# Dopamin: Der missverstandene Botenstoff

An episode of [Spektrum-Podcast](https://invisiblenetwork.ai/podcast/1459656339), 26 Sep 2025, 20 min.

Audio: https://flex2.acast.com/s/spektrum-podcast/u/detektor.fm/wp-content/uploads/2025/09/sdw2609.78926.mp3

Dopamin gilt als Glückshormon. Doch seine Wirkung im Gehirn ist deutlich komplexer. Über einen missverstandenen Botenstoff und seine faszinierenden Effekte. (00:02:20) Was ist Dopamin? (00:03:04) Entdeckung? (00:04:16) Wie wurde Dopamin zum „Glückshormon“ (00:05:55) Wie wichtig ist Dopamin für uns? (00:07:56) Süchte und Dopamin: Ist es so einfach? (00:10:23) Social Media Trend „Dopamin Detox“ (00:12:11) Warum ist das problematisch? (00:14:13) Wird Dopamin falsch verstanden/bewusst falsch genutzt? (00:16:23) Wie blickt man heute auf Dopamin? Hier entlang geht’s zu den Links unserer Werbepartner: https://detektor.fm/werbepartner/spektrum-der-wissenschaft ➡️ Artikel zum Nachlesen: https://detektor.fm/wissen/spektrum-podcast-dopamin

## Chapters

- 2:20 Was ist Dopamin?
- 3:04 Entdeckung?
- 4:16 Wie wurde Dopamin zum „Glückshormon“
- 5:55 Wie wichtig ist Dopamin für uns?
- 7:56 Süchte und Dopamin: Ist es so einfach?
- 10:23 Social Media Trend „Dopamin Detox“
- 12:11 Warum ist das problematisch?
- 14:13 Wird Dopamin falsch verstanden/bewusst falsch genutzt?
- 16:23 Wie blickt man heute auf Dopamin?

## Transcript

[0:00] Heute nehmen wir uns ein Molekül vor, das in den vergangenen Jahren
[0:03] zu einem regelrechten Superstar geworden ist – Dopamin. Kaum ein anderer Botenstoff
[0:09] des Gehirns hat so viele Mythen hervorgebracht. Aber was ist dran? Darum
[0:14] geht's heute bei uns im Spektrum Podcast. Mein Name ist Max Zimmer,
[0:18] schön, dass ihr dabei seid. Spektrum der Wissenschaft – der Podcast von
[0:25] detektor.fm. Ja, ich hab einfach mal gegoogelt und Chet Chibiti auch
[0:48] gefragt, wie viele Pop-Songs es denn eigentlich gibt, in denen über
[0:52] Dopamin gesungen wird. Und die Liste ist wirklich lang. Da sind Künstlerinnen
[0:57] dabei von Billie Eilish, Miley Cyrus, Coldplay, Britney Spears und
[1:01] so weiter. Wirklich eine endlos lange Liste. Und immer dann, wenn Dopamin in
[1:05] den Texten dieser Lieder auftaucht, dann geht's um Liebe, es geht um
[1:10] Rausch, um ein Gefühl des High-Seins und manchmal auch um Sucht
[1:14] und Selbstzerstörung. Dopamin, das ist also sowas wie der Popstar unter den
[1:20] Botenstoffen. Ich kenne jedenfalls kaum Lieder, in denen andere Botenstoffe besungen werden.
[1:24] Und es heißt ja auch oft, Dopamin ist dieses Glückshormon. Und dass
[1:28] unser Körper das ausschüttet, das kann ganz unterschiedliche Ursachen haben: Sport, leckeres
[1:34] Essen, Musik zum Beispiel, aber eben auch Social Media, Pornos, Videospiele und
[1:41] Drogen. Dopamin wird deshalb gerne für alles Mögliche verantwortlich gemacht, von der
[1:47] Smartphone- bis zur Fastfood-Sucht zum Beispiel. Und auf Social Media habt
[1:52] ihr sicher auch schon gesehen, da gibt es sogar Ratgeber, wie man
[1:55] Dopamin fasten machen könnte. Forschende sagen aber, mit diesem simplen Bild vom
[2:01] Glückshormon, da ist Dopamin eigentlich nicht zu fassen. Es ist komplexer, es
[2:05] ist widersprüchlicher und in vieler Hinsicht überraschend. Und das Ganze hat sich
[2:11] Spektrum der Wissenschaft gerade mal genauer angeschaut. Und Redakteurin Lisa Bauer ist
[2:15] mein Gast, um darüber zu sprechen. Hallo Lisa.
[2:21] Hallo Max.
[2:24] Ja Lisa, fangen wir doch mal so an: Was ist denn Dopamin jetzt genau?
[2:29] Dopamin ist ein wichtiger Neurotransmitter. Und Neurotransmitter, das sind chemische Botenstoffe. Und
[2:32] die geben Reize von einer Nervenzelle zu einer anderen weiter. Und sie
[2:36] können sie auch verstärken oder abändern. Und so sind sie in der
[2:41] Lage, die Kommunikation im Nervensystem zu steuern. Und Dopamin ist ein Neurotransmitter.
[2:46] Es gibt mehrere andere auch noch. Und er wird im Mittelhirn hergestellt.
[2:49] Man weiß schon, dass er verschiedene Funktionen im Gehirn hat. Und die
[2:54] sind auch noch längst nicht alle verstanden. Und der Autor Theo Parker
[2:58] hat sich in der Gehirn- und Geistsausgabe vom August im Titelthema
[3:04] den vielfältigen Talenten und den falschen Annahmen rund um diesen Botenstoff gewidmet.
[3:07] Ja, und die Geschichte von Dopamin, die ist lang. Also ist schon
[3:11] lange bekannt. Wie hat man das denn entdeckt und warum ist es
[3:16] vielleicht auch lange unterschätzt worden? Es wurde ursprünglich schon 1910 entdeckt. Und
[3:21] man hielt es damals für die Vorstufe des Hormons Noradrenalin und hat
[3:25] es nicht weiter beachtet. Und zwar vier Jahrzehnte lang. Bis der schwedische
[3:30] Pharmakologe Arvid Carlsen in den 50ern etwas Interessantes beobachtet hat. Er forschte
[3:35] an einem Kaninchen und nachdem er ihren Dopaminfluss chemisch blockiert hatte, konnten die
[3:39] sich nicht mehr bewegen. Und die Lähmung ließ nach, nachdem er ihnen
[3:43] den Stoff L-Dopa gespritzt hat. Das ist ein chemischer Vorläufer von
[3:48] Dopamin. Carlsen hatte also einen echten Neurotransmitter entdeckt und dafür bekam er
[3:53] und seine Kollegen später den Nobelpreis. Ein Dopaminmangel hat bei Menschen übrigens
[3:58] ähnliche Folgen. Also bei Parkinson sterben vor allem Dopamin produzierende Zellen in
[4:02] der Substanz Nigra ab. Das ist eine Substanz im Mittelhirn. Und dadurch
[4:06] sinkt der Dopaminspiegel im Striatum. Das ist eine andere Region im Gehirn,
[4:08] auch in der Mitte des Gehirns. Und die ist für die Ausführung
[4:13] von Bewegungen entscheidend. Und L-Dopa hilft auch Menschen mit Parkinson und
[4:18] ist bis heute ein wichtiges Medikament gegen die Krankheit. Spannend, okay. Und
[4:21] wie kommen wir denn eigentlich zu dieser Sichtweise, dass Dopamin so dieses
[4:24] Glückshormon ist? Das hört man ja wirklich immer wieder. Wie ist
[4:28] das entstanden? Dazu hat vor allem ein berühmter Versuch mit Ratten beigetragen,
[4:33] der schon sehr alt ist, von 1954. Damals implantierten zwei Forscher, James
[4:37] Olds und Peter Milner, winzige Elektroden in das Gehirn von Ratten. Und
[4:41] wenn die Tiere einen Hebel drückten, dann konnten sie so eine Hirnregion
[4:45] ganz in der Mitte des Septums selbst mit Strom stimulieren. Und das
[4:49] taten die Tiere. Die drückten teilweise hunderte Male die Stunde auf diesen
[4:55] Hebel. Und ein Vierteljahrhundert später schlussfolgerte der Neurobiologe Roy Wise, dass
[5:00] Dopamin produzierende Zellen im Gehirn für diesen Effekt verantwortlich sind. So festigt
[5:04] sich der Ruf von Dopamin als Glückshormon. Aber inzwischen weiß man, dass
[5:09] das Bild des Glückshormons nicht richtig passt. Zum Beispiel haben Menschen mit
[5:13] Parkinson ja einen niedrigen Spiegel an Dopamin, aber sie können trotzdem Freude
[5:18] empfinden. Und Medikamente, die den Dopaminspiegel erhöhen, führen auch nicht zu
[5:23] starken Glücksgefühlen, sondern die haben ganz andere Nebenwirkungen. Zum Beispiel verhalten sich
[5:27] die Patienten eher impulsiv, sie gehen exzessiv shoppen oder sie verhalten sich
[5:32] sexuell unangemessen. Und heute weiß man, dass Dopamin eigentlich ausgeschüttet wird, wenn
[5:37] etwas Positives eintritt oder wenn wir etwas Positives erwarten. Es ist entscheidend
[5:42] für die Motivation. Es beeinflusst, wie sehr wir uns anstrengen, um etwas
[5:48] zu erreichen. Die Neurowissenschaftlerin Lineke Janssen, die zu Dopamin forscht,
[5:51] hat es so formuliert: dass nicht das Mögen, sondern das Wollen auf
[5:56] Dopamin beruht. Nicht das Mögen, sondern das Wollen. Genau. Wie wichtig ist
[6:00] Dopamin nun wirklich für uns? Oder habe ich gerade schon ein
[6:03] bisschen rausgehört, wird die Rolle vielleicht auch an Stellen ein bisschen falsch
[6:08] eingeschätzt oder übertrieben? Ja, es gibt ganz unterschiedliche dopaminerische Systeme im Gehirn,
[6:10] von denen man schon weiß. Eins habe ich schon erwähnt, das ist
[6:16] bei Parkinson betroffen und das führt von der Substanz Nigra zum Striatum.
[6:22] Das ist dieser Bereich, der für Bewegungen entscheidend ist. Und ein weiteres
[6:27] Dopaminsystem beginnt ebenfalls im Mittelhirn und zieht zum limbischen System und eins
[6:31] zum präfrontalen Cortex. Und das limbische System ist für Emotionen und fürs
[6:35] Lernen ganz entscheidend. Und der präfrontale Cortex, der hinter der Stirn liegt,
[6:40] ist ein Areal, das für höhere kognitive Funktionen zuständig ist, wie Planen
[6:45] und Problemlösen oder auch die Rolle von Impulsen. Und diese Pfade erklären
[6:50] so ein bisschen, warum die Funktion von Dopamin so vielfältig ist. Dopamin
[6:53] beeinflusst also, wie wir fühlen, wie wir denken, wie wir wahrnehmen und
[6:57] was wir erwarten. Und spielt eine große Rolle beim Lernen und auch
[7:00] bei der Entwicklung von Süchten. Also zum Beispiel setzt das Gehirn beim
[7:05] Konsum von Kokain Dopamin frei. Und nicht nur Laien und auf Social
[7:08] Media gibt es viele solche Annahmen um den Stoff. Auch Fachleute haben
[7:13] ihre Ansichten zum Thema Dopamin schon öfter korrigiert. Es hat schon angefangen,
[7:17] dass man bei der Entdeckung es erst mal falsch verstanden hat. Und
[7:20] es zieht sich auch so durch. Zum Beispiel glaubten in den 60ern
[7:25] die Fachleute, dass ein zu viel an Dopamin die Ursache von Schizophrenie
[7:29] sei. Und später entdeckte man dann, dass Menschen mit Schizophrenie in einigen
[7:33] Hirnarealen zu viel Dopamin haben und in anderen Hirnarealen haben sie
[7:37] zu wenig Dopamin. Und heute verfolgt man eine dritte Theorie. Man geht
[7:41] davon aus, dass Dopamin und andere Neurotransmitter bei der Entstehung von der
[7:46] Krankheit eine Rolle spielen, aber auch andere Faktoren wie Traumata und die
[7:50] soziale Umwelt. Das heißt, Dopamin taugt weder als Glückshormon noch als eine
[7:55] alleinige Erklärung für irgendeine psychische Störung bisher, wie Schizophrenie oder ADHS oder
[7:58] für Sucht. Aber Sucht und das Thema Kokain zum Beispiel hast du
[8:02] ja gerade schon angesprochen. Also oft werden Süchte ja mit Dopamin dann
[8:05] irgendwie erklärt. Ich habe das auch schon ein paar Mal gehört. Und
[8:07] jetzt habe ich bei euch gelernt, Forschende waren aber inzwischen so ein
[8:10] bisschen, ja, so einfach ist es dann vielleicht eben doch nicht. Du
[8:13] hast es gerade angeschnitten. Was hat es denn wirklich damit auf sich?
[8:17] Ja, in den 90ern entdeckte man, dass Dopamin hinter der stimulierenden Wirkung
[8:22] von Drogen wie zum Beispiel Amphetamin steckt. Und dafür nutzten Fachleute neue
[8:27] Verfahren wie die Positronen-Emissionstomographie. Und dabei kann man mithilfe von schwach
[8:32] radioaktiven Substanzen Stoffwechselprozesse im Gehirn sichtbar machen. Und das hat eben zu
[8:36] neuen Erkenntnissen geführt. Und man verstand das Zusammenspiel von Sucht und Dopamin
[8:43] immer besser. Kokainsüchtige besitzen zum Beispiel weniger Rezeptoren. Das sind die Andockstellen
[8:47] für Botenstoffe, für Dopamin im Striatum, diese Region, die ich schon mehrmals
[8:53] erwähnt habe. Und konsumieren Kokainsüchtige eine stimulierende Substanz, dann schüttet ihr Gehirn
[8:57] auch weniger Dopamin aus, als das bei Gesunden der Fall ist. Das
[9:02] heißt, das Gehirn reguliert nach vielen Dopaminschüben offenbar die Menge von Dopamin
[9:06] wieder herunter. Also das passt sich quasi an das, was passiert. Das
[9:11] könnte erklären, warum Abhängige mit der Zeit immer höhere Dosen benötigen, um
[9:15] den gleichen Effekt zu erzielen. Das nennt man Toleranz-Effekt. Und solche
[9:20] Erkenntnisse haben Hoffnung geschürt, dass es so eine allgemeine Suchtformel gibt und
[9:24] dass man Süchtigen mit Therapien, die am Dopaminsystem ansetzen, auch schnell und
[9:30] effektiv helfen kann. Zum Beispiel hat Nora Volkow, eine führende Drogenforscherin,
[9:35] eine US-amerikanische Drogenforscherin, bei früheren Auftritten oft gesagt, bei Sucht dreht sich
[9:41] alles um Dopamin. Und mittlerweile ist auch sie da verhaltener, weil man
[9:44] gemerkt hat, so einfach ist es doch nicht. Es gibt zum Beispiel
[9:49] Medikamente, die lassen das Dopamin nach oben schnellen, aber ihr Suchtpotenzial ist
[9:54] eher gering. Zum Beispiel Ritalin. Und Medikamente, die die Konzentration von Dopamin
[9:59] erhöhen, wirken zum Beispiel bei Kokainabhängigen nicht besser als ein Placebo. Es
[10:01] ist also nicht so einfach und man kann Sucht nicht mit einem
[10:07] einzigen Botenstoff erklären. Auch andere Neurotransmitter spielen da eine Rolle und auch
[10:11] persönliche und soziale Probleme tragen eher einen Teil dazu bei. Und auch
[10:16] Nora Volkow betont inzwischen, dass zum Beispiel bei der Opioid-Krise in
[10:20] den USA, dass da auch Probleme im Gesundheitswesen und auf dem Wohnungsmarkt
[10:25] eine große Rolle gespielt haben. Also hat alles mehr Facetten als eben
[10:30] nur der reine Dopaminspiegel und die Ausschüttung davon. Es gibt, Lisa,
[10:34] inzwischen ja auf Social Media auch so eine Art Trend, der nennt
[10:38] sich so Dopamin Detox oder Dopamin Fasten, heißt es auch manchmal. Wie
[10:42] ist denn das zu betrachten? Also das ist ja quasi der bewusste
[10:46] Verzicht auf Dopamin dann? Genau, bei dem Trend will man das Gehirn
[10:51] von schädlichen Gelüsten befreien, indem man für längere Zeit Verlockungen entzagt, wie
[10:55] digitale Medien oder Süßigkeiten. Und oft ist davon die Rede, dass unsere
[11:00] Gesellschaft süchtig nach Dopamin sei. Dass Social Media, Pornos, Videospiele, dass das
[11:04] alles für schnelle Kicks sorgen würde und uns langfristig träge und lustlos
[11:09] macht. Und Dopamin Fasten oder Dopamin Detox soll dann der Ausweg daraus
[11:15] sein. Quasi ein millionenfach geklicktes Video auf YouTube, da formuliert es Improvement
[11:18] Pill, heißt er so. Der Sinn der Sache ist, so wenig Spaß
[11:22] wie möglich zu haben. Also wir sollen auf Smartphone, Social Media, Netflix
[11:27] verzichten, in extremen Fällen auch auf Freunde treffen, Bücher lesen, Musik hören. Und
[11:30] dadurch soll das Gehirn wieder ins Gleichgewicht kommen und sich von dem
[11:35] Botenstoff erholen. Und um diesen Hype ist ein regelrechter Markt entstanden. Und
[11:39] der erste, der diesen Begriff nutzte, war Cameron Sepper. Das ist ein
[11:44] Psychiater, ein US-Amerikaner, der hat den Begriff Dopamin Fasten in einem
[11:49] Blogbeitrag benutzt 2019. Und er war ziemlich überrascht, wie er sich verbreitet
[11:52] hat, dieser Begriff. Denn eigentlich ging es ihm gar nicht darum, Dopamin
[11:55] zu reduzieren. Und das stellte er später auch richtig. Das kann seine
[11:59] Methode eigentlich so gar nicht. Sondern er hat nach einem griffigen Titel
[12:04] für seine Methode gesucht und die auch offenbar gefunden. Und es ging
[12:09] ihm darum, ungünstige Verhaltensweisen zu erkennen und anzupassen. Im Prinzip eine Methode
[12:13] der kognitiven Verhaltenstherapie. Ja, und das klingt ja auch erstmal irgendwie ganz
[12:17] sinnvoll. Also wenn ich mir andere Fastenmodelle angucke, dann verzichte ich
[12:19] keine Ahnung, die Fastenzeit über auf Süßigkeiten und dann freue ich mich
[12:23] danach umso mehr nochmal über meine Schokolade oder so. Aber beim Dopamin
[12:26] muss man sagen, das schreibt ihr auch in eurem Artikel, ist es
[12:30] durchaus auch problematisch. Es ist wirklich keine Frage, es ist durchaus sinnvoll
[12:33] oder kann durchaus sinnvoll sein, wenn wir uns Auszeiten gönnen hin und
[12:38] wieder. Also wenn wir Stress abbauen, entschleunigen, im Wald spazieren, offline gehen
[12:42] oder zu festgelegten Zeiten nur auf Mails oder auf Smartphones schauen. Also
[12:45] es spricht überhaupt nichts dagegen. Und es spricht auch nichts dagegen, seinen
[12:50] Lebensstil und sein Verhalten immer wieder zu hinterfragen und potenziell schädliches Verhalten
[12:53] auch zu verändern und anzupassen. Problematisch ist dabei einfach,
[12:58] dass der Begriff irreführend ist und dass wir Dopamin brauchen. Er ist
[13:01] für uns lebenswichtig und wir können auch nicht süchtig nach ihm werden.
[13:06] Und es ist auch gar nicht möglich, den Botenstoff zu fasten, denn
[13:10] die Konzentration reguliert sich im gesunden Gehirn von ganz allein. Also wir
[13:14] brauchen quasi, um unser Verhalten zu ändern, erstmal nicht diesen Sündenbock Dopamin,
[13:20] dessen Rolle in solchen Verhaltensweisen auch noch überhaupt nicht gut ist. Denn
[13:25] anders als bei Drogen, die direkt an Rezeptoren im Gehirn andocken, ist
[13:29] es bei Verhaltensweisen nicht so. Deswegen weiß man auch noch viel weniger
[13:35] darüber, was genau bei bestimmten Verhaltensweisen im Gehirn passiert und auch noch
[13:39] weniger, was den Verzicht dann bewirkt. Es gibt schon Hinweise, dass Dopamin
[13:44] auch hier eine Rolle spielt. Zum Beispiel hat Lieneke Janssen, die Neurowissenschaftlerin,
[13:50] in der Studie Gehirn von Spielsüchtigen und Gesunden untersucht und sie hat
[13:55] entdeckt, dass in einem Teil des Striatums die Dopaminproduktion bei Spielsüchtigen tatsächlich
[13:58] höher war. Aber auch da ist unklar, was denn jetzt Ursache und
[14:04] was Folge ist. Also es könnte sein, dass ein verändertes Dopaminsystem Menschen
[14:09] anfälliger für eine Sucht macht. Oder es könnte sein, dass die Sucht
[14:12] mit der Zeit auch den Stoffwechsel im Gehirn verändert. Das lässt sich
[14:16] so nicht sagen. Okay, und wenn wir uns jetzt insgesamt anschauen, Dopamin
[14:20] wird dann so in der Popkultur, aber auch in diesen Ratgebern, die
[14:22] wir erwähnt haben, dann einfach oft falsch verstanden. Was würdest du sagen,
[14:27] oder bewusst falsch benutzt? Ich denke, es ist beides. Zum einen ist
[14:30] die Rolle von Dopamin ja sehr komplex und wenn wir vereinfachen, dann
[14:34] birgt es natürlich auch immer die Gefahr, dass etwas falsch wird. Aber
[14:37] gleichzeitig wird der Hype um Dopamin auch schon gezielt genutzt für eigene
[14:42] Interessen, um Geld zu verdienen, um Aufmerksamkeit zu bekommen und die eigene
[14:46] Agenda voranzutreiben. Und das passiert auch von Fachleuten. Und da ist es
[14:51] natürlich besonders problematisch, weil es schlechter zu erkennen ist, was jetzt quasi
[14:54] Forschung ist und was eigene Meinung. Und es gibt den Bestseller, die
[14:59] Dopamin Nation, der 1922 erschienen ist. Und da nutzt die Ärztin und
[15:04] Professorin von der Stanford University, Anna Lembke, zum Beispiel den Botenstoff für
[15:09] eine Gesellschaftskritik. Sie spricht davon, dass die heutige Welt eine Überfülle von
[15:14] schnellen Lockungen bietet und die halten uns von einem erfüllten Leben ab.
[15:18] Sie schreibt zum Beispiel, das Smartphone ist die moderne Injektionsnadel. Und sie
[15:23] warnt auch davor, vor Videospielen, Fast Food, Cannabis, Pornokonsum und prangert an,
[15:29] dass unsere Gesellschaft verweichlicht ist und süchtig nach billigen Dopamin. Wir alle
[15:33] riskieren, uns zu Tode zu erregen, schreibt sie. Und das ist ein
[15:38] verquerer Blick auf Süchte. Denn Menschen werden nicht abhängig, weil sie nach
[15:43] immer mehr Spaß suchen, sondern typisch für eine Sucht ist eigentlich, dass
[15:48] man Dinge wiederholt, die keine Freude mehr bereiten. Es ist also merkwürdig,
[15:52] wenn die Freude an Aktivitäten zum Problem erklärt wird. Denn Sucht entsteht
[15:58] nicht nur durch das Rauschmittel. In ihr zeigen sich tiefere Lebensprobleme. Denn
[16:03] sehr viele Menschen spielen Videospiele, essen Fast Food, schauen Pornos oder Serien,
[16:07] nutzen Social Media und nur ein Bruchteil von ihnen wird abhängig. Das
[16:10] heißt, es liegt nicht nur an der Substanz selber. Zum Beispiel zeigt
[16:14] eine Studie unter Neuntklässlern, dass nur rund ein Prozent für die
[16:20] Diagnose einer Computerspielsucht erfüllen. Und auch bei anderen Verhaltensproblemen oder Verhaltenssüchten sind
[16:24] die Zahlen sehr niedrig. Und entsprechend hat dann auch so ein gewisser
[16:28] Kurswechsel oder Blickwechsel in der Betrachtung von Dopamin stattgefunden,
[16:32] auch in der Wissenschaft. Abschließende Frage, Lisa: Wie blickt man denn dann
[16:37] heute auf dieses in Anführungszeichen Glückshormon? Eine vielversprechende Theorie ist die vom
[16:42] Reward Prediction Error. Die ist von Wolfram Schulz, ist ein deutsch-britischer
[16:47] Neuroforscher. Und auf Deutsch heißt die Theorie Fehler beim Erwarten von Belohnungen.
[16:53] Und er hat das Prinzip einmal anhand einer Anekdote erklärt. Auf einer
[16:57] Japanreise stand er vor einem Getränkeautomaten und weil er die Sprache nicht
[17:02] beherrscht hat, hat er einfach drauf gedrückt und bekam sein Lieblingsgetränk, Johannesbeersaft.
[17:06] Und beim nächsten Mal hat er wieder auf die gleiche Taste gedrückt
[17:10] und es kam ein anderes Getränk. Einmal quasi Freude, einmal Enttäuschung. Und
[17:14] solche Erwartungsbrüche sind wichtig, um Neues zu lernen. Davon geht er aus.
[17:19] Und Dopamin scheint hinter dieser Art des Lernens zu stecken. Das Mittelhirn
[17:24] schüttet besonders viel davon aus, wenn ein positiver Erwartungsfehler eintritt. Also wenn
[17:30] der unverhoffte Johannesbeersaft zum Beispiel erscheint. Bleibt eine Belohnung aus, dann sinkt
[17:36] der Dopaminspiegel kurzzeitig. Und interessanterweise feuern diese Dopaminzellen nicht erst beim Genuss,
[17:41] sondern auch schon vorher bei neutralen Reizen, die dem vorausgehen. Etwa wenn
[17:45] beim Automaten ein Licht blinkt. Das heißt, wenn etwas Positives wie erwartet
[17:49] eintritt, dann bleibt mit der Zeit der Dopaminschub aus. Süchte könnten die
[17:54] Schattenseite des Systems sein. Aufputschende Drogen täuschen dann quasi einen Erwartungsfehler vor,
[18:00] einen positiven, bringen das Belohnungslernen durcheinander. Aber auch die Theorie ist keine
[18:05] allesumfassende Dopaminformel. Und vermutlich wird man die auch gar nicht finden. Denn
[18:08] Dopamin kommt in mehreren Pfaden im Gehirn vor und es hat viele
[18:13] verschiedene Funktionen, je nachdem wo und wann es ausgeschüttet wird. Und statt
[18:18] nach der Suche nach der einen großen Theorie werben Forscher wie Lieneke
[18:21] Janssen zum Beispiel für ein anderes Bild. Dass man Dopamin als einen
[18:26] faszinierenden Botenstoff begreift, mit ganz vielen Facetten, quasi ein Alleskönner, ein Schweizer
[18:30] Taschenmesser im Gehirn. Und dieser Stoff, der wird die Fachwelt wohl auch
[18:34] in Zukunft immer wieder überraschen und so für den einen oder anderen
[18:40] Erwartungsfehler sorgen. Das mit Sicherheit ein faszinierender Botenstoff, sagst du. Und das
[18:43] ist es auf jeden Fall. Dopamin macht was mit uns allen und
[18:46] deshalb ist es umso interessanter, sich das anzuschauen. Ihr könnt das auf
[18:50] spektrum.de nochmal nachlesen oder in der Augustausgabe von Gehirn und Geist,
[18:55] dem Magazin für Psychologie und Hirnforschung von Spektrum der Wissenschaft. Und Lisa,
[19:00] dir sag ich vielen, vielen Dank fürs Erklären.
[19:04] Danke, Max. Ja, das
[19:08] war's für diese Woche vom Spektrum Podcast. Vielen Dank euch fürs Zuhören.
[19:11] Seid gern auch kommende Woche wieder dabei. Wie immer am Freitag gibt's
[19:15] dann eine neue Folge von uns. Bis dahin freue ich mich, wenn
[19:19] ihr den Podcast abonniert, kommentiert, bewertet und teilt. Das hilft uns sehr.
[19:26] Auch dafür vielen Dank. Mein Name ist Max Zimmer und ich sag
[19:29] Tschüss und macht's gut. Spektrum der Wissenschaft, der Podcast von detektor.fm.

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