51:15] Also bei bestimmten Personen, ja.
[51:17] Aber auszuhalten, dass ich jetzt nicht die bin, die das trotzdem macht.
[51:21] Sondern zu vertrauen, dass halt irgendjemand anderes den Kuchen bäckt.
[51:25] Was musst du denn da eigentlich aushalten? Und worauf musst du denn wirklich
[51:29] vertrauen? Auf mich selber wahrscheinlich. Also, dass es auch ohne mich gut wird.
[51:34] Ja, oder dass sie dich trotzdem noch mögen.
[51:37] Ja. Wenn der Kuchen immer die Währung ist für Liebe, dann ist es ja schwierig,
[51:44] den Kuchen nicht zu backen.
[51:47] Ja, also darauf zu vertrauen, dass sie sich genau noch so mögen.
[51:52] Weil das ist ja so das Epizentrum bei dir auch.
[51:55] Dieses tiefe Gefühl, so wie ich wirklich bin, nur für den Preis,
[52:00] dass ich selber bin, werde ich nicht geliebt.
[52:03] Berührt dich das gerade? Ja, schon. Auf jeden Fall. Ich bin auch ja so...
[52:11] Das ist abgelöst von meiner Leistung irgendwie. Also ich sehe mich selber immer
[52:17] nur in Kombination mit meiner Leistung.
[52:20] Und mich ohne diese Leistung zu sehen, das... Fühlt sich an wie nackt,
[52:23] oder? Total. Ich weiß gar nicht, wer ich dann so richtig bin.
[52:26] Also die letzten Jahre ja hauptsächlich Mutter in erster Linie.
[52:30] Und jetzt auch sich selber mal auf
[52:32] sich zu hören und nicht sich um alle Bedürfnisse der anderen zu kümmern.
[52:36] Das ist... Ich weiß gar nicht, wo ich da anfangen soll so richtig.
[52:40] Was macht mir eigentlich Spaß, was würde ich gerne eigentlich für mich machen
[52:44] Wie fühle ich mich eigentlich?
[52:46] Ganz oft mal die Frage zu stellen wie geht es mir eigentlich gerade, wie fühle ich mich,
[52:51] einfach mal anfangen und du musst ja nicht jedes Gefühl gleich umsetzen es geht
[52:56] ja erstmal nur darum, dass du es merkst wie geht es mir eigentlich gerade,
[53:01] wie fühle ich mich eigentlich gerade immer mal innehalten und wenn du im Kontakt
[53:06] mit anderen Menschen bist, nicht immer nur denken was erwartest du von mir,
[53:10] sondern wie geht es mir eigentlich mit dir gerade?
[53:13] Mal den Spieß umdrehen, wie fühle ich mich gerade mit dir? Ja,
[53:17] und da gibt es auch so Situationen, also ich fühle wahrscheinlich die letzten Jahre sehr wenig.
[53:23] Also wenn ich so in mich reinhöre, ich weiß nicht, wann ich das letzte Mal so
[53:27] richtig was gefühlt habe.
[53:28] Also Emotionen, ich bin gut drauf, ja, aber ich kann jetzt nicht sagen,
[53:35] wie ich mich explizit fühle in einer bestimmten Situation.
[53:37] Und es gibt dann Situationen, wo ich so ein starkes, so einen Drang habe,
[53:43] zum Beispiel Nein zu sagen und mein Gefühl eigentlich übergehe,
[53:47] also zum Beispiel in Kontakt mit irgendwelchen Freunden, die ich länger nicht gesehen habe,
[53:52] wo aber das sich auch auseinandergelebt hat, wo ich dann vom Gefühl wahrscheinlich
[53:55] eigentlich sagen könnte, Nein und das passt mir eigentlich nicht und es ist
[53:59] nicht mehr so die Bindung, aber ich mache es trotzdem und übergehe immer dieses Gefühl.
[54:04] Ich glaube, daher kommt es vielleicht auch, dass ich so...
[54:07] Gar nicht mehr richtig weiß, was ist denn jetzt mein Gefühl dazu,
[54:10] sondern eigentlich zählt das gar nicht so richtig.
[54:13] Wenn du es noch ein bisschen weiter betreibst, dann gehst du in die Depressionen und in den Burnout.
[54:18] Das ist die Vorlage zum Burnout. Also immer weniger sich selber fühlen,
[54:22] immer mehr auf die Funktionsschiene, bis irgendwann gar nichts mehr geht.
[54:26] Und Burnout ist ja im Grunde ein neudeutsches Wort auch für Depressionen.
[54:31] Weil im Grunde ist ja Burnout wie so eine Art Erschöpfungsdepression.
[54:35] Und deswegen stärkt dich vielleicht auch der Gedanke, wenn du sagst,
[54:40] es ist total wichtig, dass ich wieder mehr mich spüre.
[54:45] Weil wenn ich irgendwann zusammenbreche, dann nutzt das gar keinem was.
[54:49] Schon gar nicht meinen Kindern, nicht meinen Mann, nicht meinen Brüdern,
[54:52] nicht meiner Mutter, gar keinem.
[54:54] Das heißt, es ist ganz, ganz wichtig, dass du jetzt anfängst,
[54:57] die Verantwortung für dich zu übernehmen.
[55:00] Weil das ist viel, viel nachhaltiger, als die ganzen kleinen Gefallen und die
[55:05] ganzen kleinen Erwartungserfüllungen so unterwegs, dass du einfach gut und lebendig
[55:10] und am Leben bleibst, weißt du? Ja.
[55:13] Und das ist auch genau das, was ich denke, von mir ist so wenig übrig geblieben.
[55:18] Also ich selber, auch wenn ich jetzt das gerade, was ich gesagt habe oder was
[55:23] du auch gerade gesagt hast, wenn ich mir das so überlege, wer ich vor fünf,
[55:26] sechs Jahren war, bevor ich Mutter geworden bin, wer ich jetzt bin,
[55:29] was dazwischen passiert ist, was ist da eigentlich noch von mir übrig?
[55:33] Da ist nicht mehr viel übrig. Was meinst du eigentlich genau,
[55:35] wenn du sagst, es ist nicht mehr viel von mir übrig?
[55:38] Was genau meinst du damit? Die Lust am Leben, dieses Rausgehen.
[55:44] Ich bin auch noch relativ jung und ich habe in den Anfang 20ern einfach alles
[55:49] mitgenommen, was mir Freude bereitet hat.
[55:52] Und jetzt, wo ich selber Mutter bin, also seit fast sechs Jahren,
[55:57] drehe ich mich ja nicht mehr um meine Sachen, die mir Spaß machen,
[56:01] sondern es geht ja erstmal darum, vor allem die Bedürfnisse der Kinder zu erfüllen.
[56:05] Und wie gesagt, die ganzen Sachen, die ich nebenbei noch so gemacht habe.
[56:09] Aber alles, was mir wirklich Spaß gemacht hat, also ich bin auch viele Kompromisse
[56:13] gegangen oder Wege gegangen, die ich vielleicht aus eigenen Stücken nicht gegangen
[56:16] wäre, sondern weil es halt notwendig war oder weil ich mich dem auch so ein
[56:20] bisschen angepasst habe.
[56:21] Und ja, da ist, wie gesagt, von mir, von meiner Lebenslust, was ich gerne gemacht
[56:26] habe, meine ganzen Hobbys, ich habe ja, jetzt traue ich mich gar nicht zu sagen,
[56:30] aber das ist ja alles nicht mehr existent.
[56:35] Also alles, was ich früher aus eigener intrinsischer Motivation gerne gemacht
[56:39] habe, weil ich das machen wollte, das gibt es ja nicht mehr.
[56:42] Ja, wird es höchste Zeit.
[56:45] Wird höchste Zeit, dass du ein paar neue Entscheidungen triffst.
[56:50] Mit welchen Vorsätzen, sag ich jetzt mal, ich formuliere es mal als Vorsätze,
[56:54] würdest du rausgehen heute aus diesem Gespräch?
[56:57] Ich glaube, mein größter Vorsatz ist, dass ich vor allem schaue,
[57:01] dass ich wieder Dinge mache, die nur für mich sind.
[57:06] Also wirklich, dass ich schaue, was möchtest du jetzt machen,
[57:09] sei das Sport oder irgendwas anderes.
[57:12] Und das auch wirklich umsetze, also dass ich nicht dann selber in mir sage,
[57:16] okay, ich kann ja gar nicht, weil ich müsste ja eigentlich noch,
[57:20] sondern auch einfach darin mal vertraue, das wird auch ohne mich laufen.
[57:24] Mein Partner kriegt das hin oder wenn ich die Kinder abgegeben habe,
[57:27] meine Eltern bekommen das hin.
[57:29] Und genauso aber auch in Situationen, wo ich eigentlich wieder verantwortlich
[57:34] bin, bewusst vielleicht vorher kurz in mich reinzuhören, ist es jetzt wirklich deins?
[57:40] Solltest du dich wirklich darum kümmern oder könntest du gerade mit deinem Leben
[57:45] auch was anfangen, was eigentlich für dich positiv wäre und dich nicht wieder
[57:50] dem annehmen und dann auch daraufhin ein schlechtes Gewissen haben, dass du es nicht machst.
[57:54] Oder dieses schnell in diese Verantwortung gehen wieder, dass man da vielleicht
[57:59] irgendwie, bevor man das macht, sich selber reflektiert und sieht,
[58:03] ist das eigentlich gerade wirklich deine Verantwortung?
[58:05] Eigentlich hast du nur Verantwortung dafür, dass es dir gut geht und dass du
[58:08] dich um deine Kinder kümmerst.
[58:09] Das ist gerade das Wichtigste. Und ob das Studium jetzt dieses Jahr mit 1,0
[58:16] abgeschlossen wird oder ob das erst nächstes Jahr ist, das ist am Ende des Tages
[58:19] auch gar nicht so wichtig.
[58:21] Und genauso wie es bei mir zu Hause aussieht, ob alles dieses...
[58:25] Perfektionswahn. Genau, also dieses sich trauen.
[58:29] Auch authentisch zu sein gegenüber. Ja, und auch Fehler zu machen.
[58:32] Ja, einfach, genau. Also nicht perfekt zu sein.
[58:35] Ja. Und dafür braucht es immer wieder für dich auch dieses, so einen liebevollen Ton mit dir selbst.
[58:41] Ich darf ich sein und Menschen mögen mich auch, einfach weil es mich gibt.
[58:45] Ja. Und auch meine Eltern haben mich geliebt, einfach weil es mich gibt.
[58:48] Sie haben es mir nur nicht immer so gut gezeigt. Ja.
[58:51] Ja. Also, dass du dir vielleicht auch nochmal diese Elternliebe nochmal zurückholst innerlich.
[58:57] Du hast es nicht so gespürt als Kind. Ich denke, deine Eltern haben wie viele
[59:00] Eltern einfach Fehler gemacht. Aber die haben dich schon dafür geliebt, dass es dich gibt.
[59:05] Und der Rest waren halt Erziehungsfehler, sage ich mal so. Falsche Botschaften.
[59:10] Aber auch da auf der Ebene kannst du dir nochmal bewusst sein,
[59:12] auch meine Eltern haben mich dafür geliebt, oder lieben mich dafür einfach, dass es mich gibt.
[59:17] Und glaube ich auch, das Vertrauen in, ich sage mal, fremde Menschen zu haben.
[59:21] Weil jetzt ist auch mein Inner Circle, also die Leute, mit denen ich lange befreundet
[59:26] bin oder sowas, bei denen traue ich mich auch authentisch zu sein.
[59:29] Aber bei anderen Menschen habe ich immer erst mal so dieses, was denken die von mir?
[59:35] Hoffentlich, wenn die zu mir nach Hause kommen, hoffentlich passt das alles.
[59:39] Und so eine, ich weiß gar nicht, wie ich das beschreibe, so ein hohes Level an...
[59:43] Ablehnungsangst im Grunde. Und deine Kompensationsstrategie ist dann Perfektionismus.
[59:50] Aber ich glaube, damit kannst du erst mal weitergehen, oder?
[59:53] Ich denke auch, ja. Wichtig ist, dass du an den Themen dranbleibst,
[59:57] die Sachen für dich noch mal tiefer reflektierst auch.
[1:00:00] Ich habe ja auch viele Bücher zu diesen Themen geschrieben, also dass du jetzt einfach dranbleibst.
[1:00:04] Ja, danke. Gut, dann danke dir, war ein schönes Gespräch. Ja,
[1:00:08] danke schön. Hat mir Spaß gemacht.
[1:00:12] Ja, das war ein sehr interessantes Gespräch mit Lotta, weil es wieder irgendwie
[1:00:16] die ewigselben Wahrheiten komplett auf den Punkt gebracht hat,
[1:00:19] dass es letztlich immer um dieselben Themen geht.
[1:00:23] Und zwar um die zwei ganz großen Fragen. Was bin ich wert und was muss ich tun, um geliebt zu werden?
[1:00:30] Und Lotte hat uns eben wunderbar gezeigt, was innerhalb ihrer Vorstellungen
[1:00:36] alles nötig ist, um geliebt zu werden, um gemocht zu werden,
[1:00:40] um in der Bindung zu bleiben.
[1:00:42] Und wie typischerweise dann diese Selbstschutzstrategien funktionieren,
[1:00:46] nämlich Anpassung, Perfektionismus und eben dieses Zurückstellen der eigenen Bedürfnisse.
[1:00:53] Und das ist so ein Programm, was ganz, ganz viele Menschen haben.
[1:00:58] Und manchmal denke ich auch in diesem Podcast, oh meine Güte,
[1:01:01] ich wiederhole mich so oft, aber was soll ich machen?
[1:01:05] Wir haben im Grunde genommen nur sehr einfache Grundstrukturen innerhalb derer
[1:01:10] wir funktionieren. und deswegen ist ganz, ganz vieles, was mir die Menschen
[1:01:15] erzählen, eben Grundthema und Variation.
[1:01:18] Und die Variation sind halt die vielen, vielen Facetten und die Vielfalt des
[1:01:23] Lebens, also die vielen individuellen Geschichten, die sich um diese Grundstrukturen herumranken.
[1:01:29] Und bevor du abschaltest, hören wir doch nochmal kurz rein, wie es der Lotter
[1:01:33] seit unserem letzten Gespräch ergangen ist.
[1:01:37] Liebe Steffi, jetzt sind ein paar Wochen vergangen und ich wollte mich nochmal
[1:01:41] bei dir melden und mich in allererster Linie für das Gespräch bedanken.
[1:01:44] Und ja, ich glaube, das hat mir in einigen Bereichen meines Lebens total die
[1:01:48] Augen eröffnet und ich bin total dankbar und froh, dass ich das gemacht habe.
[1:01:52] Und ja, mein eigentlich größtes Learning daraus ist, dass ich ganz bewusst mich
[1:01:58] frage, was sind Aufgaben, die ich gerade erledigen kann und möchte.
[1:02:03] Wo liegen meine Ressourcen, was habe ich für Kapazitäten und einfach viel bewusster
[1:02:07] entscheide, was kann ich vielleicht auch abgeben und was ist alles wirklich auf meinem Berg drauf.
[1:02:12] Ja, und dass ich auch gemerkt habe, dass wenn ich zu Dingen Nein sage und auch
[1:02:17] bewusst mich vielleicht erst mal zurücknehme und darüber nachdenke, wie ich das gestalte,
[1:02:22] sich irgendwie andere Sachen ergeben zum einen und zum anderen,
[1:02:25] dass mir aber auch keiner übel nimmt, sondern ich eigentlich von den meisten
[1:02:28] Stellen auch Verständnis dafür bekomme und auch Unterstützung erhalte.
[1:02:32] Und dass es auch nicht bedeutet, dass diese Bindung dann automatisch irgendwie
[1:02:35] in Gefahr ist oder ich dann dadurch ein schlechteres Verhältnis zu gewissen Menschen habe,
[1:02:41] sondern dass das auch völlig in Ordnung ist, wenn man sich aus gewissen Themen
[1:02:43] raushält oder sich distanziert oder einfach bewusst das Gespräch in eine andere
[1:02:48] Richtung leitet. Und ja, genau.
[1:02:50] Also ja, es ist einfach für mich wichtig, dass ich gesund bin,
[1:02:53] dass ich gesund bleibe für meine Kinder und dass ich Verantwortung für die Menschen
[1:02:57] in meiner nächsten Umgebung trage, die wirklich meine Verantwortung benötigen
[1:03:01] und vor allem auch Verantwortung für mich selber übernehme.
[1:03:04] Und das will ich jetzt einfach in Angriff nehmen und ich gucke auch,
[1:03:07] was ich bewusst vielleicht mir für Inseln im Alltag schaffen kann,
[1:03:11] um so ein bisschen, ja, mich auch wieder so ein bisschen zu regulieren oder
[1:03:15] mich mal wieder zu erden.
[1:03:17] Und ja, das ist jetzt mein Weg. Mir geht es gut. Und ja, ich sage einfach Danke.
[1:03:23] Also dann alles Gute und Tschüss.
[1:03:26] Ich hoffe, dir hat das Gespräch auch gut gefallen. Und ich freue mich,
[1:03:30] wenn du auch beim nächsten Mal wieder dabei bist. Bis dahin, deine Steffi.

Shows are listed from Apple Podcasts' charts and directory, and Podcast Index where it is used. Every show and episode belongs to its publisher and plays from the publisher's own feed; this site hosts none of them.
